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Unternehmen Bio-Dorf
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Nach 20-jähriger Forschungstätigkeit in Österreich kehrte der geborene Ägypter
Ibrahim Abouleish 1977 in seine Heimat zurück, um eine Idee zu verwirklichen, für die
er 2003 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Von Franz Wagner
(16. 11. 2005)



Franz Wagner
ist Redakteur des
Aurora-Magazins

Literaturtipp

Ibrahim Abouleish.
Die Sekem-Vision: Eine Begegnung von Orient und Okzident verändert Ägypten. Stuttgart: Mayer, 2004.


Web-Tipp

www.sekem.com

 

Landwirtschaft in Ägypten

Wenn im äthiopischen Hochland die sommerlichen Monsunregen fallen, schwillt der am Tanasee entspringende Blaue Nil zum reißenden Strom an. Zusammen mit dem Weißen Nil, mit dem er sich in Karthum (Sudan) zur späteren Lebensader für 72 Millionen Ägypter vereinigt, war er noch bis vor einigen Jahrzehnten für das jährliche ägyptische Hochwasser von August bis Oktober verantwortlich, das die im Niltal und -delta ansässigen Bauern schon vor 5000 Jahren zur Bewässerung und Düngung ihrer landwirtschaftlichen Kulturen nutzten. Die Art der Irrigation, den sog. Flächeneinstau, gibt die Natur selbst vor: Nachdem das Wasser jeweils mehrere Wochen lang ein bis zwei Meter hoch über den Feldern gestanden hat, zieht es sich allmählich wieder in das bestehende Flussbett zurück und hinterlässt pro Hektar rund 20 Tonnen an fruchtbarem Schlamm aus den Berghängen des äthiopischen Regenwalds.

Durch die Fertigstellung des neuen Assuan-Hochdammes im Jahr 1971 änderte sich die Situation grundlegend. Zwar konnten die Felder von jetzt an nicht nur einmal, sondern das ganze Jahr über bewässert werden, wodurch statt einer Ernte pro Jahr nun drei oder vier möglich wurden. Mehr als 97 Prozent des Nilschlamms setzen sich seitdem jedoch ungenutzt im Stausee ab und fallen als hochwertiger Stickstoff- und Phosphat-Lieferant aus. Als direkte Folge davon stieg die Menge des pro Jahr eingesetzten synthetischen Düngers, die schon 1960, also noch vor dem Dammbau, bei beachtlichen 940.000 Tonnen gelegen hatte, eineinhalb Jahrzehnte danach auf unglaubliche 6,3 Millionen Tonnen an.

Als Ibrahim Abouleish 1975 nach Ägypten reiste, um sich über die aktuellen Probleme seines Landes, das er kurz nach Gamal Abdel Nassers sozialistischer Revolution verlassen hatte, zu informieren, war er bestürzt, wie viel sich inzwischen zum Schlechten verändert hatte. Neben schwer wiegenden Defiziten in der Gesundheitsfürsorge oder im Bildungswesen war auch Ägyptens Natur und dessen Landwirtschaft dramatisch geschädigt. Überdüngung und Versalzung der Böden, eine falsche Exportwirtschaft, die mehr auf Baumwolle gesetzt hatte als sich um die Ernährung der eigenen Bevölkerung zu kümmern und die extreme Abhängigkeit von der chemischen Industrie ließen dem Tiroler Heilmittelforscher keine Ruhe mehr. In dieser Situation stieß Abouleish durch Zufall auf die Schriften des österreichischen Anthroposophen Rudolf Steiner, der mit seinem 1924 im tschechischen Breslau gehaltenen "Landwirtschaftlichen Kurs" die biologisch-dynamische Landwirtschaft begründet hatte. Neben spezifisch anthroposophischen Hinweisen ("Am Pflanzenwachstum ist der ganze Himmel mit seinen Sternen beteiligt!") gibt Steiner darin vor allem seiner Überzeugung Ausdruck, dass der Mensch "eine Art persönliches Verhältnis zu all dem gewinnen muss, was in der Landwirtschaft in Betracht kommt". Außerdem müsse ein bäuerlicher Betrieb "dasjenige, was er selber braucht, auch in sich selber hervorbringen können". Moderne Schlagworte wie persönliches Engagement, Kreislaufwirtschaft und Autarkie sprachen für Abouleish aus diesen Sätzen, und die Entscheidung für den Aufbau von Sekem folgte kurze Zeit später.

