Von der Unmöglichkeit

...
Von Tanja Brandmayr
(21. 05. 2005)


    Im wahrsten Sinne des Wortes ver-rückt. Menschen mit unglaublich klaren Augen und gesund geröteten Wangen beschreiben den Wahnsinn so oft verniedlichend, als Wortspiel und dessen Gefährlichkeit ignorierend. Alles an solchen Menschen hält die andere Wange auch noch hin. Damit hat Helen aber nichts zu tun, sie ist keine Anhängerin irgendeiner Sekte, sondern ein Kind der Zivilisation und des Abendlandes, der Jetztzeit, der Aggression.
Wer traut sich schon, still in seinem Zimmer zu sitzen und über sein Leben nachzudenken.

Nachtluft, Heimfahrt, unerwartet Er, TV.

Wegdriften, abtanzen, auflaufen, einschlafen.

"Wir sind beide sauber", er redet im Schlaf, Helen schaltet blitzschnell den Ton des Fernsehers weg und hofft, dass er weiter spricht.
"Es wird schon noch einiges auftauchen: Leichen."
Sie sieht erschrocken und irritiert in sein Gesicht, das bläuliche TV-Bild schimmert leicht auf der Haut zwischen den Kissen. Das Radio im anderen Raum spielt Breakbeats. Sie hat Lust, ihn zu wecken.
"Vier, fünf werden es schon noch sein, aber das macht nichts, ich sage es niemanden" – "das schaffen wir auch noch, wir haben ja Zeit".

Sie ist erstaunt und empört zugleich, und er schiebt noch etwas hinten nach:

"Nein, meine Frau will das nicht, und ich will es auch nicht." Sie zweifelt keine Sekunde daran, dass sie die Frau ist.
Helen denkt immer wieder das Wort: "Durchgeknallt".
Aber was ist schon normal: das Kleinbürgertum, ein Selbstmordversuch?

Das Mysterium der Liebe ist stärker als das Mysterium des Todes. Die einzigen beiden Dinge, über die es nachzudenken lohnt.

    Helen macht die Augen zu und lässt die Nacht vorbeiziehen. Sie versucht dieses Ritual, um einschlafen zu können. Eine Flut von Eindrücken setzt in einer Nacht davor ein.
Den Fahrer während der Heimfahrt nicht ansprechen: Sie sitzt am Beifahrersitz, ein anderer Freund schläft hinten.
Die laute Musik stört ihn nicht, Helen kann das verstehen, denn die Lautstärke nimmt auch sie völlig gefangen, schließt sie nach außen ab und macht das Bedürfnis nach einem Gespräch unmöglich.
Ihre Gedanken fliegen an ihr vorbei wie die Lichter der Straßenbeleuchtung: Auch der Blick nach außen existiert kaum, weil die schwarze Nacht ihn auf sie zurückwirft.
Ein Auto rauscht durch die Natur, in der es dann schön langsam hell wird.
Es sieht ruhig aus und kühl, der Morgentau liegt auf den Feldern, ein paar Tiere tummeln sich auf Futtersuche. Dann kommt der Schlaf.

Der schmale Grat, die Grenze des Bewusstseins: im Traum eine Bilderflut, verarbeitet zu einem einzigen Satz, im Halbschlaf gefestigt und um ihn ins Wachbewusstsein hinüberzuretten: merken, merken.
Beim langsamen Aufwachen, während des Vorgangs des Einbläuens und Einprägens verschwindet das Traumbild, der Satz löst sich zusehends zugunsten des Wachbewusstseins auf. Die Bilder, die im Traum noch voller Faszination und Details waren, sind plötzlich flach und nur noch Hirnmüll, praktisch nicht mehr existent. Der Satz, der gemerkt werden sollte, wird zunehmend zu einem leeren Gerüst, zerbröckelt und ist plötzlich ganz verschwunden.

Der Hirnausstoß wäre elektronisch nicht mehr messbar, aber immer noch färbt seine Grundstimmung den Tag ein.
Helen stellt nach dem Aufwachen Fernsehbild und Radio ab, der Morgen ist also ruhig.
Heutzutage darf man das Hirn keinesfalls mehr als einen Wissenspeicher abtun, sofort würde man verrückt werden.
Memory, den Tag Revue passieren lassen: Das hat sie gestern Nacht überhaupt nicht mehr auf die Reihe gekriegt und Helen stellt eine Gleichung auf: Zuviel Müll ergibt sich aus Unkonzentriertheit vs. Überdruss.

