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Lineamente einer Ethik der Unabgeschlossenheit

Von Peter Hodina


"(...) weiß man noch nicht, was der Mensch ist, so weiß man doch, was unmenschlich ist,
auch ohne daß man schon genau wissen kann, was menschlich sei" (Ernst Bloch)(1)


I. WÜRDE, SELBSTACHTUNG, SELBSTBEHAUPTUNG

    Die Würde des Menschen besteht unabhängig davon, ob sie jemand ihm zuerkennt. Auch wenn er selbst täglich an seiner Würde zu zweifeln geneigt ist, bleibt ihm die Würde gleichsam als Transzendentalie; sie ist als manchmal kaum vernehmlicher Begleit- und Grundton seines Lebens stets vorhanden. Sie ist ihm auch in den Menschenrechten verbürgt, egal, wer immer er selbst ist, egal, wie er sich verhält oder verhalten hat, egal, für wen er sich hält oder ihm von anderen eingeredet worden ist, sich zu halten. Die Würde besteht letztlich unabhängig davon und bleibt unantastbar. Sie ist für ihn der Fundus, aus dem er sich erneuern und allmählich oder gar mit einem einzigen Ruck sich in einen menschlicheren Menschen verwandeln darf.

Die Konzeption der Würde wirkt prinzipiell antifragmentarisch. Sie umhüllt den Menschen mit einem Gefühl des Geliebtseins, umspielt ihn wie ein sanfter Wind. Sie macht ihn gleichsam ganz zu einem Ruck, das Abgelebte, Zerstückte hinter sich zu lassen und erneut ins Kraut zu schießen.

In der Antike gab man den Verstorbenen sogenannte Totentafeln mit, und als eine solche völlig zerkratzte, mit Pech und Blut angeschüttete Totentafel könnte auch das, was wir Würde nennen und als Würde in Anspruch nehmen, am Ende unseres Lebens versinnbildlicht werden. Ich zögere, dafür den theologischen Terminus "Schuld" zu gebrauchen. Ich spreche vorerst lieber von Verwüstung, wie ja auch die Oberfläche unseres Erdmondes von den Kratern zahlloser Impakte aus dem Weltall übersät ist. Es besteht diese Tatsache des Wütens – vor allem auch des Wütens gegen sich selbst und seine besseren Möglichkeiten – zu vermerken. Als ein Rätsel, das aufzuklären verschiedene, teilweise miteinander zusammenhängende Versuche unternommen worden sind.

    Ich erinnere mich, einmal einen Opernführer aus einem Bücherregal genommen und stichprobenweise aufgeblättert und angelesen zu haben, einen schlechten Opernführer, wie ich jetzt feststellen muß, ja sogar den schlechtesten Opernführer, der mir bislang zu Gesicht gekommen ist – ein auf den Markt geschleudertes Billigprodukt in drei Bänden –, und nahezu an jeder Stelle stand geschrieben, diese oder jene Operngestalt habe in irgendeiner Szene "die Selbstachtung verloren". Egal um welche Oper es sich auch handelte, der Verfasser jenes Wälzers hatte als wohl einziges ordnendes Kriterium die "Selbstachtung" bzw. den "Verlust der Selbstachtung" der Figuren veranschlagt. Vor allem waren es die weiblichen Figuren, denen der "Verlust der Selbstachtung" nachgesagt wurde, meistens wenn sie in den Armen eines sie bedrängenden Verführers "schwach" geworden waren.

Nicht selten werden Würde und Selbstachtung gleichgesetzt. So wird davon gesprochen, jemand habe "seine Würde verloren", "sein Gesicht verloren" u.dgl., während im Grunde nur die Kräfte der Selbstbehauptung sich als unzureichend erwiesen und die andere, bedrängende Seite die stärkere, listigere, raffiniertere oder einfach lediglich brutalere war. Aber muß das fundamental-ethische Konzept der Würde an die Fähigkeit gekoppelt werden, diese Würde auch in der Bedrängnis behaupten zu können?
      Ich denke, daß Würde und Selbstbehauptung der Würde zweierlei Dinge sind, die mit analytischer Akkuratesse voneinander zu trennen sind.

