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Wal-Mart bläst der Wind ins Gesicht
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Mit einem jährlichem Umsatz von 256 Milliarden Dollar und täglich 20 Millionen Kunden
ist Wal-Mart der größte Einzelhändler der Welt. Die Handelskette ist bekannt für ihre
Billigangebote, andererseits kommt Wal-Mart immer mehr wegen seiner Arbeitspraktiken
und schlechten Sozialleistungen unter Beschuss. Für Nelson Lichtenstein, einen Historiker
an der Universität von Kalifornien, ist Wal-Mart das prototypische Unternehmen dieses
Jahrhunderts, denn anders als das Leitunternehmen des 20. Jahrhunderts, General Motors,
das seinen Arbeitern überdurchschnittliche Löhne und Sozialleistungen zukommen ließ,
weil man der festen Ansicht war, dass nur Leute, die Geld bekommen, Geld haben,
um Autos zu kaufen, verfolgt Wal-Mart das "betriebswirtschaftliche" Konzept der
Niedriglöhne und geringen Sozialleistungen. (Siehe dazu die "International
Herald Tribune" vom 20. April 2004, S. 17)

Von Lee Sustar



Wal-Marts berüchtigte arbeiterfeindliche Politik

     Endlich schlägt auch den Wal-Mart-Bossen ein gewisser Wind entgegen – für die berüchtigte arbeiterfeindliche Politik des Unternehmens. Am 22. Juni ließ ein Bundesrichter die Klage weiblicher Mitarbeiter des Einzelhandelsriesen zu; dabei geht es um einen Class-Action-Prozess bezüglich Wal-Marts Lohn- und Beförderungs-Politik. Der Prozess betrifft alle Frauen, die von Wal-Mart seit 1998 eingestellt wurden – schätzungsweise 1,6 Millionen – und dürfte somit der größte Prozess dieser Kategorie in der Geschichte der USA werden. Distriktrichter Martin Jenkins vergleicht den Fall mit ‚Brown versus Board of Education‘ im Jahr 1954, mit dem die Rassentrennung an Schulen für ungesetzlich erklärt wurde. "Dieses Jubiläumsdatum erinnert uns daran, wie wichtig Gerichte sind, wenn es darum geht, gegen die Verweigerung gleicher Behandlung gesetzlich vorzugehen, wo immer und durch wen immer sie erfolgt", schreibt Jenkins.

 

Weibliche Mitarbeiterinnen verdienen um 6,2 % weniger als männliche mit vergleichbarer Tätigkeit

Experten, die das Verfahren unterstützt haben, fanden heraus, dass weibliche Wal-Mart-Mitarbeiter 6,2% weniger verdienen als männliche mit vergleichbarer Tätigkeit. Weibliche Ladenmanagerinnen – insgesamt nur 15% - verdienten $16 400 im Jahr weniger als ihre männliche Kollegen. Eine der klagenden Frauen, eine 18jährige Beschäftigte, sagte gegenüber 'National Public Radio‘, sie sei bei Beförderungen wiederholt übergangen worden – um befördert zu werden, hätte sie sich „wie eine Puppe aufmotzen" müssen. "Je mehr ich mich beschwerte, desto mehr dachten die bei mir an das große, böse B-Wort (vermutlich 'bitch‘ – Anmerkung d. Übersetzerin)", sagt sie.

 

Anfang 2004 berichteten 300 Arbeiter, sie seien routinemäßig misshandelt worden

 

 

 

 

 

Löhne und Überstunden (-Bezahlung) bei Wal-Mart sind lausig noch übler allerdings ist die Krankenversicherung

     Dieser Prozess kommt, nachdem Anfang des Jahres 300 Arbeiter ohne gültige Papiere verhaftet wurden. Sie arbeiteten für Hausmeisterfirmen, die für Wal-Mart tätig waren. Diese Arbeiter hatten von routinemäßiger Misshandlung berichtet – etwa "Einsperren", um verletzte Arbeiter von medizinischer Behandlung abzuhalten. Hinzu kommt, dass Wal-Mart nicht bereit ist, Löhne zu zahlen, von denen man leben kann. Laut einer Studie des Forbes-Magazins kommen Wal-Mart-Mitarbeiter im Schnitt auf einen Stundenlohn von $7,50, etwa $15 000 im Jahr – was fast exakt der federalen Armutsgrenze für eine dreiköpfige Familie entspricht, nämlich $15 060. Bereits im Februar hatte eine Bundes-Jury in Oregon festgestellt, das Unternehmen habe zwischen 1994 und 1999 83 Mitarbeiter unbezahlt Überstunden schieben lassen. Mindestens drei dutzend weitere Prozesse dieser Art sind anhängig. Löhne und Überstunden(-Bezahlung) bei Wal-Mart sind lausig - noch übler allerdings ist die Krankenversicherung. Vielen Mitarbeitern ist es unmöglich, ihren Teil der Krankenversicherung abzudecken – 30% des Gesamtbetrags. Wal-Marts Gesundheitsleistungen reflektieren die konservative Gesinnung des Walton-Managements. So verweigert Wal-Mart beispielsweise die Erstattung von Verhütungsmitteln. Aber auch Impfungen für Kinder sowie viele Routineleistungen wollen die Wal-Mart-Bosse nicht bezahlen. Um der Kritik an diesem lausigen Gesundheitsplan den Wind aus den Segeln zu nehmen, stilisieren die Wal-Mart-Manager ein Programm hoch – Wal-Mart springt in die Bresche, zahlt für sehr teure Behandlungen, etwa Organtransplantationen. Ein Journalist der Los Angeles Times, Michael Hilttzik, verweist allerdings auf die Tatsache, dass nur 0,01% der rund 500 000 versicherten Unternehmensmitarbeiter eine Transplantation nötig hatten. "Indem es Leistungen so steuert, dass große Eingriffe Priorität vor Routineleistungen haben - die von einem großen Prozentsatz der Angestellten genutzt würden -, hat Wal-Mart die Krankenversicherungsorthodoxie mehrerer Jahrzehnte auf den Kopf gestellt", schreibt Hilttzik.

