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"Ich gebe Ihnen meinen Rang zurück"
Ein offener Brief an den israelischen Armeestabschef
Generalleutnant Moshe Ya’alon
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Der nachfolgende Brief eines Militärs an den Stabschef der israelischen Armee,
Moshe Ya’alon, ist ein weiteres Zeugnis dafür, dass es innerhalb der
israelischen Streitkräfte einen Widerstand gegen das Vorgehen in den besetzten
Palästinensergebieten gibt. Größte Aufmerksamkeit hat ja bereits ein von 27 Piloten
(darunter der hochangesehene Yiftah Spector, ein General der Reserve) unterschriebener
Brief erlangt, in dem die Einsätze im Gazastreifen und Westjordanland als "illegal und
unmoralisch" bezeichnet werden. In Israel waren die Reaktionen der Politik und der
Medien darauf durchwegs negativ - abgesehen vielleicht von der regierunskritischen
"Ha’aretz", die sich hinter die Unterzeichner stellte. Der ehemalige Präsident und
Luftwaffenkommandant Haim Weitzmann etwa sah in der Kritik an der IDF ein
"Krebsgeschwür, das man raschest wegschneiden" müsse. Ähnlich ablehnend äußerte
sich auch der Stabschef der Streitkräfte, Ya’alon. Für ihn "sind politische Statements
von Armeeangehörigen nicht legitim". Aber auch hier zu Lande gab es nicht nur
freundliche Worte für die "Aufständischen", siehe dazu beispielsweise
die Forumseinträge auf www.juden.de/forum5 .

Von Eitan Ronel


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      Am 51. Tag der Unabhängigkeit Israels hatten Sie mich auf ‘Ammunition Hill’ zum Oberstleutnant ernannt. Ich war aktiver Reservist und wurde in den Ruhestand versetzt - nach 31 Jahren Dienst in der IDF (Israelische Armee). Ich hatte als Artillerist am Jom-Kippur- und am Libanonkrieg teilgenommen und gegen die Erste Intifada gekämpft. Hiermit gebe ich Ihnen meinen Rang zurück. Ein Staat, dessen Armee zivile Demonstrationen mit scharfen Schüssen auflöst, ist kein demokratischer Staat. Eine Armee, die ihre Soldaten lehrt, Verbrechen dieser Art in Erwägung zu ziehen, hat ihre Grenzen (aus den Augen) verloren. Ich war Zeuge des Verfalls - Stufe um Stufe: wegsehen - gegen die Armeeregeln - wenn Gefangene misshandelt werden. Wegsehen, wenn Soldaten auf unbewaffnete palästinensische Zivilisten schießen. Wegsehen, wenn (jüdische) Siedler die Gesetze brechen, einschließlich bewaffneter Überfälle auf palästinensische Dörfer.

Eine zivile Population wird unterdrückt - mittels Checkpoints, Blockaden, Abriegelungen und Ausgangssperre - auf Befehl. Das Militär ignoriert, wenn Palästinenser an Checkpoints, bei Durchsuchungen und in Gewahrsam gedemütigt, misshandelt und malträtiert werden. Man eröffnet das Feuer auf steinewerfende Kinder, auf Arbeiter und unbewaffnete Leute, augenscheinlich auf Befehl. Man führt Militäroperationen durch, inklusive präventiver Liquidierungen, wobei man im Voraus weiß, dass auch Unschuldige zu Schaden kommen werden. In Israel schießt die Polizei auf israelische Bürger, um Demonstrationen aufzulösen - angeblich in lebensbedrohlicher (Situation).

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     Der Wert des Lebens - er verfällt graduell. Stufe um Stufe werden Soldaten, Kommandeure, die ganze Nation, korrumpiert. Die Werte, mit denen wir einst großgeworden sind - ‘Reinheit der Waffen’, Wert des Lebens, Respekt vor dem Menschen als Abbild Gottes - sie sind zum lächerlichen Witz verkommen. Inzwischen haben wir schon die nächste Stufe erreicht: Soldaten schießen bei einer Demonstration auf israelische Bürger - und das gemäß (etablierter) Schießbefehlsrichtlinien. Wer ordnete dies an? Wer gab die offensichtlich illegalen Befehle? Was wird als Nächstes kommen? Wird man auf dem Rabin-Platz Demonstrationen mit dem Maschinengewehr auflösen? Auf Demonstranten zu schießen ist eine Fehlleistung - moralisch wie ausbildungstechnisch. Es zeigt, man hat die Fähigkeit verloren, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden - zwischen Verteidigung und Mord.

Die Armeeführung hat versagt - der Kompanieführer, der Truppenkommandeur, der Brigadekommandeur, der General. In erster Linie jedoch sind Sie es, der versagt hat. Würde ich Ihnen trauen, ich hätte gesagt: "Misten Sie den Stall aus oder übernehmen Sie die Verantwortung und treten Sie zurück." Aber Sie haben mein Vertrauen verspielt. Sie haben versagt. Ihre Vorgänger und Sie haben das Militär korrumpiert. Ich will nicht mehr Teil dieser Armee sein. Sie haben mir meinen Rang verliehen. An Sie gebe ich ihn zurück.


Eitan Ronel – Ex-Oberstleutnant

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Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von Zmag.de zur Verfügung gestellt.


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