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Unendliche Weiten
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Der "Space Artist" Chesley Bonestell hat die Erde und die Trabanten unseres
Sonnensystems schon vom Weltraum aus gemalt, als es noch gar keine Sonden gab, die
sie umkreisten. Mit fotorealistisch wirkenden Bildern von Mond, Mars oder Saturn
weckte er die Begeisterung einer ganzen Generation künftiger Astronauten.

Von Franz Wagner
(17. 10. 2005)



Franz Wagner
ist Redakteur des
Aurora-Magazins

Am frühen Morgen des 18. April 1906 wurde der 17-jährige Chesley Bonestell mit einem heftigen Ruck aus dem Bett geschleudert, und Panik brach über seine Heimatstadt San Francisco herein

     Er war viel zu lange aufgeblieben. Bis zwei Uhr früh hatten er und seine Freunde noch gezecht, draußen an der Barbary Coast, hatten den ganzen Abend gescherzt und sich mit mutig klingenden Phrasen über die dutzenden kleinen Erschütterungen des vergangenen Tages hinweg gesetzt, die hier, ganz nahe am San-Andreas-Graben, vertraut und ungefährlich wirkten, wenn man sie nur oft genug zu spüren bekam.

Um halb drei lag er endlich in seinem Zimmer, todmüde und benommen vom Alkohol. Von tief unter der Stadt drang ein weiteres dumpfes Grollen zu ihm herauf. Er überhörte es, längst hatte ihn der Schlaf übermannt. Zu diesem Zeitpunkt ahnte niemand, dass dieses letzte, bislang heftigste Rumoren nur eines der vielen Vorzeichen für ein weit größeres Ereignis gewesen war. Drei Stunden später, am frühen Morgen des 18. April 1906, wurde der gerade 17-jährige Chesley Bonestell mit einem heftigen Ruck aus dem Bett geschleudert, und Panik brach über seine Heimatstadt San Francisco herein. Bonestell, der fünfzig Jahre später den Anfang und das Ende der Welt gemalt hatte, die glutflüssige und die von einer sterbenden Sonne verbrannte Erde, der gewaltige Kataklysmen so plastisch und real ins Leben treten ließ wie kein anderer "Weltraumkünstler" vor ihm, der ein New York zeichnete, das gerade von einer Atombombe getroffen worden war, oder einen riesigen Meteor, der das alte Ägypten zerstört hatte – eben jener Chesley Bonestell wurde nun selbst zum Zeugen einer der verheerendsten Naturkatastrophen des 20. Jahrhunderts, dem "großen Beben" von 1906.

 

 

Innerhalb von Minuten waren in ganz San Francisco mehr als fünfhundert Häuserblocks in sich zusammengestürzt

 

 

 

 

 

"Der Gestank war fürchterlich", und überall lagen Tote"

    Erst Jahrzehnte danach fand Bonestell Worte für das damals Erlebte – wie er verwirrt auf dem Fußboden seines Zimmers erwachte, wie er Sekunden später aus dem Fenster klettern wollte, als hinter ihm schon der gemauerte Kamin in sich zusammenstürzte. Draußen vor dem Haus spielten sich Szenen ab, die ans Surreale grenzten: Hunderte von Ratten sprangen fast zeitgleich und in Todesangst aus ihren Verstecken, schwirrten kreuz und quer über die Bürgersteige und bevölkerten zusammen mit all den flüchtenden und schreienden Menschen die Straßen, während im selben Augenblick immer neue, schwere Erdstöße die massivsten Betondecken auseinander rissen und sich im Boden beängstigend tiefe Spalten zeigten.