Da Ende der 70er Jahre die biologische Landwirtschaft in Ägypten aber praktisch unbekannt war, musste zunächst eine entsprechende Infrastruktur geschaffen werden. Ob es in den folgenden Jahren um die Schulung von Landwirten bei der Einführung alternativer Bewirtschaftungsformen ging oder um den Aufbau eines Vertriebsnetzes für ökologische Lebensmittel, oder wenn die Frage im Raum stand, von wem in Zukunft die vorgeschriebenen Qualitätskontrollen zur offiziellen Anerkennung als Demeter-Betrieb vorgenommen werden sollten – Sekem musste in jedem einzelnen Fall bei null beginnen. Durch Gründungen wie der ersten landeseigenen Bio-Zertifizierungsstelle, dem Ägyptischen Zentrum für organischen Landbau (COAE) oder der Gesellschaft für biodynamische Landwirtschaft (EBDA) schuf Abouleish in den 90er Jahren erstmals die Strukturen zum Aufbau einer eigenständigen biologischen Landwirtschaft in Ägypten. Heute werden entlang des Nils knapp 13.000 Hektar oder 0,1 Prozent der gesamten Ackerfläche ohne den Einsatz von Mineraldüngern oder Pestiziden bewirtschaftet, die Anzahl der Demeter-Betriebe stieg inzwischen auf rund 800, und nach einem Bericht der Middle East Times werden immerhin bereits 2 Prozent aller ägyptischen Farmen biologisch geführt.

Die – wenn auch bescheidenen – Erfolge auf der Erzeugerseite täuschten jedoch nur allzu leicht darüber hinweg, dass der weitaus größte Teil aller in Ägypten angebauten Bio-Produkte noch immer in den Export gehe, beanstandet Cam McGrath in Egypt Today. Ein Hindernis zum Vetrieb auch auf dem heimischen Markt sei vor allem der große Arbeitsaufwand in der Herstellung und die damit verbundenen höheren Kosten, die sich auch im Preis niederschlagen. So kostet ein Kilo konventionell erzeugter Tomaten auf dem Bazar etwa 1 ägypt. Pfund (LE) und im Supermarkt 2,50 LE. Für dieselbe Menge an Bio-Tomaten zahle der Konsument dagegen im Schnitt 6 LE. Für viele Ägypter, von denen noch immer rund 20 Prozent unterhalb der Armutsgrenze leben, sind solche Preise nicht zu bezahlen. Die, welche es sich leisten könnten "haben entweder andere Prioritäten als Gesundheit oder wissen zuwenig über Bio bescheid", meint Youssef Hamdy, der Leiter des COAE. Dazu kommt das Problem festgefahrener Konsumgewohnheiten: "Im Vergleich zu den chemisch gefärbten Oliven haben wir auf dem ägyptischen Markt große Schwierigkeiten", beklagt sich etwa Khalil Nasrallah, Geschäftsführer von Wadi Food, einem Betrieb, der auf 125 Hektar biologische Oliven anbaut. Die Ägypter, meint Nasrallah, hätten nämlich ein bestimmtes Bild von der typischen Ölfrucht im Kopf: Je dunkler, desto besser. Bei Gesundheitskontrollen würden zwar jedes Jahr Firmen geschlossen, die das Verbot, Oliven chemisch nachzufärben, umgehen. Das ändere aber nur wenig an den Bedürfnissen des Marktes. Hätten die biologischen, also ungefärbten, Oliven dann auch noch einen höheren Preis, sei es kaum möglich, die Kunden zum Kauf zu animieren. Deshalb konzentriere man sich eben verstärkt auf den Export nach Europa oder in die USA.

Ob die hohe Ausfuhrquote für den ägyptischen Staat ebenso vorteilhaft ist wie für die ökonomisch aufstrebende Bio-Industrie, bleibt allerdings fraglich. Denn Tatsache ist, dass der Selbstversorgungsgrad Ägyptens im Nahrungsmittelbereich seit Jahrzehnten beständig sinkt. Schuld daran trägt vor allem das rasante Wachstum der Bevölkerung. So hat sich in den letzten 130 Jahren die Einwohnerzahl des Nillandes mehr als verdreizehnfacht (von 5,5 Mill. im Jahr 1877 auf geschätzte 72 Mill. heute), gleichzeitig ist aber die landwirtschaftlich nutzbare Fläche im selben Zeitraum nur um etwa 20 Prozent gestiegen, wodurch Ägypten, das in der Antike als 'Kornkammer Roms’ noch ein Drittel des römischen Bedarfs an Weizen und Gerste decken konnte, inzwischen mehr als die Hälfte seiner Lebensmittel importieren muss.

