Die Wehrmachtsausstellung
Zur Würdigung des Kommissionsberichts vom 15. November 2000

Die zunehmende wissenschaftliche Kritik an der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944" hat es notwendig gemacht, sie abzubrechen und einer Revision zu unterziehen. Unlängst ist der Endbericht der mit der Überprüfung beauftragten Historikerkommission erschienen. In ihm werden zwar Mängel in der Ausstellungsgestaltung festgehalten, gleichzeitig aber die grundsätzlichen Thesen der so genannten Wehrmachtsausstellung für richtig erklärt.


Im Folgenden findet sich der detaillierte Kommentar der vier Ausstellungsgestalter (Bernd Boll, Hannes Heer, Walter Manoschek und Christian Reuther) zum Bericht der Historikerkommission.


     Nach Meinung der Autoren der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ kommt dem Bericht der Historikerkommission eine wichtige wissenschaftliche und geschichtspolitische Bedeutung zu, weil er

  • durch die Prüfung der Ausstellung den Charakter des Krieges im Osten als Vernichtungskrieg nachdrücklich bestätigt,

  • in der Prüfung der Fotos methodische Standards setzt,

  • die Autoren vom Vorwurf der Manipulation und Fälschung freispricht,

  • die überzogene und in ihren Schlußfolgerungen fragwürdige Kritik auf ein angemessenes Maß zurückführt.

Im Folgenden wollen wir in knapper Form die sachlichen Einwände der Kommission zusammenstellen. Damit soll das tatsächliche Ausmaß unserer Fehler verdeutlicht werden und auf die wenigen Punkte, bei denen wir im Dissens zu den Ergebnissen des Berichts stehen, hingewiesen werden. Wir beziehen uns dabei zum einen auf die von Bogdan Musial, Dieter Schmidt-Neuhaus und Krisztian Ungvary von außen gegen die Ausstellung gerichtete Kritik, zum andern auf die Kritik von Andrej Angrick, Florian Dierl und Peter Klein, die vom Hamburger Institut für Sozialforschung mit der Überprüfung der in der Ausstellung verwendeten Dokumente beauftragt worden waren.


Zu Kapitel 4: Geschichte im Medium der Ausstellung (Bericht S. 14-18)

Wir stimmen mit der Kommission überein, dass die Installation des „Eisernen Kreuzes“ wegen der dort verwandten „unkommentierten Bildreihen“ und der „Wiederholung gleicher Bildthemen“ zu vielen Missverständnissen Anlaß gegeben hat und daher bei einer neuen Ausstellung nicht mehr verwendet werden sollte.
Der Vorwurf der „plakativen Darstellung“ kann allerdings nicht auf die gesamte Ausstellung ausgedehnt werden. Weder kommt den Fotos in den Hauptkapiteln die „entscheidende Rolle“ bei der Argumentation zu, noch erfolgt dort durch „Auswahl und Anordnung der Fotos“ eine visuelle Zuspitzung. Die Bemerkung allerdings, die Ausstellungswände seien „gleichsam ein Pranger“, beschreibt lediglich eine in Teilen der Öffentlichkeit vorherrschende Rezeption und war nie die Intention der Ausstellungsmacher.


Zu Kapitel 6: Fotos als Quelle und Mittel der Darstellung (Bericht S. 19-24)

Wir stimmen mit der Kommission überein, dass einzelne (Satz-) Fehler unterlaufen sind, vereinzelt Fotonachweise fehlen, dass in zwei Fällen Archivaufnahmen verwendet wurden, ohne die Buchquelle zu nennen und einige Fotos nicht im angegebenen Archiv wiedergefunden werden konnten, wobei es „nicht ausgeschlossen (ist), dass die Ursachen hierfür bei den Archiven selbst zu suchen sind“ (S. 26). Der Vorwurf, dass zwei Standvergrößerungen aus Cinéfilmen im Bildquellenverzeichnis nicht kenntlich gemacht wurden, ist unzutreffend, da dieser Umstand aus den Bildlegenden der Archive nicht hervorgeht.

Zuzustimmen ist der Kommission, dass „gelegentlich...die im Archiv vorgefundene Beschriftung gekürzt“, Archivbeschriftungen „weit“ ausgelegt und in 12 Fällen die Bildlegenden „hinsichtlich der Bestimmung von Ort, Zeit oder Handlung von denen der Archive ab(weichen)“ (S. 27).
Die Kommission stellt andererseits aber auch fest, dass in acht Fällen durch eigene Recherchen der Autoren die Bildlegenden präzisiert wurden. Zudem ließ die Kommission unberücksichtigt, dass in der Erstpräsentation der Ausstellung noch ungenaue Bildlegenden in deren Verlauf durch präzisere ersetzt wurden (z.B. Katalogseite 205/32, 33, 34). Es ist allerdings richtig, dass die Autoren bei Präzisierungen im Katalog die Quellen ihrer Information hätten angeben müssen. Im Zentrum der Kritik, insbesondere von Bogdan Musial und Krisztian Ungváry stand die Auswahl der Fotos. Die Kritik von Ungváry, lediglich ca. 10% des in der Ausstellung verwendeten Bildmaterials zeigten Verbrechen der Wehrmacht, bezeichnet die Kommission mit Hinweis auf den arbeitsteiligen Charakter des militärisch-polizeilichen Exekutivapparates als schlichtweg „unhaltbar“ (S. 30).
Wir akzeptieren den Vorwurf der Kommission, in zwei Fällen abgebildete SS/SD-Angehörige nicht benannt bzw. ihren Bezug zur Wehrmacht nicht deutlich gemacht zu haben. Zu Fehlern ist es auch im Falle von Einheiten mit der Wehrmacht verbündeter Truppen gekommen. Richtig ist, dass - trotz mehrmaliger Prüfung der Fotos durch einen Uniformexperten - drei Fotos, auf denen finnische bzw. bulgarische und. ungarische Soldaten abgebildet sind, Eingang in die Ausstellung gefunden haben.
In zwei anderen Fällen weisen die Autoren allerdings die Kritik zurück: Das Foto im Katalog S. 27/7 (Einteilung von Juden zur Zwangsarbeit in Senta) wurde in der letzten Ausgabe des Katalogs vom Mai 1999 aufgrund eigener Recherchen, bereits korrigiert; die Erschießung einer Gruppe von Jugendlichen in Stari Becej (Katalog S. 56-57) ist im Katalog mittels eines Erratazettels als eine Aktion ungarischer Soldaten ausgewiesen. In der Ausstellung waren die Bildunterschriften im August 1999, also zwei Monat vor Erscheinen der Kritik von Ungvary, bereits korrigiert und in der Osnabrücker Präsentation der Ausstellung so zu sehen.
Der Nachweis, dass einige Fotos falsch datiert bzw. lokalisiert worden sind (S. 30f.) ist richtig.
Zum „gravierendsten Vorwurf an die Autoren“ (S. 31), einige Fotos würden nicht Opfer der Wehrmacht, sondern des sowjetischen NKWD zeigen, stellt die Kommission fest, dass bei den Fotos aus Zloczow und Tarnopol „eine zweifelsfreie Identifizierung der Toten als NKWD-Opfer auf den im Katalog reproduzierten Fotografien bei zwei von zehn kritisierten Fotografien möglich (ist) ..., auf den übrigen Fotos sind neben den NKWD-Opfern auch Juden zu sehen bzw. lassen die Fotos keine eindeutige Identifizierung der Toten zu. Wo die Ausstellungsmacher keine NKWD-Opfer erkannt haben, ist einigen Kritikern vollkommen aus dem Blick geraten, dass auch ermordete Juden auf den Fotos abgebildet sind“ (S. 29).