Innerhalb von Minuten waren in ganz San Francisco mehr als fünfhundert Häuserblocks in sich zusammengestürzt, und fast ebenso schnell schossen überall die Flammen hervor, breiteten sich in Windeseile aus und erfassten immer größere Teile der Stadt. Bonestell berichtet, wie er Stunden später den Katastrophenteams der US-Navy mit einer Mischung aus unheimlichem Schrecken und begeisterter Faszination dabei zusah, wie sie Häuserzeile um Häuserzeile sprengten, um eine Barriere gegen den ständig weiter um sich greifenden Feuersturm zu errichten. Alle Bewohner, die das Inferno überlebt hatten – darunter auch Bonestells Familie –, wurden tags darauf aus weiten Bereichen der Stadt verbannt, um Plünderungen zu verhindern. Doch gegen Chesleys Neugier war jeder Schutzwall machtlos – über ein Loch in einem der Sperrzäune kämpfte er sich über Berge von Schutt bis zu seinem verbrannten Elternhaus und von dort weiter bis ins Zentrum der ärgsten Verwüstungen vor. "Der Gestank war fürchterlich", schreibt er später, "und überall lagen Tote".

 

 

Chesley hatte kein großes Interesse draran, Papiergroßhändler zu werden. Ihm schwebte vor, Künstler zu werden

 

 

 

 

 

 

 

Das erste Weltraumbild entsteht

    Nicht mal ein halbes Jahr danach saß Chesley als stolzer junger Mann auf dem ersten Wagen eines Zugs, der von seinem Großvater Louis angeführt wurde, einem Papiergroßhändler vom Typ des unverwüstlichen amerikanischen Geschäftsmanns. Innerhalb von drei Wochen hatte der Großvater die vom Feuer zerstörte Firma von Oakland aus provisorisch reorganisiert, in der Stadt einstweilen ein neues Warenhaus errichten lassen, und jetzt, drei Monate später, zog die gesamte Belegschaft triumphierend in San Francisco ein. Scharen von Zusehern bestaunten die vielen voll bepackten Wagen, sogar eine Band begleitete ihren Zug, und sie war eine der ersten, die die Stadt nach dem Beben mit neuem Leben füllte.

Trotz seines momentanen Enthusiasmus brachte Chesley nicht die besten Voraussetzungen mit, um einst – wie vorgesehen – den Betrieb seines Großvaters zu übernehmen. Während seiner High-School-Zeit hatte er in der Firma zwar eine Zeit lang Kartons ausgepackt und fleißig Büros gekehrt, aber selbst der alte Louis Bonestell musste irgendwann einsehen, dass dem Jungen schlicht das Talent fürs Geschäftliche fehlte.

Chesley wollte viel lieber Künstler sein, und schon sehr früh wurde dieser Wunsch offensichtlich. Mit fünf Jahren begann er zu zeichnen, mit zwölf räumte er einen Schul-Preis nach dem anderen ab und durfte bald schon eigene Kurse halten, mit 17 Jahren verfasste er seine ersten Illustrationen für das Sunset Magazine, das damals der Southern Pacific Railroad gehörte. Als Honorar bot man ihm Bahntickets an, und zwei davon brachten ihn und einen Freund an einem frühen Morgen nach San Jose, von wo aus die beiden in einem Gewaltmarsch von 26 Meilen hinauf zum Gipfel des Mt. Hamilton gelangten. Aber nicht die Bergspitze selbst war ihr Ziel, sondern das darunter gelegene Lick-Observatorium. Da eine Tante von Chesley dort schon seit Langem als großzügige Förderin bekannt war, gestattete man den beiden Freunden eine Privatführung, und Bonestell sah durch den 36-Zoll-Refraktor zum ersten Mal den riesenhaften Mond, vor allem aber faszinierte ihn der Saturn mit seinem imposanten Ringsystem. Zuhause zeichnete er ein Bild davon – sein erstes Weltraumbild überhaupt. Unglücklicherweise sollte es ein Jahr später wie viele andere seiner frühen Arbeiten durch das Feuer des großen Bebens vernichtet werden.

 

Sowohl der Vater als auch der Großvater – und dieser ganz besonders – versuchten mit allen Mitteln, ihm die erhoffte Karriere als Maler von vorn herein madig zu machen

 

 

 

 

 

Ein Kompromiss: Architektur – das sollte der Junge studieren!