Von der spärlich bis nicht vorhandenen Nachfrage nach heimischen Bio-Produkten blieb auch Ibrahim Abouleish nicht verschont. Besonders die Anfangsjahre, in denen als Hauptabnehmer von Milch, Brot oder Gemüse zunächst nur Institutionen wie die deutsche Botschaft oder die deutsche Schule in Kairo gewonnen werden konnten, machen deutlich, wie viel an Überzeugungsarbeit noch zu leisten war. Ein Schritt in diese Richtung war die Nutzung der Massenmedien. So ließ Abouleish zur Einführung der Marke ISIS Anfang der 80er Jahre eine Reihe von TV-Spots produzieren, die der traditionellen Schwarzteetrinker-Nation Ägypten den gesundheitlichen Wert des Kräutertees nahe bringen sollten. Wider erwarten wurde die Kampagne ein Erfolg, ISIS-Tees gerieten zum Verkausfsschlager. Mittlerweile stammen 80 Prozent der in Ägypten verkauften Kräutertee-Mischungen aus Sekem-eigenen Anbau.

Trotz solcher Erfolge bleibt der heimische Markt ein schwierig zu beackerndes Feld, denn auch bei Sekem geht fast die Hälfte der Produktion nach wie vor in den Export. Wer in europäischen Naturkostläden auf Markennamen wie "Lebensbaum", "Alnatura", "Eosta" oder "Cotton People Organic" stößt, kann davon ausgehen, dass nicht Weniges davon 'Made in Egypt' ist. "Sekem ist einer unserer größten Einzellieferanten für Kräuter und Gewürze, die wir zu Gewürz- und Teeprodukten verarbeiten", meint dazu etwa Ulrich Walter, Geschäftsführer der Firma Lebensbaum.

Ob biologische Lebensmittel im Land am Nil mittelfristig eine Chance haben, bleibt jedenfalls abzuwarten. Denn immer noch begegnen viele Ägypter der Sorge um gentechnisch veränderte Organismen oder chemischen Rückständen in Lebensmitteln gleichgültig bis fatalistisch: "Warum sich über sowas den Kopf zerbrechen?", wundert sich die 23-jährige Bautechnikerin Amira Sawfat, "bei uns ist doch sowieso schon alles verschmutzt, die Luft, das Wasser – einfach alles."

      Am Anfang war es nur ein Flecken Wüste. Nein, nicht die Art von Wüste, wie der durchschnittliche Europäer sie sich vorstellt, mit hoch aufragenden Sanddünen und sporadischen Einsprengseln aus erfrischenden, Schatten spendenden Oasen. Was Ibrahim Abouleish im Frühjahr 1977 auf seinem gerade erstandenen, 700 mal 1000 Meter großen Grundstück im nordöstlichen Nildelta vorfand, entsprach keinem romantischen Klischee. Eine öde, steinige Ebene, in der es seit Generationen kaum geregnet hatte, und ein versalzter Boden von schlechtester Qualität waren alles, womit der studierte Pharmakologe das Auslangen finden musste. Die meisten seiner ägyptischen Verwandten hielten ihn schlichtweg für verrückt. Dass einer wie er, der über zwanzig Jahre in Österreich gelebt, dort eine Familie gegründet und Karriere gemacht hatte, nun ausgerechnet der erste Bio-Landwirt Ägyptens werden wollte, war schon schwer genug zu verstehen. Aber musste es auch noch ein Stück Ödland sein? Es gab doch noch genug fruchtbares, reichlich bewässertes Ackerland im Delta, warum also sollte jemand so töricht sein, ganz von vorne zu beginnen? Von den Ägyptern, so gab man ihm zu verstehen, könne er jedenfalls keine Hilfe erwarten.

