Von Alfred Büngen
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Der Freund soll hier
wohnen, Schillerstraße 112. Über eine Stunde fuhr er mit Bahn und dem Bus, diesen Ort
aus Beton zu erreichen. Schneematsch klebt an den Füßen, vor den Augen wirbeln weiße
Flocken, scharfer Kontrast zu schwarzem Gesicht. Das einfallslose Blau seiner Jacke mit
gestepptem Bund wärmt wenig, stoppt nur ein wenig den schneidenden Wind. Anfang der Woche
fragte er auf dem Amt nach bewilligter Erlaubnis für diese Reise. Am Ende des Vormittags
warf der Freundliche ihm zwischendurch auf dem Flur den erhofften Satz der Erlaubnis zu,
mußte er nicht bis zum Abend abwarten in der Vielzahl unbekannter Sprachen. Seine Nummer
vermachte er einem Gelblichen mit noch sehr viel höherer Zahl.
Schwierig, die Nummer des Hauses zu finden. Alle Eingänge gleich mit überdachtem
Plexiglas, Aneinanderreihung von Knöpfen und verwitterten Namen, teilweise aus der Wand
gerissen. Die Straße schimmert gefrierend, kein menschlicher Laut, nur das wütende
Gekläff eines Hundes. Autoskeletts warten vom Rost zerfressen am Straßenrand. Da an der
Wand die beiden Einsen, die Null hängt auf dem Kopf ein Stück tiefer. Der nächste
Hauseingang müßte es sein. In dem Dorf in Ghana hatten sie noch nicht einmal so viele
Menschen, die Kinder und Großväter einbezogen, das größte Dorf ihres Stammes. In der
Nacht kamen die Sieger von General Achmeti. Drei überlebten aus Zufall, der Freund und er
mit viel Blut unter den anderen Toten begraben und der Verräter, wenig später auch von
den Siegern gemeuchelt. Er sucht den Knopf, kann aber keinen Namen finden, das Gesicht des
Freundes strahlt hinter der Scheibe, im Treppenaufgang hallt eine Tür.
Vertraute Sprache dringt an sein Ohr, Tränen überschwemmen das Auge. Der Tag vergeht mit
Trauer und Freude in wenigen Sekunden. Den Weg zum Bahnhof muß er alleine zurück, sein
Plastikbein schmerzt entsetzlich. Verabredete Anträge bald zusammen zu leben, Hoffnung,
doch schon viel zu oft betrogenes Wissen. In der schon eingesetzten Dämmerung dreht er
sich noch einmal, winkt mit tränenden Augen. Die beiden Letzten ihres Stammes in einem
fremden Land verirrt. Der Deckel einer Mülltonne schlägt den blechernen Rhythmus.
Sein Kopf wirbelt benommen, die Einsamkeit ohne Sprache und Freund hat erfaßt ihn schon
wieder. Er hört nicht das Klacken der beschlagenen Stiefel auf den schmutzigen Platten
des Weges nur wenige Meter hinter sich. Noch sind es nur zwei bleiche Gesichter,
aufgescheucht von der schwarzen Farbe in ihrem Viertel. Aus dem nächsten Eingang reihen
sich zwei weitere Kahlköpfe ein. Das Stampfen der Schritte schlägt härter und lauter.
Die Hosen der Soldaten des Generals Achmetis schimmerten in gleicher Farbe. Vorsichtig
wendet er den Kopf, schleicht schneller weiter. Aus den geröteten Augenwinkeln sieht er
die nächsten zwei aus dem Aufgang herausmarschieren.
Das Stakato der Schritte schmerzt bereits in den Ohren. Ein Mann steigt aus einem Auto,
verschließt sorgfältig alle Türen. Flüchtig betrachtet er das Bild der Bedrängnis,
wendet sich in den nächsten Aufgang ab mit schnellen Schritten. Die Fensterläden in der
Wohnung in der unteren Etage fallen knallend zu, die Schüsse klangen ähnlich.
Über die Stirn perlen erste Tropfen Schweiß. Die Kälte fällt von ihm ab, Bäche von
Schweiß überfließen seinen Rücken. Sein Atem keucht bereits stockend. Über den
ausgetrockneten Boden lief er bei der Jagd stundenlang, nicht der, aber einer der besten.
