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Frau Novak

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______________________Von Reinhard Winkler ______________________

    
     Frau Novak, die Religionslehrerin meiner Volksschulzeit, nannte mich einmal ihr "Sorgenkind". Weil ich Jesus immer so schlampig zeichnete. Es war die Zeit der monatelangen Vorbereitung auf die Erstkommunion, diesem großen Augenblick der Kindheit, und weil ich Jesus immer nur als Strichmännchen in die Religionsmappe kritzelte und Frau Novak im Zweifel lag, ob ich mich nur zuwenig bemühte, oder ob man aufgrund dieser mangelhaften Darstellungen nicht gar darauf schließen könnte, daß ich für die erste Kommunion noch nicht reif genug wäre, zitierte sie unsere Eltern in die Schule.
Zu Hause war dann die Hölle los.
Meine Mutter, eine gute Frau, die gerne an den lieben Gott glaubt, machte in den folgenden Wochen gewaltigen Streß. Wenn ich meine Hausübungen sonst auch selbständig erledigte, saß sie nach dieser Sprechstunde mit Frau Novak bei jeder Religionshausübung an meiner Seite.

    Als mir im Zuge einer Religionshausübung eine Jesuszeichnung wieder einmal nicht und nicht gelingen wollte, wurde es Mutter zu dumm. Sie holte unser Modell aus dem Herrgottswinkel, schnappte sich mein Religionsheft und begann, den vor uns auf dem Tisch liegenden Jesus abzumalen. Ich sehe sie heute noch vor mir, einen Buntstift nach dem anderen aus meiner Federschachtel fischend, keiner schien ihr gut genug, sie strichelte, zeichnete, malte, übermalte, radierte, zog dicke Konturen und war verzweifelt, weil sich die Konturen nicht mehr ausradieren ließen.
Also holte sie immer dunklere Farbstifte aus der Federschachtel, übermalte korrigierend, und wenn das nicht genügte, übermalte sie in größeren Flächen, die Jesus immer dicker werden ließen. Bei alledem schob Mutter ihre Zunge aus dem Mundwinkel, die mit den Bemühungen immer länger wurde.
Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ihr meine Hausübung auch nicht leichter fiel als mir, obwohl sie doch mit unvergleichlich mehr Eifer bei der Sache war. So saß ich eng neben ihr und sparte nicht mit gutmeinenden Ratschlägen, auf die sie aber verzichten konnte, wie sie bald meinte, denn nerven könne sie sich selbst auch.
Ich hielt mich dann ein wenig zurück und beschränkte mich aufs Aufmuntern. Anfangs war ich ihr unendlich dankbar für ihre Hilfe. Aber spätestens nach dem dritten Versuch, den sie zerknüllte, um wieder ganz von vorne zu beginnen, fing ich an, ihre Bemühungen für übertrieben zu halten.
Schließlich saß ich nur mehr müde neben ihr, wir redeten nicht mehr viel, und ich mußte mein Gähnen, das mir Mutter sicher als Unverschämtheit ausgelegt hätte, krampfhaft unterdrücken. Manchmal sah ich auf den vor uns liegenden Jesus, er lag geduldig Modell, aber es hätte mich in meiner Langeweile nicht überrascht, wenn er irgendwann den Kopf gehoben hätte, um nach unten zu fragen: Na? Will's nicht gelingen?