Wir wollen die Würde des Menschen weiterhin behaupten, begründen und mit den allerbestmöglichen Gründen verteidigen, ohne uns jedoch den Rekurs, die Rückversicherung auf den lieben Gott, der die Werte-Welt garantierte, als Philosophen zu erlauben, erlauben zu dürfen. Gäbe es diesen lieben Gott – nicht einen scheußlichen Demiurgen, der uns in sein Pfuschwerk geschleudert hat (so wie etwa Strindberg in seinem paranoiden 'Inferno' Gott gesehen hat, in Nachfolge gnostischer Positionen) –, gäbe es also diesen lieben Gott (und es könnte ihn ja geben, aber die Chancen für ihn stehen denkbar schlecht) als Garanten und Fundament einer Werte-Ordnung, dann läge die Bestimmung des Menschen als seines Geschöpfs einzig darin, dieser Werte-Ordnung gemäß zu handeln und sich in sie einzufügen. Die Würde des Menschen wäre in der "Ebenbildlichkeit" fundiert, wenn auch diese Abbilder, die wir dann wären, an das Urbild nur höchst unvollkommen heranreichten. Aber jeder Mensch, ausnahmslos jeder wäre ein Abglanz, ein Schimmer jenes göttlichen Urbildes. Wir wären einander allein schon in unseren jeweiligen Unvollkommenheiten nahezu gleich, Gleiche in Anbetracht der Vollkommenheit und Unermeßlichkeit Gottes. Unsere endlichen Verschiedenheiten erwiesen sich gegenüber dem unendlichen Gott als geradezu nichtig. Vor Gott wären wir alle gebrechliche Nichtse, Mängelwesen, schwankende Schilfrohre.
      Die Würde wäre andererseits auch ein nie endender Auftrag, ihr zu entsprechen. Wir wären Gleiche in unserer Würde wie in unserer Niedergeschlagenheit, Zerknirschung. Wir müßten vor einem solchen uns übersteigenden Gott die Augen niederschlagen, doch er wäre zugleich ein Verbündeter, ein Vertrauter unseres guten Willens, ein Klärer unserer Bemühungen.

    Ich bin mir nicht sicher, ob Marx recht hatte, als er sagte, die Vorstellung des Menschen als eines Geschöpfs widerspreche der Würde des Menschen. Gewiß werden Wörter wie "Geschöpf" oder noch mehr "Kreatur" manchmal in einem pejorativen Sinne gebraucht, voller Verachtung – ebenso wie die Wörter "Subjekt" oder "Individuum". Etwa wenn jemand über einen anderen sagt: "Dieses impertinente Subjekt!" oder: "Mich spuckte auf der Straße eine dieser aufgehetzten Kreaturen an." Oder das grausame Urteil über einen anderen: "Ein schwachsinniges Geschöpf ohne eigenen Willen."
      Es bleibt jedenfalls der Zusammenhang zu vermerken, daß Wörter wie "Geschöpf", "Kreatur", "Subjekt", "Individuum" in einem solch pejorativen, ja diskriminierend-abstempelnden Sinne gebraucht worden sind und manchmal auch heute noch – jedoch mittlerweile seltener – gebraucht werden. Diese Wörter, eben auch in jenen Aburteilungen, die immer auch ein Zu-Ende-gekommen-Sein mit einem anderen Menschen zum Ausdruck bringen, meinen alle etwa dasselbe: Idiotenhaftigkeit. Der Idiot als der "Eigene", Eigenwillige, Eigensinnige, sich nicht ausreichend verständlich machen Könnende oder Wollende oder Dürfende, der Idiot, um den man sich nicht mehr bemüht, den man aufgegeben hat, auf der Straße stehen läßt. Der Idiot als der mangelhaft sozialisierte Erwachsene, vielleicht auch Kind Gebliebene, in unzulässiger, nonkonformer Weise Kind Gebliebene, an dem die Jahre vorbeigegangen sind, ohne ihn recht zu verwandeln und den herrschenden Trends gemäß zu assimilieren.

