Nur die Phantasielosen flüchten in die Realität
________Von Siegfried Dierker________
Setze ich mich, um zu schreiben,
so begebe ich mich auf eine Reise: tief in mich hinein und weit aus mir heraus. Das Licht
der Straßenlaterne vor dem Fenster tanzt in wilden Schattierungen auf der Tapete, und die
Geräusche der Straße beginnen sich mit meinen Gedanken zu vermischen.
Der Spatz Phantasie kommt in mein Zimmer und läßt sich auf meiner Schulter nieder. Sanft
zwitschert er mir ins Ohr, und schon wandelt er sich zur Graugans, auf der ich, Nils
Holgersson gleich, Platz nehme und in das Reich jenseits aller klaren Vorstellungen
fliege.
Noch ist der Vorhang meines Kopfkinos geschlossen. Alles ist schwarz, alles ist still.
Aber irgendwo spüre ich ein Vibrieren. Die Spannung wächst. Und dann glimmt vor
mir? in mir? - ein winziges Körnchen, brennt sich durch die Dunkelheit, entflammt mit
voller Pracht. Meine Graugans wandelt sich zum Pfau, der ein Rad schlägt, bunt wie der
Regenbogen. Ich höre Geräusche, Wortfetzen, Musik. Das erste Bild entsteht. Der Vorhang
geht auf.
Um mich herum entsteht ein Universum; Spiralnebel, Sternenhaufen, Sonnensysteme ziehen
an mir vorbei, ein blauer Planet liegt auf schwarzem Samt. Steppenartige Ebenen, leer und
öde, tauchen aus dem Dunkel auf und versinken wieder darin. Meereswellen rollen gegen
wilde Felsklippen und lösen sich in der Gischt auf. Feuer schlägt blau und gelb aus
schmalen Felsspalten und wird zum Kerzenlicht in kalter Nacht. Der Wind peitscht
Baumkronen und verliert sich über endlose Wüsten.
Aus den Sümpfen des Alltäglichen steigen Klischees auf und saugen sich an mir fest. Die
Erde gebiert mächtige Krieger mit hocherhobenen Schwertern und verschlingt sie wieder.
Heere prallen in wilder Schlacht aufeinander, ich mitten darin, umgeben von brüllenden
Männern, und Augenblicke später wandle ich über eine blühende Sommerwiese, als Teil
einer friedlich grasenden Büffelherde. Plötzlich bin ich ein Adler, hoch über den
Büffeln, und entdecke die Jäger hinter den Hügeln. Einen Flügelschlag später sitze
ich auf einer Bank im Park, fühle die Hand einer wunderschönen Frau in der meinen und
blicke in einen tiefroten Sonnenuntergang.
Und ich sehe die Sonne durch die Augen der Frau, sehe als Sonne auf das Paar, und ich sehe
ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und ihre Zukunft. Ich erschaffe ihre Vorfahren, und ich
gebe ihnen ihre Nachkommen. Gesichter erscheinen und verschwinden, gezeichnet von den
Spuren eines Lebens, das ich ihnen gebe. Mit meiner Vorstellungskraft forme ich
Schicksale, gewähre Freude und strafe mit Leid.
Und dann, ganz unvermittelt, ist ein Bild fertig, in sich geschlossen, unverrückbar. Das
Bild weitet sich, drängt alles andere zur Seite. Aus dem kleinen glimmenden Körnchen ist
eine Idee geworden.
Die Reise tief in mich hinein und weit aus mir heraus geht zu Ende. Aus der Musik drängen
sich die Geräusche der Straße hervor, und die tanzenden Schatten auf der Tapete werden
wieder zum Licht der Straßenlaterne. Der Spatz auf meiner Schulter ist verschwunden.
Die Idee ist geblieben. |