Ein kleines Quantum schießt durch das Außen als Eindruck ins Hirn und verwandelt sich zu einer wütenden Idee.
Die Beobachterin ist nicht nur anwesend sondern auch Verursacherin. Die Idee ist räumlich nicht lokalisierbar und ihr Impuls nicht exakt messbar. Sie lässt sie wegen allgemeiner Zerstreutheit fallen, macht Kaffee und verschiebt es auf später:
Das ist Gift. Etwas sofort verarbeiten oder fallenlassen, radikal.

Er steht auf, trinkt einen Kaffee mit, bemerkt ihre schlechte Laune und zettelt eine Diskussion über die Beziehung an. Helen hat seine Monologe satt. Als er kurz hinausgeht, schließt sie die Türe ab und lässt ihn nicht mehr herein.
"Geh Zigaretten kaufen", ruft sie durch die Tür, und er kommt wirklich mit Zigaretten zurück.

No regrets.
Das kann nur das Motto sein, wenn man handelt, nicht gelähmt ist. Wenn man unternehmerisch denkt.
Das muss nicht zwangsweise dumm sein.
Sie bereut bereits einiges.
"Was ist heute alles zu erledigen." Helen zündet eine Zigarette an und geht die Punkte durch.
Sich auf ganzer Linie selbst verwirklichen, übers Geld nachdenken, die Beziehung reflektieren, die Atemchoreographie. Die vielen anderen lästigen Kleinigkeiten schreibt sie auf einen Zettel und klebt ihn an die Tür.

Selbstreflexion, Helen denkt an das Aufwachen heute morgen:

Während ich versucht habe, mir einen Satz einzuprägen, habe ich ihn vergessen. Das war heute morgen. Heute. Morgen.
Wann war es also?

    Lässt man sich fallen, wenn man sich fallen lässt, und was passiert dann?
Jetzt ist Helen die einsame Existenz, die ihr Innenleben unfassbar macht:
Es zieht einen nach oben und nach unten, dazwischen entsteht eine vitale Spannung, die Prise Verrücktheit, die einem hin und wieder ein Lächeln auf die Lippen zaubert und einem bewusst werden lässt, dass man atmet.
Jetzt ist der Atem friedlich. Das trübe Nachmittagslicht verlangsamt und stellt ruhig. Für einen kurzen Augenblick ist alles im Raum großartig und erleuchtet: Alle Aktivitäten fallen ab.
Auf dem Schreibtisch liegen einige aufgeschlagene Bücher. Der Regen wird vom Wind an die Fensterscheibe geworfen. Helen könnte flennen wegen des plötzlich massiven Einbruchs an klarem Blick.
Der Wahnsinn ist permanent anwesend.

Lass dich fallen – ich fang dich auf.

Endgültige Trennungen sind nicht zu vollziehen, der Versuch scheitert im Ansatz, die Idee ist absurd.

Helen verzichtet auf sämtliche Erinnerungsstücke und gibt ihm alles. Er kann nicht ahnen, dass in Köpfen, Träumen, Fotos, Filmen, Geschenken eine Herzblockade zur Sicherung der Gefühle eingebaut ist, deren Intensität meist unterschätzt wird, von Menschen, die nichts ahnend auf Auslöser drücken.

Zum Spaß hatte er sie gefragt, wohin er sie entführen solle, sie lasse ihm ja keine andere Wahl: wo möchtest du aufwachen. Helen setzt einen skeptischen Blick auf.
"Ich halte das nicht aus, von dir getrennt zu sein, das macht mich wahnsinnig, ich halte das nicht mehr aus, ich bekomme dich aus meinem Kopf nicht mehr heraus" hatte er gesagt. „Ich muss dich umbringen, es hilft nichts."
"Sehr witzig" hatte Helen geantwortet.
"Nein, es ist so, es hilft nichts: ich muss dich umbringen."
Er hat keine andere Wahl, er muss Helen umbringen, wenn er weiterleben will. Beinahe wäre es Selbstmord geworden, wenn Helen an den Tod geglaubt hätte.
Denn der Selbstmord ändert nichts daran, gelebt zu haben, wie wir wissen, und auch der Tod generell nicht und so lebt Helen weiter.