Dazu im Einzelnen:

- Zloczow:
Die Kommission stellt zu Recht fest, dass insgesamt „ zwei der im Katalog gezeigten Aufnahmen Opfer des NKWD zeigen“( S.33). Es handelt sich um das irrtümlich „Tote Kriegsgefangene“ betitelte Foto S.204/22 und das noch keinem Tatort zugeordnete Foto S.205/2o.
Berücksichtigt werden sollte aber auch, um zu einer abgewogenen Beurteilung unseres Umgangs mit Kritik zu gelangen, der folgende Vorgang: Mehrere Monate vor der Publikation von Musials Kritik in den Vierteljahresheften ergab unsere eigene Recherche, dass Bild S.204/22 exhumierte Opfer des NKWD zeigt, während auf Bild S.204/20 Juden zu sehen sind, die Opfer des NKWD aus einer Grube bergen. Bild 22 wurde deshalb aus der Ausstellung entfernt, während Bild 20 zur Illustration der ersten Phase des Massakers an den Juden zusammen mit weiteren Fotos zu einer Serie zusammengefasst wurde, deren ausführliche Beschriftung Missverständnisse ausschließt. Diese Darstellung der Ereignisse von Zloczow war als Teil des „Eisernen Kreuzes“ in der Ausstellung in Osnabrück im September/Oktober l999 zu sehen.

- Tarnopol:
Der Kritik der Kommission ist zuzustimmen, dass zwar auf die Leichen von getöteten Ukrainern und deutschen Soldaten hingewiesen wird, aber „ein Hinweis auf den für diese Morde verantwortlichen NKWD fehlt“ (S. 32). Zuzustimmen ist auch der Feststellung, dass die Verschränkung von NKWD-Verbrechen und Judenmord hätte dargestellt werden sollen, weil durch eine differenzierte Rekonstruktion „die unterschiedlichen Motive der Beteiligten erkennbar“ gewesen wären.

Die Kommission stellt fest: „Die von den Kritikern vertretene Auffassung, auf den Bildern seien ausschließlich Opfer des NKWD zu sehen, ist dagegen nicht haltbar“ (S. 45). Die in der Ausstellung vertretene Interpretation der Fotos kommentiert die Kommission derart, dass auch die Indizien, „die gegen die Identifizierung der Toten als Juden vorgebracht wurden“ sich als „wenig stichhaltig“ erwiesen haben (S. 33). Auf keinen der in der Ausstellung gezeigten Fotos zu Tarnopol sind ausschließlich NKWD-Opfer zu sehen.

- Zur Kritik an den Fotos aus Lemberg und Boryslaw hält der Bericht fest:
„Die Einwände haben sich auf einzelne Indizien gestützt, ohne dass diese hinreichend überprüft worden sind...In beiden Fällen hat sich gezeigt, auf welch dünnem Eis die Kritik sich hinsichtlich des quellenkritischen Umgangs mit Fotografien zuweilen bewegt“ (S. 33 f.).


Bildsequenzen

Der Kommission ist zuzustimmen, wenn sie zum Schluß kommt, „dass juristische Argumentationsweise“ und die Verwendung der Fotos zur „Illustration“ häufig auseinanderfallen (S. 34). Die beiden dafür genannten Beispiele (Katalog S. 142/1-8, S. 88-89/1 und 2, S. 91/2) sind in diesem Zusammenhang richtig.
Nicht zu akzeptieren ist die Kritik, die Autoren hätten zwei in der Ausstellung nicht gezeigte Fotos aus Tarnopol bewusst zurückgehalten, weil sie ihre Deutung nicht unterstützt hätten. Die beiden Fotos wurden während der Erarbeitung der Ausstellung in Prag gefunden, aber erst nach der Ausstellungseröffnung zugeliefert und dann nicht mehr als ausstellungsrelevant erkannt. Auch die Argumentation, eine Erhängungssequenz aus Minsk (Katalog S. 144, 145/3-7) tauche an anderen Stellen der Ausstellung wieder auf, ist unrichtig. Es handelt sich bei diesen Vorgängen um andere Ereignisse, die möglicherweise am selben Tag wie die Erhängungen (Katalog S. 144, 145/3-7) geschahen.


Bearbeitung der Fotos

Die Kommission hält fest, dass es keine Hinweise darauf gibt, „dass für die Hamburger Ausstellung Fotografien manipuliert oder retuschiert wurden“ (S. 37).
Unzutreffend ist die Bemerkung, das private Fotoalbum Kurt Wafners (Katalog S. 136/1-16) trete in Ausstellung und Katalog „als Album optisch nicht in Erscheinung“ (S. 37). Eine Reproduktion des Albums lag auf einem Tisch für die Besucher zum Durchblättern und Lesen bereit.
Die Vorwürfe im Umgang mit Fotos erscheinen auf den ersten Blick massiv und gravierend zu sein. Die Kommission hat diesen Eindruck aber selbst relativiert. Sie weist darauf hin, dass zum einen „keine historische Ausstellung, die mit Fotografien arbeitet, jemals so gründlich untersucht worden ist“ (S. 25) und zum anderen, dass der in der Ausstellung geübte Umgang „mit historischen Fotografien derart verbreitet (ist), dass gegenwärtig vermutlich nur wenige Ausstellungen und Publikationen historischer Fotografien den strengen Kriterien standhalten würden, von denen hier ausgegangen wird“ (S. 25).
Durch die gründliche Arbeit der Kommission wird nachgewiesen, dass der zentrale Vorwurf der Kritiker, der im Herbst 1999 zum Abbruch der Ausstellung führte - die Zuschreibung von NKWD-Verbrechen an die Wehrmacht - nicht zutrifft: Von den behaupteten neun bis über zwanzig (Musial) Fotos, die angeblich Opfer des NKWD zeigen würden, trifft die Kritik, bezogen auf die in Osnabrück im August/September 1999 gezeigte Fassung, in keinem Fall zu; von den behaupteten zwölf Fotos, auf denen Verbrechen von deutschen Verbündeten zu sehen seien, waren bereits vor dem Erscheinen der Kritik neun Fotos auf Grund eigener Recherchen identifiziert und mit korrekten Bildunterschriften versehen worden.