 

Wal-Mart zerstört in der Regel Jobs, indem es kleinere Konkurrenten aus dem Feld wirft

 

 

 

Ein Public-Relations- Blitzfeldzug soll das angeschlagene Image nun wieder aufpolieren

 

 

 

"...aber das Letzte, was sie tun werden, ist, die Löhne und Bedingungen zu verbessern"

Aber nicht nur Angestellte werden von der Wal-Mart-Maschinerie ausgebeutet. Laut einer Studie der Forschungsgruppe 'Good Jobs First‘ gelang es Wal-Mart, Regierungssubventionen in Höhe von mindestens $624 Millionen für seine großen Verteilungszentren einzuheimsen – in Form von Infrastrukturverbesserungshilfen, Steuerkrediten, Finanzierung, Job-Training, usw.. Gerechtfertigt wird diese Subventionierung mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze. Dabei zerstört Wal-Mart in der Regel Jobs, indem es kleinere Konkurrenten aus dem Feld wirft. "Wenn die irgendwo reingehen, sorgen sie ganz einfach für eine Umverteilung der Einnahmen des Einzelhandels", so Phillip Mattera, einer der Autoren der Studie zu 'Socialist Worker‘. Nun, da Wal-Mart der Wind ins Gesicht bläst, startet das Unternehmen einen Public-Relations-Blitzfeldzug, der sein Image aufpolieren soll. In Chicago hatten Gewerkschaften und Interessensgruppen der Bürger es fertiggebracht, die Zustimmung des Gemeinderats für einen von zwei geplanten Wal-Mart-Läden zu Fall zu bringen. Jetzt sponsert Wal-Mart das lokale 'National Public Radio‘ – mit dem Slogan: "Job-Chancen schaffen für Menschen in allen Lebensbereichen". Und beim Jahrestreffen seiner Anleger kündigte Wal-Mart an, es werde künftig höhere Löhne zahlen – ein Schritt, den das Unternehmen allerdings so oder so einleiten muss, wenn es in Städte geht, in denen die Löhne im Einzelhandel höher sind. Lassen Sie sich nicht reinlegen, sagt Mattera von 'Good Jobs First‘: "Wal-Mart hat erkannt, es muss mehr Geld in PR investieren und mehr politische Ressourcen kaufen", sagt er. "Ihre Präsenz in Washington ist inzwischen weit massiver und sie geben mehr Geld für Lobby-Arbeit auf bundesstaatlicher Ebene aus. Man erlebt einen anderen Wal-Mart. Aber das Letzte, was sie tun werden, ist, die Löhne und Bedingungen zu verbessern".

 

 

 

Wal-Mart ging sogar so weit, seine Fleisch-Abteilung dichtzumachen – nur, um zu verhindern, dass die Gewerkschaft irgendwo einen Fuß in die Tür kriegt

 

 

 

 

 

Der gewerkschaftlich organisierte Ladenboykott trifft vor allem die 34 Millionen Geringverdiener, die keine andere Wahl haben, als beim Diskonter Wal-Mart einzukaufen


Kann man Wal-Mart gewerkschaftlich organisieren?

