Auf dem Weg zum Kampf der Kulturen

Strategien und Planspiele in Amerikas globalem Krieg

"Das ist nicht nur ein Krieg gegen den Irak, es ist ein Krieg gegen Terrororganisationen
und gegen Regimes, die die terroristischen Legionen aufpäppeln, unterstützen, bewaffnen,
ausbilden, indoktrinieren und kommandieren, die nach unserer Vernichtung schreien.
Es gibt vier solche Regimes: im Iran, Irak, Syrien und Saudi-Arabien."
(Michael Ledeen, American Enterprise Institute)

Von Franz Wagner
(16.11.2002)


     Einige Tage nach dem terroristischen Angriff auf Pentagon und World Trade Center marschierte CIA-Direktor George Tenet in Präsident Bushs Büro auf Camp David und legte ihm ein internes Strategiepapier mit dem wenig unscheinbaren Titel "World Wide Attack Matrix" auf den Tisch.

Der Kern dieses Berichts entsprach ganz den Erwartungen, die George Bush jr. schon kurz zuvor in seiner gleichnamigen "Doktrin" am 11. September ins Leben gerufen hatte: In Zukunft werde es keine Unterscheidung mehr zwischen Terroristen und all jenen geben, die ihnen Unterschlupf gewähren oder ihnen sonstwie Unterstützung zukommen ließen. Außerdem werde Amerika mit aller Entschlossenheit, "hart und spektakulär" vorgehen und der Kampf möglicherweise sehr lange dauern. Die Bevölkerung stehe überdies geschlossen hinter ihm ("The American people wants a Big Bang") und wenn es sein müsse, könne man auch allein in den Krieg ziehen: "At some point we may be the only ones left. That’s okay with me. We are America".

Vor allem den Bemühungen der "Tauben" rund um Außenminister Colin Powell, aber auch der weltweiten Empörung und Hilfsbereitschaft nach dem 11. September war es letztlich zu verdanken, daß trotz aller Gerüchte und Diskussionen um einen möglichen Alleingang Amerikas die oft zitierte "Koalition gegen den internationalen Terrorismus" letztlich doch geschmiedet werden konnte. Und das mit einigem Erfolg: Heute ist die Schutzmacht von Osama bin Ladens Gotteskriegern, das Talibanregime, weitgehend besiegt, und auch gegen Al Kaida selbst konnten zuletzt einige spektakuläre Schläge geführt werden – so etwa die Verhaftung von Ramzi Binalshibh, dem mutmaßlichen Finanzchef von Al Kaida, oder weiterer hochrangiger Mitglieder in der "zweiten Reihe" hinter Bin Laden und dessen Stellvertreter, dem ägyptischen Arzt Aiman el Zawahiri.

    Die von Bush letztlich abgesegnete "Attack Matrix" des CIA-Chefs – ein geheimer Angriffsplan zur Intensivierung und Ausweitung nachrichtendienstlicher Aktionen in 80 Ländern – zeigt also zweifellos Wirkung. Tatsache ist aber auch: Osama bin Laden und Mullah Omar sind nach wie vor auf freiem Fuß, die unbekannten Geldquellen von Al Kaida konnten bisher nicht einmal ansatzweise trocken gelegt werden, und seit dem 11. September sind weitere, teils verheerende Anschläge erfolgt: El Dscherba in Tunesien, das Attentat auf das indische Parlament im Dezember 2001, Angriffe gegen amerikanische Marines in Kuwait und einen Öltanker im Jemen, zuletzt eine Autobombe mit knapp 200 Toten im größten islamischen Staat Indonesien. Der Terror, so scheint es, hat seine weltweite Dimension auch nach der vorübergehenden "Schrecksekunde" in Afghanistan weiterhin aufrecht erhalten können. Insofern ist das Bedrohungspotential im Kampf gegen das "Übel des 21. Jahrhunderts" noch immer hoch, wenn nicht sogar höher als jemals vorher.

