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Vom Streit um die rechte Weltordnung

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______________ Von Helmut Bräuer _____________

    
       I
n den Fürsten- und Bistümern, in Städten, Dörfern und Klöstern des Heiligen Römischen Reiches schrieb man das Jahr 1701.
Chronisten, Sekretarii und andere beamtete Personen, denen etwas im Jahreslauf zu verzeichnen aufgegeben worden war, zeigten sich voller Freude, daß die Ordnung in ihren Geschäften nunmehr wieder leichter überschaubar wurde: Die Jahre liefen so, daß man sie ohne sonderliche Mühe zählen konnte.
Während dort von den Oberen in Schlössern und Rathäusern wacker regiert wurde, damit die Niederen im Gehorchen nicht aus der Übung kamen und etwa auf den Gassen, hinter den Kirchhofsmauern oder in den Vorstadthäuslein Gedanken der Unordnung oder gar des wilden Aufruhrs ausheckten, war am Großen Ratstisch im Schattenreich ein uralter Streit neu entbrannt: Welche Mittel könnten wohl geeignet sein, um das Erdendasein  a l l e r  Leute lebenswerter zu machen und dieselben langsamer dahin zu bringen, wohin sie am Ende ohnehin zu gehen hatten? Oder, wie es einer, der an einer angesehenen Hohen Schule zum doctor philosophiae promoviert worden war, sehr nachdrücklich zu artikulieren wußte, ob man den Tod nicht ein wenig hinausschieben könne. Im Schattenreich sei derzeit kaum noch Platz. Nur wenige hätten sich standesgemäß einmieten und mit Wein und Fleischspeise reichlich versorgen können. Ansonsten lägen die anderen Ankömmlinge bereits auf den Gängen und in den Winkeln umher. Viele dieser Verblichenen seien kraftlos herbeigefahren, weil sie ohne Tagwerk auch kein Brot gehabt hätten und keinen Kreuzer, um dem Medikus seine Mühen abzugelten. Außer mannigfachem Kriegsgeschrei zögen gerade jetzt dort unten wieder einmal Kornteuerungen und Wucher, Rinderseuchen, Dürrezeiten und Depressionen durch die Lande und ließen sich von den Schlagbäumen oder den Straßenbereitern nicht aufhalten.
Eine Allerhöchste Visitation habe sich bereits mit augenfälligem Mißmut vernehmen lassen, daß der derzeitige massenhafte Zugang zu den Schatten ein scandalum und eigentlich unvertretbar sei, ja umgehend nach Abhilfe schreie.
Daher also am grünbetuchten Tisch der erregte Disput, daher die galligen Sentenzen und die vielen verdeckten Tritte gegen die empfindlichsten Stellen der Disputanten. Und dennoch vermochte man zu keinem Schluß zu gelangen oder einen consensus zu erreichen. Da es an diesem Tische nicht anging, einfach sein Amt für niedergelegt zu erklären, wenn man in Schwierigkeiten gekommen war oder nicht über die zur Lösung eines Exempels erforderlichen Kompetenzien verfügte, einigten sich die Schatten schließlich auf die Bildung einer Deputation. Eine solche war in brisanten Lagen immer von Vorteil. Sie konnte Disputationen von unbegrenzter Dauer abhalten, Räte von Haus aus zum Vortrag zitieren, Gutachten einholen und deren Herren Verfasser ausführlich und grundsätzlich examinieren etc. etc. etc. – überhaupt... bis Anliegen und Deputation selbst in Vergessenheit geraten waren.
Diesmal aber waren die deputierten Geister willens, sich nicht umwerfen zu lassen. Bereits in der zwölften Beratungsstunde lag ein Konzept auf dem Tisch, das Abhilfe zu versprechen schien: Man wolle eine große Befragung unter den Verblichenen abhalten.
Nach wenigen Tagen schon waren die dringlichsten Papiere in der Kanzlei gefertigt und in trefflich verschnürten Packen auf die Stadt- und Dorfkirchhöfe gegeben worden. Mehrere Eisenladen mit Doppelschlössern standen zur Aufnahme der demnächst eingehenden Nachrichten bereit. Natürlich wurden zu deren Sicherung einige Vertrauenswürdige per Mandat mit Vollmachten ausgestattet und schließlich alle Kästen und Bücher mit schweren Siegeln versehen. Zuletzt setzte man noch einen Termin, und flugs konnte das Erhebungswerk im weiten Kreis der Lande seinen Anfang nehmen.