    Hunde jagen neben der Autobahn dahin, sie springen weiter vorne über die Leitplanken auf den Pannenstreifen. Helen sitzt mit Marc im Auto und sieht hinaus. Er fährt. Die Musik ist laut. Sie nähern sich den Hunden mit rasanter Geschwindigkeit. Die Hunde sind fest entschlossen, mit heraushängenden Zungen erwarten sie sie, sie haben ihr Programm gestartet bekommen, und es gibt keinen Abbruch. Unmöglich können sie es selbst stoppen, widerwillig würden sie ihrem Herrn folgen, wenn der sie zurückpfeifen würde. Also laufen sie, ohne zweifeln zu können, ihre Opfer letztendlich zu erwischen und zu zerreißen.
Sie wollen Helen. Es ist ihnen egal, dass sie sie so nicht erwischen können, sie sitzt im Auto, ist viel zu schnell, es gelingt ihnen nicht einmal, ihr Angst einzujagen. Hin und wieder drehen sie den Kopf ruckartig nach hinten, um zu sehen, wo Helen bleibt.

Sie richten den Kopf schnell wieder nach vorne, um in ihren idealen Bewegungsablauf zu gelangen, nicht um zu sehen wohin sie laufen, sondern um die notwendige maximale Geschwindigkeit nicht zu verlieren.
Sie kommen schon so nahe, dass die feuchten Hundeschnauzen im Mondlicht zu glitzern beginnen, und dass Helen glaubt, das abgehetzte Hecheln hören zu können.
Ihr ekelt, sie schaut weg.
Sie sieht zu Marc hinüber, er sieht auf die Straße, seine Haare entzünden sich plötzlich und brennen feuerrot und lichterloh. Sie sagt nichts zu ihm.
Sie sind auf gleicher Höhe mit den Viechern, sie kläffen und schnappen her.
Helen sieht im Außenspiegel, wie sie hinter ihnen bleiben.

Weiter vorne, geradeaus, in einem vom Mondlicht wässrig geleuchteten Streifen taucht eine andere Hundemeute auf und hetzt ihnen entgegen, mit affenartiger Geschwindigkeit rast das Bild auf sie zu, vergrößert sich, und Helen und Marc zischen durch das Gebell und s i e hinweg.

Sie läuft in den Wald hinein, der rechts an ihr vorbeizieht, ein Nadelwald, eine Monokultur, in der es auch am Tag dunkel ist. Es ist kalt, das macht aber nichts, sie genießt die Vorstellung, in der Dunkelheit durch einen Wald zu laufen, ohne Angst zu haben, und ist schon wieder draußen aus dem Wald.

Ihre Füße berühren den Boden, sie sitzt fest im Sattel, einer muss das Schiff schließlich lenken.

"Marc, habe ich dir schon erzählt, dass ich von dir geträumt habe?"
Helen sieht Menschen am Pannenstreifen vor ihren kaputten Fahrzeugen.
Sie wissen beide nicht, wo sie hinwollen, sehen aber nach vorne.
Das Auto frisst gelbe Würmer, die auf der Straße liegen.

Marc muss sich wohl fragen, was sie wirklich von ihm will.
"Zweimal. Das erste Mal habe ich dich gefragt, ob du mit mir schlafen möchtest."
Sein Gesicht kräuselt sich im Scheinwerferlicht des Gegenverkehrs zu einem Lächeln, so, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen, den er sich nicht anmerken lassen will.
"Du hast aber nein gesagt." Sie macht eine Pause.
"Im zweiten Traum, den ich Wochen später geträumt habe, habe ich dich wieder gefragt", er hört jetzt sehr aufmerksam zu, ein wenig ängstlich, etwas gesagt zu bekommen, was den eigenen blinden Fleck ausmachen könnte, dessen Spektrum von höchster Freude bis zum totalen Krieg reichen kann: weil keiner weiß, wie er wirklich ist.
Und das Ungeheuerliche dabei ist: es ist alles möglich.

