Stammfragen

Wie passen Gruppenzugehörigkeiten aller Art und die oft rücksichtslose
Verfolgung der eigenen Interessen, wie paßt die Abschottung vor oder feindliche
Übernahme alles Fremden und Schwächeren in eine
zumindest dem Wort nach
offene und globalisierte Gesellschaft?

Von Vasile V. Poenaru



(c) privat

Vasile V. Poenaru (bardaspoe@rogers.com),
Germanist und Autor (geb. 1969), mehrjährige Tätigkeit als Journalist für kanadische Zeitungen, derzeit Doktorand an der Universität Toronto.

Veröffentlichungen:

Literaturwissenschaftliche Abhandlungen, Essays, Kurzgeschichten, Kurztheater, Lyrik, Theaterkritiken,
Buchrezensionen und Übersetzungen in Rumänien, Deutschland, Österreich, Kanada und USA.

      Es rasen die Engel der Hölle. Hundert Stundenkilometer, oder jede Minute eine Meile: Schneller geht es in Kanada laut Gesetz nicht, soweit man noch Kontakt mit dem Boden bewahrt und nicht etwa eine Maschine fliegt. Mancher deutsche Tourist weiß das nur zu gut und hat gewöhnlich auch die zwei Scheine im Gedächtnis, von denen er auf den bisweilen gemütlichen, dabei freilich kaum heimatlich zumutenden Highways Abschied nehmen mußte. Motorräder sind gefährlich, weil man sie leicht überfahren kann, LKWs sind gefährlich, weil deren Fahrer manchmal sehr, sehr müde sind. Richtig schlafen tun sie in der Regel nicht, aber richtig wach sind sie in der Regel auch nicht.

Kräftige Jungs schwingen sich in die Sattel, auf ganz verschiedenen Seiten der Legalität. Zugegeben, nicht jeder Motorradfahrer ist ein Bandit. Und man merkt, ehrlich gesagt, überhaupt kaum etwas davon, daß die weltweit vertretenen und angesehenen Hells Angels seit Beginn des Jahrtausends auch in der Provinz Ontario das Sagen haben. Freilich: Es sitzen auch welche im Knast, aber selbst da sind sie bestens organisiert und gar nicht so einsam.

      Früher versammelten sich manchmal die Stämme der Delawaren, Huronen, Irokesen, Algonquin usw., um hier zu jagen, zu tanzen oder die Streitaxt auszugraben. Heutzutage ist das gesellschaftliche Know-How im Land der Großen Seen ungleich düsterer, vor allem auch, weil die Abstände zwischen Wort und Tat immer so groß sind. Es wird einer leicht irre auf der Autobahn, die vielen Persönlichkeiten der Unterwelt führen eine komplexe sozial-politische Existenz (Ich wollte das einfacher ausdrücken).

 

Die Rock Machines im blutigen Krieg mit den Hells Angels

 

 

 

 

Zwischen Terror und Territorium: Überrennen oder assimilieren

Bandidos, The Rock Machines, Hells Angels. Lobos, Loners, Last Chance,Outlaws, Para-Dice Riders und Satan's Choice, 2001 fast allesamt zu den Hells Angels übergegangen. Vagabonds und so weiter. Die Rock Machines haben im Laufe der letzten sieben Jahre 150 Leute durch den blutigen Krieg mit den Quebec Hells Angels verloren. Wahrscheinlich irgendwie auf lateinischen Eifer und leicht erregbaren Unmut der rebellischen Provinz zurückzuführen. Die wenigen Überlebenden haben Ende 2000 ernsthafte Beitrittsverhandlungen mit den in Texas angesiedelten Bandidos eingeleitet. Nachdem die Rock Machines dann schließlich Bandidos wurden, rückte Ontario plötzlich in den Vordergrund der allgemeinen unlauteren Begierde. Ein zwecks der Vermeidung erheblicher Blutbade zwischen den Hells Angels und den Bandidos geschlossenes Abkommen legte nämlich fest, daß keiner dem anderen das Territorium verunsichern sollte. Darauf machten sich die Hells Angels schnell in Ontario breit, weil sie Angst hatten, das Kriminalitätsmonopol in der reichsten kanadischen Provinz könnte sonst von den Bandidos in Anspruch genommen werden. Den kleineren Biker Gangs in Ontario wurde klargemacht, daß sie vor der Alternative lagen, überrannt oder assimiliert zu werden. Auf der einen Seite war das ein schreiender Erfolg für die Hells Angels, die dadurch eine bereits vorhandene Infrastruktur sowie ausgezeichnete Beziehungen etwa zu dem Drogenkartell in Kolumbien übernahmen, auf der anderen Seite war durch den plötzlichen Zustrom der fast 200 neuen Mitglieder auch die Möglichkeit einer schwer zu bekämpfenden Infiltration gegeben.