Beim pejorativen Gebrauch der Wörter "Geschöpf", "Kreatur", "Subjekt", "Individuum" handelt es sich um eine typische Umkehrung eines vordem den Menschen auszeichnenden Zusammenhangs. Der Mensch war Gottes Geschöpf, seine Kreation, und er war als Individuum einzigartig, unteilbar, seine Würde bestand geradezu in diesem Zusammenhang, einschließend durchaus den Grenzfall, fortan als ein "Idiot Gottes" durch die Welt zu gehen, als Wanderer, der nirgends auf Dauer eine Bleibe findet und seine Zeitgenossen an die Vergänglichkeit aller Dinge erinnert. – Was heißt hier übrigens "seine Zeitgenossen"? Diese leben in einer anderen Zeit, mit einem anderen Zeit- und Daseinsgefühl, nach ihren Terminkalendern – und doch kann der Tod einen Strich durch alle Rechnungen und Kalender machen. Im seit jeher säkularisierten Heiligenkalender der Philosophie (ist nicht die ganze Philosophiegeschichte eine Geschichte der Säkularisierung, schon von den Denk-Einsätzen der Vorsokratik, insbesondere der Sophisten an?) entspricht vielleicht die Gestalt des Diogenes Sinopiensis diesem luziden Grenzfall höchstphilosophischen Idiotentums – er ist gewissermaßen ein Proto-Stirnerianer, ein Individual-Anarchist avant la lettre. Und spräche durch Diogenes die Gottheit, dann auf eine sich verbergende, sich verborgene Weise, eine herakliteische Gottheit, die sich zeigt und nicht zeigt, die anthropologische Göttlichkeit des Leibes vielleicht – damit wäre der kynische Diogenes auch cum grano salis als ein Vorläufer Ludwig Feuerbachs oder auch Wilhelm Reichs, nicht nur Max Stirners, anzusehen.

   Eine ideengeschichtliche Quelle der Menschenwürde ist die biblische Gottesebenbildlichkeit. Das Menschenbild hing deshalb auch vom Gottesbild ab. Der Kirchenvater Ambrosius etwa bringt in seinem 'Sechstagewerk' diese katholisch-mittelalterliche Sicht schön zum Ausdruck: "Die Weltschöpfung ist ihrem vollen Umfang nach abgeschlossen, nachdem der Mensch fertig da ist, der die Herrschaft über alle lebenden Wesen in sich trägt, gleichsam summarisch das Universum verkörpert und die Schönheit der ganzen Schöpfung widerspiegelt."
      Vom Glanz oder der Herrlichkeit Gottes fällt ein Schimmer auf den zur Herrschaft über die Natur, besser: zur Verwaltung der Schöpfung berufenen Menschen. Der Mensch ist als Geschöpf, als Kreatur Gottes "fertig da" (wie ein Buchstabe im Alphabet, wie eine Ziffer, wie ein Eigenname etwa), ebenso wie auch die Gestalten der Erde, die er sich untertan machen soll, als "abgeschlossen" gelten können – Ambrosius sagt sogar, daß die ganze Schöpfung "in ihrem vollen Umfang abgeschlossen" sei. Das Ebenbild widerspiegelt das Urbild, jedoch unvollkommen. In dieser Belehnung des Menschen mit der Schöpfung ist eine der historischen Quellen der Würde ausfindig zu machen.

Aber man kann die Gottebenbildlichkeit noch tiefer verstehen, mystisch, dialogphilosophisch. Der Mensch, der Zwiesprache hält mit Gott; Gott, der Zwiesprache hält mit den Menschen. Eine trotz Altem Bund oder Neuem Bund, trotz apokalyptischen Prophezeiungen unabgeschlossene, offene Geschichte.