     Irgendwann kam dann mein großer Bruder Matthias nach Hause. Es war schon später Nachmittag, unsere Mutter malte gerade wieder einmal an Jesus‘ Lendenschurz herum, an dem auch die anderen Versuche immer gescheitert waren. Matthias war hungrig, sonst wäre ihm die Verzweiflung in diesem Zimmer wahrscheinlich nicht weiter aufgefallen (er war damals schon in dem Alter, wo man nur mehr zum Essen und Schlafen nach Hause kommt, und selbst diese Übungen werden absolviert, als täte man damit seinen Erzeugern einen Gefallen).
Aber Mutter meinte auf seine Frage nach dem Essen nur: Ich bin beschäftigt. Das Essen steht am Herd. Du kannst es Dir wärmen.
Da wurde Matthias neugierig und kam näher, um zu sehen, was eigentlich los war... und als er Jesus auf unserem Tisch liegen sah, zwischen einem Haufen zerknüllter Zeichnungen, Mutter und mich davor, ich müde, Mutter abgekämpft, musste sie ihm alles erklären, das mit der Frau Novak, dem Sorgenkind und den Strichmännchen.
Oh! - und wie ich ihn damals bewundert habe, meinen großen Bruder. Matthias fing an, mich gegenüber dieser Frau Novak, die er als Volksschulkind auch schon ertragen mußte, zu verteidigen, und nicht nur das – innerhalb weniger Sätze hatte er die Autorität der Frau Novak vor meinen kindlichen Ohren zerpflückt - und wie er sie zerpflückte!
Unsere Mutter wiederholte sich immerzu mit Aber Matthias, der Bub sitzt doch neben uns!!, während er immer wilder wurde, die Frau Novak führt sich immer so auf, meinte er, als sei sie der einzige Mensch auf der Welt, die mit dem lieben Gott per Du sein darf, und - das hat mir besonders gut gefallen – er schimpfte sie eine böse alte Frau, die an ihrem bigotten Frust schon lange zerbröselt wäre, wenn sie sich nicht immer in ihre Mullbinden einwickeln würde. Diese Bemerkung hat mir die eingefaschten Waden der Fau Novak viel anschaulicher erklärt als Mamas Erklärung, daß sie wahrscheinlich an "Krampfadern" leide. In diese Auseinandersetzung musste dann auch noch unser Vater hineinschlittern, der zum ungünstigsten Zeitpunkt von der Arbeit heimkam. Er wäre, hätte er gewußt, was sich zu Hause abspielt, wahrscheinlich für ein paar Stunden ins Wirtshaus gegangen, um sich das Theater zu ersparen. So aber mußte er, wie immer, wenn es bei uns zu Hause um den lieben Gott ging, Mutter schweigend zur Seite stehen.
Im Laufe der Diskussion habe ich schließlich alles über Matthias erfahren. Er war nicht nur der große Bruder, der mir das Fußballspielen beibrachte, er war ja auch der, der nur deshalb in die Sonntagsmesse ging, weil er sonst auf sein Taschengeld verzichten hätte müssen. Und damit auch auf sein Moped.
Als Mutter unseren Modell-Jesus in den Herrgottswinkel zurückhängte, und diesen Vorgang unter dem Geschimpfe meines Bruders mit rechthaberischem Trotz wie einen feierlichen Akt zelebrierte, posaunte mein Bruder seinen alsbaldigsten Austritt aus der Kirche in die Familie hinein, anschließend Abgang mit lautem Türenknall.
Ich blieb mit meinen Eltern allein zurück im Zimmer. Betretenes Schweigen, keiner von uns wusste, was man zu alledem sagen soll. Bis uns Vater aus dieser Spannung erlöste: Er nahm seine Brille aus dem Etui, setzte sich die großen Gläser auf seine Nase, betrachtete das einzige nicht zerknüllte Zeichenblatt auf dem Tisch und sagte: Wos hobt's denn? Is eh supa, der Jesus.

     In den folgenden Wochen blieb Dein Platz in der Kirche frei, das Moped verstaubte in der Garage, bis zu meiner Erstkommunion... ich bin an diesem Tag vor der Kirche unter den vielen anderen Kindern gestanden und habe gehofft, daß Du doch noch kommen würdest. Und schon von weitem ist sie nicht zu überhören gewesen, Deine aufgebohrte Zündapp. Als Du in erstaunlicher Schräglage um die Ecke gebogen bist, den um Deinen Hals hängenden Fotoapparat wie einen fliegenden Anker neben Dir, hat Mama noch dankbar aufgeschrien: Gottseidank! Er hat die Kamara nicht vergessen! Und dann haben wir uns gegenseitig vor der Kirche fotografiert: Du mich, mit knallroter Krawatte, einem strengen Seitenscheitel und meiner Taufkerze in der Hand, und ich Dich, sehr lässig gegen Deine lila Zündapp gelehnt, wie Marlon Brando gegen seine Harley Davidson.

Lieber Matthias!