 

Die Underground World der Biker

    Ängste tauchten auf, vor allem weil die Hells Angels immer so schnell zum Messer greifen. Hells Angels, stay out! verlangte ein lokaler Polizeichef in einem Interview. Und hoffte bestimmt, daß sich die freilich nicht unmittelbar Angesprochenen auch daran halten. Aber in Ontario sind die Leute sowieso viel gelassener als in Quebec. Seit Jahren hat es hier in der Underground World der Biker keinen einzigen Mord gegeben, wohingegen andere Interessengruppen wie z.B. die jamaikanischen oder tamilischen Banden immer wieder den Einen oder Anderen infolge bestimmter Ungereimtheiten intermenschlicher Verhaltensphilosophien begraben müssen. Die Hells Angels sind allerdings dafür bekannt, gerne auch ihre eigenen Leute abzuschlachten, wenn irgendein Verdacht aufkommt. Nicht unser Stil, meinen die neuen Rekruten in Ontario. Wir können ja überhaupt kein Französisch

 

Südamerika: Brave Konsumenten für Waren aus dem Norden

      Um Stammfragen geht es auch auf der anderen Seite der Legalität. Nordamerika heißt nämlich nicht nur Autofahren, sondern auch Kleingeld haben. Das muß man, und das tut man. (On your mark, get ready, get setWay to go!) Und damit die Wirtschaft auch richtig in Schwung bleibt, wird das Geld so schnell wie möglich wieder ausgegeben. Neue Märkte müssen erschlossen werden. Partner müssen gefunden werden. Ganz global. Die gerne einkaufen. Und wenig meckern. Etwa brave Völker im Süden.

Doch Südamerika heißt nicht nur arm sein, sondern auch düstere Perspektiven haben. Die Fluggesellschaften fliegen allerdings manchmal bis hinauf nach Kanada, wo das Klima zwar recht kalt ist, die Wohnungen hingegen sehr gut geheizt werden. Aber dann fliegen sie wieder zurück.

 

Reiche Städte diskutieren über arme Länder

      Lösungen lassen auf sich warten. Freilich: Über die Armut in Südamerika wird gerne in Nordamerika debattiert. 2001 fand das Summit of the Americas in Quebec City statt. Es ging um globale Dinge, um breite Märkte, um reissendes Geld. Um Eco-Angelegenheiten, und wie man daraus insgeheim mehr Profit schlagen kann. Quebec ist die einzige Stadt auf diesem Kontinent (jetzt kommen allerdings auch noch die Mexikaner hinzu), die von einer Mauer umgeben wird; natürlich die Altstadt, denn die Mauer wird nicht alle paar Jahre erweitert. Sehr europäisch, und somit wieder sehr alleinstehend. Sehr steil, sehr fürstentümlich zumutend, nicht unbedingt französisch, sondern eher irgendwie italienisch oder österreichisch. Quebec - La Capitale Nationale? Welche Nation ist damit gemeint? Fast schaffte es die Provinz Quebec in den neunziger Jahren, sich von Kanada loszureißen. Aber das Referendum fiel dann schließlich doch noch ganz knapp zugunsten des Bundes aus. Vor fünfhundert Jahren kamen die Franzosen als erste Neusiedler herangesegelt. Viele ihrer Nachkommen haben den Eiffel lieber als als den CN.


