Bundesrepublik

Wir hören jetzt viel vom Rechtsradikalismus in Deutschland.
Herrscht Betroffenheit? Macht sich Angst in uns breit? Die Info erreicht uns,
aber sie trifft uns nicht. Wir blättern um und lesen vom Massaker in Afrika. Grausamkeiten überall. Daten. Fakten. Und hier? Keine Info, sondern Angst.
Der Albtraum des Opfers in bewegende Zeilen gebannt. Und ich bin mittendrin,
laufe mit um ein bedrohtes Leben, zum Leben erwacht.


Von Alfred Büngen

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     Der Freund soll hier wohnen, Schillerstraße 112. Über eine Stunde fuhr er mit Bahn und dem Bus, diesen Ort aus Beton zu erreichen. Schneematsch klebt an den Füßen, vor den Augen wirbeln weiße Flocken, scharfer Kontrast zu schwarzem Gesicht. Das einfallslose Blau seiner Jacke mit gestepptem Bund wärmt wenig, stoppt nur ein wenig den schneidenden Wind. Anfang der Woche fragte er auf dem Amt nach bewilligter Erlaubnis für diese Reise. Am Ende des Vormittags warf der Freundliche ihm zwischendurch auf dem Flur den erhofften Satz der Erlaubnis zu, mußte er nicht bis zum Abend abwarten in der Vielzahl unbekannter Sprachen. Seine Nummer vermachte er einem Gelblichen mit noch sehr viel höherer Zahl.
Schwierig, die Nummer des Hauses zu finden. Alle Eingänge gleich mit überdachtem Plexiglas, Aneinanderreihung von Knöpfen und verwitterten Namen, teilweise aus der Wand gerissen. Die Straße schimmert gefrierend, kein menschlicher Laut, nur das wütende Gekläff eines Hundes. Autoskeletts warten vom Rost zerfressen am Straßenrand. Da an der Wand die beiden Einsen, die Null hängt auf dem Kopf ein Stück tiefer. Der nächste Hauseingang müßte es sein. In dem Dorf in Ghana hatten sie noch nicht einmal so viele Menschen, die Kinder und Großväter einbezogen, das größte Dorf ihres Stammes. In der Nacht kamen die Sieger von General Achmeti. Drei überlebten aus Zufall, der Freund und er mit viel Blut unter den anderen Toten begraben und der Verräter, wenig später auch von den Siegern gemeuchelt. Er sucht den Knopf, kann aber keinen Namen finden, das Gesicht des Freundes strahlt hinter der Scheibe, im Treppenaufgang hallt eine Tür.
Vertraute Sprache dringt an sein Ohr, Tränen überschwemmen das Auge. Der Tag vergeht mit Trauer und Freude in wenigen Sekunden. Den Weg zum Bahnhof muß er alleine zurück, sein Plastikbein schmerzt entsetzlich. Verabredete Anträge bald zusammen zu leben, Hoffnung, doch schon viel zu oft betrogenes Wissen. In der schon eingesetzten Dämmerung dreht er sich noch einmal, winkt mit tränenden Augen. Die beiden Letzten ihres Stammes in einem fremden Land verirrt. Der Deckel einer Mülltonne schlägt den blechernen Rhythmus.
Sein Kopf wirbelt benommen, die Einsamkeit ohne Sprache und Freund hat erfaßt ihn schon wieder. Er hört nicht das Klacken der beschlagenen Stiefel auf den schmutzigen Platten des Weges nur wenige Meter hinter sich. Noch sind es nur zwei bleiche Gesichter, aufgescheucht von der schwarzen Farbe in ihrem Viertel. Aus dem nächsten Eingang reihen sich zwei weitere Kahlköpfe ein. Das Stampfen der Schritte schlägt härter und lauter. Die Hosen der Soldaten des Generals Achmetis schimmerten in gleicher Farbe. Vorsichtig wendet er den Kopf, schleicht schneller weiter. Aus den geröteten Augenwinkeln sieht er die nächsten zwei aus dem Aufgang herausmarschieren.
Das Stakato der Schritte schmerzt bereits in den Ohren. Ein Mann steigt aus einem Auto, verschließt sorgfältig alle Türen. Flüchtig betrachtet er das Bild der Bedrängnis, wendet sich in den nächsten Aufgang ab mit schnellen Schritten. Die Fensterläden in der Wohnung in der unteren Etage fallen knallend zu, die Schüsse klangen ähnlich.
