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Treff mit Ed

Von Helmut Bräuer


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    Möchte Ihnen gern ´ne Geschichte erzählen.
Gerade jetzt. Weil´s nötig ist. Wenn man in Leipzig an Sonnabenden oder montags durch die Stadt und über ´n Ring geht. Mit vielen Leuten – gegen die Bombenleger und Ölsäufer und angeschlag´nen Weltbestimmer. Wird mitunter närrisches Zeug geschwatzt,... so von Mann zu Frau und umgekehrt: auch über "Anti-Amerikanismus" und dergleichen.
Kenn´ aber ´ne Menge gute Leute dort drüben. Denken auch gegen die Oberen an. Tun ´was. Ist wichtig so, mein´ ich. Oder stehen mit ihrem Alltag auf der and´ren Seite. – Sollte man nicht gering achten.... Zumal ´s dort ´ne perfekte Kopfwäsche gibt. Grell und laut. Rundum. 24 Stunden am Tag.
Daher meine story.


    Der Wagen rollt auf dem Interstate Highway von Atlanta, Georgia, nach New Orleans, Louisiana. Seit Stunden. Immer geradeaus. Dann und wann hügelauf, hügelab. Die Mitchell und Clarkston, Turners CNN und Emory University, Coca Cola World und Martin Luther King haben wir längst hinter uns. Fred fährt zügig-unamerikanisch. Hätte man unter McCarthy glatt als Kommunismus definieren können. Die Nadel hält zwischen 70 und 85 miles. Bei 55 oder 65 erlaubten. Auch die Sheriffs auf den Gegenbahnen werden daher zum Risiko. Gut, daß es Trennplanken gibt. Doch die Highway-Sheriffs von hinten... Ab und an sehe ich das Schreckweiß in Freds Gesicht.
Rechts zieht ´n Wäldchen vorbei. Voller Trockenheit. Bei einer Tankstelle rücken Hütten aus Holz und Blech ins Bild. Ein paar Ziegen lungern dort herum. Drei Fetzen Wäsche auf ´ner Stange - es leben also Leute hier. Schwarzhäutige, klar.
Fred tuckert an die Zapfsäule. Als ich die Wagentür öffne, schlägt die Hitze zu. Die Klimaanlage hatte gelogen. Solche Anlagen lügen immer – hier im Süden. Die Unterhaltung an der Säule ist keineswegs ausschweifend zu nennen. Konzentriert sich auf wesentliche Lebensfragen: Hello. Okay. Bye! Das ist alles. Mister Fahrenheit steht dabei – vielleicht um die 92, 95, 98 Grad... Dann kann man eh aufhören zu zählen...
Der Motor zeigt wieder seine Kräfte. Und die Eintönigkeit paart sich mit ´m Flimmern über dem grauen Band. Der Wagen rollt auf dem Interstate Highway von Atlanta, Georgia, nach New Orleans, Louisiana. Seit Stunden.

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    Bei Mobile hatten wir die Füße in den Golf von Mexiko gestellt. Armleute-Strände und gegossene Betonzwölfgeschosser für Touries. Wir bleiben künstennah auf Westkurs. ´türlich ist das Adjektiv "flach" komparabel: flach, Ebene, Vorland bei New Orleans. Sümpfe und delta-aufgefächerte Flüsse sind für Autos eigentlich recht ungeeignet. Aber meilenlange Fahrwege auf Pfeilern ändern das ins Mögliche. Und da auch die Schiffspassage gewährleistet sein muß, wölben sich diese Pfahlstraßen wieder und wieder auf. Sie machen Buckel.
´s scheint, als wäre dem Auto das rasche Rollen nicht genug, als wolle es manchmal – bei den Auf- und Abschwüngen der Straße – auch abheben und fliegen... Wir rollen und fliegen. Immer westwärts. Dann taucht aus dem schweren Dunst die Skyline von New Orleans auf. Seit zwei Stunden voller Spannung erwartet. Fast herbeigeflucht.
Ungeduld ist eine Untugend. Streng genommen. Allerdings weit verbreitet. Keine Jugendsünde. Noch immer haben wir viele Meilen vor uns. Das Auto-Radio entläßt den alten Carmichael-Titel "New Orleans" – Zufall?

Endlich in der Metropole des Südens. Enttäuscht: Dunkelheit. Wenige Straßenlampen. Kein Mississippi, keine Flatboats, die Alligators schlafen schon, so scheints, nirgendwo ´n Schaufelraddampfer. An Billy´s Cajun Restaurant – ein Baumelschildchen "We`re closed", und auch Mark Twain ist nicht am Ort. Wahrscheinlich schon flußaufwärts zu Tante Polly unterwegs. Außerdem nieselt´s. Dicht und scheußlich.
Bei Mobile hatten wir die Füße in den Golf von Mexiko gestellt. Jetzt endlich in der Metropole des Südens. Enttäuscht.