Wer protestiert, bricht bald in Tränen aus: Polizeigas wirkt immer

Quebec City umgibt, wie gesagt, eine Mauer. Als es um die neue Wirtschaftsordnung der Americas ging, schlossen sich mehrere Gürtel. Innerhalb des Kreises agierte die tätige Seite der kollektiv gemeinten Vernunft, und außerhalb natürlich die leidende. Aus dem lukrativen Feld öffentlicher Entscheidungskraft gebannte Meinungsträger versuchten etwas zu sagen; dann brachen sie in Tränen aus: Polizeigas wirkt immer.

 

 

Der Übergang vom Markt zum Supermarkt: Guten Appetit!

     Aber die Art und Weise, in der Geschichte pulsiert, hat sich sehr geändert. Eine mutierende Empfindung des Lebens durchbricht Selbstverständlichkeit und Tradition. Das tägliche Brot macht den produktionswütigen Wahnsinn des Übergangs von Markt zu Supermarkt mit. Die Tomaten, die wir essen, sind manchmal eigentlich Fische. In der Milch, die wir trinken, schwimmen möglicherweise fröhliche Hormone. Schöne, behutsam gespritzte Äpfel wachsen ungeniert ins Unendliche. Superproduktion wird zum Leitwort der entformten Natur. Guten Appetit: Wie gefährlich kann die hochtechnologisierte Mahlzeit des modernen Menschen für dessen Gesundheit sein? Wie weit reicht die Manipulation? Wohin führt die entgleiste Kette mutierender Generationen? Ist eine durch Genmanipulation vorprogrammierte Gesellschaft der rechte Weg in die Zukunft?

 

Gut und billig, das heißt: genetisch manipuliert

"Iß was, damit du was wirst." Das sogenannte Frankenfood scheint auf der einen Seite - wenigstens für den Augenblick - eine wirtschaftlich haltbare Alternative gegen das teuere Healthfood zu bieten. Solange auf dem Markt eine Nachfrage für genetisch manipulierte Nahrungsmittel besteht, werden die auch produziert, meinen die Farmer in Nordamerika, das sei recht und billig. Mit dem Trend kann man es schwer aufnehmen. Und schließlich gibt es ja noch zum Beispiel die höchst gesundheitsgefährdenden Kernkraftwerke. Darüber sollte man sich mehr Sorgen machen als um die paar fingierten Gene, heißt es noch.

 

Manipulation auf höchster Ebene: Der Bürger als Stammzelle der Gesellschaft?

     Jetzt wurde die Erbmasse im Labor entziffert, jeder Mensch ist eine Reihe aus akkurat festgehaltenen Zahlen, jede Gesellschaft kann in Einklang mit den jüngsten Vorstellungen vom Begriff Gerechtigkeit systematisch modelliert werden. Die Familie, nein, das Individuum, besser noch der obrigkeitsgefällige Bürger als Stammzelle der Gesellschaft? Unsinn, wir sind freie, ja mündige Personen. Unsere Kaufkraft scheint es zu bestätigen.

Ein runder Tisch hat oft viele Ecken. Hinter wohlklingenden Schablonen der Gemeinsamkeit steht der "konglomerierende" amerikanische Mensch in seinem selbstgefälligen Megalopolis eher allein und verlassen da. Ein ausgesprochener Individualismus gehört schon fast zum guten Ton. Das ist nicht mein Problem, das ist dein Problem. Das ist nicht sein Problem, das ist ihr Problem. So einfältig diese erstaunliche Lebenseinstellung in einer produktionstüchtig globalisierenden Gesellschaft auch sein mag: Sie macht eines der verbreitetsten Leitworte der Stunde aus.

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