Die Einzigen, die in dieser Zeit an das glaubten, was der hagere Wissenschaftler später seine 'Sekem-Vision' nannte, waren seine aus Österreich stammende Frau Gudrun und die beiden gemeinsamen Kinder Helmy und Mona. Nach Abschluss einer zweijährigen Planungsphase, in der Abouleish unter anderem seine gut bezahlte Stelle als Forschungsleiter eines Tiroler Pharmaunternehmens aufgegeben hatte, entschied die Familie, ihr Haus in St. Johann in Tirol zu verkaufen und mit Sack und Pack nach Ägypten zu übersiedeln. Von der frisch bezogenen Wohnung in Kairo aus fuhr Abouleish dann täglich mehrere Stunden über staubige Pisten zum neuen Grundstück, kaufte sich einen alten Traktor, legte im Alleingang Straßen und Parzellen für Obst-, Gemüse- und Zierpflanzenkulturen an und ließ unter einfachsten Verhältnissen einen Brunnen, zu dem später noch vier weitere kommen sollten, bis in 110 m Tiefe graben. Um das Wasser zu fördern, war eine elektrische Tiefpumpe nötig, nur: In ganz Kairo war nichts dergleichen aufzutreiben. Abouleish blieb nichts anderes übrig, als zum Experten in Sachen Elektromotoren, Kreiselpumpen und Rückschlagventilen zu werden und alle benötigten Teile bei den Schrotthändlern der Stadt zusammenzusuchen. Ein noch größeres Problem war die fehlende Elektrizitätsversorgung. Es benötigte zweieinhalb Jahre, langwierige Verhandlungen mit Grundeigentümern und unzählige Behördengänge, um das Sekem-Grundstück ans gerade einmal neun Kilometer entfernte öffentliche Stromnetz anschließen zu lassen. Bis dahin musste ein – obendrein nicht besonders zuverlässiges – Dieselaggregat den Strom für die Wasserpumpe liefern.

     Als die Bewässerung der Felder endlich klappte, konnte mit der Bepflanzung begonnen werden. Zunächst sollten etwa 120.000 Setzlinge aus Flieder, Eukalyptus, Dattelpalmen, Casuarinen usw. das gesamte Gelände nach außen hin abgrenzen und ein gemäßigteres Kleinklima schaffen. Darüber hinaus boten die jungen Bäume in Zukunft Schutz vor Sandstürmen und ungebetenen tierischen Besuchern. Vor allem aber dienten sie laut Abouleish dazu, einen "geschützten Innenraum" zu schaffen, von dem nicht nur die in Sekem angebauten Pflanzen, sondern auch das soziale und kulturelle Leben im späteren Dorf profitieren würde können. Denn Eines war dem angehenden Landwirt von Beginn an klar: Sekem (nach der altägypt. Hieroglyphe für 'Lebenskraft der Sonne') war in Abouleishs Vorstellung nicht bloß ein Ort, wo in Zukunft mit dem Anbau von biologischem Gemüse, Baumwolle, Heilkräutern oder Gewürzen begonnen werden sollte, sondern wo Menschen aus der Region Arbeit finden, eine Schulausbildung erhalten und an medizinischer Versorgung teilhaben konnten, kurz: ein Ort, wo vieles von dem, was das Entwicklungsland Ägypten seinen Bürgern noch nicht bieten kann, eine Chance auf Verwirklichung bekam.

Welchen Schwierigkeiten der Aufbau eines "blühenden Gartens in der Wüste" dabei immer wieder ausgesetzt war, bezeugt ein Vorfall, der beinahe das Aus für alle bisherigen Anstrengungen bedeutet hätte: Als Abouleish eines Morgens aus Kairo angefahren kam, sah er, wie Bulldozer Tausende von Bäumen weggerissen hatten und Soldaten mit Maschinengewehren auf dem Gelände patrouillierten. "Ich erfuhr, dass ein General angeordnet hatte, aus dem Gebiet, das durch uns überhaupt erst mit Wasser erschlossen worden war, ein Militärgebiet zu machen. Ohne weitere Verhandlungen wollte man mich einfach verjagen!" Nur durch eine rasche Intervention beim damaligen Vizepräsidenten Mubarak konnte Abouleish das Schlimmste verhindern. Trotzdem verließ der letzte Soldat erst nach Wochen die Farm, und für sämtliche Schäden hatte allein der Besitzer aufzukommen: "Den Begriff Schadensersatz gibt es in Ägypten nicht; das Höchste, zu dem man bei einem Fehler bereit ist, ist eine Entschuldigung."

     Kaum war der eine Rückschlag verdaut, braute sich der nächste Sturm über Sekem zusammen: Kurz nachdem das Rundhaus – erstes Gebäude der Farm und späteres Wohnhaus der Familie – fertig gestellt worden war, klopfte auch schon ein Trupp Polizisten an die Tür. Die zuständige Behörde hatte verfügt, den gesamten Betrieb unverzüglich zu schließen, da von ihm eine ernste Bedrohung für Mensch und Natur ausgehe. Von welcher ‚Gefahr’ hier die Rede war, ließ sich rasch klären: Einige Monate zuvor hatte das Landwirtschaftsministerium von Abouleish detaillierte Auskünfte über die bis dahin in Ägypten unbekannte Form der biologisch-dynamischen Landwirtschaft verlangt, so wie sie auf den Feldern und in den Stallungen von Sekem zur Anwendung kam. Ein wesentliches Element bei dieser besser unter ihrem Markennamen 'Demeter' bekannten Form des organischen Landbaus ist die Nutzung von speziell behandeltem Kompost, der als natürlicher Dünger auf die bebauten Flächen aufgebracht wird. Doch gerade hier wurden die Experten des Ministeriums misstrauisch. Aus Abouleishs Ausführungen, hieß es, ginge nämlich hervor, "dass sich durch die Kompostwirtschaft die Bakterien vermehren und das Land somit verseucht wird." Der Betrieb müsse daher unverzüglich geschlossen werden. Punkt.

