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Herr Johann
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Von H. W. Grössinger



    Im Schatten der Mauer unter dem hohen roten Dach der Kirche geht der Herr Johann. Er geht sehr langsam. Sein schwerer alter Körper ist weit nach vorn gebeugt. Den kahlen Schädel trägt er tief und müde zwischen den Schultern. Mit dem Stock tastet er unsicher über den holprigen Boden der Gasse. Herr Johann ist im vergangenen Monat 90 Jahre alt geworden.

 

In seinen besten Mannesjahren war der Hans ein Riese mit gewaltigen Schultern und großen, breiten Händen und fuhr mit sichtlicher Begeisterung auf einem ohrenbetäubend knatternden Motorrad durch die Dörfer des Ennstales.

 

Man erzählt sich heute dort, abends in den Gaststuben, noch wahre Wunderdinge über seine Körperkräfte. Dass er in Öblarn einen wütenden Stier bei den Hörnern packte und zu Boden rang. Dass er ein auf der Alm verunglücktes Kalb schulterte und zum Tierarzt ins sechs Kilometer entfernte Dorf trug. Dass er beim Erntedankfest in Pruggern sämtliche Bauern unter den Tisch soff.

 

Was daran alles stimmen mag? Niemand weiß es mehr so recht, aber die Geschichten über den Hans werden weitergesponnen.

 

Jetzt geht der Hans, zu dem nun viele Herr Johann sagen, langsam durch die Gassen der Altstadt von Rottenmann. Und da beobachten ihn die Leute bei seiner Marotte: Er sammelt Papierabfälle. Dort, wo Kinder Keksschachteln, Pappbecher oder Bäckersäcke auf die Erde geworfen haben, bleibt er stehen, liest mit seinen immer noch großen Händen die Dinge auf, steckt sie mühsam in die ausgebeulten Taschen seiner fadenscheinigen Jacke und geht, ächzend und vor sich hinmurmelnd, weiter. Meist braucht er nur wenige Schritte bis zum nächsten Papierstückchen, und so füllen sich seine Taschen schnell.

 

Am Ende der Gasse, wo die schmale Stiege zwischen den dunklen Torbögen und rissigen Mauern plötzlich in die Helligkeit des Hauptplatzes mündet, bleibt Herr Johann stehen. Langsam, mit mechanischen, etwas unheimlichen Bewegungen entleert er seine prall gefüllten Taschen in den Papierkorb vor der Tabak-Trafik.  Sein großflächiges, faltiges Gesicht mit den  dicken Tränensäcken ist unbewegt.

 

Die Leute reden über ihn, sie gebrauchen Worte wie "beschämend" oder "würdelos". Dem Herrn Johann ist es jedoch egal. Er ist 90 Jahre alt. Wer fragt da noch nach Leumund?

 

 

Die Kette im See

Von H. W. Grössinger


    Was, so frage ich, gibt es Schöneres als das sattgrüne Seeufer, belagert von sich sonnenden, bräunenden, schwatzenden, lachenden Menschen, herumtobenden Kindern – und über allem die Sonne, die heiß auf das ganze herunterschaut.

Und so könnte dieser Tag zur vollen Zufriedenheit aller zu Ende gehen, wenn es nicht diese Kinder gäbe. Vier sind es, die sich da eben gegenseitig herumschubsen, lachend ins Wasser plantschen. Und wenn es da nicht diese Kette gäbe, die sie nun gemeinsam ein wenig höher heraufzuziehen versuchen.

Obwohl, an der Kette ist nichts Besonderes. Eine ganz gewöhnliche, schon ziemlich rostige Kette ist es, wie sie bald wo zu finden ist. Die vier Kinder aber wollen das Ding in seiner gesamten Länge betrachten. Und so nimmt das Verhängnis denn auch unabwendbar seinen Lauf.

Plötzlich erfüllt ein lautes Rauschen, Gurgeln, Schmatzen und Schlürfen die Luft. Und mit beängstigender Schnelligkeit sieht man die Wellen kürzer werden, die ersten Konservendosen, Bierflaschen, Glasscherben tauchen im Schlamm auf. Fische sieht man in die Luft springen. Und auch die Menschen, die sich gerade noch im Wasser getummelt haben,  liegen oder stehen plötzlich im Trockenen. Und einige sehen sich bei Bewegungen ertappt, die das Wasser so gnädig verdeckt hat.

Dann – Totenstille. Der See ist ausgelaufen.

"Auweh, jetzt gibt’s was", hören wir einen der vier Übeltäter sagen, um dann gleich mit langen Sätzen und schrillem Geschrei vor seiner Mutter davonzulaufen, die schnaufend und schimpfend ihren Sprössling zu fassen versucht. Auch die anderen drei machen sich aus dem Staub. Denn den Stöpsel herauszuziehen und den See auslaufen zu lassen, ist keine Tat, die ungestraft bleibt.

Doch decken wir den Schleier hereinbrechender Dunkelheit über das Geschehen. Überlassen wir die verwirrten Leute ihrem Schicksal und hoffen wir, dass sich eine mildtätige Seele finden wird, die über Nacht den See wieder zu dem macht, was er vorher gewesen ist...


(c) www.europa-literaturkreis.net

Hans Walter Grössinger (geb. 1943), lebt als freier
Autor und Journalist
in Rottenmann (Steiermark).

Publikationen

Zahlreiche Beiträge in Literaturmagazinen,
Anthologien und Zeitschriften. Bücher u.a.:
"
Sicherungen" (Bläschke-Verlag, vergriffen).
"Schattenreich".

Kontakt

Hans Walter Grössinger
Westrandsiedlung 350
A-8786 Rottenmann

(hwg@nawon.at)

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