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Ein Österreicher in Toronto
Ein Kanadier in Salzburg

Hausgemachte Kulturwege durch großes und kleines Stadtgebiet

Die Österreicher haben Kanada erobert, die Kanadier haben Österreich erobert.
Kulturelle Interferenzen liegen überall auf der Strecke. Hunderttausende Kanadier machen
jedes Jahr die Reise aus dem Land der Seen in das Land der Dome mit. Sie finden
Gefallen daran, dass die Austrians so gesund essen und so gerne bergsteigen. Sie finden
Gefallen daran, dass sich die Hofburg Wien so gefügig in digitaler Form verpacken
und mitnehmen lässt. Es freut sie, dass man sich freut.

Von Vasile V. Poenaru



(c) privat

Vasile V. Poenaru (bardaspoe@rogers.com),
Germanist und Autor (geb. 1969), mehrjährige Tätigkeit als Journalist für kanadische Zeitungen, derzeit Doktorand an der Universität Toronto.

Veröffentlichungen:

Literaturwissenschaftliche Abhandlungen, Essays, Kurzgeschichten, Kurztheater, Lyrik, Theaterkritiken,
Buchrezensionen und Übersetzungen in Rumänien, Deutschland, Österreich, Kanada und USA.

     Den gemäßigten Überblick der österreichischen Seelenkonfiguration, den feinfühligen Einblick in die alpenländische Gemütlichkeitsphilosophie kann man nicht beschreiben. Ein Spaziergang rauf auf den Mönchsberg tut’s. Hohensalzburg grüßt wohlbeleuchtet aus dem dunklen Mittelalter. Freundliche Nachkommen der furchtbaren Recken und ihrer sprachlich begabten Gefolgschaft grüßen aus der Gegenwart. Es gibt immer etwas zu feiern. Jeder hebt einen, jeder stößt an.

Im munteren Glühwein widerspiegelt sich die halbe Stadt, oder wenigstens die halbe Altstadt. Ein Schild ermahnt die Touristen, keine Steine zum Rollen zu bringen, da sich unten Menschen herumtreiben, die auf ihr körperliches Wohlbefinden Wert legen. Und dabei war doch jahrhundertelang gerade das Steinewerfen eine durchaus sinnvolle vorbeugende Tätigkeit, um die Festung etwa vor dem multikulturellen Ansturm feindlicher Scharen zu bewahren.

     Aber jetzt kommen ja freilich keine feindlichen, sondern nur mehr freundliche Scharen aus aller Herren Länder herbei gelaufen, gefahren und geflogen, um möglichst unmittelbar authentische Empfindungen einer zusprechenden Kulturlandschaft mitzunehmen. Von oben sieht man gleichsam mit bloßen Augen ein tüchtiges Stück mitteleuropäischer Geschichte. Man sieht den Reichtum und die Macht der Erzbischöfe, man sieht das Salz, man sieht die Salzach. Man sieht Leopold und Wolfgang Amadeus Mozart und das Mysterium der Musik und all die Pracht und Glorie und Misere vergangener Zeiten und verewigter Töne, die heute nur noch auf Ansichtskarten und in Konzertsälen aufgefangen werden.

 

 

Austria: Ein Land, hundert Traditionen. Grüß Gott!

Österreich: Eine kernige Definition der Geselligkeit und Lebensfreude. Ein Jodeln durch die Berge. Durch das Land mit Eigenschaften. Mit großer Landschaft bei Wien. Es ist alles da: Der arme Spielmann, die reiche Festspielstadt, die trauten Weinkeller. The Sound of Music. Ein Reich, an dem Selbstheit und Andersheit seit je aufeinanderprallen, aneinander vorbeigehen, gegeneinander abgewogen werden. Alle Nachbarn sind fern, alle Nachbarländer sind nah. Aus dem Vielvölkerstaat sind viele Völker zurückgeblieben, wie es so schön heißt. Langsam fahren die Schiffe der Postmoderne die Donau runter. Austria: Ein Land, hundert Traditionen. Grüß Gott! Gemütlichkeit. Stil. Quatsch- und Esskultur. Manchmal obsolet wirkende Anschauungen, doch immer wieder gute Laune, angeborene Offenheit und einnehmende Musik. Fast immer.