Obwohl Abouleish natürlich wusste, dass derartige Vorwürfe völlig aus der Luft gegriffen waren, blieb ihm keine andere Wahl, als die Bürokraten in Kairo davon zu überzeugen, dass die eigentliche Gefahr für Ägypten mit Sicherheit nicht von den erst kürzlich angekauften 60 einheimischen Büffeln und 40 Allgäuer Rindern ausging, aus deren Dung der beanstandete Kompost hergestellt wurde. Das größte Problem für Agyptens Landwirtschaft war nicht ein Zuviel an Kleinstorganismen, die gewöhnlich erst für einen humusreichen, gut durchlüfteten und letztlich gesunden Boden sorgen, sondern deren eklatanter Mangel, hervorgerufen durch den intensiven Einsatz chemischer Düngemittel und Pestizide. Nach endlosen Verhandlungen mit dem Ministerium, in denen Abouleish wieder und wieder erläutern musste, dass das Ziel der biologisch-dynamischen Landwirtschaft keineswegs die Verseuchung des Bodens, sondern einzig und allein die Produktion gesunder Lebensmittel sei, wurde entschieden, den Schließungsbescheid der Sekem-Farm zu revidieren, allerdings mit der Auflage strenger regelmäßiger Kontrollen. Was anfangs nach einer bloßen Schikane aussah, geriet schon bald zum strategischen Vorteil. Abouleish erinnert sich: "Ein Wissenschaftler erschien und entnahm eine Probe, um den Boden zu analysieren. Dies geschah dann regelmäßig über zehn Jahre. Und das war schließlich das Beste, was uns passieren konnte, weil dadurch das Ministerium die bodenverbessernden Maßnahmen und die Fortschritte, die wir erzielten, Schritt für Schritt mitverfolgte."

     Nicht alle späteren Analysen lieferten positive Resultate. In den von Sekem ab 1983 produzierten Teemischungen der Marke ISIS – bestehend aus selbst angebauten Kräutern wie Kamille oder Pfefferminze – wurden schon kurze Zeit später wiederholt Rückstände von Pflanzenschutzmitteln nachgewiesen, worauf Abouleish empört die gesamte Farm von oben bis unten nach den vermeintlichen Schuldigen, die unerlaubterweise zur Chemie gegriffen hatten, durchsuchen ließ, allerdings ohne Erfolg. Der wahre Verursacher hatte, wie sich später herausstellen sollte, gar nichts mit Sekem zu tun. Man hätte nur genauer hinhören müssen. Bis zu zwanzig Mal hintereinander flogen nämlich die in Ägypten wohlbekannten kleinen Propellermaschinen, beladen mit hunderten Litern an Pestiziden, über die Baumwollfelder des Deltas, auch in der Nachbarschaft zur Sekem-Farm. Insgesamt 35.000 Tonnen an Pflanzenschutzmitteln kamen so noch Anfang der 90er Jahre im ganzen Land zur Anwendung, um Schädlinge wie Blattläuse, weiße Fliege, Blasenfüße, Blattraupen oder den gefürchteten Kapselbohrer von den Baumwollpflanzen fernzuhalten. Um den Eintrag gefährlicher Substanzen in Zukunft zu verhindern, blieb Abouleish keine andere Wahl als das Problem an der Wurzel zu packen: Die Spritzungen mussten aufhören, nicht nur im Delta, sondern landesweit! Den Beweis, dass es auch ohne Chemie ging, wollte man unverzüglich antreten. Auf einer Reihe von Versuchsfeldern, zuerst auf Sekem, dann in ganz Ägypten, wurde im Rahmen einer mehrjährigen Studie der Nachweis erbracht, dass sämtliche Schädlinge im Prinzip allein mit biologischen Mitteln bekämpft werden konnten. Blasenfüße und weiße Fliege zum Beispiel ließen sich leicht mit beleimten Gelbtafeln abfangen, Trichterfallen mit Duftlockstoffen schalteten die Falter aus, aus denen sich später die gefräßigen Blattraupen entwickelten, und dem Kapselbohrer wurde mit speziellen Röhrchen zu Leibe gerückt, deren intensiver Geruch das Insekt schon im Vorfeld vertrieb. Ergänzende Maßnahmen zur Bodenverbesserung wie die regelmäßige Düngung mit Kompost komplettierten die Bemühungen und führten zum Erfolg auf ganzer Linie: Nicht nur, dass man in Hinkunft auf den Einsatz von Pestiziden verzichten konnte, stand jetzt fest, auch die Ernteerträge waren um rund 10 Prozent gestiegen.

