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Möchte Ihnen gern ´ne Geschichte erzählen....
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Bei
Mobile hatten wir die Füße in den Golf von Mexiko gestellt. Armleute-Strände und
gegossene Betonzwölfgeschosser für Touries. Wir bleiben künstennah auf Westkurs.
´türlich ist das Adjektiv "flach" komparabel: flach, Ebene, Vorland bei New
Orleans. Sümpfe und delta-aufgefächerte Flüsse sind für Autos eigentlich recht
ungeeignet. Aber meilenlange Fahrwege auf Pfeilern ändern das ins Mögliche. Und da auch
die Schiffspassage gewährleistet sein muß, wölben sich diese Pfahlstraßen wieder und
wieder auf. Sie machen Buckel.
´s scheint, als wäre dem Auto das rasche Rollen nicht genug, als wolle es manchmal
bei den Auf- und Abschwüngen der Straße auch abheben und fliegen... Wir
rollen und fliegen. Immer westwärts. Dann taucht aus dem schweren Dunst die Skyline von
New Orleans auf. Seit zwei Stunden voller Spannung erwartet. Fast herbeigeflucht.
Ungeduld ist eine Untugend. Streng genommen. Allerdings weit verbreitet. Keine
Jugendsünde. Noch immer haben wir viele Meilen vor uns. Das Auto-Radio entläßt den
alten Carmichael-Titel "New Orleans" Zufall?
Endlich in der Metropole des Südens.
Enttäuscht: Dunkelheit. Wenige Straßenlampen. Kein Mississippi, keine Flatboats, die
Alligators schlafen schon, so scheints, nirgendwo ´n Schaufelraddampfer. An Billy´s
Cajun Restaurant ein Baumelschildchen "We`re closed", und auch Mark Twain
ist nicht am Ort. Wahrscheinlich schon flußaufwärts zu Tante Polly unterwegs. Außerdem
nieselt´s. Dicht und scheußlich.
Bei Mobile hatten wir die Füße in den Golf von Mexiko gestellt. Jetzt endlich in der
Metropole des Südens. Enttäuscht.
*
Unser
Hotel lebt vom Charme der 1890er Jahre. Leise Kritik versteckt sich hinter den Sieben
Bergen. Fred ballt darob das Gesicht zur Faust: Schließlich ist Jazz-Festival-Zeit in New
Orleans! Da gibts keine lange Wahlliste. Die Leute wollen cash sehen, denn sie
wollen cash machen. Möglichst viel und schnell. Und da eigentlich immer allerhand los ist
in der Stadt, haben es die Hoteliers schwer, einen Stubenmaler oder Elektriker zwischen
die Gäste zu lancieren. Würde auch so manchen Ärger machen! Den Abflußklempner könnte
man vielleicht noch annehmen aus guten Gründen...
Als dann beim ersten besten heftigen Guß des Südens das Wasser zügig in die Betten
läuft, lachen wir einfach. Und: stellen Eimer zwischen die Kopfkissen. Man muß nur zur
rechten Zeit ausgießen. Die Kinder ziehen um ins Bett von Oma Milli.
Am nächsten zeitigen Vormittag schütten sie in New Orleans wieder Wasser vom Himmel.
Wasser über Wasser über Wasser...
Dann aber strahlt urplötzlich die Sonne aus dem Bilderbuchblau der Golfgegend. Als hätte man ´n Dutzend Maler bemüht. Überall ist gewaschen worden. Der Asphalt schickt neuerlich viel Feuchte in die Luft. Sie drückt nicht. Ist nur da. Selbstverständlich. Rundum machts mächtig Spaß zu gehen und zu atmen, zu pfeifen und einfach nachzuschauen: auf die Balkons und Balustraden der angejahrt Häuser, in die Gesichter, in die Überfülle von grünem Grün jeglicher Art und aller Arten und die Farbenpracht der Blumen, in die kleinen Cafés englischer, französischer oder mexikanischer Abkunft.