Nicht ohne Grund wird darüber spekuliert, daß es in Zukunft Al Kaida oder anderen radikalen Gruppen gelingen könnte, sich Zugang zu Massenvernichtungswaffen zu verschaffen. Und das müssen nicht unbedingt Atomwaffen sein. So genügen für die Produktion geringer Mengen chemischer Kampfmittel bereits ein gut ausgestatteter "Chemiebaukasten", einige Fachkenntnis und die entsprechenden Ausgangsstoffe, um Waffen von höchster Toxizität herstellen zu können. Als die japanische AUM-Sekte im Jahr 1995 einen Anschlag im Tokyoter U-Bahn-System verübte, wurde der Nervenkampfstoff Sarin verwendet: 1 Liter Sarin kostet in der Produktion ca. 5 EURO und ist giftig genug, um etwa eine Million Menschen zu töten. Und es gibt noch gefährlichere Mittel: Der derzeit giftigste chemische Kampfstoff – fünfundachtzigtausendmal giftiger als Sarin – ist "VX", ein Nervengift, von dem der Irak schon im Jahr 1997 offiziell 3,9 Tonnen produziert hatte, und UNSCOM schätzt gegenwärtig, daß bis zu 200 Tonnen VX an geheimen Orten im Irak eingelagert sein könnten.

     Wie groß aber ist nun die Bedrohung wirklich, und von wem genau geht sie aus? Sowohl Saddam Hussein und zuletzt auch Nordkoreas Kim Jong Il, beide im Sinne der USA zur "Achse des Bösen" gehörend, haben zugegeben, über chemische oder atomare Waffen zu verfügen. Auch Osama bin Laden hat vor drei Jahren in einem Interview mit der amerikanischen Zeitschrift "Newsweek" keinen Hehl daraus gemacht, mit welchen Mitteln der Dschihad in Zukunft geführt werden solle: "Wir sehen es nicht als ein Verbrechen, wenn wir uns um nukleare, chemische und biologische Waffen bemühen. Unser heiliges Land ist von israelischen und amerikanischen Truppen besetzt. Wir haben das Recht, uns zu verteidigen und unser heiliges Land zu befreien." Wie Bin Ladens Vokabel von der "Befreiung" zu deuten ist, wurde am 11. September 2001 mehr als deutlich, und es bleibt zu befürchten, daß in nächster Zeit nicht mehr ausschließlich Begriffe wie Kerosin, TNT oder C4, sondern solche wie etwa Botulinus, Rizin, Blausäure, Senfgas und "schmutzige Atombomben" in den Schlagzeilen von CNN und Co. die Runde machen werden, sofern sie es nicht heute schon – Stichwort: Anthrax (Milzbrand) – tun.

Unter dem Eindruck der bisher beschriebenen Fakten und Aussagen bekommt die Angst vor allem in den USA, wonach der nächste Schlag der Terroristen so gut wie sicher kommen und mit atomaren, biologischen oder chemischen Mitteln geführt werde, ein sehr viel klareres Gesicht, und nur so sind auch die teils berechtigten, zum Teil aber auch ans Hysterische grenzenden Reaktionen zu verstehen, die Saddam Hussein und diverse andere Regimes der Zusammenarbeit mit Al Kaida und Osama bin Laden verdächtigen. So übte zuletzt etwa Steven Forbes, amerikanischer Milliardär und ehemaliger Präsidentschaftskandidat, scharfe Kritik an der offensichtlichen Unfähigkeit Europas, die Gefährlichkeit des irakischen Diktators anzuerkennen. Hussein habe "furchtbare Waffen gebaut...und alles weist darauf hin, daß er das wieder tut. Wenn die Europäer Sicherheit ernst nehmen, müssen sie begreifen, daß das auch bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Wenn ihr unter dem amerikanischen Schutzschirm bleiben wollt, hört auf, euch zu beklagen."

     Ist aber der Mann, der sich, wie das ZDF jüngst berichtete, in den letzten vier Jahren fast ausschließlich von drei Doppelgängern vertreten ließ, tatsächlich fähig und bereit, "eine Atombombe auf London" (Forbes) zu werfen? Hussein ist jedenfalls der einzige, der im Moment exponiert genug agiert, um als Angriffsfläche für Amerikas Ängste vor Terrorismus und Massenvernichtungswaffen herhalten zu können. Mit ihm wird das "Böse" in Gestalt einer konkret faßbaren Person zugleich sicht- und angreifbar, lenkt aber gerade aus diesem Grund von einer rationalen Analyse des Problems ab, indem es zu einer Vernebelung dessen führt, was genau man nun eigentlich unter Begriffen wie Terrorismus, Islamismus, Glaubenskrieg oder einer "Achse" des Bösen zu verstehen hat. Für Lothar Rühl vom Forschungsinstitut für politische Wissenschaft an der Universität Köln gipfelt diese Unklarheit in der Frage, ob es in Washington überhaupt noch Kriterien gibt, wie im Kampf gegen den Terrorismus letztlich zwischen Feinden, Zielen und Strategien differenziert werde:

"Soll zwischen verschiedenen potentiellen Bedrohungen, Risiken und Feinden nach deren Fähigkeiten, Gefährlichkeit, Verletzlichkeit oder internationaler Bedeutung und besonderen Situation nicht mehr unterschieden werden?"

Oder um etwas deutlicher zu werden: Werden im Kampf gegen Al Kaida und anderer islamistischer Vereinigungen am Ende Geheimdienstaktionen allein ausreichen, oder wird dieser Krieg, "dessen Verlauf ungewiß, aber dessen Ausgang sicher ist" (Bush), noch weitere, umfassendere Mittel und Strategien verlangen, um irgendwann doch noch als abgeschlossen gelten zu können? Manche Vordenker in Washington scheinen hier vor allem das "Hau-Drauf-Prinzip" zu ihrer Maxime erkoren zu haben. Michael Ledeen, Mitarbeiter des American Enterprise Institute, spricht aus, was Verteidigunsminister Rumsfeld oder die nationale Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice bisher nur im engsten Kreis formulieren:

"Das ist nicht nur ein Krieg gegen den Irak, es ist ein Krieg gegen Terrororganisationen und gegen Regimes, die die terroristischen Legionen aufpäppeln, unterstützen, bewaffnen, ausbilden, indoktrinieren und kommandieren, die nach unserer Vernichtung schreien. Es gibt vier solche Regimes: im Iran, Irak, Syrien und Saudi-Arabien."

     Schon geht ein neues Wort um, nicht nur in Amerika. Es ist das Wort vom "demokratischen Imperialismus", das bedeutet: Man fährt eine "Grand Strategy" und meint damit die militärische Eroberung und Zerstörung aller arabischen Diktaturen, Clanherrschaften oder Theokratien, die als Hauptgrund dafür angesehen werden, daß der Terrorismus sich weiterhin nahezu ungehindert ausbreiten kann. Wenn die Massen erst ihre Peiniger an der Spitze los sind, dann, so der Gedanke, werde automatisch und sogar relativ rasch eine Bewegung in der Bevölkerung erzeugt, die letzten Endes – und ähnlich wie in Europa oder Japan nach dem 2. Weltkrieg – zu Demokratie, Freihandel, Wohlstand und einer Wahrung der Menschenrechte führen sollte. Auch Steven Forbes ist von einem Erfolg dieses Konzepts überzeugt:

"Wir haben unsere Verluste schon gehabt. Die Frage ist, wie verschütten wir die Quelle künftiger Verluste? Ich glaube, daß die militärische Kampagne gegen Saddam kurz sein wird – nicht länger als ein oder zwei Wochen. Wenn er gestürzt ist, werden wir auch einen Regimewechsel im Iran haben – nicht durch uns, sondern durch innere Kräfte. Die Iraner sind proamerikanisch, die jungen Leute verabscheuen das klerikale Regime. Ich glaube, mit der Zeit wird man Reformen auch in Saudi-Arabien sehen. Man kann das nicht über Nacht ändern. Aber man kann Bedingungen schaffen, in denen Änderungen möglich sind. Demokratie wurde in Südkorea eingepflanzt, in Chile, auf den Philippinen, in Taiwan, auch im Mittleren Osten."

Wenn Forbes recht behält, dann bestünde das langfristige Ziel dieser Strategie in einer größtmöglichen – militärischen wie ökonomischen – Einmischung des Westens im arabisch-islamischen Kulturkreis. Wenn, so die Überlegung, die Basis erst die Möglichkeit erhält, an den demokratischen Strukturen, die der Westen nach einer allfälligen Intervention aufgebaut hat, mitzuwirken und so auch an der Globalisierung teilzuhaben, dann wird sofort klar werden, daß die Massen nur auf diesen Schritt gewartet haben. Der Islam und alle ihm zugehörigen Muslime seien ja schon immer demokratisch in ihren Ansichten gewesen, nur war es ihnen eben bisher unmöglich – und das auf Grund von Armut und autoritärer Niederhaltung – dies auch öffentlich und ungehindert zum Ausdruck zu bringen.