Und den nahm es denn auch. Beispielsweise in der Residenz am Salzachfluß, geradewegs unterhalb der Feste.
In einer ruhigen Frühjahrsnacht, zu jedermanns bekannter Stunde, als der letzte Glockenton vom Turm der Franziskanerkirche gerade verklungen war, schwebten – ihre Fragpapiere säuberlich gefaltet unterm Hemd - die Geister dreier Verblichener herbei, deren Grabstätten auf dem alten Gottesacker zu St. Peter in verschiedenen Ecken lagen. Sie bliesen noch eine Portion Unmut über alles Vertrackte in der Administration gegen den Kapuzinerberg und ließen sich schließlich beim großen Stein nieder, der auch sonst ihr Ort zum Schwadronieren war. Dann zogen sie ihre Zettel hervor und übten sich im Räuspern und Krächzen, um dem anderen das erste Wort zu überlassen.

Schließlich meinte einer, am besten würde es wohl sein, es gäbe jeder vom eigenen Erdenlauf ein Stücklein preis und verbände das mit seiner Meinung darüber, welches Lebensgeschäft er für nützlich und auch für andere Leute segensreich oder dienlich beziehungsweise welches er für schädlich hielte, welche Art des Wirtschaftens man mit Sorgfalt schaffen oder hüten und pflegen müsse und welche unklug sei, alles zerschmeiße  und daher abzutun wäre. Würden sie darin Einigkeit erlangen, so könnten sie sich gewiß rasch entschließen, das Fragpapier mit Auskünften zu füllen, wie von der Deputation gefordert worden. Alle drei waren es zufrieden. Genau in dieser Weise wollten sie verfahren.

Zu Lebzeiten, so hub daraufhin der erste Geist an, habe man ihn Benedikt Weckerlbrösler geheißen, und nahe beim Nonntaltor hätte jedermann sein Haus finden können – nicht protzig, aber ansehnlich und ohne Schuldenlast, versteht sich. Als Brotbäck und Vormeister einer ehrbaren Bäckenzunft in der hochlöblichen erzbischöflichen Residenz Salzburg sei die Not keineswegs sein Gast gewesen, auch wenn sie den einen oder anderen aus seinem Gewerb mitunter gezwackt hätte. Sein Weib, die Kinder sowie die Gesellen und Lehrbuben habe er alleweil auch mit Wurst und Bier zum Backwerk versorgen können. Und der Hausmagd sei zu jedem Quartal ein Kreuzer an Lidlohn gereicht worden, den sie hätte in den Strumpf oder ins Bettstroh tun können.
Verstünde er Ansinnen und Auflage der hohen Deputation recht, so müsse er sagen, daß es wohl am dienlichsten für alle lebenden Leute sei, wenn man mit Fleiß und Geschick im christlichen Handwerk schaffe. Es lasse keinen zu fett werden, aber auch keinen Hungers sterben. Ein jeder, der nicht den Wanst voller Faul- und Trägheit herumtrage, könne hier seinen Schlag machen. Man möge daher sorgen, daß es so bleibe, wie es zu seiner Zeit gewesen war. Dann würden es die Leute auch zu einem gottseligen Alter bringen und nicht vorzeitig in die Grube fahren, um dann im Schattenreich einen Auflauf zu vollführen. Und schon habe die Allerhöchste Visitation nichts mehr zu nörgeln.

Wütend rauschte der zweite Geist um den Stein und schrie, ob er, der halbfette Bäck, nicht auch die alte Hausmagd vom ersten Sonnenstrahl an mit Keifen und Faulpelzheißen zum Schaffen und Schleppen angetrieben und die Hellersemmeln mit Wasser aufgeschwemmt, ja mit schlechtem Mehl versetzt und also die armen Leute in der Stadt Salzburg beschissen habe, wenn sie zu ihm in die Brotbank gekommen seien? Er – Wenzel Altwams wäre er von seinesgleichen geheißen worden – komme aus dem Böhmischen. Über Vater und Mutter wisse er nichts zu sagen. Als Hurenbalg habe er - wegen der Ehrartikel in den Zunftstatuten - nicht in ein Handwerk treten dürfen, was er voller Eifer und gern hätte tun wollen. Ein Meisterhaus kenne er daher nur von der Türschwelle her, und so sei er auf den Landstraßen des Reiches groß geworden. Von Kälte und Durst vermöchte  er ebenso ein Verslein aufzusagen wie vom Magenbellen, aber vom lieben Gott wisse er nichts zu reden. Fluchen freilich könne er gar trefflich.
Wenn man ihn wolle die Welt machen lassen, so würde er zuförderst dahin wirken, daß man den Reichen ihren Reichtum nehme, um die Armen damit zu versorgen, damit sie im Winter Holz und zu allen Jahreszeiten Brot hätten. Und dann müsse für alle Leute genügend Arbeit sein, damit sie nicht in den Ecken oder bei den Scheunen zu stehen oder vor den Kirchen zu betteln brauchten. Und der Stolz der Mächtigen müsse zerbrochen werden, wenn sie in ihren Kutschen durchs Land fahren und auf den armen Mann sehen wie auf einen Scheißdreck, denn eben diese Leute würden ihnen das Leben richten.
Wenn eine solche Welt gemacht werde, halte er das nicht nur für ein gemeines oder menschliches Recht, sondern auch  für ein christliches Werk. Und außerdem...