´türlich sind die Streetcars lustige
Fuhrwerke offen, voller locker gekleideter, freudiger Leute und wie´s
scheint allesamt auf ein Ziel fixiert: French Quarter. Wir auch. Wohin sonst. Stop:
Erst noch zu ´nem alten Friedhof mit Hochgräbern. Die Früheren und Verblichenen sollen
nicht bei jeder Flutwelle aus ´m Bett gespült werden. Versteht man allerseits und ist
irgendwie logisch. Fordert keinerlei Erklärungen von Fachleuten heraus.
Und als hätte sie jemand für uns bestellt zieht ´ne Band vors
Friedhofstor. Sieben Leute. Schwarzer Anzug, nichts mehr für´n Laufsteg, bei Gott.
Weißes Hemd, das die schwarzen Gesichter betont, farbige Schärpe, Zylinder, in
klassischer Straßenmusikbesetzung, der Bandleader mit Flanierschirm. Sie spielen ihr
Blues- und Ragtime-Repertoire, und ´s macht ihnen Freude. Viel Freude. Den Leuten ringsum
ebenso. Alle in aufgeräumter Stimmung. Zwar vor dem Friedhof, aber: "On the Sunny
Side of the Street".
Unser Hotel lebt zwar vom Charme der 1890er Jahre. Nebensache. Denn jetzt scheint die Sonne über Mississippi und Stadt.
*
Nun
rücken auch wir ein. Ins French Quarter das heilige Land des old Jazz. In der
Bourbon Street meint man, die vielen Alten vor und nach Louis zu hören und zu sehen.
Denen es mal dreckig ging und mal besser je nachdem: ob sie oben oder unten waren.
´ne Atmosphäre der Vergangenheit in der Gegenwart. Vielleicht mit ´nem Schuß Zukunft?
Es ist weniges nach 10 Uhr, am, versteht sich. Die Sonne heizt langsam Mauern und Pflaster
und Gemüter neu auf.
An der Ecke zur Basin Street bleibe ich stehen. Das Haus vor mir glänzt im ausgemachten
Südstaaten-Schweinerosa. Dunkelgrüne Holztüren, bauchhoch halbiert, zum Klappen.
Doppelt. Bei allem Platzmangel Pflanzengewucher rechts und links. Plakate mit
Tenorsax und Baß.
´n ...Jazzkeller. "Jason´s" ist auf ´nem Schild zu lesen. Ziemlich
dunkel, scheints, aber ´ne Menge Leute da drin. Prächtig gelaunt. Ich lungere an der
offenen Tür herum. Höre ein wenig hinein. Einer gibt mit dem Fuß anderthalb Takte vor
Blues-Rhythmus. Wieder ´n Zufall? Geht´s trefflicher als mit dem "Basin
Street Blues" in der Basin Street?
Vielleicht hat Ed früher hier gespielt.
Bestimmt hat er das. Ich meine: Edmond Hall. Kennen Sie nicht? Wirklich nicht?
...Tatsächlich? Schlimm für Sie. Ausgesprochen schlimm!
Na gut, ich erklär´s Ihnen. Also: Edmond Hall - ein schwarzer Mann, geboren am 15. Mai
1901 in Reserve, Louisiana, ein paar Blocks weiter, wenn man die vielen Meilen dazwischen
nicht zählt. Sohn eines Klarinettisten; der ließ alle seine Kinder dieses Instrument
lernen. Ed war rasch der beste von allen. Mitte der 1950er bei den Armstrong Allstars,
dann mit eigenen Bands unterwegs, auch in Europa, und schließlich 1967, am 11. Februar,
gestorben... Verdammt jung noch. Herzattacke, nahe bei seinem Haus in Cambridge, Mass.
Klarinettistenlos.
Ganz
sicher hat Ed in diesem Keller musiziert. Ich drücke mich zwei Schritte in den Raum. Da
drinnen spielt jetzt das Piano kurz an. Gespräche brechen ab. Lärm versackt.