Auf der weltweit ersten internationalen Bio-Baumwoll-Konferenz in Kairo stellte Abouleish, der das Treffen einberufen hatte, die Ergebnisse der Studie den Medien vor. Zeitungen und TV-Stationen aus ganz Ägypten berichteten erstmals in aller Breite über das "Miracle in the Desert" und präsentierten Abouleishs Initiative als Kampf Davids gegen die übermächtige chemische Industrie. Nun wurde auch die Politik hellhörig. Nach einem Besuch des Landwirtschaftsministers auf der Farm genehmigten die Behörden eine Reihe weiterer Untersuchungen, die allesamt zu ähnlichen Resultaten führten. Drei Jahre nach dem Start der Kampagne hatte der energische Ägypter sein Ziel erreicht. Das Ministerium war endgültig sowohl von der Nachhaltigkeit als auch von der besseren Effizienz des biologischen Pflanzenschutzes überzeugt und ordnete an, ab sofort sämtliche Pestizidspritzungen auf Ägyptens Baumwollfeldern – einer Fläche von insgesamt 400.000 Hektar – einzustellen.

     Fast hätte Abouleish diesen Sieg nicht mehr erlebt. Nach sieben Jahren unermüdlichen Einsatzes für seinen Betrieb, in denen er oft buchstäblich um jeden einzelnen Baum zu kämpfen hatte und nur selten ausreichend Schlaf und Erholung fand, hatte sich in dem unbeugsamen Visionär nach eigenen Worten ein "furchtbarer seelischer Druck" aufgebaut, dem im Herbst 1984 ein schwerer Herzinfarkt folgte. Nach sechsmonatiger Rehabilitation in Europa und einem weiteren lebensbedrohlichen Rückfall kehrte er geschwächt, aber mit einer Reihe neuer Geschäftsideen nach Ägypten zurück. So kamen zu der bereits existierenden Produktion von Kräutertees und Gewürzen (ISIS) in den folgenden Jahren noch die Firmen ATOS (Naturheilmittel), LIBRA (Frischgemüse), CONYTEX (Baumwollgarn, Textilien) und HATOR (Verarbeitung und Verpackung von Lebensmitteln) hinzu, die mit einem Gesamtumsatz von 100 Mill. ägypt. Pfund im Jahr 2003 und einer jährlichen Wachstumsrate von 30 bis 40 Prozent mittlerweile zu den ökonomisch aufstrebendsten Unternehmen in Ägypten zählen. Auch die Anzahl der Beschäftigten stieg kontinuierlich auf zuletzt 2000, von denen die meisten täglich auf das inzwischen 300 Hektar große Farmgelände einpendeln. Bereits ein knappes Viertel von ihnen ist bei ATOS mit der Herstellung pflanzlicher Pharmazeutika wie 'AbnobaViscum' befasst, einem Mistelpräparat, das als immunstärkendes Medikament vor allem in der ergänzenden Krebstherapie zur Anwendung kommt. Darüber hinaus finden sich heute, neben scheinbar endlosen Feldern mit Getreide, Kräutern und Gemüse oder Alleen von Oleander und Bougainvileen, auch noch eine Bäckerei und Käserei oder Öl- und Getreidemühlen auf der Farm – und, nicht zu vergessen: Ein Kindergarten; eine Grund-, Haupt- und Berufsschule; eine Akademie für angewandte landwirtschaftliche und pharmazeutische Forschung; ein medizinisches Zentrum für mehr als 30.000 Menschen, die in und rund um Sekem, und dort teils noch immer unter erschreckenden hygienischen Bedingungen leben; eine Moschee; eine koptische Kapelle; ein Amphitheater für bis zu 2000 Besucher; ein Gesangsverein; ein Orchester; eine Schauspielgruppe; eine Kunstschule; ein Dorfrat; eine Polizeistation. Was es noch nicht gibt, ist eine eigene Universität. Aber auch daran, verspricht Ibrahim Abouleish, werde bereits gebaut. Noch vor Ablauf des nächsten Jahres sollen die ersten Studenten sich in Fächern wie Betriebswirtschaft, Medizin oder Computertechnik einschreiben können.