 

 

 

 

 

 

 

Bonestell beginnt als Praktikant bei Willis Polk, dem "man who rebuilt San Francisco"

    Chesleys Mutter starb früh, und so wurde der Junge vom Vater, einem Rechtsanwalt, und seinem Großvater Louis aufgezogen. Kurz nachdem Chesley die High School abgeschlossen hatte, kam es zwischen den Dreien zu einem familiären Zwist, der Bonestells künftigen beruflichen Werdegang entscheidend beeinflusste. Sowohl der Vater als auch der Großvater – und dieser ganz besonders – versuchten mit allen Mitteln, ihm die erhoffte Karriere als Maler von vorn herein madig zu machen. Man gestand ihm zwar Talent zu, und hatte sich sogar damit abgefunden, dass Chesley wohl zu allem, nur nicht zum Papiergroßhändler taugen würde, aber sich allein mit der Kunst abzugeben – nein, das ginge nun wirklich nicht, schon deshalb, weil, zumindest nach Einschätzung des Großvaters, die Künstler alle "Bohemiens", sprich: "schmierige, gefährliche Typen" mit äußerst zweifelhaftem Ruf seien.

Ein Kompromiss wurde gefunden: wenn es unbedingt die Kunst sein müsse, dann solle der Junge wenigstens eine respektable Karriere machen. Großvater Louis kannte die Lösung: Architektur – das sollte der Junge studieren! Die Kunst des Bauens bedeutender Geschäftshäuser – etwas in dieser Art muss den beiden alten Herrn wohl vorgeschwebt sein, als sie ihren Filius kurz entschlossen in den Zug nach New York setzten, um ihn an der dortigen Columbia University, umgeben von lauter "anständigen Gentlemen" (Louis Bonestell) zum Architekten ausbilden zu lassen. Ergebnis: Chesley fügte sich nicht nur in seine neue Aufgabe, er meisterte sie bravourös und machte schnell gute Fortschritte, besonders das perspektivische Zeichnen beherrschte er auf Anhieb – später sollte ihm das bei seiner Tätigkeit als Hintergrundmaler in Hollywood sehr zu Gute kommen.

    Zum Bohemien geriet er in New York trotzdem, und es kam nicht selten vor, dass man Bonestell zu später Feierstunde und im Zustand hochgradiger Umnachtung auf seinem Zeichenbrett zurück aufs Zimmer tragen musste. Das Studium lief dagegen weiter wie auf Schienen – wäre nur die Mathematik nicht gewesen! Immer schon hatte er sie gefürchtet, ja gehasst, und im dritten Jahr kam der alles entscheidende Kurs, den er sich am Ende nicht mehr antun wollte. Bonestell brach das Studium ab und ging zurück nach San Francisco, um sich nach einem Praktikantenjob in einem Architektenbüro umzusehen. Er hatte Glück. Im Herbst 1910 wurde Bonestell eine Stelle bei Willis Polk angeboten, jenem Architekten, der in den Jahren nach dem großen Beben als "The man who rebuilt San Francisco" berühmt geworden war. Dieser Titel stammte übrigens von Polk selbst, und eine erste Anweisung an Chesley lautete, eine großformatige Collage über die markantesten Neubauten seines Arbeitgebers anzufertigen und diese Zeichnung unter obiger Schlagzeile an sämtliche Zeitungen der Stadt zu versenden.

 

 

 

Wernher von Braun:
"
Chesley Bonestells Bilder sind viel mehr als nur schöne, ätherische Gemälde außerirdischer Welten. Sie sind die genauesten Porträts entfernter Himmelskörper, mit denen die moderne Forschung aufwarten kann"

Abgesehen von Polks ausgeprägtem Talent zur Selbstdarstellung schaute sich Bonestell in den acht Jahren, die er für seinen Chef arbeitete, auch viel Nützliches ab, zum Beispiel dessen präzises, methodisches Vorgehen beim Planen ebenso wie beim Zeichnen, ein Arbeitsstil, der später zum Markenzeichen für Bonestells künstlerisches Schaffen insgesamt werden sollte. So schreibt etwa der deutsche Raketenpionier und spätere Direktor des Marshall Space Flight Centers der NASA, Wernher von Braun, Jahrzehnte danach über seinen Freund:

"Chesley Bonestells Bilder sind viel mehr als nur schöne, ätherische Gemälde außerirdischer Welten. Sie sind die genauesten Porträts entfernter Himmelskörper, mit denen die moderne Forschung aufwarten kann. Das sage ich nicht leichtfertig. In den langen Jahren meiner Zusammenarbeit mit Chesley habe ich gelernt, seinen Perfektionismus zu respektieren, ja zu fürchten. Mein Archiv ist voll mit Raumschiffskizzen, die ich für seine Bilder entworfen habe – nur um sie mit bohrenden Fragen nach Einzelheiten oder mit ätzender Kritik an einer Ungereimtheit oder Nachlässigkeit zurück zu bekommen."

    Die Faszination für alles Große, Gewaltige, Fremdartige und über- oder besser: außerirdisch Schöne packte Bonestell regelmäßig etwa alle zehn Jahre. Dann hielt er es nicht mehr aus in seinem gewöhnlichen Leben, in dem er schlicht-funktionale Designs für Wohn- und Geschäftshäuser in San Francisco oder New York erstellte. Dann malte er plötzlich wieder bizarre Mond- und Marslandschaften – vorerst nur für sich selbst –, besuchte das neu eröffnete 100-Zoll-Teleskop des Mt.-Wilson-Observatoriums, lernte jemanden wie Scriven Bolton kennen, den renommierten britischen Illustrator der Royal Astronomical Society, verschlang das 1937 erschienene Buch von Lucien Rudaux "Sur les Autres Mondes" (dt. Auf fremden Welten), das heute als eines der beiden einflussreichsten Werke der Weltraumkunst gefeiert wird (neben Bonestells "The Conquest of Space"), kündigte seinen bisherigen Arbeitgebern und ließ sich mitunter auch scheiden – so zum Beispiel 1918 von seiner ersten Frau und Jugendliebe Mary Hilton.

 

 

Eine neue Liebe

 

 

 

 

 

Eines verziehen ihm die Briten nie: Dass er es gewagt hatte, sein Talent auch für weltlichere Zwecke einzusetzen

1918 war überhaupt ein sehr unruhiges Jahr für den inzwischen 30-jährigen Bonestell. Er verließ nicht nur Kalifornien, seine Frau und Willis Polk, sondern entwickelte auch ganz neue Faibles und Leidenschaften. Er, der außerhalb seiner Malerei nie für andere Kunstformen Interesse gezeigt hatte, verliebte sich von einem Tag auf den anderen ins Theater, sah in New York John Barrymore wie er den "Hamlet" spielte und besuchte die Vorstellung an die zwanzig Mal. Bald darauf fand er in Emma Jane Holder, einer britischen Konzertsängerin, die seit 1915 an der New Yorker Metropolitan Opera aufgetreten war, eine neue Gefährtin. Zusammen mit ihr übersiedelte Bonestell nach England, wo er sie 1920 heiratete.

    Trotz aller Veränderungen blieb er auch in seiner neuen Heimat der Architektur treu und fertigte unter anderem für die Illustrated London News ganzseitige Darstellungen berühmter englischer Gebäude an. Beeindruckt von Kunstfertigkeit und Technik, vor allem aber von dessen lebendigen Sinn für Farbe zeigte sich bald mancher Kritiker, doch eines verzieh man der "Neuentdeckung aus Amerika" im konservativen Königreich nie so ganz: Bonestell hatte es tatsächlich gewagt, sein Talent auch für weltlichere Zwecke einzusetzen. So gestaltete er zum Beispiel eine Serie von Werbeprospekten oder zeichnete Menükarten für große Londoner Cafehäuser. Und noch Jahrzehnte später, als er schon lange zu den bestbezahlten Hintergrundmalern Hollywoods gehörte und an die 1.500 Dollar pro Woche verdiente, fand er nichts dabei, eines seiner astronomischen Gemälde an eine Brauerei zu verkaufen, die es zu Werbezwecken mit einer imaginären Himmelsleiter aus Whiskyflaschen übermalen ließ. Das allerdings war nun auch seiner Frau ein paar bissige Kommentare wert. Ein derartiges Sujet, befand sie, sei doch einfach lächerlich, und wo, bitte, bleibe denn bei dieser ganzen Sache des Gemahls Würde? Bonestell, der nüchterne Pragmatiker, zuckte wie immer nur mit den Schultern und vermerkte trocken: "Ich ziehe es vor, von meiner Arbeit leben zu können."