     Ich bin noch nicht fertig mit meinen Ausführungen, die erklären sollen, warum ich unmöglich in eine Religionslehrerin verliebt sein kann. Obwohl ich mir Barbara nicht mit eingefaschten Waden und streng nach hinten geknotetem Haar vorstellen kann, geht mir die Frau Novak nicht mehr aus dem Sinn, wenn ich an Barbara denke. Ich habe ja keine Ahnung, was in gläubigen Menschen vorgeht, ich kann diesen Glauben schwer nachvollziehen. Noch jedesmal, wenn ich mit einem gläubigen Menschen ein ernsthaftes Gespräch über Gott geführt habe, endete dieses Gespräch mit einem bitteren Nachgeschmack. Ich verlasse solche Menschen immer im Gefühl, ihnen mit meiner dargebrachten "Meinung" eine Bürde aufgehalst zu haben, die sie dann, kaum bei sich zu Hause angelangt, für mich betend abtragen müssen. Die Vorstellung, daß jemand für mich betet, beschämt mich. Ich wüßte nicht, mit welcher Dankbarkeit ich diese Geste schätzen sollte.
Und aus meinen wildesten Träumen, in denen Barbara mich findet, wennmöglich als Mann für's Leben, erwache ich schweißgebadet als Sorgenkind, der die Jesusfigur als Strichmännchen karikiert.
Damals, als Du Dich vor mir im Streit mit den Eltern als Ungläubiger offenbart hast, war ich Dir nur wegen der Zurechtrückung der Frau Novak dankbar. Meinen von unserer Mama geschulten Glauben hast Du keineswegs erschüttern können. Ich habe in diesen Monaten sehr viel für Dich gebetet. Wobei mir heute einfällt, daß diese Gebete keineswegs etwas bürdevolles hatten... ich dachte mehr: Ich tu' Dir einen Gefallen damit... eine Selbstverständlichkeit unter Brüdern. Was das blasphemisch-pubertäre Gehabe meines großen Bruders in mir 7-jährigem bewirkt hat, war einzig die Entweihung der Frau Novak. Aus einer heiligen Autorität wurde eine böse alte Frau, und ich glaube, das kann man ihr ruhigen Gewissens nachsagen: Sie war eine böse alte Frau. Und Dank Dir brauchte ich mich nicht mal mehr vor ihr zu fürchten, weil ich ja wußte: Einmal an der Mullbinde zupfen, und sie würde auseinanderfallen.
An die Stelle der Frau Novak trat nun das Eigentliche: Jesus. Unter "Gott" konnte ich mir nie etwas vorstellen - aber Jesus... der hatte angeblich wirklich gelebt und es gab viele Geschichten über ihn, die mir unsere Mama erzählte, sooft ich wollte. Und in diesen Geschichten von unserer Mutter war Jesus ein freundlicher Mann, mit dem man sich sogar gegen die böse Frau Novak verbünden konnte, wenn auch nur heimlich.
Jesus war für mich eine ganz bestimmte Figur, und ich sah diese Figur das erste Mal an jenem Tag der Erstkommunion. Nach der Feier gab es im Pfarrheim Kakao und Kuchen. Und auf einem Tisch, gedeckt mit einem weißen Tuch, lagen viele, kleine Holzkreuze nebeneinander, in einer endlos aussehenden Reihe.
An jedem Holzkreuz hing eine in Gold eingelassene Metallfigur: Jesus. Er hatte einen wunderschönen Körper, so schön, wie ich ihn nie hätte zeichnen können. Wenn ich heute daran denke, erinnert er mich an einen schwitzenden, dunkelhäutigen Mittelgewichtsboxer, der den Kampf noch nicht aufgegeben hat. Trotz der Kleinheit der Figur waren die Gesichtszüge fein und leidend. Dagegen sah Jesus auf meinen Zeichnungen nicht mehr als ausgezehrt aus, und bei diesem Anblick der goldenen Körper wußte ich plötzlich, was Frau Novak gemeint hatte.