    Die nicht nur in Ägypten einzigartige Verknüpfung von ökonomischer, kultureller und gesellschaftlicher Entwicklung, die das Sekem-Projekt heute auszeichnet, wurde in den letzten Jahren von einer stetig wachsenden Zahl internationaler Organisationen mitverfolgt, die sich inzwischen bei Helmy Abouleish, der seinen Vater vor ein paar Jahren als Geschäftsführer abgelöst hat, die Klinke in die Hand drücken. Leute von der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds oder vom World Economic Forum in Davos kämen regelmäßig zu Besuch, weil sie wissen wollten "wie es sich auswirkt, wenn sich ein Unternehmen als lernende, soziale und kulturelle Gemeinschaft versteht." Sekem investiere zum Beispiel mindestens eine bezahlte Arbeitsstunde pro Tag in die Aus- und Fortbildung seiner Beschäftigten, meinte der Unternehmer kürzlich in einem Interview mit naturkost.de, und dabei handele es sich nicht nur um Geschenke oder Nächstenliebe, sondern "um eine Investition, die zurückkommt. Denn wir erleben, dass Firmen immer mehr nach dem bewertet werden, was ihre Mitarbeiter an Fähigkeiten und Wissen verkörpern." Wer als Unternehmen gleichzeitig wirtschaftlichen Erfolg haben und dabei noch eine nachhaltige Entwicklung fördern will, müsse jedenfalls, so wie es sein Vater einmal ausgedrückt hat, von einer "Menschenbildung im umfassendsten Sinn" ausgehen und daher auch auf sozialem und kulturellem Gebiet aktiv sein, lautet das Resümee von Helmy Abouleish. So ähnlich sah das auch eine Organisation, die alljährlich eine Auszeichnung für die "richtige Lebensführung" vergibt: Im Jahr 2003 wurde Ibrahim Abouleish von der Right Lifelihood Foundation der alternative Nobelpreis zuerkannt. Sekem, so die Begründung, sei das "Geschäftsmodell des 21. Jahrhunderts", weil es ökonomischen Erfolg mit Respekt für die Umwelt und hohen menschlichen und ethischen Standards kombiniere. Ibrahim Abouleish selbst, über den eine Zeitung vor ein paar Jahren schrieb, dass er über eine "seltene Mischung aus nüchternem Geschäftssinn und Weisheitsliebe" verfüge, pflegt es etwas einfacher auszudrücken: "Ohne Sekem würde der Welt etwas fehlen."


Interview mit Ulrich Walter
(Geschäftsführer der Firma Lebensbaum)

AM: Wann kam es zum ersten Zusammentreffen zwischen Ihnen und Ibrahim Abouleish?

"Auf der Suche nach erfahrenen Lieferanten, insbesondere aber auch Demeter-Produzenten, machte mich ein Freund 1985 auf Sekem aufmerksam. Er hatte über die anthroposophische Bewegung davon gehört. Daraufhin schrieb ich an Sekem, bekam aber zunächst keine Antwort. Wie sich später herausstellte, war man auf Export zu der Zeit noch nicht vorbereitet und traute sich nicht zu antworten. Trotzdem kam es zu dem Kontakt und ich besuchte Sekem. Von da an entwickelte sich allmählich nicht nur eine Handelsbeziehung, sondern eine Freundschaft. Mit der Geschäftsbeziehung konnte ich gleichzeitig eines der interessantesten Entwicklungsprojekte unterstützen. Dieser Ansatz ist bis heute gegeben."

AM: Aus welchen Ländern beziehen sie Ihre Waren?

"Wir beziehen  und verarbeiten jährlich ca. 500 t Kaffee und Tee und über 800 t Kräuter und Gewürze. Wo immer es möglich ist, kaufen wir die Rohware direkt von den Erzeugern ein. Der Kaffee stammt größtenteils aus Mexiko sowie zum kleineren Teil aus Brasilien und Indien. Den Schwarztee beziehen wir aus Indien, und Sri Lanka, den Grüntee aus Indien und China. Sekem ist einer unserer größten Einzellieferanten für Kräuter und Gewürze, die wir zu Gewürz- und Teeprodukten verarbeiten. Insgesamt beziehen wir Waren aus über 30 Ländern weltweit. Ein weiterer großer Teil der Kräuter stammt aus Deutschland, Italien, Frankreich und Osteuropa. In Afrika beziehen wir außerdem Ware aus Südafrika (Rooibusch Tee), Burkina Faso, Malawi und Tansania."