 

Unter Bonestells Feder entstand in den 20er Jahren das Design für eine Reihe prestigeträchtiger Objekte wie dem Supreme Court in Washington D.C. oder dem Chrysler Building in New York

 

 

 

 

 

 

Rückkehr nach San Francisco

Im Jahr 1926 erhielt Bonestell die Nachricht, dass in New York ein regelrechter Bauboom ausgebrochen sei, und er nahm die Gelegenheit wahr, um in seine alte Universitätsstadt zurückzukehren. Die nächste Dekade gehörte wieder ganz der Architektur. Unter seiner Feder entstand das Design für eine Reihe prestigeträchtiger Objekte wie dem Supreme Court in Washington D.C. oder dem Chrysler Building, einem Art-déco-Wolkenkratzer, der Bonestell zufolge "das New York dieser Zeit besser als jedes andere Gebäude charakterisiert."

    Nach dem Börsencrash von 1929 war das Geld für Neubauten überaus knapp und die Auftraggeber rar geworden. Bonestell blieb also nur die Option, von Neuem zu übersiedeln. Diesmal zog es ihn in Richtung Westküste. Noch im Ungewissen über seine berufliche Zukunft nahm er sich jedenfalls vor, von jetzt an für länger zu bleiben, vielleicht sogar für immer. Zum ersten Mal plante und baute er nur für sich selbst; ein ruhiges Atelier, ein erstklassiges Teleskop auf dem Dach und viel Platz für seine Frau Emma – endlich konnten seine Träume Wirklichkeit werden. Das Haus entstand in Berkeley, nicht weit entfernt von seiner Geburtsstadt San Francisco, und nach Ablauf eines Jahres war er im Besitz eines ansehnlichen kleinen Bungalows mit weithin sichtbar thronender Sternwarte. Emma oder "Ruby Helder", wie sie sich früher nannte, gab ein Stockwerk darunter häufig Gesangsabende für bis zu 100 Personen. Doch Emma sang immer seltener – offiziell war ihre Karriere längst zu Ende. Bonestell musste mit ansehen, wie sie sich in der Nacht und später zu allen Tageszeiten betrank, wie der Alkohol sie mit jeder Woche, die verging, stärker im Griff hatte, und wie sie, die einmal der Star an der New Yorker Metropolitan Opera gewesen war, hilflos und stumm im Alter von 49 Jahren verstarb.

In etwa zur selben Zeit geriet Bonestell wieder in eine jener Phasen, in der er der Architektur überdrüssig wurde und sich nach neuen Betätigungsfeldern umsah. 1938, ein Jahr vor Emmas Tod, begann er für 75 Dollar die Woche als Spezialeffekt-Maler in einem der kleineren Hollywood-Studios zu arbeiten. Seine Tätigkeit bestand im Wesentlichen darin, Teile von Filmkulissen, die im Studio nicht oder nur sehr teuer nachgebaut werden konnten, mit Hilfe eines gemalten Hintergrundes zu ergänzen.