     Die k.und k. Monarchie hat sich nie zum Imperium entwickelt. Deswegen gehen die Österreicher in die britischen Kolonien, um den Imperialismus zu erleben. Einen gemütlichen Imperialismus? Eile mit Weile. Wenn man schon nicht der Erste ist, dann will man es sich wenigstens gefallen lassen. Österreicher haben Zeit. Zwar nicht ganz so viel wie die Schweizer, doch jedenfalls mehr als alle anderen Nachbarn. So halten sie es schon seit Jahrhunderten. Manche von Ihnen wurden im boomenden Kanada überraschenderweise trotzdem schnell zu hausgemachten Milliardären. Österreichische Kaiser der Gegenwart? Nein, bloß nord-amerikanische Kaiser. Dafür haben sie aber oft das Lachen aufgeben müssen.

 

Die Dynamik der Großstädte Toronto und Montreal ist nicht zu übersehen. Alle fünf Minuten sausen Flugzeuge durch die Luft. Alle fünf Minuten tauchen neue Wörter auf, neue Filme, neue Nahrungsmittel, neue Emotionen, neue Werte, denen man sich hingibt.

O, du lieber Augustin, alles ist hin. Das heißt, abgesehen von der Musikalität. Und abgesehen von all den vielen im Tanz der Nationen wie nebenbei integrierten Kulturkreisen. Und abgesehen von der mitteleuropäischen Mentalität, von der mittelosteuropäischen Mentalität. In der lieben Neuen Welt zwingt sich nämlich eine neue Weltanschauung auf. Geselligkeit gibt es freilich auch in Kanada, nur wird sie da oft anders empfunden. Auch sind die verschiedenen aufeinanderprallenden Kulturen in Nordamerika nicht so eng ineinander verwoben, weil dafür in erster Linie wohl die Zeit und wenigstens zum Teil möglicherweise das Interesse fehlte. Allerdings pulsiert das Leben hier eher intensiv, vielleicht zu intensiv. Die hinreissende Dynamik etwa der Großstädte Toronto und Montreal ist jedenfalls nicht zu übersehen. Alle fünf Minuten sausen Flugzeuge durch die Luft. Alle fünf Minuten tauchen neue Wörter auf, neue Filme, neue Nahrungsmittel, neue Emotionen, neue Werte, denen man sich hingibt. Alle fünf Minuten wird die Vorstellung der Zukunft in jeweils radikaler Schärfe neu entworfen. Fast alles ist da. Aber irgendetwas vermisst man hier. Drüben wird’s aufgehoben.

 

 

 

Ich zum Beispiel war längere Zeit in Österreich, und dann war ich längere Zeit in Kanada. Und dann war ich wieder in Österreich. Und dann war ich wieder in Kanada.

     Rot Weiß Rot: Die Farbe(n) ihrer Flaggen verbinden die zwei Länder. Air Canada und Austrian Airlines tun es auch. Das Dickicht der höheren Gefilde führt den postmodernen Weltbürger mitsamt seinem postmodernen Geldbeutel schnell von dem einem kosmopoliten Ort zum anderen. Aus der erbaulichen Lektüre klassischer Indianerbücher bis zur ausführlichen Besichtigung der Niagara-Fälle ist es nur ein Schritt. Hüben Lederhosen, drüben Lederstrumpf. Man kann sich beide anziehen, falls man will. Ich zum Beispiel war längere Zeit in Österreich, und dann war ich längere Zeit in Kanada. Und dann war ich wieder in Österreich. Und dann war ich wieder in Kanada. Zwischendurch träumte mir, mal hier, mal da zu sein. Man nennt das Vielseitigkeit. Das kleine Land hat kleine Seen, das große Land hat große Seen. Während des Überflugs erinnert der Atlantische Ozean daran.

Kanada: Ein Land, zwei Traditionen. Drei, vier, fünf. Hundert Traditionen. Tausend Perspektiven der Geographie, der Philosophie, der Gastronomie. Bonjour, Monsieur, grüßen die Kellner in Quebec. Bonjour, Monsieur, grüßt man zurück. Hey, folks, how are you guys doing today? heißt es hingegen etwa in der Nachbarprovinz Ontario. Eine Sache des Geschmacks? Der Geschmacklosigkeit? Der Linguistik. Der Akustik. Der Neudefinition internationaler, intranationaler Selbstverständlichkeit.