AM: Welche Produkte beziehen Sie im Detail von Sekem? Hat sich die Produktpalette seit Beginn Ihrer Zusammenarbeit verändert?

"Wir beziehen Kräuter und Gewürze von Sekem. Die wichtigsten sind Fenchel, Anis, Pfefferminze, Kamille und Thymian. Die Palette hat sich nicht wesentlich ausgeweitet, weil wir als Gewürz- und Teehersteller bei unserer Kernkompetenz bleiben und bisher keine weiteren Produktsegmente aufbauen. Die Menge der abgenommenen Kräuter und Gewürze steigt aufgrund des Marktwachstums jedoch kontinuierlich."

AM: Welche Gewürze, Tees oder andere Produkte verkaufen sich im Moment besonders gut? Ist die Nachfrage im Jahr 2005 eine andere als noch in den Anfangsjahren Ihrer Firma?

"Sehr früh haben wir Wert auf eine sehr gute Geschmacksqualität unserer  Produkte gelegt. Auch wir stellen fest, dass sich die Nachfrage im Bereich der Convenience Produkte vergrößert. In unserem Sortiment betrifft das Tee-Aufgussbeutel, fertige Gewürzsalze, fertige Salat-Dressingmischungen zum Anrühren usw."

AM: Fragen Ihre Konsumenten nach der Herkunft der Waren, die sie bei Ihnen kaufen?

"Das Interesse unserer Kunden nach der Produktherkunft ist sehr groß. Wir kommunizieren die Herkunft ausführlich in unserer vierteljährlich erscheinenden Kundenzeitung World Taste Open, über das Internet unter www.lebensbaum.de und teilweise auf den Verpackungen. Seit Januar 2005 haben wir einige wichtige Produkte auf der Verpackung mit dem Nature & More-Siegel versehen. Anhand einer Codenummer auf dem Etikett kann sich dann der Verbraucher detailliert im Internet über den jeweiligen Erzeuger und seine Bewertung durch die unabhängige Stiftung Nature & More informieren. Von Sekem ist dort das Produkt Kamille eingestellt. (Bitte im Internet nachschauen unter www.natureandmore.com. Die Code-Nummer für den Kamillentee lautet 921. Nature & More bewertet jeden Erzeuger nach ökologischen und sozialen Kriterien sowie nach der Produktqualität.)"

AM: Wie groß schätzen Sie das Wissen ihrer Kunden um die landwirtschaftlichen Anbaumethoden ein, mit der Ihre Produkte erzeugt werden? Kennen die Konsumenten zum Beispiel den Unterschied zwischen der "organisch-biologischen" und der "biologisch-dynamischen" Landwirtschaft?

"In den vergangenen Jahren hat ja von staatlicher Seite eine große Informationskampagne hinsichtlich biologisch erzeugter Produkte stattgefunden, aber weiterer Aufklärungsbedarf besteht hier sicherlich immer, da die Kundschaft des Naturkosthandels ja auch wächst. Ein Teil der Lebensbaum-Kunden kennt den Unterschied zwischen biologisch-dynamischer Ware und Bio-Produkten, aber sicher nicht alle. Auch hier leisten wir mit unserer Kundenzeitung ständige Aufklärungsarbeit."

AM: Wie erfolgt die Distribution Ihrer Waren? Liefern Sie nur an Feinkost- bzw. Bioläden? Oder sind Sie auch auf Bauernmärkten, Messen bzw. im Supermarkt präsent?

"Die Lebensbaum-Produkte sind im Naturkostfachhandel erhältlich. Die Distribution erfolgt unsererseits über den Großhandel."

AM: Wie stellen Sie sich die weitere Zusammenarbeit mit Sekem vor? Gibt es Pläne für eine Ausweitung der Produktpalette?

"Wir arbeiten bereits seit 20 Jahren mit Sekem zusammen, und Sekem ist einer unserer wichtigsten Lieferanten. Hier werden nicht nur hochwertige Produkte hergestellt, sondern Sekem ist ein Vorreiter für die Umsetzung von Nachhaltigkeit im besten Sinne des Wortes. Hier werden ökologische Ideen und soziale Konzepte realisiert, gleichzeitig sichert die wirtschaftliche Basis Tausende von Arbeitsplätzen in Ägypten. Wir sind mit der Zusammenarbeit sehr zufrieden und werden sie sicher weiter ausbauen."

AM: Herr Walter, vielen Dank für das Gespräch.

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