Helen lehnt an einem Baum im Wald, in den sie vorher hineingelaufen ist. Sie hat den Punkt ihrer Erschöpfung übersehen, beugt sich nach vorne, lässt sich dann auf ihre Hände fallen und rollt auf den Rücken, wo sie sich langsam erholt.
Mit ihrem leiser werdenden Atem wird es still und sie nimmt das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln wahr.
Erinnerungen und Träume geben sich die Hand. Helen spürt ihr Gewicht umso mehr auf der Erde aufliegen, je mehr sie sich entspannt. Für einen kurzen Augenblick tot, spürt sie die Beine angewinkelt, den Blick starr und dann wieder einen leichten Atem zwischen den Lippen.

Sie wendet ihren Blick von den Baumkronen zur Seite und sieht sich in der Ferne im Auto sitzen und vorbeirasen, ein einsames Fahrzeug in der Nacht, vorne weißes Licht und rotes hinten, Mond darüber, Asphalt darunter, blaue Nacht, eine lange Straße ohne Ende, neben ihr Marc. Sie lachen trotzdem. Sie hat ihm gesagt, dass er auf die zum zweiten Mal gestellte Frage, ob er mit ihr schlafen wolle "Ja - aber ohne küssen" geantwortet hat. Das macht nichts.
Sie sieht ihn an, und er sieht fragend herüber. Er muss bei dieser halsbrecherischen Geschwindigkeit sofort wieder auf die Straße sehen. Hinter seinem Profil zischt die dunkle Landschaft vorbei. Marc kennt sich nicht mehr aus. Jetzt bekommt sie wieder Lust zu laufen.

Sie verlassen das Auto senkrecht nach oben und sehen es weiterfahren. Im nächsten Augenblick sind sie in der Stadt, bei einem Konzert.

Sie laufen die Gasse entlang und die Fenster leuchten ihnen entgegen.

Durch die kurz geöffnete Tür hören sie Lärm, und der Lärm wird zum Klang, als sie das Haus betreten. Die Vorgruppe spielt schon, sie bezahlen und bekommen einen Stempel auf die Pulsader des Handgelenks.
Sie trixen richtiggehend ein, direkt an die Bar, bestens gelaunt, mit der Meute von Hunden im Schlepptau. Die werden von allen Anwesenden anstandslos akzeptiert, Helen kann sich darüber nur wundern, sieht, wie einige Tiere unverschämt die Leute beschnüffeln.

Hier hat niemand Angriffe auf Leib und Leben zu befürchten, der Rückzug in eine Randgruppe erfolgt freiwillig.

Der Raum ist heiß und laut.

Ein ganz spezieller, funkelnder Blick:
Nachtleben, Unmoral.
Kommunikationsunfähigkeit, Rausch?

Marc und Helen lachen unverschämt laut.
Der Blick voller Zuversicht, weil nicht an Zukunft orientiert: Alles lustig.

Weiter in die Nacht. Alles ist lustig.

Sie hält die Augen geschlossen, in einem dichteren Medium als Luft wird die Hitze zur Kälte, kalt, alles Wasser.
Mikrokosmos. Unterwasserstille. Echolot.
In weiter Ferne spielt die Gruppe verlangsamt, verzerrt und hell.

Kurz flackert ein Bild und das Gespräch eines blutleeren Paares aus dem Kaffeehaus von vorhin vor ihren Augen auf, aber der dunkle Raum fließt sofort von allen Seiten ins giftige Bild und frisst es auf, die infernale Lautstärke hat die Stimmen der beiden sowieso gelöscht.

    Helen beobachtet eine Frau neben sich, die ein Streichholz anzündet und denkt: man sollte niemals ein Feuerzeug verwenden. Denn wenn sich dieser kurze, wunderbare Impuls auf dem Gesicht eines unruhigen Menschen spiegelt, ist es für eine ebenso kurze Gegenwart entflammt und erleuchtet: Die alltägliche Praxis einer Manifestation von Energie, eine magische Evokation, leicht gemacht für jedermann und jede Frau.

Der Körper ist sensibilisiert, aufmerksam gegenüber jedem Atemzug.
Alles heiter, sinnlich. Die Eindrücke machen sich selbständig im Kopf und machen einen lächeln, illuminiert, beleuchtet.
Die Hand heben, eine Sensation, die helle Freude. Die Hand durch die Luft bewegen, der Wahnsinn: es gibt nichts Verrückteres als mich als ich.

