Diversités

Von Peter Hodina


     Meine Charakterfehler sitzen mir, beißend wie ein unbequemer Kunstfaser-Pullover, auf der Haut, daß ich mich fortwährend kratzen möchte vor Unzufriedenheit; an manchen Tagen, zu manchen Stunden bin ich von diesem Kratzen so in Anspruch genommen, daß ich fast glauben möchte, nur dieses Kratzen zu sein und keine Person.

*

"Wo war dein Beginn (und Wieder-Beginn, und Immer-wieder-Beginnen) in dir?" – das wäre möglicherweise eine Frage des Jüngsten Gerichts. – Wichtiger noch als die Frage nach deinem Charakter.

*

"Jetzt hast du geblickt wie noch nie! Eine Bewegung gemacht, wie noch nie!" So kann man zu einem sagen, dessen Geist einen neuen Gang einlegt.

*

In allen Wesen ist etwas Dunkles, in allen Wesen ist ein Stern, der wartet; in allen Wesen bebt der Atem.

*

Dankbarkeit ist ein nüchternes (genaues) Gefühl.

*

     Hinter vielen Selbstmorden steckt eine psychische und soziale Unendlichkeit, die Unlösbarkeit des Lebens für ein Subjekt; gerade diese Unendlichkeit ist Ausdruck der Unlösbarkeit; das unendliche Grübeln über unlösbare Menschenbeziehungen, unlösbare Kränkungen, von denen man sich nicht heilen kann. Auch, vor allem: unlösbare Selbstbeziehungen... Der Selbstmörder nimmt für gewöhnlich die komplexe Theorie seines, ja des Lebens mit in den Tod.

*

Manche bringen sich in genau dem Moment um, als sie die Glasglocke ihrer früheren Gefangenschaft durchbrochen haben; es wird ihnen todflau angesichts ihrer ehemaligen Gefangenschaft. Die Depression ereilt sie im nachhinein. Selbsttötung infolge einer Art optischen Täuschung der Emotionen.

*

Einen Siebzehnjährigen zu beschimpfen, weil er im Leben noch nichts geleistet hätte, heißt, einen Siebzehnjährigen einfach deshalb zu beschimpfen, weil er ein Siebzehnjähriger ist.

*

Die Macht, die sie über mich ausübten, hatte ich ihnen eingeräumt.

*

Im Geschrei, im Toben des Gemütskranken sind ganze Romane, Dramen, Gedankensysteme enthalten, aber sie werden nicht mehr entfaltet. Wie viel Ohnmacht, wie viel Vergeblichkeit, wie viel Denken und Doppeldenken!

*

     Der interessante Jesus (der wesensmäßig gnostische?) ist der, der etwa so gesagt hat: "Ich bin gekommen, um die Familien zu entzweien." Bei solchen Stellen haben die Spießer immer nur dumme Gesichter dazu schneiden können. – Eigentlich gehörte Spartacus in den Herrgottswinkel gestellt und sollte unser Mittagsmahl segnen. Zu Spartacus bedarf es keines Gebets; wir können ihn grüßen oder auch nicht; die Suppe wird geschlürft (es gefällt ihm, wenn wir, hungrig, auf die Gruß-Zeremonie verzichten und gleich löffelscheppernd, wie die Tiere, die löffelscheppernden Tiere, an die Suppe gehen).

*

Ein Vorsokratiker hielt die Sonne für einen Stein und unterschätzte ihren Durchmesser aufs gröblichste. Jedoch hatte derjenige nichts Falsches gesagt, der behauptet hatte: "Die Sonne ist so groß, wie sie uns erscheint." Der römische Kaiser Elagabal ("Heliogabal") verehrte abgöttisch einen vom Himmel gefallenen Stein, tanzte davor, angetan mit den Gewändern eines Priesters; ein Chor von syrischen Frauen begleitete den ekstatischen Kult. Seine Minister wurden als Ministranten eingesetzt. Im Sommer ließ der Kaiser den Stein aufs Land bringen, der Stein sollte nämlich Urlaub machen. Sechs Schimmel zogen den Wagen, den kein Sterblicher besteigen durfte, niemand durfte Hand an die Zügel legen. Diese waren um den heiligen Stein herumgebunden, denn der Gott selbst sollte kutschieren. Elagabal ging dem Wagen voran, rückwärts gewendet, um den göttlichen Stein kein einziges Mal aus den Augen zu lassen. – Ja, tatsächlich, das ist das Einzige, was den Menschen vom Himmel kommt: der eine oder andere Meteor. Der Kult jenes Elagabal war deshalb folgerichtig, wenngleich absurd. Die Prozession aufs Land war im Grunde ein Narrenzug. Das war Religionskritik in kultischer Verhüllung. Elagabal galt übrigens als weibisch, er plante seine Selbstentmannung und bot sich als Lustknabe feil. Die Mutter regierte; freilich nicht lange.

*

     Mit jemandem schlafen, Seite an Seite träumen, ein Partner setzt die Träume des anderen fort; das gibt es freilich: die echte Zwiesprache im Medium des Traumes. Das Wort "Miteinander-Schlafen" ist nicht allein eine Umschreibung für Sex, sondern bringt auch dieses gemeinsame Träumen mit zum Ausdruck (traurig genug, daß solches heute erinnert werden muß, vor dem Vergessen bewahrt werden muß; die Menschen gehen sich in einer solchen zum Egoismus geradezu zwingenden Gesellschaft ziemlich verloren; das kann aber wieder anders kommen – die Gesellschaft kann wieder eine kommunistischere werden). In der Jugend hat es beinahe jeder erlebt; dann wird es vergessen. Was wurde nicht alles erlebt, erfühlt, erdichtet – und dann wurde es abgetötet. Was haben Paare miteinander erlebt, anfangs, welche Mysterien, welche Stürze in diesem Rapid Eye Movement der Liebe, und wie geht das dann vor die Hunde, muß gar nicht erst zum Kitsch mißraten sein.

*

Wer die Nächte einsam in Gedankenarbeit zugebracht hat, überschwemmt dann leider allzu gern den nächsten Gesprächspartner mit allen seinen sich überstürzenden Ideen. Es ist diesem ausgebeuteten Ohr dann zumut wie einer Zwangsbeglückten, die zuerst mit einem Blumenstrauß freudig überrascht wird, dann aber noch einen Strauß und noch einen und noch einen überreicht bekommt, nach dem übelverstandenen Motto "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose" einen ganzen Blumenhandel schließlich in die Wohnung geworfen bekommt, daß sie schließlich vom Duft der vielen Blumen erdrückt wird wie eine in der Leichenhalle unter teuren Kränzen und schwülen Buketts Aufgebahrte. Entschuldigung!

 

...
Weitere Texte des Autors, Kontaktadresse und Kurzbiographie:

http://www.aurora-magazin/autoren/bio_hodina_frm.htm


=== Zurück zur Übersicht ===