 

Multikulturalismus ist das geheime Schlüsselwort zu Kanadas Seele.

     Multikulturalismus ist das geheime Schlüsselwort zu Kanadas Seele. Amerikanismus ist der lukrative Treibstoff des kanadischen Körpers. Und was den Geist anbelangt, so blickt man gerne auch mal nach Europa. Viele Kanadier stammen von dort. Wie neulich eine öffentliche statistische Studie belegte, bevorzugen die meisten Kanadier das "Alte Europa", wenn’s um Kultur und Lebensweise geht. Aber Wirtschaft muss sein. Und Alan Greenspan ist eben nun einmal der Dirigent unseres im munteren Münzenton einhermarschierenden überregionalen Orchesters. Trotz der Korruption. Trotz des Defizits. Trotz des schwindenden Verbrauchervertrauens. Hebt er seinen Finger, so sausen die Zinsen um 25 Prozentpunkte nach oben und es hört sich wie Konjunktur an. Dann wird ein Haus gekauft. Lässt er seinen Finger aber sinken, wehen kühle Winde über die Wirtschaft. Dann wird das Haus wieder verkauft. Servus. Adieu. How are you today?

 

Österreicher sind lustige Kanadier, deswegen tut einer gut daran, sie aufzusuchen.

Österreicher sind lustige Kanadier, deswegen tut einer gut daran, sie aufzusuchen. Und ein prächtiges Zeitalter beginnt mit einem guten Rutsch. Ganz am Anfang des Jahrtausends habe ich den österreichischen Nationalfeiertag in Toronto erlebt, genauer gesagt in der Roy Thomson Hall. Im Auftrag des österreichischen Generalkonsulats wurden zuerst einmal Geschichte und Gegenwart der Donaumonarchie bzw. Alpenrepublik auf einem beeindruckenden Bildschirm gebührend groß dargestellt, bevor der Festschmaus anfing. In Wien war es Abend, als man in Toronto am frühen Nachmittag der Kaiserstadt gedachte. Leicht fühlte sich ein jeder ein paar unendliche Augenblicke lang gleichermaßen König und Kaiser, gleichermaßen Kanadier und Österreicher. Der Verführungskraft österreichischer Gastfreundschaft zu widerstehen, ist nämlich bekantlich alles andere als leicht. Zum Essen eignet sich Toronto übrigens fast ebensogut wie jede österreichische Stadt. Nach dem Big Talk folgte natürlich Small Talk. Und wieder einmal rutschte der Nachmittag wie von selbst aus politischem Exkurs und gezielter Anschaulichkeit in gewürzte Unbezwungenheit und schmackhaftes Durcheinander. Da aber jeder Österreicher in gewiser Hinsicht als Außenseiter gelten darf, gab es freilich denkbar viele Seiten der Veranstaltung, zumal die Roy Thomson Hall rundherum lauter Schlupfwinkel zur optimalen Verdauung von Bildern, Gedanken und Speisen bietet. Wenn der Wein die Gurgel runter wanderte, rückte der CN-Turm in den Blick.

 

 

Für hinreissende Stimmung sorgten die Krieglacher Spatzen aus der lieben alten Steiermark.

     Wohlgezielte Worte wurden ausgesprochen, um eine tiefere Bedeutung zu umschreiben, die möglicherweise da war. Sehnsucht machte sich breit. Und ein gewisses nationales Gefühl, von dem manche freilich leicht behaupten mögen, es sei ein gewisses internationales Gefühl. Jedenfalls konnte man sehr gut auch diejenigen Worte mitempfinden, die nicht ausgesprochen wurden. Für hinreissende Stimmung sorgten die Krieglacher Spatzen aus der lieben alten Steiermark. Mit Gartenschlauch und Trichter klangvolle Blasmusik produzieren, aus heiterem Himmel jodeln, jubeln, aufjauchzen und die belebte Musikalität der Alpen mit voller Begeisterung im Gemüt der Anwesenden beschwören: singen, tanzen und springen: Auf dieses Handwerk verstanden sich die lustigen Spatzen sehr, die das Krieglacher Zwitschern unbekümmerter Volkstradition in der neuen Welt ertönen ließen und dabei tiefgreifende Fragestellungen in Bezug auf die geistige Identität und Standortbestimmung der Austrokanadier im Herzen wachriefen.