Hinschauen, wegschauen, Kopfschütteln, blinzeln, das Bewusstsein spielt verrückt, jemanden anlachen und ihn einatmen, die helle Freude, der Körper ist sensibilisiert, alles unglaublich.

Die Möglichkeit des Atemschöpfens, Luftholens lässt einen die Augen schließen, und in die Dunkelheit fallen, endlos tief in die schwarze Nacht, immer schneller fallen, der freie Fall in den Augenblick, Eindrücke und Bilder verwandeln sich vor den geschlossenen Augen, die Hunde werden zu chemischen Formeln und Musik zu Wasser: bis man die Augen wieder öffnet. Dann sind die Hunde wieder da.

Sie sieht Marc vor sich, er lacht und fuchtelt mit den Händen vor ihrem Gesicht herum, sie lacht, er lacht, sie lacht, er lacht, sie lacht, Blickkontakt, Hand davor, Blickkontakt, fuchtelnde Hände, er lacht, und sie auch.

Es ist nicht beschreibbar, wie es wirklich ist. Es ist so, wie es sein soll, endlich ganz normal, endlich ist sie im Zentrum ihrer selbst.
Marc, wo bist du schon wieder. Dann lieber in die Nacht hinaus.

Der zweite Grenzfall Haut. Die kühle Nachtluft ist ihr auf den Leib geschneidert. Jemand, der ihr nahe ist, kommt noch näher und bildet ihre dritte Haut: hinfallen lassen und im Gras liegen bleiben. Drüber und drunter und vorzugsweise das Gesicht begreifen. Finger in den Mund und wieder raus und dann was anderes. Zuerst noch lachen, dann schon sinnlich.
Grenzen aufheben, Haut begreifen, weiterspielen, sich selbst angreifen, die eigene Hand liegt wieder in der Wiese, Augen zu und warten auf: die Chronologie der Berührungen.

Zungenkuss, funktioniert bestens, der Körper geerdet, am Boden liegen, er kniet über ihr, kurz kein Körperkontakt: Luft dazwischen. Völliger Unernst: ein Blick reicht: Dann weitermachen, den anderen elektrisieren, magnetisieren, Vorsicht jetzt mit den Berührungen, ab jetzt nichts mehr ohne Blickkontakt.

Später ist sie im Zauberwald unterwegs, im unruhigen Schlaf, Neonbäume und Eulenrufe in dunkler Nacht, sie muss immer weiterlaufen, denn hinter ihr wächst der Wald zu. Sobald sie einen Schritt nach vorne getan hat, schließt sich das Dickicht in den fraktalen Formen des Chaos hinter ihr. Sie wagt es nicht, stehen zu bleiben, vor ihr öffnet sich eine Dornenhecke aus Rosen, sie nimmt seine Hand und drückt sie an ihr Herz. Vielleicht wundert er sich über sie. Vielleicht hat er nicht erwartet, dass sie ihn selbst im Schlaf nicht vergisst.

Zwischen einem Mann und einer Frau verdichten sich Aggression und Schmerz zu einem waghalsigen Unterfangen, weil so viel mitschwingt, auch wenn Liebe im Spiel ist.
Marc hat plötzlich ein Hundegesicht.
Und es ist trotz allen Pathos und allen Verlangens in erster Linie ein Körper- und Hautkontakt zwischen zwei Menschen, bei dem die Lust ausgetauscht wird, die nur auszutauschen möglich ist.

Dann ist Marc weg. Spontane Selbstverbrennung.

Atemchoreographie, Tag zwei.
Mathematik funktioniert, wenn sie Körper und Seele nicht vernachlässigt, ohne sie extra erwähnen zu müssen. Der Missklang muss integriert werden. Dreck und Chaos haben nur in der Kunst Berechtigung und sind demnach Luxus.

Das Leben ist ein Spiel, eine Performance in einer unglaublichen Kulisse, im besten Sinne irreal. Aber nur wenn es gut geht, sonst ist es ein Laufrad, ein Fließband, eine Tretmühle, ein Ochsenjoch, eine Vergasungskammer, Krieg.

Da helfen auch die besten Lebenshilfebücher nichts mehr, nicht die gewitztesten und ausgebufftesten Tricks und Konzepte.

