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Für eine Handvoll Digitales

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Von Angelo John Ashman


    Es gibt mal wieder nur Interessantes an dem ersten Arbeitstag dieser dunstigen Woche, hier irgendwo in dem Dixie-Klo, welches sich flussabwärts durch Farbe und Geruch extrem auszeichnete und auf dem die Reiberichtung des durchsichtigen Reinigungspapiers frei wählbar war. Das ersparte einige Hautabschürfungen.

So ein Tag, bestückt mit flüchtigen Momenten, die scheinbar über ein Eigenleben verfügen, bekommt eine dynamische Blindekuh-Melancholie, die einem die Luft aus den Fingernägeln zieht. Hier auf den geschnittenen Bäumen der hiesigen Boulevardpresse ballten sich namenlose Gedankenfetzen mit den seltsamsten Prägungen von überforderten Vorstadtpublizisten. Da wird Analfisting endlich als Olympische Disziplin gefordert.

Bei eBay werden Grabstätten auf dem Mond versteigert, Intelligenzquotienten angeboten oder geschraubte Mitfühlgelegenheiten aus fremden Wohnzimmern gedealt. Jetzt läutet die Dumpfheit zur nächsten Runde: Ein staubstummes Ehepaar versteigert auf mehreren Auktionen seine Wortgefechte gebannt ziehen sich Tausende das Debakel virtuell rein.

    Wenn klatschspaltenleckende Schreiberlinge nicht wissen, was sie kritzeln sollen, fragen sie wohl ratlos in der abendlichen Saufrunde herumlungernde Kollegen, die mit wundgebecherter Leber allerhand berichten können. Ist es denn nicht schon genug, wenn die politischen Hunde von Baskerville sich mal wieder geistreich exkrementieren: Schwere Gegenstände fallen schneller als leichte. Jene hatten schon vor Ewigkeiten ihren Spürsinn verloren, wohl durch endlose Weißpulvergigs und Tubberparties unter einer steuerbegünstigten Rotlichtlaterne. Wie sonst ist zu erklären, dass die Trennlinie zwischen virtueller Welt, erlebter Wirklichkeit und zunehmender Hirnverkrümmung sich nur noch auf der Richterskala messen lässt.

Daraufhin könnte man sich fragen, welche Maßstäbe denn bei batterielosen Androiden mit hysterischen sexuellen Verstimmungen, die Dokumentarfilme über Geldanlagen für die letzte Waffe gegen die Beknacktheit unserer Zeit hält, zu setzen sind, um soziale Nebeneffekte und eine vernünftige Politik zu kultivieren?

Gefesselt von so gehaltvoller Öffentlichkeitsarbeit und Informationspolitik inspiziere ich hochinteressiert wie ein anerkannter Kinderpsychologe, Hundekot durch die beschlagene Scheibe, die ein Vierbeiner gerade genüsslich ablegt. Man kann den lähmenden Geruch förmlich sehen, den das Gerät in der Kälte verströmt. Dem Straßenzustandsbericht zufolge gibt es viele von den Dingern in diesem Stadtteil. Ich hatte mich bereits telefonisch kundig gemacht, ob das urheberrechtlich auch o.k. ist. Leider hatte die telefonische Seelsorge keine Zeit mehr.

   Früher gab's ja dafür den bedeutungsschwangeren Possen-Dragoner Dirty Harry, der uns im heimischen TV-Erlebnispark mit nimmersatten Nixen auf Motorhauben vor aus welchen Gräbern auch immer hervorgekrochenen Dschungelzombies rettete. Das war Liebe auf den zweiten Blick, wie mit dem siebten Teil der Trilogie "Tim und Struppies Abenteuer im Darm eines Pottwales". Immer wenn ich darin blätterte, schlüpfte mein Geist in verschiedene Rollen: Die des keuschen Schulmädchens, das gerade die Scharniere seines Tagebuchs ölte, oder einer durchgeknallten Mörderin, die in schwülen Nächten seltsam glatzköpfige Politiker mit ihrer Federboa quälte, und einer verliebten Kunsthistorikerin aus der bayrischen Provinz, die davon träumte, eine gutverdienende Hure zu sein. Was für ein Film, gekonntes Lichtspiel und sinnliche Auswüchse, danke, dass ich eine Szene mitfiebern und mitfühlen durfte, ohne meine Neigung für Halluzinationen unterdrücken zu müssen. Aber all das half nichts, denn meine geplante Geschlechtsoperation wurde ohne Kommentar von der holländischen Spezialklinik abgelehnt. Das unerhörte, aber nicht weltpolitisch relevante Gefühl, mit niemandem leben zu können und doch alle zu brauchen, strömte durch den Raum wie ein schweres Parfum von Liqui Moly.

Doch das war früh R, und früh R – da sind sie wied R diese G dank N. In letzt R Zeit komm N sie wied R häufig R, nicht m R so unerwartet wie sonst, ab R D nnoch äußerst R schreckend und kinderfeindlich. G dank N, die den Abpfiff favorisier N, um als Hippie auf ein R kanarisch N Insel "Den Kurs in Wundern" zu studier N, od R als Organspend R bei den Illuminat N in ein R anarchisch N Freihandelszone sein Geld zu verdien N. Wohlwissend dass Ohropax, die lila Ohrstöps L mit den zwei Filtern, dahin nicht geliefert wird.