Zu Kapitel 7: Serbien 1941 (S. 38-42)

Das Kapitel Serbien wurde von der Kommission als korrekt beurteilt. „Die Kritik Ungvárys u.a. an der Darstellung der in der Ausstellung angeführten Ereignisse (Exekutionen in Pancevo, d.A.) ist ...nicht stichhaltig“ (S. 42).
Die kritische Anmerkung, dass sich der Serbien-Teil auf das Jahr 1941 beschränke, ist für uns nicht nachvollziehbar. Eine zeitliche Ausdehnung hätte den Rahmen der Ausstellung gesprengt. Das primäre Ziel dieses Kapitels war nicht die umfassende Dokumentation des Partisanenkriegs in Serbien, sondern die von der Wehrmacht bewusst vorgenommene Verschränkung von Partisanenkrieg und Judenmord.


Zu Kapitel 8: Die 6. Armee 1941/42 (S. 43-54)

Tarnopol und Zloczow:
Die Kommission hält hier nochmals fest, dass es sich bei der fehlenden Erwähnung der NKWD-Opfer in Tarnopol und Zloczow um „gravierende Unterlassungen“ (S. 44) handelt. Ebenso wird die Tatsache, dass die Truppen, welche Tarnopol eroberten, zu diesem Zeitpunkt nicht der 6. Armee unterstanden, als „völlig berechtigte“ (S. 45) Kritik bezeichnet.
Der Bericht kommt allerdings zum Schluss, dass „die von den Kritikern vertretene Auffassung, auf den Bildern seien ausschließlich Opfer des NKWD zu sehen, ...nicht haltbar“ ist (S. 45):
Zusammenfassend stellt die Kommission für den Fall Tarnopol fest: „Die Beteiligung von Wehrmachtsangehörigen an dem Pogrom an den Juden ist zweifelsfrei belegt“ (S. 45).
Für den Fall Zloczow hält der Bericht fest, „dass die Divisionen, die seit der Einnahme von Zloczow am 1. Juli in der Stadt waren bzw. durchgezogen waren (9. Pz.Div., 60. mot. Div., SS-Div. „Wiking“), dem Pogrom der ukrainischen Nationalisten zugesehen hatten“ (S. 46).
Zu ergänzen ist allerdings, daß der zuständige Stadtkommandant diese tagelang gewähren ließ und sich erst durch die Intervention von Helmuth Groscurth zum Eingreifen genötigt sah.

Shitomir:
Die Auffassung von Ungváry, die Fotos von der Exekution in Shitomir dürften nicht verwendet werden, da die Tat von Angehörigen des SD durchgeführt wurde, wird von der Kommission zurückgewiesen: die Argumentation Ungvárys löse „die Bilder völlig aus dem historischen Kontext“ (S. 46). Der Judenmord in Shitomir erfolgte „mit Zustimmung und Unterstützung der Führung der 6. Armee“ (S. 46).

Belaja Zerkow:
Der Bericht stellt fest, dass „Ungvárys Kritik zeigt, dass er nicht erkannt hat, welche Bedeutung der Fall hat“ (S. 46). Denn „die Vorgänge in Belaja Zerkow verdeutlichen den entscheidenden Beitrag der 6. Armee und ihres Oberbefehlshabers in der Entwicklung hin zum Genozid“ (S. 47).
Der im Bericht geäußerten Kritik, „dass dieser Fall nicht genutzt wurde, um zu zeigen, dass es in der Wehrmacht auch Widerstand gegen die Judenmorde gab“ (S. 47), kann von den Autoren nicht gefolgt werden. Gerade am Beispiel Belaja Zerkow wurde gezeigt, dass es sowohl Widerstand gegen (Groscurth, die beiden Wehrmachtspfarrer) als auch Initiativen für den Judenmord (Reichenau, Riedl) gegeben hat.
Hinsichtlich der Haltung der Soldaten zum Judenmord kommt die Kommission zum Ergebnis, dass „nicht eine Mehrheit oder auch nur ein großer Teil der Soldaten“ den Judenmord verurteilte (S. 48): „Alle Einsatzgruppen bewerten das Verhältnis zur Wehrmacht äußerst positiv“ (S. 48).

Kiew – Babij Yar:
Zur Ansicht von Ungváry, dass der Fall Babj Yar nicht in die Ausstellung hätte aufgenommen werden dürfen, stellt die Kommission fest: „Keiner dieser Kritikpunkte ist akzeptabel“ (S. 49).
Die Kommission kommt zum Schluss, dass die Darstellung der Mordaktion in Babi Yar in der Ausstellung „den Erkenntnissen der Forschung“ (S. 49) entspricht: die „Verantwortung lag eindeutig bei Feldmarschall von Reichenau und dem Führungsstab der 6. Armee“ (S. 50). Und weiter: Reichenau „und sein Stab stehen in der ersten Reihe derer, die dem Vernichtungskrieg seine geradezu prototypische Ausprägung gaben. Dass dies in der Ausstellung hervorgehoben wird, ist wohlbegründet“ (S. 51)

Lubny:
Die Kommission stellt fest, dass die Kritik von Ungváry, die Ausstellung würde den Eindruck erwecken, der Befehl zur Erschießung wäre von der Wehrmacht gekommen, „nicht stichhaltig“ ist (S. 51).

Eskalation:
Die These von Ungváry, dass Reichenau durch die sowjetischen Partisanen zu einer radikalen Politik gedrängt worden wäre, ist – laut Kommission - „nicht berechtigt“ (S. 53).

Charkow:
Die Kritik Ungvárys an der Darstellung und an den Bildern „ist nicht stichhaltig“ (S. 54).