II. WERTEN UND WAHRNEHMEN

    Je mehr wir werten, desto weniger nehmen wir wahr. Wenn dem Werten nicht einfach hirnlose Identifikation mit einer ja immer nur partiellen Tradition zugrunde liegt, sondern Konsquenz aus einem einmal selbständig Erkannten, das dann für immer als Waffe festgeschrieben wurde, so hindert uns dieses Werten, dieser ein für allemal eingenommene Standpunkt daran, noch genauer zu erkennen. Wer wertet, ist mit dem, was er bewertet bzw. abwertet, schon zu Ende gekommen: offensiv und defensiv bewaffnet mit Vorurteilen. Manchmal gibt es auch noch ein spontanes Werten, mit einer gewissen Kühnheit gepaart, das sich ins Unausgemessene vorwagt und so einfachhin, als koste es nichts, Ungeheuerliches ausspricht. Es ist der Ausnahmefall. Es sind dann jene Sätze des Wahrnehmenden, nein, plötzlich Erkennenden, die von den Wänden zurückhallen. Sätze, also Sprünge, Hakenschläge ins Unermessene, noch nie so Ausgesprochene, von den ängstlichen Spießern nur als Vermessenheiten beanstandet – anstatt daß sie sehen würden, daß mit solchen kühnen Sätzen manchmal der Fortschritt voranschreitet.


III. ZIELSTREBIGKEIT UND VIELSTREBIGKEIT

   Der Begriff des Willens – wie auch der mit diesem verwandte Begriff des Entschlusses oder der "Entschlossenheit" – suggeriert eine Einheit; das zunächst vielstrebige (statt zielstrebige) Leben wird durch ihn auf eine Linie gebracht. Kein Wunder, daß gerade in Zeiten des Militarismus die "Entschlossenheit" so gedeiht – von den Autoren des sogenannten "soldatischen Nationalismus" (wie Ernst Jünger) bis zum Anstreicher.
      Es ist im übrigen gar nicht intelligent, einen einmal gefaßten Entschluß bis an sein Ende zu bringen, wenn sich schon herausgestellt hat, daß die eingeschlagene Richtung falsch ist und ins Verderben führt. Doch unser ererbtes, ebenso heroisches wie dummes Männlichkeitsideal hält es mehr mit dem tragischen Scheitern als mit Intelligenz und Flexibilität. Eher reiten sie die Mähre zu Tode, als daß sie rechtzeitig umsattelten – oder auch einfach abstiegen.

So wie ein Baum nicht ans Ziel kommt, sondern allenfalls einmal reiche Früchte tragen wird, so kommt auch ein vielstrebiger Mensch nicht an ein Ziel – und wird vielleicht einmal sogar durch die Last seiner Früchte zu Boden gebeugt werden. Dieser Mensch wollte sich niemals beugen, dann aber beugt er sich so!
      Der Baum ist immer schon am Ziel, es sei denn, man verlangte ihm Früchte ab. Und der Baum erreicht jenes Ziel nicht in einem einzigen Augenblick und gäbe sich dann mit den erreichten drei Birnen zufrieden, ruhte sich auf seinen Lorbeeren aus, sondern er wiederholt und steigert sich Jahr um Jahr in seiner Fruchtbarkeit.
     Ein riesenhafter, knorriger Baum, sich in seinen Zweigen verzettelnd, vom Blitz gespalten und angekohlt, wie die tausendjährigen Eichen, mit ihren tausend Wohnungen für allerlei Getier. Darunter die Liebeslagerstatt. Was hieße hier noch "Zielstrebigkeit"? Der Vielstrebige – mit einem solchen Epitheton ornans müßte man ihn benennen, wäre man Homer, der in allem Überschuß Blinde.
     Dieses riesige Mannweib einer Eiche. Beim Bemuttern bevaternd, beim Bevatern bemutternd.
     Und mancher, der ein Ziel hatte und zielstrebig unter ihrer Krone vorbeischritt – ihrer kaum mehr achtend, ihr Rauschen nur mehr als Ahnung seines künftigen Ruhmes mißdeutend –, brachte es letztlich nur zu einem verfrühten aufgeschütteten Hügel, der noch dazu bald einsank.
     "Bäume, ledig der Blätterlast, / Entlassen die Krähenschwärme, / Die sich gebärden, als wüßten sie, / Wo es besser ist." (Hermann Lenz)


IV. GERÄUMIGKEIT UND ENGE

    Geräumigkeit – z.B. auf das Vogelgezwitscher zu hören oder nicht, daß das nicht wichtig, oder für dich im Moment nicht wichtig ist, obwohl es für dich oder für einen anderen einmal wichtig werden kann, daß Vögel in Hülle und Fülle vorhanden sind, daß auch noch Lebenszeit in Hülle und Fülle da ist, daß du dir nicht andauernd zurufen mußt: "Nutze den Tag!" oder "Denke an den Tod!"