Eine solche Überzeugung deckt sich nebenbei auch gut mit dem Standpunkt, daß die tieferen Wurzeln des Terrorismus in erster Line bei den "oft undemokratischen Regierungen in den arabischen Staaten und in der Armut der Dritten Welt" zu suchen sind, wie etwa Robert Holzmann, Weltbankdirektor in Washington meint. Vor allem aber läuft die Welt mit solchen Ansichten Gefahr, den Hardlinern innerhalb des Pentagon, die zuerst die große Zerstörung und dann den großen Wiederaufbau im Sinn haben, irgendwann zustimmen zu müssen – nicht zuletzt deshalb, weil es auch im Kosovo oder in Afghanistan zumindest ansatzweise schon funktioniert hat.

    Aber ist die Lösung tatsächlich so einfach? Samuel Huntington jedenfalls, der Autor des vielbeachteten Buchs "The Clash of Civilizations", vertritt eine entschieden andere Ansicht. Würde es nach ihm gehen, dann sollte eine Gesellschaft, insbesondere der Westen, sich tunlichst nicht in die inneren Angelegenheiten anderer Kulturen einmischen, um so Konflikte gar nicht erst entstehen zu lassen. Die Befürworter dieses Modells führen hierbei ins Treffen, daß der einzige Weg zu einer dauerhaften Friedenslösung darin bestünde, die "Wurzeln des Hasses", die zum Terrorismus geführt haben, zu beseitigen. Das könnte zum einen durch den Rückzug Israels aus den besetzten Palästinensergebieten geschehen, könnte aber auch in einem Ende der amerikanischen Militäpräsenz in Saudi-Arabien und den daran angrenzenden Scheichtümern wie etwa Kuwait oder Quatar zu finden sein.

Man kann sich allerdings auch hier die Frage stellen, ob der Rückzug des Westens aus sämtlichen innerislamischen Angelegenheiten sowohl wünschenswert und hilfreich als überhaupt noch machbar wäre. Denn eines ist wohl unbestritten: Die Geschichte der Interventionen und Kooperationen des abendländischen Kulturkreises im oder mit dem arabischen ist jedenfalls um einiges älter als der moderne Terrorismus.

     Schon in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts haben zum Beispiel das British Empire wie auch die USA im "Great Game", einem Wettlauf um den Zugriff auf die umfangreichen Ölreserven in der Region, versucht, sich um eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Saudi-Arabiens König Abd al Aziz ibn Saud zu bemühen. Den Zuschlag für die Konzession zu Produktion, Transport, Verarbeitung und Vermarktung des arabischen Öls erhielten schließlich im Jahr 1947 die USA. Mit Texaco, Exxon und Mobil schlossen sich die drei bedeutendsten Ölfirmen des Landes zur "Arabian American Oil Company Aramco" zusammen, die sich nach Ansicht von Karin Kneissl vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien schon sehr bald zu einem "Staat im Staate" ausgewachsen hatte und sich als "Lobby der besonderen Art" verstand:

"Die Geschäftsleitung von Aramco gestaltete die Tagespolitik im Gaststaat, und in den Büros der Ölfirmen wurde Regionalpolitik im großen Stil betrieben."

Auch nach der Verstaatlichung von Aramco in den 70er Jahren dauerte dieser Einfluß an, und oberstes Ziel des Lobbyings war es von jetzt an, die Sowjetunion nicht noch weiter an Boden gewinnen zu lassen. Als auf Grund der islamischen Revolution im Iran 1979 auch in Saudi-Arabien erste Unruhen ausbrachen, mußten die USA ihre Interessen diesmal sogar direkt schützen. Nur durch eine Intervention von Sondereinheiten des amerikanischen und britischen Militärs konnten die von Teheran angezettelten Ausschreitungen während der jährlichen Pilgerfahrt in Mekka unter Kontrolle gebracht werden. Auch im Iran selbst zog vor dem Aufstand der Mullahs mehr als einmal Washington die Fäden. So konnte etwa im Juli 1953 Schah Reza Pahlevi nur mit Hilfe einer Intervention des CIA gegen den früheren Premier Mossadegh auf seinen Thron zurückkehren. In der Folgezeit erhielten sowohl Saudi-Arabien als auch der Iran umfangreiche Waffenlieferungen und Unterstützung bei der Ausbildung eigener Sicherheitskräfte.