Bei einem Gläschen lässt es sich gut philosophieren: Die Österreicher haben Kanada erobert, die Kanadier haben Österreich erobert. Kulturelle Interferenzen liegen überall auf der Strecke. Hunderttausende Kanadier machen jedes Jahr die Reise aus dem Land der Seen in das Land der Dome mit. Sie finden Gefallen daran, dass die Austrians so gesund essen und so gerne bergsteigen. Sie finden Gefallen daran, dass sich die Hofburg Wien so gefügig in digitaler Form verpacken und mitnehmen lässt. Es freut sie, dass man sich freut.

 

 

Von Toronto nach Wien fliegen, das ist ein Walzer in der Luft. Das ist ein Übergang aus einer multikulturellen Stadt in die andere. Und natürlich auch noch ein großer transatlantischer Schock...

     Ein Flug mit Austrian Airlines ist ein Flug mit Austrian Airlines. Soviel sagt der gesunde Menschenverstand. Soviel sagen auch die nordamerikanischen Weisheitsalgorythmen. Von Toronto nach Wien fliegen, das ist ein Walzer in der Luft. Das ist ein Übergang aus einer multikulturellen Stadt in die andere. Und natürlich auch noch ein großer transatlantischer Schock, oder sagen wir lieber, ein kleiner transatlantischer Schock. Denn Europa ist nun eben einmal ein Kulturding. Und gerade in der Kaiserstadt hat sich im Laufe der Geschichte besonders viel davon verfangen. Wenn einer sozusagen aus heiterem Himmel auf die Stadt niedersaust, wird es spürbar.

Früher gaben die Indianer immer Rauchzeichen ab, um sich miteinander zu verständigen. Landet einer heutzutage in Österreich, soll es an derartigen Kulturzeichen nicht fehlen. Auf dem Flughafen Schwechat gelangen alle Raucher und sogar alle Nichtraucher als erstes direkt in die (bedeutungsvoll?) qualmende sogenannte Raucherecke, die sich natürlich (wo sonst?) genau in der Mitte befindet, weil es so viele Raucher gibt, dass sie auch den Nichtrauchern aus ganzem Herzen einen gesunden, das heißt einen ungesunden, dafür aber immerhin kräftigen Zug gönnen wollen. Und weil es wohl an Ecken fehlt. Wer aus Kanada kommt, muss da gleich anfangen zu husten. Aber ohne Zigaretten und Kaffee ist Wien ja nicht vorstellbar. Und außerdem gibt es unmittelbar neben der strategisch zentral angelegten Raucherecke ein niedliches Blumengeschäft, wo man sich gleichsam als Entschädigung bzw. zur Wiederbelebung eine tüchtige Portion Alpenduft, oder doch wenigstens Blumenduft kaufen kann. Und es gibt schließlich auch noch die Bäckerei. Und, ja doch, nicht zu vergessen, The People from Austrian Airlines.

 

 

"Ja erst einmal muss ich wissen, ob Sie überhaupt ein Anrecht auf Übernachtung haben..."

     Könnten Sie mir bitte verraten, wo wir übernachten? frage ich einen gewissen Herrn Vogel, der den Schalter der Austrian Airlines hütet und dabei jedwelcher Vorschrift zum Trotz nicht einmal lächelt. Ja erst einmal muss ich wissen, ob Sie überhaupt ein Anrecht auf Übernachtung haben, meint Herr Vogel. Wieso? Warum sollten wir kein Anrecht darauf haben? Hier, das Ticket, die Übernachtung ist im Preis mit inbegriffen. Schauen Sie nur ruhig in Ihrem Computer nach, ermuntere ich den Herrn Vogel. Dazu muss ich erst einmal in meinem Computer nachschauen, ermuntert er sich selbst. Das ist eine gute Idee, ermuntere ich ihn. Sag ich ja, ermuntert sich Herr Vogel, der offensichtlich seine beeindruckende psychische Energie in einem siegvollen Gespräch mit mir loswerden will, so absurd es auch wirkt. Herr Vogel schaut lange Zeit in seinem Computer nach, denn sein Computer ist ein kompliziertes Ding, wozu sollte er sich auch beeilen, es dauert schließlich noch eine ganze Weile, bis seine Schicht zu Ende ist. Für mich vergehen die Minuten freilich sehr viel schneller. Denn bezeichnenderweise bin ich es, der fliegt, und nicht er.

