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Kleine Hommage an das Tagebuch
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Von Magdalene Geisler


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    Wenn du am Morgen weißt, dass du getreulich aufzeichnen wirst, was du heute siehst und was Dir widerfährt, dann wird schon der Beginn des Tages dadurch belebt. Das Vorhaben, getreu Buch zu führen hat eine ähnliche Wirkung, als nähme man einen Fotoapparat mit. Du blickst auf die Ereignisse eine Spur intensiver, suchst Worte, lebst interessanter für diese Zeit. Immer mal wieder beteuern zwar Autoren, dass sie die Realität nicht auf ihre Verwertbarkeit als literarische Mitteilung prüfen, das ginge ja gar nicht. Aber es geht doch und es ist auch nicht bösartig oder kaltherzig. Es macht Freude und die Beobachteten wissen es nicht.

Zum Beispiel dieser äußerst nervöse Mann, dessen Alter ganz schwer zu bestimmen ist. Er besteigt die Bahn und sofort taucht er seine ganze Umgebung in Unruhe. Abrupte Bewegungen und andere Ruckartigkeiten irritieren die Fahrgäste in der Nähe, in der auch du sitzt. Folgerichtig bemerkt er entschieden zu spät, dass er eigentlich aussteigen muß. Wie in einem Slapstick springt er an die Tür, die sich schon wieder schließt, schafft es, sich noch einmal hindurch zu zwängen und springt hektisch auf die Fahrbahn. Anzunehmen, dass er einer der naturwissenschaftlichen Fakultäten zustrebt, die hier schon beheimatet waren , als du selbst noch Studentin warst.

    Die Bahn fährt zur Friedrichstraße fast schon Ecke unter den Linden. Wäre es nicht sehr lustig, einen Text zu schreiben mit dem Titel "A streetcar named memory". Geschickt geklaut oder doch zu vordergründig – das wirst du aufschreiben, in der Bahn noch, jetzt aber mußt du aussteigen. Ein Termin in der Mitte der Stadt, aber schon in Westberlin. Die frühere Grenze mit zu denken gehört zu den Vergnügen der Gegenwart.

Du willst dir die Linden heute schenken. Es ist dort bei jedem Besuch immer wieder ein bißchen prächtiger. "Blamier mich nicht, mein schönes Kind, grüß mich nicht unter den Linden" heißt es bei Heine. So sind sie, die Linden – schon wieder hierarchisch, herrschaftlich und triumphal. Zitate aus allen Epochen, wenig Eigenes, woher auch. Im Gebäude des ehemaligen Zollhofs – damals Zentralrat der Freien Deutschen Jugend - residiert heute das Zweite Deutsche Fernsehen. Vor fast 20 Jahren sammelten sich darin die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Moskau. Auch du bist damals mitgefahren und vor dir lagen fast drei Tage Bahnfahrt. Über Grenzen konnte man nur kommen, wenn man die richtige Richtung einschlug. In die "falschen" Richtungen waren sie durch Sichtblenden verstellt wie in den Nebenstraßen der "Linden", die Du entlang gehst. Sie haben jetzt auf einmal interessante Weite – das wirst Du später notieren – diese neue Erfahrung mit der Weite der Nebenstraßen. Vergiß es nicht.

    Und jetzt überschreitest du die Spreebrücken in Richtung Mitte und dann mußt du doch zurück zu den Linden. Du kannst sehen, dass die Cafés fast jede Woche um eines zahlreicher geworden sind. Sie haben an diesem schönen Sommertag die Tische ‘raus gestellt, obwohl es noch früher und frischer Morgen ist. Naß glänzt das Trottoir. Nur die ganze Länge der ehemaligen sowjetischen Botschaft - heute der russischen, ist ödes gastronomisches Gebiet.

Dort kann man nur schnell vorbei eilen, was man auch soll. Schon immer ist das eine Festung gewesen zur Bewahrung von Herrschafts- und Großmachtswissen. So ist es geblieben. Seit es die UdSSR nicht mehr gibt, sind sie dort sogar noch mehr auf Form, Sicherheit und Einschüchterung der Passanten programmiert. Das "Cafe Einstein" hat sich neben der normalen Terrassenwirtschaft noch eine zusätzliche Attraktion ausgedacht. Dort serviert man jetzt auch auf dem breiten Mittelstreifen. Angesichts des neuen kleinen Versorgungspavillons, dort erinnerst du dich für das Tagebuch, dass die Kellner vor einiger Zeit noch mit dem vollen Tablett an der Ampel stehen mußten, um den Kaffee an dem exquisiten Ort zu servieren. Das fand sogar das Fernsehen lustig. du aber fandest es entwürdigend für die Kellner, die wahrscheinlich, weil sie das auch fanden, besonders gelassen und würdevoll an dieser Ampel standen. Das Brandenburger Tor ist dekorativ verhüllt, aber nicht aus künstlerischer Ambition, sondern weil es restauriert werden muß. So hat es etwas von düsterem Durchgang und schicksalhaftem Scheideweg, wie das Zitat einer Theaterinszenierung. Und dahinter öffnet sich das Grün des Tiergartens. Behalte diesen Blick für später, damit du es aufschreiben kannst.

    Der Weg durch den Tiergarten weckt Fontanegefühle. Die Würde der Alleen können keine Massengrillwiesen, keine Loveparade und auch keine Skateboarder stören. Eigentlich müßte ein Landauer mit der Frau Kommerzienrat Treibel dort entlang fahren, oder Pferde mit den Offizieren vorbeitraben, deren einer der junge Botho von Rienäcker ist, frisch verheiratet, aber nicht glücklich, und heimlich der verlassenen Lene, all der Irrungen und Wirrungen gedenkend und des letzten gemeinsamen Glückes im Spreewald.

Grünes Berlin merkst du dir für das Tagebuch. Am Himmel siehst du ein Luftschiff mit einer Reklame und den Ballon eines Fernsehsenders. Das stimmt dich fröhlich. Das willst du dir auch merken, wie der Ballon gegen das Blau des Himmels schwebt. Ab da – es gibt gar keinen genauen Zeitpunkt dafür - wendest du dich den Tagesgeschäften unreflektiert zu, versinkst im Strom der Eindrücke, Debatten, vergißt dein Vorhaben verlierst den Faden. Erst am nachmittag erinnerst du dich daran, aber da ist der Tag schon ohne Reflexion vorangeschritten. Den ganzen Tag leben und darüber nachdenken – es geht immer nur für kurze Zeit, du kannst dadurch die Zeit nicht verdoppeln. Aber du kannst anderen davon erzählen, wie du es versucht und dann doch nicht geschafft hast.

    Am Abend also beginnst du das Tagebuch mit den Worten: "Wenn du am Morgen weißt.........." Da hast du den Tag wieder vor dir.
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