...

Der nächste Montag kommt bestimmt
...
Von H. W. Grössinger


    Draußen vor dem Stadtzentrum stehen die Wohnsilos, aufgefädelt an frisch asphaltierten Gassen. Hinter der Tür Nummer 10 eines dieser Häuser wohnt die Sekretärin Gabriele von Montag bis Freitag. An Sams- und Sonntagen aber lebt sie auch noch drinnen. Denn das bereits etwas verblühte Mädchen erträgt das Dasein recht gewissenhaft gegen einen beachtlichen Betrag fünf Tage in der Woche zwischen den vier Wänden eines einfach möblierten Wohnzimmers. Worauf Gabriele dann den Lohn ihres Bienenfleißes auf 40 Quadratmetern Grundfläche am Wochenende genüsslich ausleben darf. Und das sieht etwa so aus: Sorgfältig hat sie wieder einmal die Fingernägel gefeilt und grellrot bepinselt. Dann werden die Brauen gezupft und zwei ebenso winzige wie beharrliche Mitesser an den bleichen Wangen ausgedrückt. Das Badewasser ist schon eingelassen, und Gabriele steigt nicht ganz ohne eine kleine Wolllust in die Schaumwolken, mit denen sie nachher spielerisch ihre Anatomie da etwas aufbessert und dort etwas verdeckt. Im alten Frotteemantel sitzt sie schließlich auf der Couch und kürzt zum zweiten Mal den Rock ihres geduldigen Tweedkostüms. Nachdem sie etwas später die Haare eingerollt hat, nimmt sie die Zeitung zur Hand und schlägt die Seite "Partnersuche" auf. 120 einsame Herren zählt sie diesmal und nickt manchem vertrauten Text wie einem alten Bekannten zu. Und dann überkommt sie wie immer dieselbe Schwermut. Nun weiß Gabriele, dass es Zeit ist für einen kräftigen Schluck Weinbrand. Ganz mechanisch schlüpft sie nach einem Blick aufs Glotzophon schließlich ins lange, wärmende Flanellnachthemd, den Mitternachtstalar der Verzagten und Verschmähten. Mit einem Seufzerchen huscht die unentbehrliche Sekretärin Gabriele unter die Steppdecke. Und sie nimmt den treuen Wochenendtröster zu sich ins Bett. Den stummen weißen Frieden aus dem Glasröhrchen – zwei Schlaftabletten. Und im Hinüberwaten in das gute Dunkel denkt sie noch ganz verwischt und schwach: Der nächste Montag kommt bestimmt. Und Gott sei Dank!


.
Die Lust an Karikaturen

...
Von H. W. Grössinger


    Von manchen Menschen behaupten die Spötter: "Der hat seinen Kopf auch nur auf, damit es ihm nicht in den Hals hineinregnet". Im Lexikon hingegen wird genau beschrieben, was der Kopf wissenschaftlich darstellt und ist. Wobei das Gesicht als wesentlicher Teil des menschlichen Hauptes und als Sitz des mimischen Ausdruckes bezeichnet wird.

Fest steht jedenfalls, dass die menschliche Gedächtnisreserve , die "Rübe" oder die "Lauskugel", wie das obere Ende des Homo sapiens auch geheißen wird, der wichtigste Teil seiner ganzen Anatomie ist. Und nicht, wie manche Genossen unserer satten Sodbrennenzeit annehmen, der Magen. Doch schon Bert Brecht gibt in seiner Dreigroschenoper zu bedenken: "Der Mensch lebt durch den Kopf. Der Kopf reicht ihm nicht aus. Versuch es nur. Von deinem Kopf lebt höchstens eine Laus!".

Immerhin leben jedoch außer den Friseuren noch etliche sonstige Leute von den Köpfen anderer Menschen und teils sogar von ihrem eigenen. Zu letzteren gehören neben den Schauspielern, die größtenteils durch das Verziehen ihres Gesichts zu hohem Ansehen und oft nicht minder hohen Gagen kommen, die Karikaturisten und Maler. Und weil nicht nur die Salat- und Krautköpfe, sondern auch die Häupter von angeblich oder tatsächlich wichtigen Zeitgenossen immer wieder aufs Neue heranwachsen und verbraucht werden, so kommen auch die Pinsel- und Zeichenfederschwinger nicht zur Ruhe. Denn sie wollen mit großer Hartnäckigkeit alle die vielen Gesichter dem gelangweilten Publikum servieren und der möglicherweise bildungshungrigeren Nachwelt überliefern.

Besonders bevorzugt sind dabei die Vertreter des in der Beliebtheitsskala des Durchschnittsbürgers derzeit weit unten rangierenden Berufsstandes der Politiker. Wenn es schon wegen der Ergebnisse ihrer Tätigkeiten kaum etwas zum Schmunzeln oder gar zum laut Lachen gibt, die Kunst der Karikatur schafft es immerhin noch in den meisten Fällen. Und es soll ja zudem nicht wenige Liebhaber von "schwarzem Humor" geben, wobei diesen mitunter das Lachen im Halse stecken bleibt, rein bildlich gesprochen...

...


(c) www.europa-literaturkreis.net

Hans Walter Grössinger (geb. 1943), lebt als freier
Autor und Journalist
in Rottenmann (Steiermark).

Publikationen

Zahlreiche Beiträge in Literaturmagazinen,
Anthologien und Zeitschriften. Bücher u.a.:
"
Sicherungen" (Bläschke-Verlag, vergriffen).
"Schattenreich".

Kontakt

Hans Walter Grössinger
Westrandsiedlung 350
A-8786 Rottenmann

(hwg@nawon.at)

...

 

 

=== Zurück zur Übersicht ===