 

 

Wien ist eine so große Stadt, dass man fast vergisst, dass Österreich ein so kleines Land ist.

     Wien ist eine so große Stadt, dass man fast vergisst, dass Österreich ein so kleines Land ist. Seitdem nun ganz Europa größer wurde, geht jeder dann und wann mal wieder nach Wien, wie in den guten alten Zeiten. Ein strenger kanadischer Blick mustert die Architektur, die Seelenstruktur. Zu Silvester haben die Italiener die Hofburg erobert. Auf den Straßen der Altstadt wimmelt es nur so von Besuchern aus der lieben weiten Welt. Doch auch Wiener lassen sich blicken. Denn ein echter Wiener geht nie unter. Höflich verbeugen sich eine Dame und ein Herr, als man sie um Auskunft bittet, in angenehmer Weise vermitteln sie jenen diskreten Hauch von Eleganz, der gleichsam seit vielen Jahrhunderten um die Kaiserstadt herum schwebt. Man sieht den Ring. Man sieht die Reste der alten römischen Siedlung. Man sieht den lieben Augustin und den andauernd renovierten Stefansdom. Kluge Leute trinken Schlibowitz. Und bringen Sätze aufs Papier.

 

 

Salzburg ist immer wieder eine Reise wert, sagte einst ein Dichter, bevor er schlafen ging. In dieser Stadt bin ich der Symbolik des Nibelungenliedes nachgegangen.

Wer Festspiele will, geht in die Festspielstadt. Salzburg ist immer wieder eine Reise wert, sagte einst ein Dichter, bevor er schlafen ging. In dieser Stadt bin ich der Symbolik des Nibelungenliedes nachgegangen. Das Institut für Germanistik an der Akademiestrasse, die Zentrale Universitätsbibliothek an der Schlossstrasse, der Mönchsberg, der Mirabellgarten und sogar das uralte Keltendorf bei Hallein erfüllten mich sozusagen mit einer unsagbaren poetischen Substanz, trugen mich zurück in eine hinreißende Vergangenheit, in der Geschichte und Mythos einhergehen. Die Kühe an der Moosstraße, nicht weit entfernt vom Untersberg, lieferten prompt frische Milch für eine gesunde Gegenwart. Und die neueren Autoren der Contemporary Austrian Literature schrieben landesweit für eine erbauliche Zukunft, sei es nun im Stadtpark oder in sonstigen literarischen und kritischen Werkstätten. What are they writing for? Whom are they writing for? Die Leser sausen auf der Autobahn dem zumutbaren Sinn ihrer Lektüre nach.

     Irgendwo zwischen Passau und Wien hatte sich einst der Nibelungendichter mit seiner unterhaltsamen mythisch-historischen Ware herumgetrieben. Deswegen wird ja auch überall auf der Strecke seiner gedacht. Mittelhochdeutsche Reime liegen noch immer am Straßenrand, wer will, kann sich bedienen. Und Schlösser. Und Burgen und Dome. Ich fragte mich einmal, wo die Sprache der Dichtung herkommt. Unsere Sprache. Mein Deutsch. Mein Österreichisch. Mein Europäisch. Um den Klang der vergessenen Texte besser zu durchdringen und haltbare Sprachbrocken aus tüchtigen oder eben flüchtigen Mythen anzuhäufen, unternahm ich manchmal kurze Reisen nach Linz, Innsbruck, Graz, Wien oder gar Bregenz, wo die Leute schon fast Schweizer sind und wo ein kleiner See schon fast wie ein großer wirkt. Österreich ist immer wieder eine Reise wert.

We are not Americans, we are Canadians/ Wir sind keine Deutschen, wir sind Österreicher.

We are not Americans, we are Canadians/ Wir sind keine Deutschen, wir sind Österreicher. Spezialisierte Fachleute legen die Koordinaten einer österreichischen Literatur- und Kulturgeschichte fest, die nicht mit der deutschen zu verwechseln sei. Auf Kongressen mag es manchmal erstaunlich klingen, wie weit etwa die österreichische und die deutsche Germanistik auseinander gehen können. Für den naiven Kulturkonsumenten sind die Unterschiede nicht oft sichtbar, und sogar wissenschaftliche Forscher haben es manchmal schwer, mit feinfühligen Unterschieden der geistigen Vaterschaft und Zugehörigkeit zurechtzukommen. Der erste Deutsche war ein Österreicher, das wäre vielleicht zuviel gesagt, doch ein Blick auf die Wurzeln des Deutschtums bringt das Verständnis des erweiterten Seins näher, dessen sich der Kulturhorizont im Alpenland erfreut. Dass der nationale deutsche Volksmythos gerade von einem Österreicher gedichtet wurde, ist in dieser Hinsicht bezeichnend.