Daß du auf den Sonnenauf- bzw. -untergang achten oder auch nicht achten kannst, daß du nicht zu einer bestimmten Andachtszeit in die Sonne hineinstarren mußt, wie Millionen es tun. Daß die Sonne nicht beleidigt ist, wenn du sie nicht beachtest, daß sie trotzdem genauso scheint, auch wenn du sie nicht anbetest.

Etwas so Banales ist Geräumigkeit. Eigentlich die Möglichkeit zu staffeln in der Wahrnehmung der Welt, ein Hintereinander zuzulassen, ja als Vorteil zu empfinden.
     Nicht wie Nietzsche das In-Abrede-Stellen der "Hinterwelt", sondern, was heißt eine Hinterwelt?, nein, zwei, drei, vier, ich möchte nicht so weit gehen und sagen unendlich viele Hinterwelten, aber so doch dann einige.

Der – existentialistisch gesprochen, deutsch-existentialistisch, theologisch-existentialistisch – "in die Entscheidung gestellte" Mensch, der, auf einen Punkt gebracht, sich jetzt durchs Nadelöhr der Not und äußersten Bedrängnis hindurchquetschen muß, durch seinen existentiellen Karfreitag (die Todesanalogie, die Maß fürs Leben wird!), um ein gewandelter, wiedergeborener oder wenigstens erwachsener Charakter zu werden (oder gottwohleingebetteter, eingesargter)... Zur Entscheidung gerufen, in Bereitschaft, auf Posten – das klingt zudem nach Militär und war auch so gemeint. Dieses Dispositiv war für die Großeltern-Generationen das prägende, aber es ist eine fürchterliche Beengung, Wahrnehmungsreduzierung, ich will so weit gehen und einfach nur sagen: wir brauchen das nicht mehr. Diese zusammengequetschte Dauerwurst aus Theologie (mehr protestantische als katholische), Existentialismus, Kriegsdienst- und Opferbereitschaft, Entwertung lässigeren Lebens und Wahrnehmens, Zucht auf den Punkt der Generalrasur hin, wo du vor Gott = Staat nur mehr nackt bist und rechtlos, bereit zur Verschickung wohin auch immer. Diese Todespestilenzialität, die sich zum Maßstab fürs Leben erklärt und ihre bösartig funktionierende Hierarchie hat.

Ich setze dagegen Hinter- und Nebenwelten, jede Menge davon gestaffelt, so stelle ich mir sogar den Raum vor, als hinter- und nebenweltenermöglichend, sich aus Hinter- und Nebenwelten konstituierend, sich in Hinter- und Nebenwelten verschachtelnd, Korridore durch Neben- und Hinterwelten bahnend, diese verknüpfend. Ja sich in Vorauswelten hervorwölbend.

    Daß wir dort wieder angelangt sind, wo das Leben sich als ein durchaus gemischtes, unbereinigtes zeigt, nicht als ein angestrengt geordnetes, auch nicht als Exuberanz des Kreativen, als ein nietzscheanischer "Großer Mittag" oder als durch und durch "gelungener Tag", auch nicht zu einem vergoldeten Augenblick, zu dem gesagt werden könnte: "Verweile doch, du bist so schön!"
     Wo das Leben nicht aus „Zurüstungen für die Unsterblichkeit" (Peter Handke) besteht, wo überhaupt nichts Besonderes oder Grandioses sich ereignet, auch das Sich-Quälen am Unzulänglichen und an den Splittern des Mißlingens beinahe unterbleibt, man weder sich noch andere zu etwas aufruft, allenfalls ernüchtert zu berichten wäre von einem bewölkten Himmel über uns und keinem überwertigen moralischen Gesetz in uns, das Leben eher dahinvegetiert, dahinflaniert, verstreicht (ohne Bedauern), ein verhangener Tag, an dem unvermutet hinter den Wolken Tupfen eines heiteren Hellblau erscheinen, das wir nicht verdient haben, als dritte Schicht über unserer inneren Unbestimmtheit und den äußeren trüben Verhangenheiten. Wäre da nicht vielleicht die Stunde gekommen, ein Aquarell zu malen? Und könnte nicht auch die Philosophie von einer solchen Stimmung erfaßt werden?