Lustig, lustig.
Seid ihr wirklich alle da.
Wirklich?
Achtung, das ist eine wichtige Frage. Sie stellt sich alsbald in den Raum, sodann in die Zeit:

Wir leben hier und heute, nur das macht Sinn.
Wir leben jetzt, hier vor Ort: und sind ohne hin schon hin?

    In Sackgassen laufen, Leute treffen, einer ist so gut wie der andere, alles egal. Der Versuch einen Konsens mit aller Welt zu entdecken, eine Sprache, die Geschichten sprudeln lässt. Aus Gesichtern, deren Münder zu quasseln beginnen ohne jemals wieder stoppen zu wollen, Selten sind Erinnerungen in hochgefahrenem Zustand möglich, die dünne Luft der Gegenwart ist gekennzeichnet durch Stromschläge unbestimmbarer Herkunft und Intention.
Die Rechnung geht nicht auf. Das Hirn funktioniert nicht, überhaupt nicht, so wie man es möchte, so wie der ganze restliche Körper auch nicht. Der Blick in die Zukunft ist unmöglich, verbietet sich per se, die Anstrengungen der Historiker richten sich in die entgegen gesetzte Richtung, unter anderem, um aus der Geschichte zu lernen.
Geschichten zu erzählen erfordert es, in einem Wasserfall oder einer Wüste von Fakten die richtige Menge Wasser zu gewinnen und in einem Glas zu sammeln, aufzufangen, zu destillieren, um es jemandem zu reichen oder es selbst zu trinken.
Sich an nichts mehr erinnern können. Alles nicht ganz mitbekommen. Die Fakten nicht verknüpfen können. Erinnerungslücken. Kein lückenloses Alibi. Dosis steigern, keine Eingeständnisse.

(Irgendwann, an einem bestimmten Punkt in der eigenen Geschichte wollen die Erinnerungen wieder wahrgenommen werden, sind in der Zwischenzeit zu eigenen Gebilden herangewachsen, die mit großer Kraft und Beharrlichkeit anzuklopfen beginnen, zuerst im Kopf herumspuken und dann durch das Nervensystem in den ganzen Körper gelangen und in zunehmender Raserei ins schwächste Organ einbrechen, wenn sie sonst nirgends liebevoll empfangen werden)

Sie kann nicht schlafen, liegt im Bett und liest, bemerkt schließlich, dass sie müde ist.
Sie legt das Buch auf den Boden, schaltet das Licht ab. Sie liegt auf der Stelle, hat die Augen geschlossen, liegt im Bett und erkennt, dass sie im Bett liegt, erkennt, dass sie noch nicht schläft.
Sie dreht das Licht an und versucht weiter zu lesen. Sofort fallen ihr wieder die Augen zu, sie versucht trotzdem zu lesen, möchte sich müde machen, merkt, dass sie schon müde ist. Sie lässt das Licht an, schließt die Augen, glaubt, dass sie gleich einschlafen wird, ist aber schon wieder in ein Gedankenkarussell eingestiegen, das sie nicht schwindlig macht, nicht berauscht, keine Bilder entstehen lässt, sie nirgends mitnimmt, sie nicht begeistert und auch nicht ängstigt, sie nicht in den Schlaf wiegt. Die Unruhe wächst soweit, dass sie wieder merkt, dass sie immer noch nicht schläft.
Sie macht die Augen auf und ist sofort müde.
Sie öffnet die Augen und wird sofort müde.
Sie ist sicher, dass nichts stimmt.
Plötzlich stoppt ein Rauschen in der Nacht draußen, das sie bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht wahrgenommen hatte, und es ist still. Die Herkunft des Geräusches ist nicht erklärbar. Es könnte ihr Computer gewesen sein, wenn er eingeschalten gewesen wäre.
Sie lauscht in die Nacht, ob sie noch ein Geräusch ausfindig machen konnte, das sie bis dahin nicht gehört hatte.