 

 

"Der einzige Ort, wo ich mich wirklich wohl fühle, ist das Flugzeug. Wenn ich Kanada satt habe, fliege ich wieder nach Europa zurück..."

     Was zider da geschach: Was seitdem noch geschah. Diese Worte am Schluss des Nibelungenliedes weisen auf ein grundlegendes Moment schriftstellerischer Darlegung im weiten Sinne, auf Gegenwart und Zukunft und auf unser Verständnis vom Lauf der Dinge. Dem östereichischen Erzählen europäischer Werdung bin ich über allen Gipfeln nachgegangen. Ganz oben auf dem Großglockner war ich zwar noch nie, doch ich kletterte den steilen Hang des Traunsteins hinauf und weiß seitdem ganz genau, wie der fröhliche Gebirgler mit seinem hilfreichen Alpenstock die Welt zu deuten versteht.

"Der einzige Ort, wo ich mich wirklich wohl fühle, ist das Flugzeug. Wenn ich Kanada satt habe, fliege ich wieder nach Europa zurück. Heimweh und große Erwartungen seelischer Genugtuung überkommen einen. Doch nach der Landung frage ich mich schon bald wieder: Was suche ich denn eigentlich hier? Und es wird plötzlich unwahrscheinlich eng zumute, wenn man seine Siebensachen durchblättert. Dann geht's erneut in die weiten nordamerikanischen Wälder. Allerdings sind die so weit auch wieder nicht. Es hat schon was auf sich, überall fremd zu sein."

Solche Geständnisse kommen nicht selten vor. Sie liegen jederzeit über den weiten Atlantischen Ozean vertsreut, man kann sie gelegentlich aufheben, wenn man will. Oder aber man kann an ihnen vorbeilaufen und seine waschbaren Himmel immer wieder neu ausmalen. Doch sie sind da, alle wissen das.

 

 

 

Wie deuten die Krieglacher Spatzen die Welt? Wie hoch ist der CN-Tower? Wie spät ist es in Wien? Wie schön ist Salzburg?

     Die Wanderszeit, die gibt uns Freud. Die Schipisten, die geben uns Geschwindigkeit. Die zweite Lautverschiebung führte uns zum Hochdeutschen. Und das Oberdeutsche ertönt nicht nur in Oberösterreich. Vom wunderlichen Hörensagen aus unwahrscheinlichen Zeiten und Urzeiten und dem überregionalen Gesang der Minnesänger bis hin zu gewagten kulturpublizistischen Leistungen der gegenwärtig schreibenden Austrians, die mehr verbinden wollen als nur Wappen und Währungen, sind es Empfindungen und Reflexionen, die sich in Herz und Verstand in sinnvoller Anordnung an der Donau entlangschlängeln. Der Globus dreht sich, doch ein echter Wiener geht nie unter. Und wenn schon, dann taucht er wieder auf.

Was geschah noch weiter? Die Winterspiele des Jahres 2010 werden nicht in Salzburg stattfinden, sondern in Vancouver (und dem nahe gelegenen Whistler). Beworben hatte sich bekanntlich außer diesen und ein paar weiteren Kandidatinnen auch noch Bern, eine andere Stadt mit Zeitgeist. Aber schließlich gibt es ja in British Columbia ebenfalls viele Österreicher und Schweizer. Und wenn man etwa Whistler unter die Lupe nimmt, das sich schon eifrig auf die Olymiade vorbereitet, kann man ja nach Belieben gleich an das Matterhorn und den Großglockner denken. Der Rest ist Musik. Und die Ahnung von Zusammenhängen. Und Einfühlung. Dazu lauter Fragen: Wie deuten die Krieglacher Spatzen die Welt? Wie hoch ist der CN-Tower? Wie spät ist es in Wien? Wie schön ist Salzburg?

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