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Noten im Wind
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Von
H. W.
Grössinger
Hallo
Alter", rief Müller junior, "wusstest
du, dass Johann Sebastian Bach 1685 geboren wurde?"
Der Junge war soeben vom Klavierunterricht nach Hause gekommen.
"Tatsächlich?", staunte der
Vater. "Und mir ist, als wäre es erst neulich
gewesen. Wie die Zeit verfliegt!"
"Du mit deinen Witzen",
erwiderte der Junior, "aber
die werden dir bald vergehen!"
"Oh, willst du etwa wieder zwanzig Mal die Tonleiter
üben?" lachte der Senior.
Das Spiel von Tonleitern ist eine seit Jahrhunderten bewährte Methode, eine
Familie zur Verzweiflung zu bringen. Ein absolut sicheres Mittel, es sich
mit allen Nachbarn zu verderben und die Hausgemeinschaft zu zerrütten, ist
das stundenlange Üben von Etüden. Andererseits kann man feststellen, dass
manche Zeitgenossen sehr wenig Verständnis für eine konzentrierte
künstlerische Betätigung aufbringen.
"Seit vier Wochen klimpert Ihr Sohn immerzu das selbe
Stück", beschwerte sich neulich ein Nachbar bei Herrn
Müller.
"Das ist für Elise", sagte
dieser stolz.
"Naja", nickte der Nachbar,
"aber kann sich diese Elise nicht einmal etwas
anderes wünschen?"
Mit diesem Ersuchen konfrontiert, sagte der Junge zum Vater:
"Ab heute übe ich ein 'Kleines Präludium'.
Und damit du nicht gleich wieder jammerst, du müsstest ein Vermögen für
Notenhefte ausgeben, hat es mir der Klavierlehrer aufgeschrieben."
Zum Beweis legte er das 'Kleine Präludium'
auf den Balkontisch.
Von Südwest kam ein leichter Windstoß. Er hob das Notenblatt sanft hoch,
trug es über das Balkongeländer und ließ es fallen.
"Mein 'Kleines Präludium'!"
Müller junior sah seinen Vater an, als hätte er den Wind gemacht.
"Das kriegen wir wieder",
versprach Müller senior, "das ist kulturelles Erbe,
so etwas geht bei uns nicht verloren!"
Beide beugten sich über die Balkonbrüstung. Das 'Kleine
Präludium' blieb verschwunden.
"Wenn das ein Lustspielfilm wäre, wohin würde der
Wind das Notenblatt wohl wehen? Auf den Balkon unter uns!"
"Weil da das hübsche Fräulein Vera wohnt",
fügte Müller senior hinzu, jedoch bloß in Gedanken.
So klingelten Vater und Sohn bei der hübschen Vera.
"Hallo", flötete sie,
"was für eine Überraschung, Herr Müller. Ich kann
Ihnen leider nicht die Hand geben, ohne mein Handtuch fallen zu lassen. Ich
habe auf dem Balkon soeben ein Sonnenbad genommen."
"Wunderbar!" Müller senior
zeigte ihr sein breitestes Lächeln.
"Da können Sie mir vielleicht helfen. Ich suche
nämlich ein 'Kleines Präludium'".
"Das haben Sie aber schön gesagt",
flüsterte sie mit verheißungsvollem Unterton. "Es
muss ja nicht beim Präludium bleiben, oder? Wir haben ja noch den ganzen
Nachmittag vor uns!"
Da entdeckte die hübsche Vera den Jungen, der neben der Tür stand und mit
großen Augen zuhörte.
"Was denn", sagte sie mit
nunmehr scharfer Stimme, "Sie bringen Ihr Kind mit?
Schämen Sie sich denn nicht? Aber nicht bei und mit mir!"
Bums, und die Tür war zu.
"Was meinte sie damit, es muss ja nicht beim kleinen
Präludium bleiben?", fragte Müller junior.
"Das lernst du alles noch in der Schule, später, in
den höheren Klassen", antwortete der Vater.
Der Hausmeister kam mit seinem Werkzeugkasten die Treppe herauf.
"Guten Tag Herr Swoboda!" rief
ihm der Junge entgegen. "Wir suchen ein
'Kleines Präludium'"!
Der Hausmeister strich ihm übers Haar und sah Vater Müller gerührt an.
"Was für ein liebes Kind. Glaubt noch an Wunder! Wenn
das Leben so einfach wäre, mein Junge! Ersatzteile! Je kleiner sie sind,
desto schwerer sind sie zu bekommen!"
Er klopfte dem Buben auf die Schulter, sagte: "Nur
nicht den Mut verlieren!" und ging zu Fräulein Vera
einen Haken einschlagen.
Vater und Sohn Müller kombinierten, dass die Noten auch noch einen Balkon
tiefer gefallen sein könnten, und klingelten beim Ehepaar Platzer.
Frau Platzer öffnete. Durch die Glastür sahen sie Herrn Platzer mit einem
Blatt Papier in der Hand auf dem Balkon.
"Nur eine Frage, Frau Platzer",
sagte Müller senior höflich. "Hat Ihr Mann ein
'Kleines Präludium'?"
Die Frau warf ihm einen Blick zu, dessen Spuren bestimmt heute noch im
Stiegenhaus zu sehen sind, da wo der Verputz abbröckelt.
"Was geht das denn Sie an? Machen
Sie etwa eine von diesen unanständigen Umfragen? Wir kommen mit unseren
Problemen allein zurecht!"
Vor der Haustür trafen Vater und Sohn Müller einen Polizisten.
"Haben Sie vielleicht ein 'Kleines
Präludium' gesehen?" fragte
der Vater. Der Wind hätte das Notenblatt ja auch bis auf die Straßen wehen
können.
Der Polizist zog ein Notizbuch hervor.
"Größe? Haarfarbe? Besondere Kennzeichen?
Staatsangehörigkeit?"
Der Junior durchsuchte die Fliederbüsche im Vorgarten. Dabei rief er:
"Hallo! 'Kleines
Präludium', wo bist du?"
"Du musst das Tierchen mit Futter locken",
sagte eine Frau mit Einkaufstasche. "Hier, ich gebe
dir ein Stück Brot."
Vor der Tür des Antiquitätenladens stand der Besitzer. Von ihm erzählen die
Leute, er sei so in seinen Beruf vernarrt, dass er nur eine Frau heiraten
wolle, die Alt singt.
Auf seinen fragenden Blick hin sagte Müller senior: "Wir
suchen ein 'Kleines Präludium'!"
"Ich werde sehen, was ich tun kann",
entgegnete der Händler zuvorkommend. "Möchten Sie es
in Barock oder Rokoko?"
"Dein Präludium ist unser Untergang",
stöhnte der Vater. Worauf der Knabe völlig unmotiviert erklärte:
"Ich will jetzt ein Eis!"
"Wenn ich etwas ganz Besonderes empfehlen darf",
sagte die Blondine im Café, "probieren Sie doch
unseren Spezial-Eisbecher 'Kleines Präludium'!"
Die Serviererin sah etwas verwirrt drein, als Müller senior und junior
schweigend ihre Köpfe schüttelten und rasch das Freie suchten…
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