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    Unser Hotel lebt vom Charme der 1890er Jahre. Leise Kritik versteckt sich hinter den Sieben Bergen. Fred ballt darob das Gesicht zur Faust: Schließlich ist Jazz-Festival-Zeit in New Orleans! Da gibt’s keine lange Wahlliste. Die Leute wollen cash sehen, denn sie wollen cash machen. Möglichst viel und schnell. Und da eigentlich immer allerhand los ist in der Stadt, haben es die Hoteliers schwer, einen Stubenmaler oder Elektriker zwischen die Gäste zu lancieren. Würde auch so manchen Ärger machen! Den Abflußklempner könnte man vielleicht noch annehmen – aus guten Gründen...
Als dann beim ersten besten heftigen Guß des Südens das Wasser zügig in die Betten läuft, lachen wir einfach. Und: stellen Eimer zwischen die Kopfkissen. Man muß nur zur rechten Zeit ausgießen. Die Kinder ziehen um ins Bett von Oma Milli.
Am nächsten zeitigen Vormittag schütten sie in New Orleans wieder Wasser vom Himmel. Wasser über Wasser über Wasser...

Dann aber strahlt urplötzlich die Sonne aus dem Bilderbuchblau der Golfgegend. Als hätte man ´n Dutzend Maler bemüht. Überall ist gewaschen worden. Der Asphalt schickt neuerlich viel Feuchte in die Luft. Sie drückt nicht. Ist nur da. Selbstverständlich. Rundum machts mächtig Spaß – zu gehen und zu atmen, zu pfeifen und einfach nachzuschauen: auf die Balkons und Balustraden der angejahrt Häuser, in die Gesichter, in die Überfülle von grünem Grün jeglicher Art und aller Arten und die Farbenpracht der Blumen, in die kleinen Cafés englischer, französischer oder mexikanischer Abkunft.

´türlich sind die Streetcars lustige Fuhrwerke – offen, voller locker gekleideter, freudiger Leute und – wie´s scheint – allesamt auf ein Ziel fixiert: French Quarter. Wir auch. Wohin sonst. Stop: Erst noch zu ´nem alten Friedhof mit Hochgräbern. Die Früheren und Verblichenen sollen nicht bei jeder Flutwelle aus ´m Bett gespült werden. Versteht man allerseits und ist irgendwie logisch. Fordert keinerlei Erklärungen von Fachleuten heraus.
Und – als hätte sie jemand für uns bestellt – zieht ´ne Band vors Friedhofstor. Sieben Leute. Schwarzer Anzug, nichts mehr für´n Laufsteg, bei Gott. Weißes Hemd, das die schwarzen Gesichter betont, farbige Schärpe, Zylinder, in klassischer Straßenmusikbesetzung, der Bandleader mit Flanierschirm. Sie spielen ihr Blues- und Ragtime-Repertoire, und ´s macht ihnen Freude. Viel Freude. Den Leuten ringsum ebenso. Alle in aufgeräumter Stimmung. Zwar vor dem Friedhof, aber: "On the Sunny Side of the Street".

Unser Hotel lebt zwar vom Charme der 1890er Jahre. Nebensache. Denn jetzt scheint die Sonne über Mississippi und Stadt.

*

    Nun rücken auch wir ein. Ins French Quarter – das heilige Land des old Jazz. In der Bourbon Street meint man, die vielen Alten vor und nach Louis zu hören und zu sehen. Denen es mal dreckig ging und mal besser – je nachdem: ob sie oben oder unten waren. ´ne Atmosphäre der Vergangenheit in der Gegenwart. Vielleicht mit ´nem Schuß Zukunft?
Es ist weniges nach 10 Uhr, am, versteht sich. Die Sonne heizt langsam Mauern und Pflaster und Gemüter neu auf.
An der Ecke zur Basin Street bleibe ich stehen. Das Haus vor mir glänzt im ausgemachten Südstaaten-Schweinerosa. Dunkelgrüne Holztüren, bauchhoch halbiert, zum Klappen. Doppelt. Bei allem Platzmangel – Pflanzengewucher rechts und links. Plakate mit Tenorsax und Baß.
´n ...Jazzkeller. "Jason´s" – ist auf ´nem Schild zu lesen. Ziemlich dunkel, scheints, aber ´ne Menge Leute da drin. Prächtig gelaunt. Ich lungere an der offenen Tür herum. Höre ein wenig hinein. Einer gibt mit dem Fuß anderthalb Takte vor – Blues-Rhythmus. Wieder ´n Zufall? Geht´s trefflicher als mit dem "Basin Street Blues" in der Basin Street?