Über die Stirn perlen erste Tropfen Schweiß. Die Kälte fällt von ihm ab, Bäche von Schweiß überfließen seinen Rücken. Sein Atem keucht bereits stockend. Über den ausgetrockneten Boden lief er bei der Jagd stundenlang, nicht der, aber einer der besten. Doch auch die Lunge bekam einen Schuß, bald pfeift der Atem. Der letzte Block, jetzt eine freie Fläche. Der Wind schneidet scharf ins Gesicht. Hinter ihm trommeln zermalmende Stiefel. Kein Wort, kein Ruf, eisiges Marschieren. Seine Füße beginnen stolpernd zu laufen. Die Glätte der Sohlen der Sommerhalbschuhe ermöglichen kaum einen Stand. In seinen Ohren hämmert das Schlagen des Lebens. Er kennt die nicht, die sind nicht von einem anderen Stamm, haben mit ihm nichts zu tun. Entgegenkommende Autos blenden mit ihrem Licht, Luftwirbel bremsen seinen Lauf, seine Not bleibt unerkannt.
Vielleicht sind es noch fünfhundert Meter, unendliche Strecke. Hinter sich vernimmt er nichts mehr. Der Körper bleibt stehen, vornübergebeugt verschnauft er. Das ängstlich gerötete Weiß der Augen späht hinter sich, sieht sie marschieren, unabänderlich regelmäßig hämmert ihr Takt, drohen immer näher. Seine Flucht startet neu, die Luft wird ihm knapp. Bald hat er den Rand der Stadt schon erreicht. Nur kurz verharrt er an der Stange des Schildes, hetzt dann weiter. Beim Hochblicken sieht er sie vor sich stehen, nicht sehr weit weg. Bleiche Gesichter, die Arme über hölzerne Schläger verschränkt. Hundert Meter vor ihm harren sie auf dem Gehweg auf das Opfer. Seine Augen flehen die Möglichkeit einer Flucht. Quer durch den Garten, über den Zaun, er wird es versuchen. Schon sieht er sie nicht mehr. Tannen bieten ihm eine fast unerträgliche Wand. In diese Richtung liegt die Stadt und der Bahnhof. Hose und Haut zerreißen an der Spitze des Stacheldrahts. Ein Bewohner droht durch das Fenster mit geballter Faust. Die idyllische Ruhe des verschneiten Gartens zerstört ein schwarzer Vagabund. Stimmen hinter den Büschen bringen erflehte Hoffnung. Ein bemenschter Gehweg, er flieht hinein. Vermummte bestrafen sein geflohenes Äußeres mit drohenden Blicken. Er leidet ein Meer von Grimassen, niemand zeigt in den Augen nur einen Fetzen von Hilfe. Die Masse von Menschen verdichtet, er weiß sich schon mitten in der Stadt, glaubt sich fast überlebend, wieder einmal. Der Freund erzählte ihm vom ewigen Verweilen im Haus. Er fragte nicht nach, dachte das Bein, es sind die Stiefel. Schon hört er die Geräusche des Bahnhofs, gleich wird er ihn erreichen. In seiner Jacke erfühlt er die Karte der Heimfahrt, die riesigen Zeiger der Uhr künden noch zwei Minuten. Schon verschwindet er im Oval der Rückkehr. Ängste entweichen zu Gunsten der Sorge um den hier lebenden Freund. Gleich morgen wird er den Freundlichen wieder befragen.
Sein Körper drängt sich durch die Vielen, eilt zu dem Bahnsteig, da sieht er sie stehen, die Bleichen mit den gestoppelten Haaren, schon haben auch sie ihn entdeckt. Seinen Zug kann er schon hören, eine Stimme befiehlt schon die Abfahrt. Er hastet zurück in die Masse, die ihm keinen Unterschlupf bietet. Sie kommen näher, er hört das Schlagen der Stiefel auf dem steinernen Boden. Die Tür eines Kaffees mit gläsernen Türen als letzter Ort einer Flucht. Er drückt die Tür auf, eine Vielzahl von Gesichtern widert sich an seinem Aussehen. Selbes Gefühl wie schon einmal, das Ende schon beschlossen. Die Gesichter mit ihren Stiefeln drängeln herein, immer mehr. Schläger schlagen wartend in ihre Hand, Fratzen grinsen ihn meuchelnd an. Um ihn herum springen Schreie des Entsetzens von Cafehausstühlen. Gedanken geraten in Panik, schon einmal unter Leichen begraben.
Die Bewegungen werden hektisch. Eine Kaffeekanne fliegt mit klirrenden Scherben vom Marmortisch. Er sieht nicht das Glas einer Zwischentür. Die Kraft der Panik zerschlägt es mit dumpfem Zerbersten, Zacken zerschneiden seinen Körper an vielen Stellen. Das austretende Gefühl klebriger Wärme lähmt ihn in der Erinnerung. Reisende fliehen in schwarzem Entsetzen, ungehindert marschieren die Stiefel davon, von der Vielzahl der Masse geschützt.
Ein roter See droht ihn zu ertränken, noch niemals gemeinsam darf er sterben. Schwarzes Nichts verliert sich, umgeben von Staunen ohne jede Hilfe.    


Alfred Büngen, 46 Jahre, ist studierter Germanist und Politologe, Inhaber des Geest-Verlages, und Herausgeber der Literaturzeitung "Volksfest"  

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