 

Innerhalb kürzester Zeit stieg Bonestell zu einem der gefragtesten Filmkünstler Hollywoods auf

 

 

"Citizen Kane"

 

 

 

 

Das erste Weltraumbild schlägt bei der Redaktion von "Life" und ihren Lesern ein wie eine Bombe. Keiner hatte so etwas vorher gesehen

    Bonestell war der geborene Illusionist. Fast jeder seiner Entwürfe verschaffte der erzählten Handlung eine durchdringende Authentizität und gab dem Zuseher das Gefühl, sich mitten im Geschehen wieder zu finden. Ein solches Talent konnte nicht lange unentdeckt bleiben. Innerhalb kürzester Zeit stieg Bonestell zu einem der gefragtesten Filmkünstler Hollywoods auf, seine Einkünfte erreichten astronomisches Niveau, und Mitte der vierziger Jahre bediente er sämtliche Großen der Branche: Warner Brothers, Paramount, Columbia, Fox und MGM. Zu Bonestells bekanntesten Schöpfungen zählen Charles Foster Kanes Villa Xanadu und sämtliche Ansichten New Yorks zur Jahrhundertwende in dem Film "Citizen Kane", die Pariser Frauenkirche in "Der Glöckner von Notre Dame" und eine Reihe weiterer Illustrationen in Klassikern wie "The Magnificent Ambersons"(1942), "The Adventures of Mark Twain"(1943), "Rhapsody in Blue"(1945) usw.

Obwohl er am Set inzwischen zur lokalen Berühmtheit avanciert war und in den Büros der meisten Studiobosse aus und ein ging, beachtete ihn außerhalb des Filmbetriebs fast niemand; für die breite Masse der Kinogeher blieb Bonestell ein Unbekannter, der buchstäblich im Hintergrund werkte. Dies änderte sich schlagartig, als im Frühjahr 1944 die versammelte Mannschaft der Zeitschrift Life vor einer Reihe großformatiger Ölgemälde stand, die ihnen gerade von einem Boten überbracht worden waren. Ein gewisser Chesley Bonestell hatte ihnen – unaufgefordert – gleich eine ganze Serie von "Weltraumbildern" zugesandt, und jedes einzelne von ihnen stellte ein absolutes Novum in diesem Metier dar. Die Redaktion war begeistert, ein Riesengeschäft kündigte sich an. Keiner von ihnen, auch keiner ihrer Leser, hatte so etwas vorher gesehen, darin war man sich einig. Am 29. Mai 1944 erschien das erste Bild – "Saturn, von Titan aus gesehen" – als Teil einer fortlaufenden Serie, für die Bonestell schließlich 30.000 Dollar kassierte.

Das Bemerkenswerte an diesen Gemälden war ihr extremer Realismus – fast so, als hätte man es, laut dem Bonestell-Biographen Ron Miller, mit "Schnappschüssen eines National Geographic Photographen" zu tun, den es zufällig sehr weit nach draußen bis ins äußere Sonnensystem verschlagen hatte.

 

 

Ferne Planeten gehörten noch in den vierziger Jahren zu den am wenigsten erforschten Objekten, sie überstiegen die Vorstellungskraft sogar vieler Astronomen

 

 

 

 

 

Bonestells Illusionen erschienen dem Betrachter unglaublich wirklichkeitsgetreuund waren doch nicht selten bloß reine Phantasie

 

 

 

 

 

Der Mond war kein steiles Gebirge, sondern rundliches Hügelland!

    Ferne Planeten gehörten noch in den vierziger Jahren zu den am wenigsten erforschten Objekten, blieben dunkel, verschwommen, mysteriös, sie überstiegen schlicht die Vorstellungskraft sogar vieler Astronomen. Das Wissen, über das die Forschung verfügte, blieb theoretisch und unzusammenhängend. Gerade deshalb verwundert es nicht, dass schon Bonestells erstes Gemälde – "das Bild, das tausend Karrieren startete" – bei den Lesern von Life einschlug wie eine Bombe. Zum ersten Mal spielte sich der Weltraum nicht erst in einer fernen Zukunft und an völlig unimaginierbaren Orten ab, sondern bekam ein Gesicht; aus dem weit entfernten, unnahbaren 'Himmels-Körper’ wurde ein sicht- und greifbares, ein begreifbares Ding; vor der magisch anziehenden Weite einer sternübersäten Finsternis stieg da auf einmal ein riesenhaft wirkender Saturn über den Horizont eines seiner Monde herauf, während der Betrachter von erhöhter Position auf winzig scheinende Raumfahrer blickt, die am Rande einer bizarren Felslandschaft aus senkrecht aufragenden, halb im Schatten liegenden Felsendomen umher wandern.