     Zu Hause nagelte unser Papa das Kreuz über mein Bett. Und die Einzelheiten dieser Skulptur sind mir so gut im Gedächtnis geblieben, weil ich jeden Tag beim Einschlafen den am Kreuz hängenden Jesus im Auge hatte, diesen goldenen Körper, der die Göttlichkeit so einleuchtend symbolisierte.
Sehr viel später hängte ich Jesus mit seinem Kreuz in die Fotoecke meiner tödlich verunglückten Rennfahreridole. Als wieder einmal ein Rennfahrer gestorben war, er hieß übrigens Tom Pryce und wurde von einem durch die Luft wirbelnden Feuerlöscher erschlagen, den ein Streckenposten beim Überqueren der Rennstrecke aus den Händen verlor, weil dieser seinerseits vom Rennwagen des unglücklichen Rennfahrers erfaßt und dabei getötet worden war, mußte ich ein neues Kronen-Zeitung-Foto neben das Kreuz kleben.
Dabei stieß ich durch eine ungeschickte Handbewegung Jesus samt seinem Kreuz von der Wand.

     Ich sehe Jesus heute noch fallen. Es war eine dieser Schrecksekunden, in denen plötzlich alles sehr viel langsamer passiert. Natürlich versuchte ich ihn noch, ihn aufzufangen. Aber es war schon zu spät.
Beim Aufprall am Boden brach auseinander, was zusammengehört: Der metallene Jesus blieb wie ein Stein am Boden liegen, das Kreuz schnellte noch einmal kurz hoch und brauchte mehrere kleine Aufschläge, um endlich zur Ruhe zu kommen. Vom Auffangenwollen noch immer gebückt, sah ich Jesus fassungslos neben seinem Kreuz liegen. Ich war wie versteinert. Schließlich flatterte auch noch das Tom Pryce Foto von oben daher und landete unweit der eigentlichen Katastrophe.
Ich fühlte mich schuldig. Ich hätte besser aufpassen müssen. Ich bin unachtsam gewesen. Ich hatte mich versündigt.

     Wie benommen hob ich beide Teile auf. Da stand ich nun. In der einen Hand das Kreuz, in der anderen Hand den vergoldeten Jesus. Immer wieder hielt ich Jesus an sein Kreuz. Ich betrachtete einmal Jesus und dann wieder das Kreuz, als wären es zwei Legobausteine, die man nur richtig zusammenstecken mußte. Dabei wunderte ich mich, wie klein und schmächtig die Jesusfigur in meiner Hand lag, und ich erschrak ein wenig, weil Jesus auf der Rückseite flach wie ein Bügeleisen war.
Vom Erschrecken darüber abgesehen, war diese Rückseite eine einzige Enttäuschung. Sie paßte gar nicht zu dieser Figur. Vorne sah Jesus aus wie ein Modellathlet, und hunderte von Gebeten, die ich an diese Figur schon gerichtet hatte - auch für meinen ungläubigen Bruder! - hatten mich nicht zuletzt durch den Anblick dieses vitalen Körpers gestärkt, dem offensichtlich nicht einmal das Gekreuzigtsein etwas anhaben konnte. Und jetzt war das wie ein Blick hinter die Fassade. Auf der Rückseite sah Jesus einfach abgehangen aus. Dieser flache Rücken hatte überhaupt nichts Göttliches.

    Aber er beruhigte mich. War ich in den ersten Sekunden noch in Panik, ich rechnete mit dem Allerschlimmsten, zum Beispiel mit einem Blitz, der auf mich durch das Dach des Hauses herniederfahren könnte, um mich für meine Unachtsamkeit zu strafen, beruhigte mich die entblößte Flunderhaftigkeit des Gottessohnes. Dieser Rücken ließ in mir erstmals das Gefühl aufkommen, daß die Figur nicht Jesus selbst, sondern bloß ein Metallmännchen war.
Ein wenig ernüchtert begann ich, tätig zu werden. Die kleinen Nägel am Boden waren schnell gefunden. Ich steckte sie durch die Löcher der Figur, legte Jesus auf sein Kreuz und alles zusammen auf den Tisch.
Dann holte ich Papas Werkzeugkiste aus dem Abstellraum.
Als ich mich mit einem großen Hammer in meiner Hand über Jesus beugte, sah ich seine kleinen, geballten Fäuste, und seine beiden übereinandergeschlagene Füße, mit diesen winzigen Zehen, die fast nicht mehr zu erkennen waren, so klein waren sie, als hätte sie Jesus beim Anblick des Hammers eingezogen

     Beim konzentrierten Auf- und Abbewegen der Hammerspitze über dem rechten Jesusfäustchen, kurz vor dem gezielten Zuschlagen, überkam mich plötzlich wieder diese Angst vor einem herniederfahrenden Blitz.
- Was tat ich hier? Maßte ich mir tatsächlich an, den Sohn Gottes ein zweites Mal zu kreuzigen?
Lieber nicht. Das Allerheiligste in meinem Zimmer von der Wand zu stoßen, war eine Sache, eine Unachtsame, aber doch immerhin eine Unabsichtliche - aber das hier, das roch ganz unzweifelhaft nach Sünde - nein!