Zu Kapitel 9: Weissrussland, 1941-1944 (S. 55-72)

„Mit diesem Kapitel,“ so stellte die Kommission fest, „betrat die Ausstellung weitgehend wissenschaftliches Neuland, da dazu keine einschlägigen Untersuchungen vorhanden waren“(S.55). Aus diesem Grund , aber auch, weil der für das Kapitel verantwortliche Autor zugleich Leiter der Ausstellung und –als einziger der Ausstellungsmacher - Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung war, stand dieser Teil der Ausstellung während der Laufzeit wie auch während der Überprüfung der Ausstellung besonders im Feuer der Kritik. Es wiegt daher umso mehr, wenn die Kommission zum Ergebnis kommt, dass dies Kapitel auch im Licht neuerer Untersuchungen Bestand hat: „Wenn auch Christian Gerlach in seiner inzwischen publizierten und von der Fachkritik gelobten Monographie an einigen Einzelheiten der Ausstellung Kritik geübt hat, so bestätigen seine Ergebnisse doch die Sachaussagen, verschärfen sie sogar in einigen Punkten noch (Gerlach: Kalkulierte Morde; vgl. auch
B.Chiari: Alltag hinter der Front).“ (S.55 )


„Wehrmacht und Holocaust“

Die Kommission hält die Entscheidung ,das Thema „Wehrmacht und Holocaust“ am Beispiel Weißrußland zu behandeln, für „sinnvoll“(S.55). Sie bestätigt im einzelnen:

- „dass die ersten Maßnahmen zur Kennzeichnung und Registrierung der Minsker Juden wie auch der Juden in anderen Städten Weißrußlands von lokalen militärischen Dienststellen getroffen worden sind“ (S. 55),

- dass „die verantwortliche Zuständigkeit“ für die Einrichtung der Ghettos „grundsätzlich (...) bei den Heeresdienststellen (lag)“ (S.55),

- dass die Zielsetzung der Schaffung von Ghettos zwar zu Beginn nicht überall identisch gewesen sei, aber „die Ghettoisierung insgesamt als Vorstufe der Vernichtung zu sehen ist“ (S. 56),

- dass es bei der „Säuberung des flachen Landes“ – wie überhaupt bei allen Verfolgungsmaßnahmen gegen die Juden – zu einer Kooperation von SS/Polizei auf der einen und Heeresdienststellen auf der anderen Seite gekommen sei. „Der Focus kam im Hinblick auf eine generelle Bewertung nicht darauf gerichtet werden, wer exekutiert oder gemordet hat – Soldaten oder Polizisten – sondern, wer den Einsatz befohlen hat, wem mithin die eingesetzten Kräfte unterstellt waren“ (S. 57). In diesem Zusammenhang wird Ungvárys Behauptung, Geheime Feldpolizei und Feldgendarmerie hätten nicht zur Wehrmacht gehört, als Fabel zurückgewiesen,

- „dass die Ausstellung die Intention des OKW bei der Konstruktion des Feindbildes ´Jude´ und ´Bolschewist´ zutreffend“ wiedergebe (S. 58). „Instruktiv sind die kurzen dokumentarischen Belege für die Vermittlung dieses Feindbildes durch Divisions-, Regiments – und Bataillons-Offiziere“ (S. 58).

Wenn die Kommission an einigen Stellen dieses Kapitels weitere Informationen wünscht –zur Geschichte des Minsker Ghettos und der Phasen der Vernichtung der Juden, zur Chronologie der Ghettoisierung in den besetzten Gebieten der Sowjetunion, zum Arbeitseinsatz der Juden, zur Durchsetzung des Feindbildes vom „Juden-Bolschewisten“- so geschieht das ausgehend von den oben erwähnten l998 und l999 vorgelegten Forschungsarbeiten und kann nicht als Kritik an den l994 formulierten Thesen der Ausstellung, wohl aber als Memento für eine künftige Überarbeitung verstanden werden.


Tagebuch Heidenreich:

Die Kommission bewertet das Tagebuch - im Gegensatz zur Kritik von Ungvary u.a. - nicht als Fälschung . Sie verweist auf „weitere Indizien“ der Autoren, „die aus ihrer Sicht für die Authentizität der Quelle sprechen“ und kommt zu dem Schluß, dass es „umstritten“ bleibe.(S.58 f.)
Die vorgeschlagene Nichtverwendung des Textes ist nicht zwingend. Um die Aussagekraft des Zeitzeugnisses zu erhalten und den Zweifeln Rechnung zu tragen, würde es genügen, die Dokumente, die für die Authentizität sprechen, hinzuzufügen (Aussagen von Heidenreichs Kameraden, Exaktheit von Daten und Ereignissen betr. Partisaneneinsätze im Text, Erinnerungen weissrussischer Zeitzeugen usw.) und andererseits darauf hinzuweisen, dass das Original des Tagebuchs bisher nicht gefunden werden konnte. Das wäre im Sinne der von der Kommission geforderten „Offenheit“: „Die Ausstellung sollte ihr Material präsentieren, aber die Schlussfolgerungen so weit wie möglich den Besuchern überlassen“ (S. 86).


Ghetto-Mord /Nieswiecz u.a.

Auch bei diesem Abschnitt weist die Kommission auf den Pioniercharakter der Thesen und ihre Haltbarkeit hin: „Der Forschungsstand zum Thema war 1995 denkbar unbefriedigend, wie inzwischen besonders Gerlachs Werk deutlich gemacht hat...Angesichts dieser Gegebenheit hat das Kapitel „Ghetto-Mord“ im allgemeinen Tendenz und Größenordnung der Judenmorde bei der „Aktion Judenrein“ zutreffend erfasst“(S.59).
Entgegen den Einwendungen von Ungváry und anderen Kritikern, die behaupten, nicht die Wehrmacht, sondern ein deutsches Polizeibataillon mit unterstellten litauischen Hilfspolizisten habe das Massaker an den Juden verübt, kommt die Kommission zu dem Ergebnis: „Mit der Zuweisung der Einheiten des Reserve-Polizeibataillons an die 707.Infanterie-Division ( Bechtolsheim) lag die Zuständigkeit und Verantwortung für die Aktionen der eingeteilten Polizei-Kompanien bei der Wehrmacht.....Demgegenüber ist die Frage ,welche Einheiten an den verschiedenen Orten geschossen haben, wenig bedeutsam.“(S.61) Der Bericht hält eine Absprache zwischen dem Kommandeur des Polizeibataillons und dem Ortskommandanten von Nieswicz für wahrscheinlich und schließt die Möglichkeit einer Mitwirkung seiner 8.Kompanie nicht aus:„ Eine Tatbeteiligung der 8.Kompanie/IR 727(707.ID) ist auch nach den weiteren vorgelegten Materialien nicht unwahrscheinlich, lässt sich jedoch nicht eindeutig belegen.“ Mit Blick auf die Gesamtverantwortung der befehlsführenden 707.ID schlussfolgert die Kommission: „ Der konkrete Nachweis der Tatbeteiligung erscheint aber auch...nicht notwendig“.(S.63)
Bei den geforderten „Detailkorrekturen“ (S.62) geht die Kommission z.T.von falschen Tatbeständen aus: verantwortlich für den Judenmord in Mir war, wie in der Ausstellung dargestellt, die Wehrmacht ( 8.Kp./ IR 727).Weder existierte zur Tatzeit in Mir ein deutscher Gendarmerieposten ( Erinnerungsbericht des in der weißrussischen Polizei in Mir untergetauchten Juden Rufeisen) noch ist die Einwirkung eines Gebietskommissars nachweisbar ( Prozeß gegen Serafimowitsch, den ehemaligen Leiter der weißrussischen Polizei, vor einem englischen Gericht ). Auch die behauptete Anwesenheit des Reserve-Polizeibataillons 11 in Slonim ist –nach dem Zeit- und Marschplan des Bataillons wie nach den Einsatzberichten der 707.ID –unwahrscheinlich. Die These, in Novogrudok seien SD- und Polizeieinheiten der 707. ID für das Massaker an den dortigen Juden unterstellt worden, passt zwar in das von der Ausstellung gezeichnete Bild dieser Division , widerspricht aber den zur Tatzeit (8.Dezember) mittlerweile üblichen Befehlswegen: wie im Falle Slonim war auch in Novogrudok der Gebietskommissar verantwortlich. Die Wehrmacht beschränkte sich damals, wegen der Offensive der Roten Armee, weitgehend auf ihre militärischen Aufgaben.