Vielleicht hat Ed früher hier gespielt. Bestimmt hat er das. Ich meine: Edmond Hall. Kennen Sie nicht? Wirklich nicht? ...Tatsächlich? Schlimm für Sie. Ausgesprochen schlimm!
Na gut, ich erklär´s Ihnen. Also: Edmond Hall - ein schwarzer Mann, geboren am 15. Mai 1901 in Reserve, Louisiana, ein paar Blocks weiter, wenn man die vielen Meilen dazwischen nicht zählt. Sohn eines Klarinettisten; der ließ alle seine Kinder dieses Instrument lernen. Ed war rasch der beste von allen. Mitte der 1950er bei den Armstrong Allstars, dann mit eigenen Bands unterwegs, auch in Europa, und schließlich 1967, am 11. Februar, gestorben... Verdammt jung noch. Herzattacke, nahe bei seinem Haus in Cambridge, Mass. Klarinettistenlos.

    Ganz sicher hat Ed in diesem Keller musiziert. Ich drücke mich zwei Schritte in den Raum. Da drinnen spielt jetzt das Piano kurz an. Gespräche brechen ab. Lärm versackt. Aufmerksamkeit. Gespanntes Zuhören. Die Männer an Baß und Schlagzeug nehmen lässig den Rhythmus auf. - Erstes Solo. Diese Klarinette - aggressiv und dann wieder leicht und weich wie ein Falter... d a s konnte eigentlich nur Ed. Die Finger fliegen über Klappen und Klanglöcher im rasanten Stakkato und verharren plötzlich und machen die Töne klagend. Ich will noch ein Weilchen zuhören - "Clarinet Marmelade". ´n exzellentes Stück. Aber nur für ´nen perfekten Mann. Kann nicht jeder spielen! Oder: Wüßte jemand ´nen Besseren?
Spielt für ´n ganzes Orchester!

Das macht ihm niemand nach! Keiner. – Das i s t Ed. Edmond Hall – Clarinetman und ´n guter Freund von mir. Seit Jahren. Nicht – daß wir uns jemals gesehen hätten, aber dennoch... Eben ´n guter Freund von mir.
Jetzt aber steht Ed keine zehn Schritt von mir entfernt. Hier im alten Keller an der Basin Street in New Orleans. Bei Jason ...
Und der Mann strahlt übers ganze Gesicht, ist aufgeräumt, wie an ´nem Sonntag oder nach´m Kirchgang, macht ´nen Gag mit seinen Gästen, winkt mich in den halbdunklen Schankraum und meint, ein wenig schleppend, aber gar nicht so knapp wie sonst üblich:
It’s my come back. Nur einmal im Jahr. Für zwei oder drei Stunden und nur hier. Für die Topten meiner Fans. Aber sie müssen hierherkommen, in Jasons Keller. Du, German, hast das gut gemacht. Kennst dich aus im Quarter, wie? Und ´s freut mich, daß dir der Weg über ´n Teich nicht zu weit war und daß du gekommen bist. Freue mich immer, wenn ich noch ´ne Weile für meine Leute spielen kann – seit der Sache da von 67 vor meinem Haus in Massachusetts... – aber,... aber heut´ ist ´n guter Tag!
Hey, German, da kommt "Sweet Georgia Brown".

*

    Ed legt die Klarinette beiseite. Tupft ein wenig Schweiß vom Gesicht. Nimmt ´nen kleinen Schluck. Kommt dann auf mich zu und fragt: ´nen speziellen Wunsch noch, German?
Yeah, "Muskrat Ramble", please, Sir.
Und er: Okay. "Muskrat Ramble" – for you!

*

    Der letzte Ton swingt noch in der Luft. Der Schankraum ist leer.
Natürlich nicht - l e e r, vielleicht wie beim Kehren. Tische und Stühle stehen da, wo sie stehen sollen. Aber: Keine Instrumente mehr. Stille. Spätmorgenstille. Tiefste Spätmorgenstille im French Quarter. Ist selten. Ich könnte die Fliegen summen hören. Wenn ich wollte. Und Lust dazu hätte.
Habe ich ... abgehoben? Zu viel Hitze, schon jetzt? Kein Ed, keiner von seinen Leuten. Niemand mehr an den Tischen.
Nur der Barmann, schon kräftig im Grau, hantiert mit seinen Gläsern. Putzt und wischt. Lächelt aber. Versonnen. Wippt noch mit den Schultern. Läßt drei Takte im Step-Schritt hören. Und nickt mir zu.
Also gab´s doch ´ne Session hier, und ich bin nicht überdreht. Das beruhigt immerhin. Würde das Gegenteil auch irgendwie ... bedauern.

Der Barmann weist mit der Hand in die Nebenstraße. Aus den Fenstern und auf den Balkons und Umgängen der Häuser: Winken, Lachen, Ausgelassenheit. Jetzt kommt ´n Trupp die Straße herunter. Mit bunten Sonnen- und Flanierschirmen, farbigen Bändern und Blumen. `ne Menge Alte und viele Kinder. Vor ihnen, auf dem offenen Lastwagen der Firma "Chapman & Co", eine Band. ´ne Band mit verdammt guten Leuten.
Auf ´m Weg zum Festival...


E-mail des Autors:

HelmutBraeuer@t-online.de

 


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