Die Politik der "Einmischung" erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt jedoch im Jahr 1990, als umfangreiche Truppenkontingente zum Schutz Ryiadhs gegen den Irak aufmarschiert waren, um Saddam Hussein aus dem Ölscheichtum Kuwait zu vertreiben. Gegenwärtig befinden sich nach wie vor etwa 7000 US-Soldaten auf Basen im saudischen Königreich, und die USA planen derzeit weitere 13 Militärstützpunkte für 60.000 Mann in insgesamt neun islamischen Staaten.

     Welche Strategie ist nun die richtige? Eine immer weiter gehende Einflußnahme des Westens unter Führung der USA und inklusive der mittel- und langfristigen Option, nicht nur im Irak oder im Iran, sondern im gesamten arabischen Raum "aufzuräumen", die "Schurken" von ihren Staaten zu trennen und sich später im "Nation Building" zu versuchen – mit der vagen Hoffnung, daß mit Hilfe von Demokratie und freier Marktwirtschaft dem Terrorimsus in Zukunft der Boden entzogen werden kann? Von allen Varianten wäre das jedenfalls die gewaltträchtigste, und sie würde wohl kaum ohne größere Verluste und vielleicht auch nicht ohne einen tatsächlichen Einsatz diverser Massenvernichtungswaffen – und das auf beiden Seiten – ablaufen, ganz zu schweigen von den Kosten, die sich mit geschätzten 6-8 Mrd. US-Dollar pro Monat nur für einen Krieg im Irak beziffern lassen – andere Angriffsziele noch gar nicht mit eingerechnet.

Vor einem flächendeckenden Einsatz von dessen überragender Militär- und Wirtschaftsmaschinerie sollte Präsident Bush sich zumindest darüber im klaren sein, ob Fanatismus und Terror, aber auch das Problem der Armut in erster Linie von "oben", also von korrupten königlichen Scheichs, autoritären Regimes oder sonstigen religiös-chauvinistischen Eliten zu verantworten ist, oder aber doch eher von "unten" kommt, das heißt, aus dem ideologischen Zentrum großer arabisch-muslimischer Bevölkerungsschichten – und unabhängig vom Verhalten der arabischen Eliten.

     Ist ersteres der Fall, dann könnte einer "Grand Strategy" – also der nach den Worten von Lothar Rühl "vorauseilenden Vorwärtsverteidigung" des Westens mit oder auch ohne UNO-Mandat – tatsächlich früher oder später einiger Erfolg beschieden sein, das heißt: Steven Forbes würde recht behalten. Wenn die Anführer einmal besiegt sind, wird sich das Volk mehr oder weniger schnell beruhigen, könnte schrittweise zu einem demokratisch und ökonomisch prosperierenden Weltteil umgeformt werden, und Terrorismus wie Islamismus wären besiegt. Erich Weede, Professor für Soziologie an der Universität Bonn, sieht Anzeichen dafür, daß genau das passieren könne:

"Ein amerikanischer Angriff auf den Irak könnte und müsste ähnlich wie in Afghanistan nur das Vorspiel zu einer verstärkten Dauereinmischung dort sein. Die amerikanische Bereitschaft dazu steigt nicht nur im Irak. In der einflussreichen Zeitschrift ‚Foreign Affairs’ kann man sogar eine erste Rechtfertigung eines künftigen amerikanischen Imperialismus lesen."