Orscha / Krasnoje

Hinsichtlich der Vorgänge im Ghetto Orscha kritisiert der Bericht zu Recht, dass mit der überspitzten Formulierung- „so wie in Orscha sind überall ...Ghettos errichtet und ´liquidiert´ worden“- Orscha zum unbewiesenen Modellfall erklärt werde. Auch die Frage nach den Belegen für die im Falle des Endes der ´Arbeitsjuden´ von Krasnoje behauptete vorhergehende Selektion von Alten, Frauen und Kindern ist richtig. Die Belege lagen l994 schon vor, sind aber nicht eingearbeitet worden.(Jetzt veröffentlicht in: Hannes Heer, Tote Zonen. Die deutsche Wehrmacht an der Ostfront , Hamburg l999, S.112)


„Die sowjetischen Kriegsgefangenen“

Gegen die Gesamtdarstellung werden keine Einwendungen erhoben.
Der Hinweis, die Ausstellung hätte statt der in der 1.Auflage von Christian Streits Standardwerk „Keine Kameraden“ genannten Zahl ermordeter Kriegsgefangener die in der 3.Auflage nach unten korrigierte Zahl verwenden sollen, ist zu akzeptieren.
Auch die kritische Anmerkung, für eine Einwirkung des OKW auf den Gefangenenmord von Bobruisk gebe es keinen Beweis, ist richtig.
Die Kommission hält den Tatbestand des Gefangenenmordes selbst für erwiesen. Sie bezweifelt eine Textpassage und plädiert für deren Streichung. Da es sich bei dem verwendeten Text um eine Aussage vor Gericht handelt, ist der Verweis auf das OKW als Schutzbehauptung des Angeklagten zu lesen. Um Missverständnissen zu begegnen, könnte dieser deutende Hinweis hinzugefügt werden.


„Der Kampf gegen die Partisanen“

Der erste Abschnitt dieses Kapitels-„Partisanenkampf ohne Partisanen“(1941)- wurde von der Kritik besonders massiv attackiert, weil die Darstellung eines anfangs fast ausschließlich gegen die Zivilbevölkerung geführten „Partisanenkampfes“ gar nicht zu dem schon von der Wehrmachtsführung verbreiteten Bild passen wollte, wonach man nur auf die Aktionen eines brutalen Gegners reagiert habe. Umso wertvoller ist das eindeutige Urteil der Kommission: „Die Darstellung des Partisanenkrieges in der Ausstellung entspricht in allen wichtigen Punkten den Ergebnissen der historischen Forschung. Zu betonen ist dabei, dass die Autoren bei der Darstellung der Partisanenbewegung des Jahres 1941 Neuland betreten haben, da es dazu bisher keine umfassende verlässliche Untersuchung gibt.“(S.65) Die Kommission weist daraufhin, dass „der Kenner der Abläufe in Weißrußland l941“ zwar wisse, was mit der Überschrift gemeint sei und er „die Aussage ´Partisanenkampf ohne Partisanen´ nicht wörtlich nehmen“ werde , dass die Überschrift aber „für den Laien irreführend“ sei (S.65). Daher empfiehlt sie eine weniger zugespitzte Formulierung. In der Sache aber bestätigt sie dann im einzelnen,

- dass Stalins Aufruf zum Partisanenkrieg kein Erfolg beschieden war und „von einer organisierten Partisanenbewegung ...keine Rede sein ( konnte)“(S.66),

- dass aber „von einer generellen Bedrohungssituation für die Zivilbevölkerung gesprochen werden kann“ (S.66) und daher „das Wort von der ´Kriegserklärung gegen die gesamte Zivilbevölkerung´ keineswegs aus der Luft gegriffen“ war (S.67),

- „dass keineswegs nur ´überführte´ Partisanen erschossen wurden, dass vielmehr die eingesetzten Truppen an einem großen Teil der Ostfront auch völlig unbeteiligte Zivilisten zum Opfer machten, darunter zu einem großen Teil Juden“(S.67),

- dass die Autoren guten Grund haben zu dem Argument, „ daß die Wehrmacht mit ihrem Vorgehen erst die Bedingungen für die Entstehung der Partisanenbewegung schuf“ (S.68),

- dass schon vor dem Krieg die deutsche Führung „die Partisanenangst ganz bewusst (gefördert habe), nicht zuletzt, weil dies eine Garantie für die radikale Durchführung der geforderten Maßnahmen zu sein schien“(S.68).

Die Kommission folgt der Darstellung der Autoren auch im zweiten und dritten Abschnitt – „1942: die Partisanengefahr“ und „1943/44: der Partisanenkrieg“. Sie unterstreicht,

- dass der für die „Bandenbekämpfung“ im Generalkommissariat Weißrußland eingesetzte SS-Gruppenführer von Gottberg „von der Möglichkeit, für größere Unternehmungen Wehrmachtseinheiten anzufordern ... wiederholt Gebrauch (machte)“ (S. 69),

- „dass die Opferzahlen in den rückwärtigen Heeres- und Armeegebieten, in denen auch Tausende ´verdächtige Juden´ enthalten sind, weitgehend ohne Beteiligung von SD und Polizei zustande gekommen sind“ und dass diese Besatzungsmethoden „neben der gezielten Judenausrottung der Höheren SS- und Polizeiführer und der Einsatzgruppe einen eigenen ´Stellenwert´ im
Vernichtungsszenario beanspruchen konnten“ (S. 71).

Bei völliger Übereinstimmung im Grundsätzlichen äußert die Kommission an einer Stelle Kritik: sie weist daraufhin, dass der Satz „Die Wehrmacht war fortan auf Himmlers Kurs“, mit dem in der Ausstellung die Wende zu einer radikaleren Besatzungspolitik gegen Ende des Jahres l942 charakterisiert wird, „nur mit Einschränkung“ zutreffe“(S.69). Der Kritik an dieser überspitzten Formulierung ist zuzustimmen.


