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Der Vollstrecker

Von Manfred Ach



     Der Vollstrecker ernährte sich sehr sorgfältig von einer Diät. Er trank nicht, rauchte nicht und hütete sich vor Menschen und Tieren aller Art. Er hasste schiefgetretene Absätze und liebte konzentrische Kreise. Die Kunst des Tötens beherrschte er meisterhaft, auch sonst war er nicht unmusisch.

Er war sehr berühmt, wurde aber nie preisgekrönt. Er hatte ein Album mit
Fotos, auf denen Tote abgebildet waren, als sie noch lebten. Er hatte ein paar
Blumentöpfe, an denen er manchmal schnupperte.

Als der Vollstrecker starb, hinterließ er weder einen Körper noch eine
Seele, weder einen Geruch noch ein Testament. Er hinterließ nichts von alledem, was Verstorbene zu hinterlassen pflegen. Er löste sich in Perfektion auf, was manche für etwas übertrieben hielten.

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Volksmund


Von Manfred Ach



      Der Untersberg ist allenfalls mit dem Odenberg oder dem Kyffhäuser zu vergleichen. Im Untersberg nämlich, so heißt es, lebt ein ganzes Volk. Unters Berg sozusagen. Und tief drunten unterm Untersberg ist ein Kloster verborgen. Das haben die Erdmännlein und die Erbweiblein erbaut, und da hocken sie nun drin und lesen Bücher, die aus Baumrinden und Häuten gemacht und mit gar alten und unbekannten Buchstaben geschrieben sind. Durch die eherne Pforte am Hallturm oder durch die Marmorklüfte von Burg Plain kann man dorthin gelangen, oder durch den geheimen Gang unterm Königssee, von St.Bartholomä aus, wo die Unterirdischen früher zur Mitternacht die Metten sungen. Viele erkleckliche Gestalten wandern durch die geräumige Volksmundhöhle: Barbarossa, der Herzog Albrecht von Bayern und seine Hausfrau, der Erzbischof Leonhard von Salzburg, der Prälat von Reichenhall und der Probst von Berchtesgaden, Friedrich II. und Karl
der Große, Bormann und Himmler. Rauskommen werden sie aus ihrem Versteck, eines unvermuteten Tages, vom Kehlsteinhaus kann man’s sehen. Wenn nämlich, so heißt es, die Raben nicht mehr um den Untersberg fliegen, dann wird er aufwachen, der Volksmund, der im Schlaf so Unheimliches sprach, er wird die Zähne fletschen, wird sein Maul schrecklich aufreißen und herzhaft zubeißen, dass das Blut spritzt und die Kirchenglocken jubilieren und die Sennerinnen auf den Besenstiel springen und der Trachtenverein bis an die Zähne bewaffnet das Rathaus stürmt und den alten Religionsunterricht wieder einführt.

 

Homepage des Autors: www.m-ach.de
E-mail: ARW.Manfred_Ach@gmx.de

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