Bevorzugt man allerdings die andere Variante, wonach die Gefahr nicht in erster Linie von den arabischen Eliten, sondern von der "Basis", also von fundamental-islamischen Glaubensrichtungen oder islamistischen Bewegungen ausgeht, dann sollte man sich zunächst einige Fakten vor Augen halten:

Umfragen zeigen, daß 95% aller gebildeten jungen Menschen in Saudi-Arabien – einem Land, in dem eine besonders konservative Interpretation des sunnitischen Islam, der Wahabismus vorherrscht – mit Osama bin Laden sympathisieren. Auch anderswo finden die Parolen und Aktionen aggressiver Fundamentalisten zunehmend "den Beifall und die Bewunderung von vielen Millionen Muslimen", wie Erich Weede schreibt. Und nicht wenige von ihnen seien mittlerweile dazu übergegangen, den Wunsch, daß Gott Amerika zerstören möge, in ihre Gebete mit aufzunehmen. Bei den jüngsten Wahlen in Marokko mußten sich die islamistischen Parteien sogar auf eine begrenzte Zahl von Wahlkreisen beschränken, um nicht durch allzu große Stimmengewinne einen Bürgerkrieg wie im benachbarten Algerien zu riskieren. In Pakistan konnten sich die unzähligen islamischen Splittergruppen zuletzt vereinigen und bei der vor kurzem abgehaltenen Wahl ebenfalls beachtlich an Einfluß zulegen. Und selbst in Mittelasien gewinnen vornehmlich im Untergrund agierende Parteien wie die Hizb-ut-Tahrir al-Islami in Usbekistan immer mehr Anhänger – trotz oder gerade wegen ihrer harten Unterdrückung durch Präsident Karimov.

     Wiederholt wird auch die Armut als einer der zentralen Gründe für den nationalen oder internationalen Islamismus bzw. Terrorismus angegeben und argumentiert, daß die Schuld dafür ausschließlich bei den jeweiligen Regierungseliten dieser Länder zu suchen sei, die ihre eigene Bevölkerung von Bildung und Wohlstand abschneiden, um sich selbst ein Leben in Luxus zu vergönnen. Ungerechtigkeiten wie diese führten so am Ende fast ausweglos zu Neid, Haß und Gewalt. Aber ist die Erklärung wirklich so einfach? Lassen sich mit einem Sieg über die arabischen Regimes und Clans gleichzeitig auch sämtliche wirtschafts- und sozialpolitischen Mißstände beseitigen?

Daß es diese Armut tatsächlich gibt, ist zunächst natürlich unbestritten. Nach einer kürzlich erschienenen Studie der UN- Entwicklungsorganisation UNDP sind die arabischen Nationen im Bereich ihrer gesellschaftspolitischen und ökonomischen Standards gegenwärtig auf einem historischen Tiefpunkt angelangt. So leben etwa 20% der Bevölkerung von weniger als zwei Euro am Tag, 65 von insgesamt 280 Millionen Arabern sind Analphabeten, die Arbeitslosenrate ist hoch, ebenso die durchschnittliche Verschuldung, die in Saudi-Arabien im Jahr 2000 schon ca. 15% des Bruttonationalprodukts betrug. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung liegen bei gerade einmal 0,4% des BNP im Vergleich etwa zur EU, die durchschnittlich 2,5% ihrer Staatshaushalte für die Agenden der Wissenschaft aufwendet. Allein Israels Universitäten publizieren mehr akademische Artikel pro Jahr als die gesamte arabische Welt zusammen, und lediglich 0,6% aller Araber verfügen über einen Internetzugang.

    Wer allerdings diese Zustände allein den arabischen Eliten in die Schuhe schieben will, übersieht zwei zentrale Punkte: Zum einen sind in den letzten Jahrzehnten die Staatseinnahmen vieler erdölreicher Nationen am persischen Golf durchaus genauso nach unten verteilt worden, und dies in einem Ausmaß, von dem westliche Industrienationen bloß träumen können: Völlige Steuerfreiheit, kostenloses Bildungs- und großzügiges Sozialsystem, hochbezahlte Jobs u.v.m.

Zum anderen sind es nicht so sehr die Ärmsten oder die am stärksten Unterdrückten, sondern mindestens ebenso die gebildete und wohlhabende Mittelklasse, die sich für den Fanatismus etwa eines Osama bin Laden – man beachte hier wieder die obige Umfrage – begeistern kann. Auch Mohammed Atta, der Anführer der Flugzeugentführer des 11. September, entstammt nicht etwa einem irakischen Slum oder einem syrischen Gefängnis, sondern einer gutbürgerlichen Familie aus dem im Vergleich dazu liberalen und ökonomisch besser gestellten Ägypten.