Doch auch die Lunge bekam einen Schuß, bald pfeift der Atem. Der letzte Block, jetzt eine
freie Fläche. Der Wind schneidet scharf ins Gesicht. Hinter ihm trommeln zermalmende
Stiefel. Kein Wort, kein Ruf, eisiges Marschieren. Seine Füße beginnen stolpernd zu
laufen. Die Glätte der Sohlen der Sommerhalbschuhe ermöglichen kaum einen Stand. In
seinen Ohren hämmert das Schlagen des Lebens. Er kennt die nicht, die sind nicht von
einem anderen Stamm, haben mit ihm nichts zu tun. Entgegenkommende Autos blenden mit ihrem
Licht, Luftwirbel bremsen seinen Lauf, seine Not bleibt unerkannt.
Vielleicht sind es noch fünfhundert Meter, unendliche Strecke. Hinter sich vernimmt er
nichts mehr. Der Körper bleibt stehen, vornübergebeugt verschnauft er. Das ängstlich
gerötete Weiß der Augen späht hinter sich, sieht sie marschieren, unabänderlich
regelmäßig hämmert ihr Takt, drohen immer näher. Seine Flucht startet neu, die Luft
wird ihm knapp. Bald hat er den Rand der Stadt schon erreicht. Nur kurz verharrt er an der
Stange des Schildes, hetzt dann weiter. Beim Hochblicken sieht er sie vor sich stehen,
nicht sehr weit weg. Bleiche Gesichter, die Arme über hölzerne Schläger verschränkt.
Hundert Meter vor ihm harren sie auf dem Gehweg auf das Opfer. Seine Augen flehen die
Möglichkeit einer Flucht. Quer durch den Garten, über den Zaun, er wird es versuchen.
Schon sieht er sie nicht mehr. Tannen bieten ihm eine fast unerträgliche Wand. In diese
Richtung liegt die Stadt und der Bahnhof. Hose und Haut zerreißen an der Spitze des
Stacheldrahts. Ein Bewohner droht durch das Fenster mit geballter Faust. Die idyllische
Ruhe des verschneiten Gartens zerstört ein schwarzer Vagabund. Stimmen hinter den
Büschen bringen erflehte Hoffnung. Ein bemenschter Gehweg, er flieht hinein. Vermummte
bestrafen sein geflohenes Äußeres mit drohenden Blicken. Er leidet ein Meer von
Grimassen, niemand zeigt in den Augen nur einen Fetzen von Hilfe. Die Masse von Menschen
verdichtet, er weiß sich schon mitten in der Stadt, glaubt sich fast überlebend, wieder
einmal. Der Freund erzählte ihm vom ewigen Verweilen im Haus. Er fragte nicht nach,
dachte das Bein, es sind die Stiefel. Schon hört er die Geräusche des Bahnhofs, gleich
wird er ihn erreichen. In seiner Jacke erfühlt er die Karte der Heimfahrt, die riesigen
Zeiger der Uhr künden noch zwei Minuten. Schon verschwindet er im Oval der Rückkehr.
Ängste entweichen zu Gunsten der Sorge um den hier lebenden Freund. Gleich morgen wird er
den Freundlichen wieder befragen.
Sein Körper drängt sich durch die Vielen, eilt zu dem Bahnsteig, da sieht er sie stehen,
die Bleichen mit den gestoppelten Haaren, schon haben auch sie ihn entdeckt. Seinen Zug
kann er schon hören, eine Stimme befiehlt schon die Abfahrt. Er hastet zurück in die
Masse, die ihm keinen Unterschlupf bietet. Sie kommen näher, er hört das Schlagen der
Stiefel auf dem steinernen Boden. Die Tür eines Kaffees mit gläsernen Türen als letzter
Ort einer Flucht. Er drückt die Tür auf, eine Vielzahl von Gesichtern widert sich an
seinem Aussehen. Selbes Gefühl wie schon einmal, das Ende schon beschlossen. Die
Gesichter mit ihren Stiefeln drängeln herein, immer mehr. Schläger schlagen wartend in
ihre Hand, Fratzen grinsen ihn meuchelnd an. Um ihn herum springen Schreie des Entsetzens
von Cafehausstühlen. Gedanken geraten in Panik, schon einmal unter Leichen begraben.
Die Bewegungen werden hektisch. Eine Kaffeekanne fliegt mit klirrenden Scherben vom
Marmortisch. Er sieht nicht das Glas einer Zwischentür. Die Kraft der Panik zerschlägt
es mit dumpfem Zerbersten, Zacken zerschneiden seinen Körper an vielen Stellen. Das
austretende Gefühl klebriger Wärme lähmt ihn in der Erinnerung. Reisende fliehen in
schwarzem Entsetzen, ungehindert marschieren die Stiefel davon, von der Vielzahl der Masse
geschützt.
Ein roter See droht ihn zu ertränken, noch niemals gemeinsam darf er sterben. Schwarzes
Nichts verliert sich, umgeben von Staunen ohne jede Hilfe.
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