Die quälende Frage: Was ist falsch gelaufen, wo ist der fatale Fehler geschehen, dass nichts geschieht: Einen hoch gezüchteten Spürhund zum Auffinden der vergebenen Gelegenheiten ist in unsere Innereien oder Kopf oder Seele geschickt, dort stöbert und wildert er jetzt herum: Ohnmächtig: Insomnia: weder Schlaf noch wach.
Helen braucht einen Agenten, einen Spürhund.
Sehnsucht nach einem unendlichen Kosmos einer egozentrischen Welt: Dann hat sie noch den größeren Respekt vor den Verweigerern, den Verbrechern, nein: das wäre Fiktion: Helen wollte immer einen Hund, als Kind.
Der Hund ist jetzt unterwegs: anhänglich, treu, wahnsinnig, kann nicht aufgeben, wühlt und macht Dreck, gräbt seine Schnauze in die Erde, in ihr Hirn.

Der Irrsinn ist allgegenwärtig, vor allem dann, wenn alles normal läuft, wenn man glaubt, alles unter Kontrolle zu haben, mit Ausprägungen zwischen Größenwahn und Autismus.
Selbstverständlich ist die Weltweltgesellschaft insgesamt schizophren.
Abweichende Wahrnehmung wird immer noch sanktioniert, während sie doch erklärtes Ziel des Fortschritts ist.

Das Gesicht des Geliebten wird zum Bild des blanken Entsetzens: aus ihm öffnet sich eine Tür ins schwarze Nichts. Daraus springt sie ein Hund an.

Unten wird eine Suppe aus Mehl und Wasser gekocht, jeder gibt einen Blutstropfen dazu. Radiorauschen, Kammerton A.
Sie hebt den Blick senkrecht nach oben: Alles oder nichts ist gleich zwei und weiter unendlich.

Es ist, was es ist, immer anders.

Keine Täuschungsmanöver mehr. Endlich das, what I am. Kein funktionierendes Gesellschaftsmitglied mehr, aber das weiß noch keiner, wie auch nicht, dass die Gegenwart nicht mehr funktioniert.

Sondern Erschöpfungsmanöver. Ich bin nicht mehr müde, denkt Helen. Ich kann nicht mehr schlafen. Das bringt zwar eine Menge Zeit in der Nacht. Dafür schreibt das Hirn die Tagesgeschehnisse nicht mehr ins Langzeitgedächtnis um. Das ist eine Theorie über die Funktionalität des Traumes.
Helen sitzt mit Marc in einer Bar, er hat die Traumtheorie aufs Tapet gebracht. Blick auf den Tisch, Aschenbecher, Getränkekarte, bunte Flyers, Salz- und Pfefferstreuer.
Kurz sein Gesicht, dann: Salz schwebt, Pfeffer schwebt.

Als reales Erlebnis geschildert, ist der Traum wie eine Offenbarung, ein Flashback, ein Ausruf des Erstaunens über die Unverfrorenheit des Erzählers, ein erfreutes Auflachen über die Unmöglichkeit.
Sonst ist das Erzählen eines Traumes als Traum für die zuhörende Person eine Zumutung.

In der Einsamkeit des Nullpunkts werden Unterhaltungen unmöglich. Marc hatte ihr erzählt, dass er das Gefühl des neben sich Stehens das erste mal beim Bundesheer erlebt hatte, als er sich selbst in voller Ausrüstung selbst die Stiege hinunterrennen sah, während er in voller Ausrüstung die Stiege hinunterrannte.

Möglicherweise ist das Schweigen und die Nichtaktivität in einer Zeit des permanenten Lärmes und der krankhaften Unruhe das einzige moralische Statement: Kollektives Goschen halten, Zeit anhalten, Stagnation zelebrieren, sich verkehrt aufhängen.
Die beschleunigten Unklarheiten steigern den inneren Aufruhr. Die Information nimmt zu, in Wahrheit bewegt sich nichts mehr.
Dem zensurierten Innenleben joggt niemand davon.
Später zwingt das Alter zum Stillstand. Dann entsteht die Krankheit Alzheimer und pfeift auf das Phänomen Infogesellschaft.

Selbst, wenn die Kommunikation in Bild und Ton mit fiktiven Charakteren und dem Mars gleichzeitig und einwandfrei verläuft.

    Im brasilianischen Regenwald. Tief in den grünen Lungen der Erde: Knacken, Zischen, Vogelschreie. Feuchte Luft. Ein Mann steht Auge in Auge mit einem Hund zwischen den quietschgrünen Tropengewächsen, beide schwarz gekleidet. Der Hund bellt.