Doch der Bettelgeist kam nicht weiter.
Mit kreischendem Gelächter fuhr der dritte aus der Runde auf ihn nieder. Er werde dafür sorgen, daß man diesem müßiggängerischen Nichtsnutz das Maul stopfe. Was verlange er? Worauf laufe denn sein ausgeschamtes Reden hinaus? Schöpfen und fressen wolle er, bis das Fett von den Lefzen tropfe, was andere mühsam und durch sauren Fleiß zusammengebracht und gewonnen hätten.
In seinem Leben habe er Samuel Guldenhäufler geheißen und in der großen und mächtigen – freilich ehedem, zu seiner Zeit, noch viel angeseheneren -  Reichsstadt Nürnberg einer würdigen Gesellschaft von ehrsamen Kaufleuten vorgestanden – Tag für Tag mit aller Kraft und seinem ganzen Kredit im Italienhandel tätig. Der Kaiser habe nicht allein mit Wohlgefallen auf diese Stadt gesehen, sondern dieselbe ebenso durch seine vielfachen Besuche geehrt. Wie die Großen des Reiches auch.  Doch sei dieser Ruhm aus ihrer Handelskunst und ihrem eifrigen und kühnen Wagen erwachsen. Wie oft habe der Gewinn auf des Messers Schneide gesessen! Nur wenige wüßten das zu sagen. Jeden hereinkommenden Taler hätten er und seine Herren umgehend ins Kupfer gesteckt und dann in den Silbergruben immer bessere und tüchtigere Hebezeuge bauen lassen. Darin verberge sich für ihn der Zweck des Wirtschaftens, daß man mit Geschick und Risiko auf Neues sinne, immer Neueres, Besseres, Größeres, Schnelleres! Ja, auch Gewinnträchtigeres, da wolle er keinen Zweifel lassen, denn das treibe überall das Rad an. Nur das! Da gäbe es kein kleinliches Abwarten wie in der Bäckenstube, keinerlei zünftiges Verbotsgezänk, und es gäbe auch kein Herumlumpern und Ludern oder Huren und In-den-Tag-hinein-leben...

Und nun fielen die beiden ersteren Geister über diesen her und zischten ihn, den Gierschlund, der an allen Ecken die Tagwerker für sich und seinen Nutz tagwerkern ließ, mit hundert und drei Gegenreden nieder. Als sie schließlich ins Handgemenge gerieten, schlug die kleine Glocke von St. Peter die erste Stunde des neuen Tages.

Stille war auf dem Kirchhof eingezogen. Totenstille.
Was aber sollten die Geister jener drei Verblichenen ihren Oberen der Deputation aufs Papier setzen, wenn sie morgen kämen und Antwort auf ihre Fragen heischten?
 

HELMUT BRÄUER (HelmutBraeuer@t-online.de)
Prof. Dr. sc. phil., * 1938, Archivar und Historiker, bis 1992 Universität Leipzig, zwischen 1993 und 1998 Gastprofessor an den Universitäten Wien, Basel und Salzburg, seither in einem Forschungsprojekt zur Armutsgeschichte tätig.
Wissenschaftliche Buchpublikationen sowie Aufsätze zur spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handwerks-, Stadt- und Armutsgeschichte, zur Sozialgeschichte der Reformation und der Geschichte der Geschichtsschreibung.
Historisch-belletristische Kurzprosa: "Gemeyne Leute“ (1996), "Aufruhr in der Stadt“ (1997), "Findelgeschichten“ (2001).

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