So, oder fast genau so, sah sie also aus, eine jener fernen neuen Welten; niemals zuvor war ihr ein Mensch so nahe gekommen. Die Illusion zumindest schien perfekt zu sein – tatsächlich aber war sie das nicht immer. Denn obwohl Bonestell sich furchtbar darüber aufregen konnte, wenn andere nicht mindestens ebenso strenge Maßstäbe an Genauigkeit und Sorgfalt anlegten wie er selbst, und obwohl er Zeit seines Lebens die Science Fiction gerade deshalb nicht ausstehen konnte, weil er daran glaubte, dass die Wahrheit stärker sei als alles bloß Erfundene, musste er später doch mehr als einmal kleinlaut zugestehen, dass seine vermeintlich fotorealistischen Visionen nicht selten weit von der Realität entfernt lagen. Als er etwa im Jahr 1956 eine 3 mal 12 Meter messende Darstellung der Mondoberfläche für das Bostoner Science Museum anfertigte – immerhin benötigte er dafür ein ganzes Jahr – hielten es sowohl der Museumsleiter als auch die Besucher zunächst für äußerst gelungen. Höchst detailreich zeigte es schroffe Felsen und scharfkantige, steil abfallende Kraterränder in einer insgesamt alpin wirkenden Landschaft. Nachdem Apollo 11 dreizehn Jahre später die ersten Fotos vom Mond zur Erde gefunkt hatte, war man in Boston schockiert. Der Mond war kein steiles Gebirge, sondern rundliches Hügelland! Innerhalb von Tagen wurde das Riesengemälde in wenig fachmännischer Weise von der Wand genommen und später in einen Keller des nationalen Luft- und Raumfahrtmuseums verfrachtet, wo es bis heute auf seine Restaurierung wartet. Irgendwie war selbst diese am Ende unwürdige Aktion ein Erfolg Bonestells, denn offenbar wirkte dieses Gemälde – seiner Intention entsprechend –, derart real auf die späteren Museumsmanager, dass diese es nicht mehr für die Arbeit eines Künstlers, sondern für eine etwas zu groß geratene, veraltete wissenschaftliche Fotografie hielten, und Fotos tauscht man aus, wenn sie dem aktuellen Stand der Forschung widersprechen.

 

"Oberfläche des Merkur"
(1948)

"Kleiner Erdsatellit"
(1953)

"Marsbasis"
(1956)

 

 

 

Bonestell selbst kannte inzwischen fast jedes amerikanische Kind, und das durchaus im wörtlichen Sinn

 

 

 

 

Raumfahrthysterie!

 

 

 

Wernher von Braun begann in den fünfziger Jahren mit Bonestell zu arbeiten

    Zum Glück für Bonestell blieb der Weltraum in den vierziger und fünfziger Jahren noch geraume Zeit außer Reichweite, und so lange nicht das Gegenteil bewiesen war, konnten sich die Menschen nicht satt genug sehen an bizarren außerirdischen Landschaften wie etwa der "Oberfläche des Merkur" (1948), waren hingerissen und fasziniert, wenn unglaublich wirklichkeitsgetreu scheinende Raumsonden wie der "Kleine Erdsatellit" (1953) hunderte Kilometer über Floridas Küste schwebten, und zeigten sich von einem sehnsuchtsvollen Glauben an zukünftige technische Meisterleistungen beflügelt, wenn die Rede auf Bonestells "Marsbasis" (1956) kam.