Dies alles läßt folgenden Schluß zu: Wer die "Schurken" an der Spitze all jener genannten Staaten beseitigt, hat damit noch lange nicht den Terrorismus bekämpft, ja vielleicht noch nicht einmal die Armut selbst. Erich Weede bringt es auf den Punkt:

"Gerade in der arabischen Welt finden sich Staaten wie Saudi-Arabien, Kuwait, Quatar, die Vereinigten Arabischen Emirate und Lybien, denen Rohstoffreichtum einen Lebensstandard erlaubt, der anderswo und nur anderswo schon handfeste Demokratisierungsbestrebungen auslösen würde."

     Wie weiter oben schon deutlich wurde, konnte der Nahe Osten nur durch die Unterstützung und Einflußnahme des Westens seine eigenen Ölreserven schnell und effizient zu einer höchst lukrativen Einnahmenquelle ausbauen. Wenn also heute Saudi-Arabien 90% seiner Staatseinnahmen dem Verkauf des weltweit bedeutendsten Bodenschatzes verdankt, dann wird klar, daß vielen arabischen Staaten nach dem 2. Weltkrieg – und somit innerhalb kurzer Zeit – ein Luxus zugefallen ist, der eher den Bemühungen und Interessen des Westens als eigener Innovation und Anstrengung zu verdanken war.

Mit diesem "geschenkten" Wohlstand und einer damit gleichzeitig vom Westen aufgepfropften Demokratie ist die erdölreichste Region der Welt bisher allerdings höchstens ansatzweise fertig geworden. Der westliche Lebens- und Wertekanon läßt sich vielleicht auf Chile, Taiwan oder die Philippinen übertragen, wie Steven Forbes zuletzt meinte, aber bis ins Zentrum der islamischen Kultur ist es noch ein langer Weg.

Für Bassam Tibi, den international anerkannten Islam-Experten an der Universität Göttingen, steht fest, daß ein Gutteil der bisher nur mangelhaft vollzogenen Demokratisierung auf den "unaufgeklärten Islam" zurückzuführen sei:

"Palästina dient eher als Vorwand. Hätten wir kein Nahostproblem, gäbe es dennoch die antiwestliche Stimmung in der arabischen Welt, und auch Bin Laden und den 11. September. Es herrscht eine arabisch-islamische Weltanschauung, und die ist antipluralistisch, antidemokratisch, und sie ist nicht erst durch das Palästinaproblem entstanden, sie ist viele Jahrhunderte älter...Es gab Reformversuche des Islam, die jedoch nicht erfolgreich waren. Säkularisierungsversuche sind ebenso gescheitert. Das fördert autokratische Herrschaftsstrukturen."

     Besonders die letzte Aussage Tibis, wonach nicht nur die Regierenden zur Ausbeutung und Unterdrückung des Volkes beitragen, sondern auch umgekehrt die einem überwiegend konservativen Islam angehörige Bevölkerung nicht ganz unschuldig an diesen Herrschaftsverhältnissen zu sein scheint, ist von entscheidender Bedeutung. Denn sie zeigt auf, daß die bisher nicht umgesetzte Säkularisierung, der alles umfassende Rechts- und Machtanspruch, den hier eine Religion noch immer stellt, jede Bemühung des Westen, die islamischen Länder zu mehr Demokratie, Individualismus und Freiheit zu bringen, am Ende scheitern muß, solange der Islam so "unaufgeklärt" bleibt, wie er sich derzeit immer noch darstellt. Ja, und mehr noch. Erich Weede meint, daß zwar die Trennung von sacerdotium und imperium im Westen weitgehend Realität sei, für viele Muslime aber ein Angriff auf den Kern ihrer Religion darstelle:

"Jede nicht-muslimische Einmischung in die inneren Angelegenheiten einer muslimischen Gesellschaft – sie beginnt schon mit Entwicklungshilfe oder Kritik an der Menschenrechtspraxis der betroffenen Gesellschaft – kann in der Regel den Eindruck kaum vermeiden, die Säkularisten stärken zu wollen. Säkularismus – im Sinne einer Trennung von weltlicher Herrschaft und geistlicher Autorität, erst recht im Sinne eines faktischen Primats der weltlichen Herrschaft, das Muslime im Westen beobachten können – aber ist für viele Muslime kein akzeptabler Gedanke und eine Einladung zum Abfall vom ' wahren Glauben.’...In den Augen einer weit über Al Qaeda und andere Terrororganisationen hinausgehenden religiösen Bewegung, der Salafiyya, ist weltliche Legislative an sich Götzendienst und mit der Unterwerfung der Muslime unter den göttlichen Willen unvereinbar."