     Wal-Mart – die führende Kraft Niedriglohn-Amerikas - will so bleiben, wie es ist. Vor einiger Zeit hatte das 'National Labor Relations Board‘ verfügt, das Unternehmen müsse mit den Fleischzerteilern von Jacksonville, Texas, verhandeln, die der Gewerkschaft 'United Food and Commercial Workers‘ (UFCW) beitreten wollten. Die Entscheidung war eine seltene Niederlage für das Unternehmen. Allerdings erging sie fast drei Jahre, nachdem Wal-Mart seine Fleisch-Abteilung dichtmachte – nur, um zu verhindern, dass die Gewerkschaft irgendwo einen Fuß in die Tür kriegt. Inzwischen plant Wal-Mart, die Entscheidung auf Ebene der Bundesgerichtsbarkeit anzufechten – was bedeutet, die Arbeiter müssen noch weitere Jahre warten, bis über ihr Schicksal endgültig entschieden ist. Mit dieser Feindseligkeit konfrontiert, reagierte die UFCW in Form einer "Konzern-Kampagne" gegen Wal-Mart – man versucht, die arbeiterfeindlichen Praktiken des Unternehmens bloßzustellen. Allerdings steckt dahinter in den meisten Fällen nicht der ernsthafte Versuch, Wal-Mart (gewerkschaftlich) zu organisieren. Stattdessen konzentriert man sich überwiegend auf den Ladenboykott. Eine vollkommen fehlgeleitete Strategie. Denn damit trifft man unweigerlich vor allem die 34 Millionen Arbeiter in den USA, die weniger als $8,70 die Stunde verdienen. Diese Arbeiter haben kaum eine andere Wahl, als bei Wal-Mart einzukaufen und von Tiefstpreisen zu profitieren. In Chicago beispielsweise wundern sich viele Bewohner der verarmten West Side – meist Afroamerikaner und Verarmte – weshalb die organisierte Arbeiterschaft etwas gegen den Bau von Läden in einem Viertel hat, in dem ein drastischer Mangel an Einkaufsmöglichkeiten herrscht - und an Jobs. Hinzu kommt, dass die UFCW-Offiziellen keine Strategie haben, um dem Druck Wal-Marts auf die Lebensmittelindustrie in puncto Senkung der Lohnkosten etwas entgegenzusetzen. Wal-Mart ist für diesen Bereich inzwischen der größte Einzelhändler.

 

 

Die einzige Chance, höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen bei Wal-Mart zu erreichen, liegt in der gewerkschaftlichen Organisierung

Letztes Jahr streikten in Süd-Kalifornien zehntausende Arbeiter der Lebensmittelindustrie. Sie gehörten der UFCW an. Die Gewerkschaftsführer setzten ein Abkommen durch – inklusive massiver Erhöhung der Gesundheitsleistungen, wie schon längst gefordert. Die einzige Chance, höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen bei Wal-Mart zu erreichen, liegt somit in der gewerkschaftlichen Organisierung – nicht nur durch UFCW, vielmehr bedarf es der konzentrierten Anstrengung und der Ressourcen der Arbeiterbewegung. Das erreicht man nicht durch Rein-Raus-Demos und Anzeigenschaltung, das muss Stadt für Stadt, Laden für Laden, Arbeiter für Arbeiter erfolgen. Ein Scheitern der gewerkschaftlichen Organisierung beim größten privaten Arbeitgeber der USA wäre nur ein weiterer Sargnagel für die Arbeiterbewegung. Es gibt keine Alternative, der Wal-Mart-Moloch muss gestoppt werden. In diesem Moment, da das Unternehmen in der Defensive ist, wäre der richtige Zeitpunkt für Labor und deren Verbündete, den Kampf zu forcieren.

 

 

 

"Als Angestellte habe ich persönlich gesehen, dass Wal-Mart-Mitarbeiter häufig schädlichen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind – alles, von Rassendiskriminierung über Einschüchterung durch das Management bis zu Desinformation und Verstößen gegen das Arbeitsrecht und das Gesetz"


Eine Wal-Mart-Mitarbeiterin redet Klartext

     "Mein Name ist Rosetta Brown, ich bin seit sechs Jahren Angestellte des Unternehmens Wal-Mart. Als Angestellte habe ich persönlich gesehen, dass Wal-Mart-Mitarbeiter häufig schädlichen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind – alles, von Rassendiskriminierung über Einschüchterung durch das Management bis zu Desinformation und Verstößen gegen das Arbeitsrecht und das Gesetz. Ich habe mich am Arbeitsplatz verletzt, als ich am 6. Oktober1999 über Nacht für die Inventur in den Laden eingeschlossen wurde. Heute lebe ich mit den Schmerzen und dem Leid durch einen Nackenwirbelvorfall - das ist in jener Nacht passiert. Die Handlungsweise Wal-Marts und Sam’s Clubs hat meine Entschädigung als Beschäftigte verzögert. Als Folge haben sich bei mir medizinische Rechnungen in Höhe von zehntausenden Dollars angesammelt, ich habe meine Wohnung verloren und war auf Sozialhilfe angewiesen. Mein Kredit ist futsch, und ich muss jeden Tag mit Schmerzen leben. Mein Arzt empfiehlt mir irgendwann zu einer Operation, um mein Leiden zu lindern, aber weil Wal-Mart kontinuierlich meine Ansprüche zurückweist, kann ich sie mir finanziell nicht leisten. Am meisten schmerzt mich, dass das alles von Anfang an zu verhindern gewesen wäre, hätten sie nur getan, was recht ist".

 

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Dieser Artikel wurde uns freundlicherweise von Zmag.de zur
Verfügung gestellt. Die Übersetzung stammt von Andrea Noll


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