Bonestell selbst kannte inzwischen fast jedes amerikanische Kind, und das durchaus im wörtlichen Sinn. Seine Bilder erschienen nämlich nicht nur auf dem Cover angesehener Zeitungen und Magazine (wie etwa dem Scientific American), waren nicht nur mehrfach in Buchform erschienen (zuerst im Jahr 1949: "The Conquest of Space" – dt. "Die Eroberung des Weltraums", mit 48 Bildern und einem Begleittext von Willy Ley), man zeigte sie nicht nur im Fernsehen und auf Werbeplakaten – sie wurden sogar auf Schulbrotdosen gedruckt! Als das Hayden Planetarium 1950 eine Ausstellung über eine mögliche Reise zum Mond, basierend auf den Vorstellungen Bonestells, organisierte, kam es mehr als einmal zu Handgreiflichkeiten, als Besucher sich darum stritten, eines der wenigen Tickets für den ersten bemannten Raumflug zu ergattern. Niemand hatte etwas von einem solchen Flug erwähnt, und trotzdem kamen von überall her Reservierungen, ob telefonisch, brieflich oder per Telegramm.

    Noch mehr Aufsehen als die erste Serie in Life erregte eine weitere im Collier Magazine, die von 1952 bis 1954 erschien, und die zugleich den Höhepunkt einer massiven Raumfahrthysterie markierte, welche sich inzwischen in den USA breit gemacht hatte. Die Collier-Serie stellte eine erregende These auf: Bemannte Reisen in den Weltraum seien schon mit der bereits verfügbaren Technik möglich. Ob Sonden, Raketen, Landefahrzeuge oder sogar Raumstationen – alles war letztlich mehr eine Frage des politischen Willens als eine der Technologie; letztere könne, die entsprechenden finanziellen Mittel vorausgesetzt, jederzeit entwickelt werden. Das bestätigte auch Wernher von Braun, der in den fünfziger Jahren mit Bonestell zu arbeiten begann und diesen mit allen notwendigen Informationen für ein mögliches zukünftiges Raumfahrtprogramm versorgte. Auf der Basis dieser Zusammenarbeit erschienen in den folgenden Jahren Bücher wie "Across the Space Frontier", "Conquest of the Moon", "Exploration of Mars", "The World We Live In" und eine Reihe von Science-Fiction-Filmen wie "Flug zum Mond" oder "Krieg der Welten", an denen Bonestell künstlerisch beteiligt war.

Literatur

Ron Miller. The Fine Art of Space Travel: The Life and Work of Chesley Bonestell, 2002. http://www.bonestell.org

Ron Miller. Chesley Bonestell, Raumfahrt-Visionär. In: Spektrum der Wissenschaft, 11/1994,
S. 58-63

Melvin H. Schuetz. A Chesley Bonestell Space Art Chronology, 1999

Dass aber der große Schritt für die Menschheit tatsächlich schon 1969 folgen würde, daran konnte wohl nicht einmal Bonestell selbst geglaubt haben. Zutiefst bewegt und glücklich über die Erfüllung seines Lebenstraums, der "Eroberung des Weltraums", schrieb er später, das schönste Bild, das er jemals gesehen habe, sei das Fernsehbild von der ersten Mondlandung gewesen. Und nicht nur dieser Triumph war Bonestell vergönnt, er erlebte sogar noch mit, wie etwa die Pioneer- und die Voyager-Raumsonden bis ins äußere Sonnensystem vordrangen oder wie die beiden Viking-Landefähren 1976 erfolgreich auf der Marsoberfläche niedergingen.

    Doch unabhängig davon, wie 'korrekt’ er letztlich all die Planeten, Monde oder auch die Zukunft der Raumfahrt vorweggenommen hat, so trifft doch für sämtliche Werke von Chesley Bonestell, der 1986 im Alter von 98 Jahren starb, eines auf alle Fälle zu: "Viele Wissenschaftler, Ingenieure und Astronauten haben ihren Beruf mit diesen Bildern vor Augen gewählt." (Ron Miller).

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