Aufmerksamkeit. Gespanntes Zuhören. Die Männer an Baß und Schlagzeug nehmen lässig den
Rhythmus auf. - Erstes Solo. Diese Klarinette - aggressiv und dann wieder leicht und weich
wie ein Falter... d a s konnte eigentlich nur Ed. Die Finger fliegen über Klappen und
Klanglöcher im rasanten Stakkato und verharren plötzlich und machen die Töne klagend.
Ich will noch ein Weilchen zuhören - "Clarinet Marmelade". ´n exzellentes
Stück. Aber nur für ´nen perfekten Mann. Kann nicht jeder spielen! Oder: Wüßte jemand
´nen Besseren?
Spielt für ´n ganzes Orchester!
Das macht ihm niemand nach! Keiner.
Das i s t Ed. Edmond Hall Clarinetman und ´n guter Freund von mir. Seit Jahren.
Nicht daß wir uns jemals gesehen hätten, aber dennoch... Eben ´n guter Freund
von mir.
Jetzt aber steht Ed keine zehn Schritt von mir entfernt. Hier im alten Keller an der Basin
Street in New Orleans. Bei Jason ...
Und der Mann strahlt übers ganze Gesicht, ist aufgeräumt, wie an ´nem Sonntag oder
nach´m Kirchgang, macht ´nen Gag mit seinen Gästen, winkt mich in den halbdunklen
Schankraum und meint, ein wenig schleppend, aber gar nicht so knapp wie sonst üblich:
Its my come back. Nur einmal im Jahr. Für zwei oder drei Stunden und nur hier. Für
die Topten meiner Fans. Aber sie müssen hierherkommen, in Jasons Keller. Du, German, hast
das gut gemacht. Kennst dich aus im Quarter, wie? Und ´s freut mich, daß dir der Weg
über ´n Teich nicht zu weit war und daß du gekommen bist. Freue mich immer, wenn ich
noch ´ne Weile für meine Leute spielen kann seit der Sache da von 67 vor meinem
Haus in Massachusetts... aber,... aber heut´ ist ´n guter Tag!
Hey, German, da kommt "Sweet Georgia Brown".
*
Ed
legt die Klarinette beiseite. Tupft ein wenig Schweiß vom Gesicht. Nimmt ´nen kleinen
Schluck. Kommt dann auf mich zu und fragt: ´nen speziellen Wunsch noch, German?
Yeah, "Muskrat Ramble", please, Sir.
Und er: Okay. "Muskrat Ramble" for you!
*
Der
letzte Ton swingt noch in der Luft. Der Schankraum ist leer.
Natürlich nicht - l e e r, vielleicht wie beim Kehren. Tische und Stühle stehen da, wo
sie stehen sollen. Aber: Keine Instrumente mehr. Stille. Spätmorgenstille. Tiefste
Spätmorgenstille im French Quarter. Ist selten. Ich könnte die Fliegen summen hören.
Wenn ich wollte. Und Lust dazu hätte.
Habe ich ... abgehoben? Zu viel Hitze, schon jetzt? Kein Ed, keiner von seinen Leuten.
Niemand mehr an den Tischen.
Nur der Barmann, schon kräftig im Grau, hantiert mit seinen Gläsern. Putzt und wischt.
Lächelt aber. Versonnen. Wippt noch mit den Schultern. Läßt drei Takte im Step-Schritt
hören. Und nickt mir zu.
Also gab´s doch ´ne Session hier, und ich bin nicht überdreht. Das beruhigt immerhin.
Würde das Gegenteil auch irgendwie ... bedauern.
Der Barmann weist mit der Hand in die Nebenstraße. Aus
den Fenstern und auf den Balkons und Umgängen der Häuser: Winken, Lachen,
Ausgelassenheit. Jetzt kommt ´n Trupp die Straße herunter. Mit bunten Sonnen- und
Flanierschirmen, farbigen Bändern und Blumen. `ne Menge Alte und viele Kinder. Vor ihnen,
auf dem offenen Lastwagen der Firma "Chapman & Co", eine Band. ´ne Band mit
verdammt guten Leuten.
Auf ´m Weg zum Festival...
E-mail des Autors:
HelmutBraeuer@t-online.de
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