Zu Kapitel 10: Verwischen der Spuren (S. 73-74)

Die Kommission bekräftigt die Feststellung der Autoren „dass von Anfang an die Spuren verwischt und die Erinnerung an die Verbrechen unterdrückt wurden“ (S. 76). Sie kritisiert aber die Formulierung, die Wehrmacht habe das radikalste Ziel Hitlers „geteilt“ – „die physische Auslöschung des Gegners“ (S. 73). Sie weist darauf hin, dass „hinsichtlich der Motivationen und Zielvorstellungen (...) es jedoch durchaus Unterschiede zwischen Hitler / Himmler und Vertretern des Offizierskorps gegeben habe“ (S. 73). Dem ist zuzustimmen. Die Kommission entschärft aber auch sofort ihre Kritik, indem sie darauf verweist, dass „das Zusammenwirken von Ideologie und militärischem Befehl längst nicht ausreichend erforscht ist“ (S. 73).
Der Hinweis der Kommission, dass der Sachverhalt „Minensuchgerät“ aufgrund des zugrundeliegenden Dokuments nicht in die Kolumne „Fälschung“ eingeordnet werden könne, ist richtig. Dieses aus dem „Unternehmen Cottbus“ gewählte Beispiel ist leicht durch ein beweiskräftigeres aus dem Partisanenunternehmen „Hermann“ zu ersetzen.
Die Kritik der Kommission, dass „die Ausstellung“ (...) nicht eindeutig belegen (konnte), dass auch Wehrmachtseinheiten Zivilisten in dieser Weise als menschliche ´Minensuchgeräte´ verwendeten“ (S. 74), ist nicht zutreffend. An der bezeichneten Stellen werden drei Beispiele für den völkerrechtswidrigen Einsatz des „Minensuchgerätes“ durch Wehrmachtseinheiten aufgeführt.


Zum Kapitel „Eisernes Kreuz“ / Außenseite (S.69 f.)

Kampfgruppe von Gottberg: Befehl vom 1.8.1943:
Die Kommission weist richtig darauf hin, dass der Zusatzbefehl zur Schaffung einer „Toten Zone“, anders als in der Ausstellung dargestellt, ergangen sei, nachdem die Heeresbataillone der Feldkommandantur Minsk abgezogen worden waren. Anders als einige Kritiker, die bei ihrer Deutung diesen Befehl isolieren, ordnet ihn die Kommission in den dazugehörigen Kontext ein – in das Partisanenunternehmen „Hermann“ und in die im Rahmen dieses Einsatzes insgesamt ergangenen Befehle. Sie leitet daraus die Feststellung ab, dass „u.a. vier Bataillone und eine Batterie der Oberfeldkommandantur 392“ beteiligt waren und dass „die Masse der insgesamt 4280 Feindtoten ... nicht im Kampf, sondern erst nach der Gefangennahme getötet“ worden seien (S. 69 f.). Im Gegensatz zu den Kritikern, die jede Beteiligung der Wehrmacht an diesem Mord leugnen, stellt die Kommission fest: „Die Heeresbataillone sind hierbei in nicht näher zu erfassender Weise beteiligt gewesen (S. 70).


Zu Kapitel 11: Zusammenfassung (S. 75-84)


Bewertung der Kernaussagen der Ausstellung

Zu den Kernaussagen stellt die Kommission fest, dass sie „in ihrer Substanz dem internationalen Forschungsstand entsprechen“, aber „fehlende Differenzierungen und ungerechtfertigte Pauschalisierungen“ nicht nur „Missverständnisse ausgelöst, sondern auch dazu beigetragen (hat), dass es den Gegnern der Ausstellung möglich war, zumindest teilweise erfolgreiche Ablenkungsmanöver zu starten“ (S. 76).

Bewertung der gegen die Sachaussagen erhobenen Vorwürfe

- Zu den von den Kritikern erhobenen Sachvorwürfen, die „insbesondere zwei Komplexen- den in der Ausstellung 'unterschlagenen' Morden des NKWD sowie dem 'Partisanenkrieg' in der Sowjetunion“ (S. 76) -galt, kommt die Kommission zum Schluss: Die Kritik an der fehlenden Erwähnung der Verbrechen des NKWD „ist berechtigt. Im Grundsätzlichen aber überziehen die Kritiker ihre Kritik“ (S. 77).

- Die erst nach dem Ausstellungsbeginn 1995 entstandenen neuen Forschungsergebnisse über die Zusammenarbeit der Wehrmacht mit SS, Polizei und Zivilverwaltung müssten berücksichtigt werden (S. 77).

- Der Bericht wirft den Kritikern der Ausstellung vor, dass sie die „Entscheidung der deutschen Führung, den Krieg gegen die Sowjetunion von Anbeginn an außerhalb der kriegsvölkerrechtlichen Normen und Verpflichtungen zu führen, nahezu völlig“ ausblenden (S. 77) und die „bestehenden engen Zusammenhänge zwischen der 'Partisanenbekämpfung' und dem Mord an den Juden nicht wahrnehmen“ (S. 78). Weiter „übernehmen sie aus der älteren Sekundärliteratur Thesen, ohne festzustellen, ob diese Thesen nach dem derzeitigen Stand der Forschung noch haltbar sind“ (S. 78).

- Als interpretatorische Defizite hält der Bericht fest, „dass die Autoren in ihrer Darstellung des ´Partisanenkrieges´die Beschreibung und Bewertung des Handelns der Partisanen nicht deutlich genug vorgenommen haben“ und „dass die Absicht der Ausstellung, den deutschen Soldaten im Vernichtungskrieg erkennbar werden zu lassen, nur bedingt realisiert“ wurde (S. 78).

Die Autoren stimmen dieser Aussage nicht zu. Zum ersten Vorwurf ist anzumerken ,dass die Kommission selbst feststellt, dass die Ausstellung mit dem Thema Partisanen „ Neuland betreten haben“ (S. 65). Es kann also doch in einem ersten Schritt nur um Rekonstruktion der Abläufe gehen. Eine Darstellung der Motive wird in einem zweiten Schritt erst möglich sein, wenn fundierte Arbeiten aus der Kenntnis des in ehemals sowjetischen bzw. jugoslawischen Archiven liegenden Materials bzw. der Erinnerungsliteratur dieser Länder vorliegt. Bisher ist das nicht der Fall. Die hagiographische Literatur dominiert noch immer die Forschung.
Zum zweiten Punkt der Kritik. Es war nicht die Absicht, den (groß-) deutschen Soldaten im Vernichtungskrieg pauschalisierend zu charakterisieren. Vielmehr war es Absicht, dem in der Öffentlichkeit vorherrschende Geschichtsbild von den Soldaten, die dem Vernichtungskrieg ablehnend gegenüberstanden, ein realitätsgerechteres Bild gegenüberzustellen, das die Zustimmung oder zumindest Akzeptanz des Vernichtungskrieges durch die Soldaten festhält. Untersuchungen zur Mentalität der Wehrmachtssoldaten ,die ein differenzierteres Bild ermöglicht hätten, lagen zum Zeitpunkt der Erarbeitung der Ausstellung nicht vor. Sie erschienen erst während der Laufzeit im Jahre l998 ( Klaus Latzel, Deutsche Soldaten- nationalsozialistischer Krieg?
und Martin Humbug, Das Gesicht des Krieges). Eine Feststellung wie die der Kommission, dass „nicht eine Mehrheit oder auch nur ein großer Teil der Soldaten“ den Judenmord verurteilte (S. 48) stützt sich wohl auf diese Arbeiten. Eine solche These hätten wir wegen fehlender Vorarbeiten nie zu formulieren gewagt.