     Falls George Bush, Rumsfeld und Co. die Strategie der größtmöglichen Einmischung bevorzugen – und sehr vieles deutet derzeit darauf hin – dann könnte der "Kampf der Kulturen" nicht nur tatsächlich Realität werden, er könnte auch, trotz aller eingesetzten militärischen und wirtschaftlichen Macht, zuletzt doch vergebens gewesen sein. Denn die Gewalt im Islam sitzt nicht allein an dessen Spitzen, und sie läßt sich auch nicht einfach ausschalten, indem man einzelne Personen oder Personengruppen liquidiert. Die Gewalt steckt zumindet auch in den Köpfen all jener, und zwar jener Millionen von Menschen, die nach wie vor "die Menschenrechte mit den religiösen Pflichten verwechseln" (Bassam Tibi). Wer diese letzte Gewalt bekämpfen will, die der eigentliche Nährboden für Islamismus und Fanatismus ist, der muß entweder den Islam grundlegend reformieren, ihn als Ganzes säkularisieren – was äußerst schwierig sein dürfte – oder sich Millionen von Anhängern des "rechten Glaubens" zum Feind machen. Wie aber soll man gegen Millionen Krieg führen?

 

Literatur:

- Birgit Cerha. Die Giftküche Saddam Husseins. Salzburger Nachrichten, 19.9.2002, S. 9.
- "Europa hat einfach nichts getan". Interview mit Steven Forbes. In: Format 40/2002, S. 63.
- Norbert Fürstenhofer; Erwin Richter. Die Welt vor und nach dem 11. September 2001. Terror und Massenvernichtungswaffen. Österreichische Militärische Zeitschrift, 2/2002, S. 173-178.
- Sibylle Hamann. Ausgeklinkt. Wer ist daran schuld, dass die Globalisierung ohne die arabische Welt stattfindet? Profil 29/2002, S. 71-77.
- "Grasser-Nachfolge möglich". Interview mit Robert Holzmann. In: Format 37/2002, S. 74-75.
- Detlef Junker. Der 11. September und die Grundlagen amerikanischer Weltpolitik. In: Erich Reiter (Hg.). Jahrbuch für internationale Sicherheitspolitik 2002. Hamburg; Berlin; Bonn: Verlag E.S. Mittler & Sohn, 2002. S. 155-170.
- Karin Kneissl. Das Öl-Dilemma der US-Allianzen im Golf. Die Interdependenz von Öl und Sicherheit. Österreichische Militärische Zeitschrift, 2/2002, S. 163-170.
- Hans Rauscher. Bagdad ist nicht genug. Format 39/2002, S. 59.
- Lothar Rühl. Koalitionspolitik und Koalitionsstrategie im Krieg ohne Grenzen. Eine Problemdarstellung am Beispiel des "Krieges gegen den Terror" unter Führung der USA. In: Erich Reiter (Hg.). Jahrbuch für internationale Sicherheitspolitik 2002. Hamburg; Berlin; Bonn: Verlag E.S. Mittler & Sohn, 2002. S. 223-264.
- "Die Unfreiheit wird größer". Interview mit Bassam Tibi. In: profil 29/2002, S. 74-75.
- Udo Ulfkotte. Dämon aus dem Heimlabor. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.11.2001, S. 3.
- Heinz Vetschera. Die militärische Dimension im "Neuen Terrorismus". Österreichische Militärische Zeitschrift, 2/2002, S. 141-152.
- Erich Weede. Führt der Terrorismus in den Kampf der Kulturen? In: Erich Reiter (Hg.). Jahrbuch für internationale Sicherheitspolitik 2002. Hamburg; Berlin; Bonn: Verlag E.S. Mittler & Sohn, 2002. S. 209-221.


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