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Ein altes Foto
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Von Magdalene Geisler


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    Gerade habe ich ein Foto von meiner Großmutter eingescannt, damit es mir nicht verloren geht, das alte Ding. Das Bild stammt aus dem Besitz meines Onkels, den ich nur einmal in meinem Leben gesehen habe. Wir sind alle ein bisschen verstreut auf der Welt. Hinten auf dem Foto steht eine französische Widmung: Ma fils, ma petit chérie! Sie war sehr frankophil - die Großmutter.

Und sie sieht so aus, wie meine Mutter sie oft beschrieben hat, etwas kokett etwas leichtfertig, ein bisschen bemüht auf froh und munter getrimmt. 'Kein Kind von Traurigkeit', wie man so sagt. Obwohl: Sie ist schon ein bisschen vom Leben gezeichnet. Das Foto stammt aus dem Jahre 1952. Da lag ihre Karriere hinter ihr.

    Meine Großmutter war Sängerin - wohl eine ganz gute. Koloratursopran, Jugendlich Naive. So sagte die Mutter. Sie erzählte auch immer, dass diese Großmutter, die sich eben noch am Klavier bei einem Schubertlied selbst begleitet hatte, gleich darauf in die Tasten haute und trällerte, "Puppchen, Du bist mein Augenstern". Meine Mutter fand das furchtbar, aber ich konnte mich da reinfinden, komischerweise. Dieser Hang ins Triviale hat der Großmutter später im Alter das Überleben gesichert. Begonnen hat sie ihre Karriere in ihrer Geburtsstadt Stettin. Sie muss sehr jung gewesen sein, so um die 18 Jahre, und hat ihrer stinkbürgerlichen Kaufmannsfamilie mit ihren Extravaganzen eine Menge Ärger gemacht. Sie änderte ihren Namen, nannte sich Laura statt Helene.

Nach ihrem ersten Engagement in der Heimatstadt hat sie was mit einem preußischen Leutnant angefangen und - prompt ein Kind gekriegt. Mit dem Kind hat sie dann Stettin und wohl auch den preußischen Leutnant verlassen, um ihre Karriere zu befördern. Das Kind - meine Mutter - gab sie bald in einem Kloster ab zur weiteren Erziehung. Der Erzeuger bezahlte dafür. Es geht aber die Rede in der weiblichen Restfamilie, dass sie das meiste Geld für sich selbst verjuxt hat, so dass meine Mutter in diesem katholischen Pensionat bei Aachen sehr herablassend behandelt wurde. Als Fehltritt eben.

    Überhaupt soll die Großmutter die Männer ziemlich an der Nase herumgeführt haben. Einmal war sie regulär verheiratet und kriegte ein eheliches Kind. Das ist mein Onkel, der mir auch sehr langweilig-legitim vorkam, als ich ihn später kennen lernte. Die außerehelichen Kinder sind
in dieser Familie die weitaus interessanteren. Dann hat sie - so geht die Fama - einen Mann so ruiniert mit ihrer Verschwendungssucht, dass der sich das Leben genommen hat. Er hat wohl Geld unterschlagen. Spannende Geschichte.

Einmal noch hat meine Mutter die ihre gesehen. Das war in Köln. Die Großmutter - damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere - fand es sehr unpassend, dass sie auf einmal ein fast erwachsenes Kind haben sollte.
Außerdem war dieses Kind in der Klosterschule fromm und häuslich geworden. Es wollte der Mutter ein trautes Heim bereiten und sie betreuen. Das hat die Großmutter wohl sehr erschreckt. Diese Begegnung in Köln war ein Fiasko für Mutter und Tochter. Sie sahen sich jedenfalls nicht wieder. Meine Mutter sprach selten und natürlich bitter von der Großmutter. Die aber ließ sich nicht unterkriegen und nahm als sie älter wurde, eben kleinere Rollen an. Sie spielte die komische Alte.

    Als der Krieg zu Ende war, spielte sie in Kinos oder auch in Kneipen Klavier und hielt sich so über Wasser. Als mein Onkel in den späten fünfziger Jahren meine Mutter besuchte, brachte er das Bild der Großmutter mit. Und er erzählte über ihr nunmehr tristes Leben. Sie hatte sich in Ahlbeck niedergelassen. Ich denke mir, das tat sie um in der Nähe ihrer jetzt polnischen Geburtsstadt zu leben. Sie bezog eine minimale Rente und galt nun auch im wirklichen Leben als komische Alte.

Sie scherte sich wenig darum, was die Leute sagen. Sie hat gelebt, viel erlebt, zwei Weltkriege überstanden, einigen Männern das Herz gebrochen, und als das alles sich zu Ende neigte, ging sie halt mit dem Handwagen und suchte Abfälle zusammen, um ihre Rente aufzubessern. Sie muss eine unverwüstliche Optimistin gewesen sein. Als ich damals das Bild von ihr sah, fand ich sie alt, fremd und für dieses Alter auch zu auffallend mit den auf wuschlig frisierten Haaren und dem herausfordernden Blick. Ich habe ihr damals aus Jux sogar noch mit Farbstiften die Lippen rot angemalt und auch die Augenbrauen nachgezogen. Das war schwer wieder abzukriegen.
Heute, als ich das Bild aus dem Scanner nahm, kam mein Mann dazu. Auch er guckte sich das Foto mit der lachenden 'schrägen' Großmutter an und grinste. Dann blickte er auf mich und sagte "Tja, die war ein flottes Ding, übrigens, Du siehst ihr verdammt ähnlich."

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