Bewertung der in der Ausstellung verwendeten Fotos

- Die Kommission stellt fest, dass die „Gesetze der Quellenkritik“ für Fotos, „keinesfalls so verbindlich definiert sind, wie es in der Kritik und der sich darauf beziehenden Presseberichterstattung unterstellt wurde“ (S. 78). Die Autoren stimmen der Kommission zu, dass ein zentrales Ergebnis des Berichts darin besteht, dass sich eine Ausstellung „nicht allein auf die von den Archiven bereit gehaltenen Informationen stützen“ kann (S. 79 f.).

- Die Kommission kommt zum Ergebnis, dass „der pauschale Vorwurf, die Fotos der Ausstellung seien gefälscht, um eine bestimmte Interpretation der historischen Ereignisse zu stützen, danach unhaltbar“ ist (S. 79).

- Die Kommission stellt fest, „dass von den 1433 Fotografien der Ausstellung weniger als 20 Fotos nicht in eine Ausstellung über die Wehrmacht gehören“ (S. 79).

- Die Kommission kommt zum Ergebnis, dass „die Defizite der Ausstellung ... im bemerkenswert unbekümmerten Gebrauch fotografischer Quellen, wie er in der geschichtswissenschaftlichen und populären Publikationen leider sehr verbreitet ist“ bestehen. „Die Autoren haben diese Praxis übernommen und – nicht zuletzt aufgrund der Kritik – unfreiwillig sichtbar gemacht“
(S. 79).

- Die Autoren stimmen der Kommission zu, dass „der Fototeil der Ausstellung überarbeitet werden“ sollte (S. 81).

Bewertung der Präsentation der Ausstellung:

Die Bewertung der Präsentation der Ausstellung lässt die in den übrigen Teilen des Berichts festzustellende Methode eines abgewogenen, auf Belege gestützten Urteilens vermissen. Ohne zwischen der öffentlich - subjektiven Wahrnehmung der Ausstellung und ihren objektiv - gestalterischen Gegebenheiten zu unterscheiden, kommt der Bericht in dieser Passage über die Formulierung von bloßen Meinungen nicht hinaus. Im einzelnen:

- Die „Dominanz der Fotos“ trifft für die Installation des Eisernen Kreuzes zu. In den drei Hauptkapiteln kann von einer „sparsamen“ Verwendung der Texte nicht die Rede sein (S. 81). Von Publikum und Museumsfachleuten wurde der gegenteilige Vorwurf der „Textlastigkeit“ erhoben. Ein Kapitel der Ausstellung („Verwischen der Spuren – Vernichtung der Erinnerung“) besteht nur aus Texten.

- An vielen Stellen der Ausstellung entfalten die Texte unterschiedliche Aspekte eines Vorgangs (S. 72, 74, 112, 114) oft sind sie sogar mit konträren Aussagen arrangiert (S. 124, 130). Auch die Mischung von Autorentext, offiziellen Dokumenten der Wehrmacht, subjektiven Zeugnissen der Soldaten und Prozessakten, unterstreicht den eher offenen und polyphonen Charakter des Narrativs. Die Behauptung, dass „weder diese Texte noch das Arrangement von Fotos und Texten (...) die Existenz von historischen Handlungsalternativen noch die Möglichkeit von abweichenden Deutungen erkennen“ lassen (S. 81 f.) ,ist falsch.

- Die behauptete „Dominanz der Fotos“ mag den Eindruck des Besuchers vielleicht richtig wiedergeben. Möglicherweise haben wir diese Wirkung unterschätzt. Daraus aber abzuleiten, es sei unsere Intention gewesen – „die Fotos sollen die eigentliche Botschaft der Ausstellung vermitteln“ (S. 82) – ist eine durch nichts belegte Behauptung. Unsere Absichten werden dadurch nicht wiedergegeben.

- Die Gründe für die „starke Emotionalisierung des Publikums“ (S. 82) ist mittlerweile vielen Publikationen und wissenschaftlichen Arbeiten untersucht worden. Ein abschließendes Ergebnis liegt bisher nicht vor. Die Kommission hat sich selbst – an anderen Stellen des Berichts – an einer solchen Ursachenforschung beteiligt: mit dem Hinweis auf die langjährige Praxis des Verwischens der Spuren und der Unterdrückung der Erinnerung (S. 76) und dem dadurch zu erklärenden „schockierenden Effekt“ der Ausstellung (S. 15), mit der Erwähnung „des Phänomens der Auflösung der Gedächtnisgemeinschaft“ und „einer steigenden Bereitschaft“ der jüngeren und mittleren Generation, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen (S. 15 f.). Auch die an vielen Stellen des Berichts erfolgte Bewertung, dass die Ausstellung „weitgehend wissenschaftliches Neuland“ betreten habe (S. 55, 59, 65), ist bei dem furchtbaren Gegenstand, den sie behandelt, mitverantwortlich für den Schock gewesen. Ihn aus dem „Duktus der Selbstsicherheit bzw. der mangelnden Offenheit im Urteil“ abzuleiten (S. 82), trägt zu einem Verständnis ihrer öffentlichen Wirksamkeit wenig bei. Die Behauptung, daß „die prononcierte Emotionalität“ die „beherrschende Vermittlungsform“ (S. 82) sei, steht im eigentümlichen Gegensatz zu den früher getroffenen Feststellungen, daß die Ausstellung „in ihrer Präsentation und Didaktik einem konventionellen Schema“ folge und im übrigen „mit Ausnahme der Abteilung ´ Das Eiserne Kreuz´ weitgehend auf das Element der Inszenierung“ verzichte (S. 16).

Bewertung der öffentlichen Debatte über die Ausstellung

- Die Kommission stellt fest, dass bei „öffentlichen Veranstaltungen auch der Ausstellung gegenüber kritisch eingestellte Historiker durchaus einbezogen waren“, was für „einen diskursiven Umgang mit den in der Ausstellung präsentierten Themen“ spricht (S. 83), hält aber auch fest, dass die Ausstellungsmacher an der „Polarisierung nicht unschuldig waren“ (S. 84).