    Was bleibt, na klar, ab ins Internet. Im Freiflug in unendliche bizarre Klischee-Welten reisen, damit wir lechzend digitale und emotionale Zusammenbrüche von Rechnern und deren Sklaven live miterleben können. Um ganz trendy mit schrägen Subkulturen, Hunde-Striptease und Pferde-Geburten live zu verfolgen, auf einer der vielen Sodomie-Cams, die sich derzeit im Web tummeln. Das ist so echt und alles ohne die Angst vor einschlägigen Entzündungen oder Geschlechtskrankheiten. Ein wenig geschwächt durch innere Konflikte stochere ich das Gefühls-Chaos ohne Umwege ins Keyboard. Google öffne dich! Mit dem Rhythmus eines Teebeuteltrockners, extrem bemüht ohne Hektik die Begrenzungen des virtuellen Raums aufheben, denn hetzen ist unnötig und Zeit reichlich vorhanden. In der Hoffnung, dass die in der Präservativ-Werbung Recht haben, wenn sie behaupten: "Der Tod und die Prostata können immer zuschlagen".

Aber dann, ein Popup! Genervt von fortschreitender Hirnverbiegung will ich es grade wegdrücken, da tauchen Infos über Hacken und Password–Spoofing auf, die mich sofort in ihren Bann ziehen. Da steht was von dem "Hackerbuch 2006" als Pdf. Ich nicke und klicke voll von gieriger Hoffnung, dabei schießen Adrenalinstösse in unbekannte Körperregionen. Das war easy going ein Kinderspiel. Doch was ist das? Das so hoffnungsvolle Fenster in die Freiheit, der coole link, entpuppt sich als Pornoaccount. Popups, wie sülziger Schlagerschleim à la Eurovision, fließen über den Screen. Auf einer gestrickten Kamelpeitsche sitzt da ungefiltert ein Mädel in einer Hatha-Yoga Stellung und behauptet: "Das leichte Kleben meiner Nippel an den Körbchen des BHs, der sanfte Druck des Slips gegen meine Lustkirsche und selbst dein Atem, der mein feuchtes Höschen angenehm berührt, erregen mich. Denn ich fühle mich heiß und unschuldig zugleich".

    Es wird Zeit, ob ich will oder nicht. Der Rechner gibt Warnsignale. Blonder, schüchterner Trojaner, äußerst anhänglich und arbeitswütig, möchte dich kennen lernen. Das flaue Gefühl in der zweckentfremdeten Kniekehle und der tropfende Schweiß lassen sich nicht länger ignorieren. Obwohl die Ration Vitaminpillen gegen Erdbeben heute fehlt, leitet ein mir bis jetzt unbekannter Überlebenstrieb eindeutige Aktionen ein. Da der steckbrieflich Gesuchte gehängt ist, bleibt noch ein wenig Zeit zu trauern, bevor ich abends um 22:58 Uhr, politisch korrekt im Stechschritt, durch meine groteske Wohneinheit zur Küche eile, die eher an ein alternatives Bahnhofsklo erinnert. Kurz vor dem Megakoma, genannt Schlaf, ist mir noch nach etwas Dreidimensionalem.

Die Wanderung der Nahrungsmittel ist nicht mehr aufzuhalten, taumelnd vor Entsetzen treffen sie auf willige Magensäfte. Bei diesem Ereignis überkommt mich eine suizide Müdigkeit. Schleppend kullere ich in die zerfetzte Schlafsackvorrichtung und träume von einem glücklichen, gleichgültigen Punkerleben irgendwo zwischen Dortmund und Essen. Ohne immer an die tiefen Abgründe des Alltags erinnert zu werden, die permanent an einem knabbern. Ständig aber rein zufällig relaxte Gestalten treffen, nicht diese Tippfehler-Terroristen oder andere Überraschungsbomben. Die würden zwar reizend als Dekoration auf der stubenreinen Jubiläumstorte für die Stiftung der Hormon-Spender aussehen, passen aber nicht in meinen läppischen Traum, den ich seit Ewigkeiten träume...

 


Angelo John Ashman war bis zum 02. Juni 1958 noch tot. Dann als verschlagener Halbengländer im russischem Teil von Hamburg aus der Box gerollt. Sogleich entschloss er sich für freie Hieroglyphen und unabhängige Grammatik, lose begründet auf der deutschen Rechtschreibung. Mittlerweile wohnt er abwechselnd in Hamburg, Hamburg und Hamburg und arbeitet als It-Spezialist.

Publikationen

Seit 1995 kontinuierliche Aktivitäten in der literarischen Subkultur. Diverse Internet-Projekte, Redaktionelle Mitarbeit beim Valle Boten, Satirezeitschrift HERBST, ZYN! und KulturaX. Oder im Radio: Factory27, Radio Bremen. Die eine Lesung oder andere Ausstellung hat er auch schon hinter sich gebracht: In Szene-Kneipen mit politisch / künstlerischem Anspruch. In zwei Stadtteil-Galerien als Texte-Bilder-Symbiose.

E-mail
mr.ashman@gmx.de

Homepage
http://www.ashmania.com

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