    Jetzt erst machte sich richtige Verzweiflung in mir breit. Es blieb mir nichts anderes übrig, als unseren Papa um Hilfe zu bitten, was ich im Gefühl, etwas "angestellt" zu haben, lieber vermieden hätte. Aber er war in diesen Dingen ja immer schon entspannter als unsere Mutter, und er wußte auch gleich Rat. Die Lösung war ein Zweikomponentenkleber. (Seit diesem Tag weiß ich, daß es so etwas gibt.) Wir schmierten den Klebstoff aus der roten Tube auf Jesus' Rücken und den Klebstoff aus der grünen Tube an jene Stelle des Kreuzes, wo der Rücken Halt finden sollte. Anschließend saß ich minutenlang da und preßte Jesus so fest ich konnte an sein Kreuz. Ich sah ihm dabei ins Gesicht und dachte: Jetzt wird alles wieder gut. Und Jesus erwiderte meinen Blick, als sei er dankbar, daß ich ihm die Nagelei erspart hatte. Anschließend klebte ich Tom Pryce noch an die Wand, und dann hängte ich Jesus mit der dafür vorgesehenen Öse am Kreuz dazu. Jetzt schien wirklich alles wieder gut.
Ein paar Tage später, ich saß gerade über meiner Hausübung, hörte ich hinter mir einen dumpfen Knall. Jesus war vom Kreuz gefallen. Und ohne Vorgeschichte könnte man sagen: Einfach so.
Das Kreuz hing nach wie vor an der Wand und sah trostlos verlassen aus. Und so ganz ohne Kreuz am Boden liegend, machte Jesus mit seinen weit ausgestreckten Armen den Eindruck, als sei er jemand, der immer schon fliegen wollte, und der nicht begreifen kann, daß Fliegen mit so einem schweren Metallkörper nicht möglich ist.

     Mit Schmirgelpapier wetzten Papa und ich den eingetrockneten Klebstoff von Jesusfigur und Kreuz, und dann wiederholten wir die Klebeprozedur, nur daß wir Jesus diesmal zum Trockenen des Klebstoffs in einen massiven Schraubstock pressten. Mir war dabei nicht ganz wohl, doch Papa meinte: Das muß sein. (So wie: Es ist nur zu seinem Besten.) Aber als ich Jesus samt seinem Kreuz in diesen Schraubstock eingepreßt sah, kamen mir erstmals grundsätzliche Bedenken - ob es denn recht ist, jemanden zu seinem Glück zu zwingen?
Und siehe - ein paar Tage, nachdem ich ihn zurück an seinen Platz gehängt hatte, löste sich Jesus wieder und knallte erneut auf den Boden. Das Geräusch hatte mich diesmal aus dem Schlaf geschreckt, und als ich das Licht aufdrehte, um ihn aufzuheben, blickte er mir ins Gesicht wie ein trotziges Kind.
Auch Papa wußte nun keinen Rat mehr, und es blieb mir nichts anderes übrig, als das Kreuz ohne Jesus an der Wand hängen zu lassen.
Später begegnete ich Jesus nur mehr, wenn ich die Schublade meines Schreibtisches öffnete. Dort hatte er seinen neuen Platz gefunden. Mit seiner goldenen Farbe hob er sich natürlich immer vom weltlichen Krimskrams, mit dem er sich seine Gruft teilen mußte, ab.
Im Lauf der Jahre wurden meine Zweifel an Gott größer, und die Jesusfigur in meiner Schublade wurde mir mit der Zeit zum Snob, zum feinen Pinkel, die mir mit ihrer glänzenden Goldigkeit den Nerv tötete.
Irgendwann muß sie sich dann samt meinem Glauben in Luft aufgelöst haben.

     
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