- Die Autoren können der pauschalen Aussage der Kommission nicht zustimmen, dass der Verdienst der Ausstellung im wesentlichen in der Vermittlung von bereits „seit langem erarbeiteten und gesicherten Erkenntnissen über die Wehrmacht im 'Vernichtungskrieg'“ an eine breitere Öffentlichkeit besteht (S. 84). Diese Aussage steht auch im Widerspruch zu anderen Stellen des Kommissionsberichts, wo u.a. festgehalten ist, daß mit dem Kapitel Weissrussland „wissenschaftliches Neuland“ (S. 55, 59, 65) betreten wurde; ebenso basiert das Kapitel Serbien auf den neuesten Forschungserkenntnissen, die von einem der Ausstellungsautoren erstmals 1993 als Dissertation publiziert wurden.

Zu Kapitel 12. Schlussfolgerungen (S. 85-86)

Von den insgesamt neun Punkten akzeptieren die Autoren sechs Punkte des Berichts (Punkt 1, 2, 3, 5, 8, 9).

Im Punkt 4 stellt der Bericht fest, dass die „teilweise zu pauschal und unzulässig verallgemeinernd(e)“ Argumentation und die „Art der Präsentation“ dazu beigetragen hat, dass die Ausstellung nicht als eine „über die Besonderheiten des in der Sowjetunion geführten Vernichtungskrieges, sondern als eine Ausstellung über 'die' Wehrmacht – eben als 'Wehrmachtsausstellung' - rezipiert worden ist“ (S. 85).
Nach Meinung der Autoren ist in der Ausstellung deutlich ausgeführt, dass sich die Aussagen über die Wehrmacht nur auf den Osten und Südosten beziehen. Dazu heisst es in der Einleitung: „Die Wehrmacht führte 1941 bis 1944 auf dem Balkan und in der Sowjetunion keinen 'normalen Krieg', sondern einen Vernichtungskrieg gegen Juden, Kriegsgefangene und Zivilbevölkerung“ (Katalog, S. 7). Auch die gewählten drei Fallbeispiele (Serbien, 6. Armee und Weissrussland) beziehen sich im Text- und Fototeil ausschliesslich auf diese Kriegsschauplätze. Darauf haben die Autoren wie alle anderen an den Begleitprogrammen beteiligten Diskutanten auch während der gesamten Laufzeit der Ausstellung immer wieder hingewiesen. Der popularisierte Titel „Wehrmachtsausstellung“ stammt von den Medien und ist nach unserer Meinung nicht auf Pauschalierungen oder verallgemeinernde Argumentationen bzw. auf die Art der Präsentation, sondern auf das mediale Bedürfnis nach Verkürzungen zurückzuführen, für das die Ausstellungsmacher nicht verantwortlich gemacht werden können.
In Punkt 6 (S. 86) wird behauptet: „Das Glaubwürdigkeitsproblem der Ausstellung resultiert weniger aus einzelnen nachweisbaren Fehlern und Flüchtigkeiten als vielmehr aus dem überheblichen und unprofessionellen Umgang der Ausstellungsmacher mit der an der Ausstellung geübten Kritik“.
Diese Meinung der Kommission wird von den Ausstellungsmachern nicht geteilt. Zum einen entstand das
Glaubwürdigungsproblem der Ausstellung in der Öffentlichkeit primär durch die Behauptungen der Kritiker, in der Ausstellung würden Opfer des NKWD als Opfer der Wehrmacht ausgegeben. Dieses Faktum kann an Hand der Medienberichterstattung vom Herbst 1999 leicht überprüft werden. Zudem handelt es sich bei dieser Aussage der Kommission lediglich um eine Meinung, da es nicht zu den Aufgaben der Kommission gehörte, den Umgang der Ausstellungsmacher mit ihren Kritikern zu bewerten und die für eine solche Bewertung notwendigen Unterlagen (etwa den Schriftwechsel zwischen den Kritikern und den Autoren, juristische Schriftsätze usw.) der Kommission auch gar nicht zur Verfügung standen.
Unabhängig davon haben sich die Ausstellungsmacher im letzten Jahr öffentlich mehrmals bei den Wissenschaftern, gegen die juristisch eingeschritten worden war (Bogdan Musial, Rolf-Dieter Müller), für dieses Vorgehen entschuldigt.

In Punkt 7 regt der Bericht an, dass „die Argumentation der Ausstellung weniger durch den Gestus der Staatsanwaltschaft als durch die Theorie und Methodologie der Geschichtswissenschaft geprägt sein“ sollte (S. 86).
Unabhängig davon, dass theoretische Fundierung und methodologische Exaktheit immer grundlegende Prämissen für jede wissenschaftliche Arbeit sind und niemals in vollkommener Form erfüllt werden können, steht diese Anregung der Kommission in einem gewissen Widerspruch zu anderen Feststellungen des Berichts, in denen den Autoren „Intensität und Seriosität“ der geleisteten Quellenarbeit (S.85), Betreten von „wissenschaftlichem Neuland“ (S.55, 65) bestätigt wird und der Ausstellung bestätigt wird, dass sie sich in ihren Grundaussagen „auf dem internationalen Forschungsstand“ bewegt (S.75).
Bei Formulierung dieser Passage hat sich die Kommission offensichtlich von der Wahrnehmung eines Teils der Kriegsgeneration leiten lassen. Diese haben die Ausstellung als Tribunal empfunden. Eine solche Wahrnehmung muß von den Intentionen der Autoren strikt getrennt werden. Diese haben sich- um im Bild zu bleiben- bei ihrer Arbeit nicht an der Rolle des Anklägers orientiert , sondern sind dem gefolgt, was Marc Bloch als die Aufgabe eines jeden Historikers bezeichnet hat –als „Untersuchungsrichter“ Material zusammenzutragen in einem Fall, für dessen Urteil er nicht mehr zuständig ist.


Fazit:

Trotz der von uns vorgebrachten Einwände stellt der Kommissionsbericht eine ausgezeichnete Grundlage dar, um die Ausstellung in der bisherigen Form von noch vorhandenen Fehlern zu bereinigen und einige Ergänzungen vorzunehmen, die Mißverständnisse in Zukunft ausschließen dürften. Die Berücksichtigung der von der Kommission für erforderlich erachteten Korrekturen erfordert einen gestalterischen Arbeitsaufwand von einem Monat. Eine völlige Neugestaltung mit neuen Autoren, neuen Fallbeispielen, neuen Themen, einer neuen Gestaltung und einem verdoppelten Raumbedarf ist auf Grund des Kommissionsberichts deshalb nicht erforderlich.

 


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