Soll ich mit dir das Zimmer teilen,
Pudel, so lass das Heulen,
So lass das Bellen!
Solch einen störenden Gesellen
Mag ich nicht in der Nähe leiden.
Einer von uns beiden
Muss die Zelle meiden.
Ungern heb ich das Gastrecht auf,
Die Tür ist offen, hast freien Lauf.
Aber was muss ich sehen!
Kann das natürlich geschehen?
Ist es Schatten? Ist’s Wirklichkeit?
Wie wird mein Pudel lang und breit!
Er hebt sich mit Gewalt,
das ist nicht eines Hundes Gestalt!
Welch ein Gespenst bracht ich ins Haus!
Schon sieht er wie ein Nilpferd aus.
Mit feurigen Augen, schrecklichem Gebiss.
O! du bist mir gewiss!

Klopfen, Rollen, Gurren, Kreischen im Urwald, Blitz und Donner, die Papageien schreien, fallen auf die Kreatur nieder und flattern mit ihr hoch in die sauerstoffarmen Sphären des Himmels, wo ein alter Mann sitzt:

Nun gut, es sei dir überlassen!
Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab,
Und führ ihn, kannst du ihn erfassen,
Auf deinem Wege mit herab,
Und steh beschämt, wenn du bekennen musst:
Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange
Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.

Die Atmosphäre dreht sich mit der Erde weg, deshalb ist der Himmel nicht mehr blau, sondern schwarz. Die Papageien flattern ins Weltall. Und unter das Hundsvieh, das jetzt nur mehr einen Zahn hat, schiebt sich der Mond.
Auf dem Mondgestein steht die griechische Königin Helena mit mehreren Frauen:

Ja auf einmal wird es düster, ohne Glanz entschwebt der Nebel
Dunkelgräulich, mauerbräunlich. Mauern stellen sich dem Blicke
Freiem Blicke starr entgegen. Ist’s ein Hof? ist’s tiefe Grube?
Schauerlich in jedem Falle! Schwestern ach! wir sind gefangen,
So gefangen wie nur je.

Mit nur mehr einem Zahn kläfft der Hund die Königin an. Die Frauen verschwinden, weil keine Atemluft vorhanden ist. Sie sind auf einer Zeitreise zurück in die Antike. Der Mond bleibt leer, bis auf den Hund. Wir springen ihm nach und mit einem Satz wieder in den brasilianischen Regenwald, mitten in den grünen Schlund und sehen in die Augen eines schwarz gekleideten, sprechenden Mannes:

Soll ich mit dir das Zimmer teilen,
Pudel, so lass das Heulen,
So lass das Bellen!
Solch einen störenden Gesellen
Mag ich nicht in der Nähe leiden.
Einer von uns beiden
Muss die Zelle meiden.
Ungern heb ich das Gastrecht auf,
Die Tür ist offen, hast freien Lauf.
Aber was muss ich sehen!
Kann das natürlich geschehen?
Ist es Schatten? Ist’s Wirklichkeit?
Wie wird mein Pudel lang und breit!
Er hebt sich mit Gewalt,
das ist nicht eines Hundes Gestalt!
Welch ein Gespenst bracht ich ins Haus!
Schon sieht er wie ein Nilpferd aus.
Mit feurigen Augen, schrecklichem Gebiss.
O! du bist mir gewiss!

Der Pudel fliegt mit den Papageien in gleichem Gekreisch weg.
Der Mann bleibt zurück.
Der Erdtrabant bleibt fern.
Nicht nur die Himmelskörper rotieren auf einer Schleife durchs Nichts.
Nicht nur griechische Königinnen stehen vor dunklen Mauern.

    Helen hat plötzlich einen Hund. Sie sieht den Hund an und ihr kommt ein Gedanke: "Ihr Tiere, ihr habt ja keine Ahnung vom eigenen Tod" sagt sie "das ist doch der große Unterschied".
Der Hund kläfft und springt an ihr hoch: "Besser, als an eine x-beliebige Errettungsphantasie zu glauben".
"Hast du ein Ich?" fragt Helen.
Der Hund sagt: "Ich kann auch ohne".

Gehen wir jetzt spazieren, sagt sie zum Hund.
...


 

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