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Persönlichkeitsentfaltung und Anonymität

Von Raymond Zoller


    Die grenzenlosen Weiten des Internet bieten unter anderem auch grenzenlose Möglichkeiten, sich unter Wahrung völliger Anonymität in verschiedenster Weise bemerkbar zu machen. Diese Möglichkeiten werden sehr ausschweifend genutzt; und nicht wenige sind der Ansicht, daß eben die Anonymität einen optimalen Freiraum zur Persönlichkeitsentfaltung bietet.

Das Vorurteil, rechte Persönlichkeitsentfaltung sei am besten in der Anonymität möglich, ist nun durchaus verständlich und nicht ganz ohne Berechtigung. Der galoppierende Verfall der Kommunikationskultur ist eine traurige Tatsache: Wir hören einander gar nicht richtig zu (und wissen teilweise nicht einmal, was das heißt: einander zuhören); statt uns darum zu kümmern, was das Gegenüber tatsächlich bewegt und durch seine geglückten oder auch weniger geglückten Äußerungen hindurch zu ertasten, was es denn nun tatsächlich meint - schaffen wir aus ein paar aufgrund unserer privaten Vorlieben und Sichtweisen zufällig herausgegriffenen Bezugspunkten ein Bild davon und stülpen es ihm über: So versteh ich dich, so seh ich dich, so bist du, hast du zu sein; so gefällst du mir und hast du deine Daseinsberechtigung (oder auch nicht); und basta.

     Und so sieht sich der Mensch, der mir gegenübersteht, hilflos eingezwängt in das Bild, das ich mir von ihm mache, und fühlt sich, ganz natürlich, unverstanden. Oder nicht einmal unverstanden fühlt er sich, weil das Unverstandensein so sehr zum normalen Alltag gehört, daß es als solches nicht mehr zur Kenntnis genommen wird und sich verflüchtigt zu diffusem Unbehagen. Eben: was bleibt, ist diffuses Unbehagen, ein Gefühl, daß irgendwas nicht stimmt.

So irrste denn herum zwischen Wänden, die gewoben sind aus den verschiedensten Voreingenommenheiten deiner Umgebung. Ein sehr unerquicklicher, aber für uns heutige durchaus normaler Zustand. Von daher genauso völlig normal, wenn das Bedürfnis aufkommt, in die Anonymität abzutauchen, sich bewußt seine Masken selber zu basteln und von Fall zu Fall mal diese, mal jene aufzusetzen.

     Bloß treten hier wieder ganz neue Probleme auf: Da man sich von den Wänden befreit fühlt und nun meint, machen zu können, was man will, artet det janze nur zu leicht in bodenlose Willkür, Unverbindlichkeit, morastiges Chaos aus. Es gibt zwar Menschen, die sich so gut in der Hand haben, daß sie dabei ihr "eigener Gesetzgeber" sind; doch wer sich so gut in der Hand hat, wird sich innerlich auch gegen die "Wände" behaupten können. Die meisten scheitern am Fehlen der Korrektur durch eine verbindliche Beziehung zur Umgebung. Denn der vielbeschworene Cyberspace hat nun mal keine Balken.

Mir scheint beides, jedes auf seine Weise, unerquicklich: die Wände wie die Unverbindlichkeit und der Morast.

Retten aus dieser Zwickmühle kann nur die Entwicklung einer Kommunikationskultur, die, statt durch Vorurteile und Rechthabenwollen, durch das Bemühen um Verständnis getragen ist. – Klingt gut, nicht; fast wie eine richtige süßliche Sonntagspredigt... Mir iss auch bekannt, daß ein solches Postulat ein beliebtes Thema ist für Sonntagspredigten sowie ähnlich gelagertes und daß sich dadurch überhaupt nix ändert und auch nicht ändern kann. Nichtsdestotrotz – eben hier dürfte irgendwo der Angelpunkt liegen.

     Solche Entwicklung müßte schon jeder bei sich selber betreiben; Postulate helfen da nicht weiter. Ein paar Angelpunkte in diesem Angelpunkt wären etwa: Bemühen um Unterscheiden zwischen Verstehen und Nichtverstehen; sich so weit disziplinieren, daß man in einem Gespräch nur das einbringt, was man tatsächlich meint oder annähernd meint und sich jeder Worte um der Worte oder des Rechthabens willen enthält; und so weiter. Alles gar nicht so einfach, teilweise sogar sauschwierig.

In dem Maße, wie solches gelingt, müßten die Wände sich so nach und nach auflösen. Nicht sofort halt, aber vielleicht bekämen sie wenigstens ein paar Löcher.

Das Problem ist aber, daß man dies nur als konkreter Mensch mit einem konkreten Gegenüber entwickeln kann und daß die konsequente Flucht in die Internet-Anonymität einen nicht nur von solcher Entwicklung abhält, sondern darüber hinaus die von den "Wänden" übriggelassenen Reste an Kommunikationsfähigkeit nur noch weiter untergräbt.

     Was übrig bleibt, ist Belanglosigkeit und irgendwelche Smiley-Fratzen als Ersatz für Gefühl und Ausdruck. Aber wat soll's: Iss so oder so alles nicht so einfach; nich?

Diese meine unmaßgebliche Sicht auf die Dinge sei denn mal so dahingepfahlt.

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Kurzbiographie Raymond Zoller

(c) privat

Geboren wurde ich am 22. Februar 1950 in Luxemburg; wuchs auf im moselfränkischen Dialekt, aus dessen kärglicher Spröde ich mich, geographisch wie sprachlich, zunächst mal in das saftigere und ergiebigere Hochdeutsch absetzte. Eine weitere sprachliche und kulturelle Emigration führte ins Russische; was später dann auch zu geographischen Veränderungen führte. Zur Zeit lebe ich in Tbilissi (Georgien).

Das Bemühen, mich in der mir nicht sehr verständlichen Welt zu orientieren, führte zu einer gewissen Intensivierung meines Umgangs mit der Sprache; und sehr viel wurde in all diesen Jahren gesprochen, gelesen und geschrieben; zunächst nur in Deutsch, später dann zunehmend auch in Russisch.

Unter anderm liebe ich es, in literarischer Form die in ihrer Mittelmäßigkeit unerträgliche allgegenwärtige Absurdität dieses unseres Daseins auf die Spitze zu treiben und somit erträglich und sogar interessant zu machen. Absurdität, die zur Gewohnheit wird, bedrückt; Absurdität hingegen, die über das gewohnte hinaus auf die Spitze getrieben und ästhetisiert wird, kann von durchaus auflockernder und entspannender Wirkung sein.

Gelegentlich versuche ich auch, in Essays und essayähnlichem diese und jene Bereiche in der mir noch immer äußerst unverständlichen Welt begrifflich zu durchdringen. Ein in Entwicklung sich befindliches Extrakt aus all diesem Bemühen kann man finden unter:

http://klamurke.com

E-mail
rzoller@klamurke.com

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