Es sollen ja auch Menschen unter uns leben, deren Naturell so glücklich veranlangt ist, daß sie weder sich noch andere besonders quälen, deren Leben nicht von Idealen – weder von hellen noch von dunklen – verzerrt wird, die aber deswegen noch lange nicht in einer trüben, unempfindlichen Mittelmäßigkeit versacken. Diese haben kein mechanisches Verhältnis zu sich, sind dem "Mythos der Maschine" (Lewis Mumford) nicht erlegen. Die "reine Tathandlung" interessiert sie kaum – sie erscheint in solcher Perspektive als eine höchst kuriose, abstrakte Gedankenkonstruktion. "Bewußtheit" oder sogenanntes "bewußtes Handeln" wäre nur vorübergehend, intermittierend an sich zu beobachten, keineswegs auf Dauer gestellt und habitualisiert oder gar anderen als Verpflichtung vorgelebt. Nicht als Rezeptur ihnen vor-verordnet, daß man mit "kleinen Schritten" vorwärts zu gehen hätte. Denn selbst dieses Vorwärts bleibt fraglich! Eher Wellenbewegungen des Lebens, ruhige und bewegtere, manchmal stürmische, gefährliche, in denen manövriert wird, Atemzüge, die meisten davon unbemerkt, unwillkürlich, gar nicht eigens trainiert.(2)


V. LOB DES ADIAPHORISCHEN

    Das Leben, aus einer riesigen Zeitmasse von "Adiaphora" errichtet (wie eine Sandburg aus Myriaden von Sandkörnern), wohingegen die Zahl der wirklich ethischen Wertentscheidungen und Handlungen eine endliche, engbegrenzte wäre. Das meiste wäre also ethisch oder deontologisch indifferent bzw. neutral.
     Wie auch bei einem guten Fußballspiel die Schiedsrichterentscheidungen nur Unterbrechungen des Spiels sind (allerdings notwendige Unterbrechungen), doch der Spielfluß anderswo ist und sich aus dem Spiel und dem Zusammenspiel der Spieler selbst konstituiert. Der expliziten Ethik käme nach einem solchen Gleichnis hauptsächlich die Rolle eines Schiedsrichters in schwerwiegenderen Konflikten und Dilemmata des Lebens zu, um eine gedeihliche Praxis (Eupraxis) so rasch wie möglich wieder in Gang zu bringen. Alles andere erfolgte aus immanenten bzw. impliziten Ethiken, die meistens nicht eigens explizit gemacht werden müssen. Ethiken, die der jeweiligen Sache innewohnen, sachgemäß und zweckdienlich sind.

Autofahren z.B. hat eine immanente Ethik (Beherrschung und Wartung des Fahrzeugs, Einhalten der Regeln des Straßenverkehrs, Mitdenken usw.), die man sich jeweils in kritischen Momenten oder beim Erlernen des Autofahrens bewußt in Erinnerung ruft. Allerdings könnte man den massenhaften Gebrauch des Autos insgesamt in Zweifel ziehen, wie man ja auch eine Reihe anderer Einrichtungen, in denen immanente Ethiken existieren, mit mehr oder weniger triftigen (auch ethischen) Gründen in Zweifel ziehen kann.

Jeden Lebensaugenblick zu versittlichen – oder wie es in der Sprache der Frömmigkeit heißt: zu "heiligen" –, käme einer Verumständlichung des Lebens gleich.(3) Zum Glück gibt es jene riesige Zeitmasse der "Adiaphora", zum Glück gibt es jene vegetative Un- oder besser Halbbewußtheit um uns herum und in uns, die uns gestattet, nicht wie Uhrwerke mechanisch im gleichmäßigen Takt der Sitte zu laufen, sondern unsere eigene Rhythmik zu leben. Heiligkeit im Sinne von perfektionierter Sittlichkeit ist ein langweiliges, steriles, abstoßendes, jämmerliches und kaum konsequent durchführbares Ideal. Diese defiziente Heiligkeit bildet dann Enklaven ihres Gegenteils aus, wird zu Scheinheiligkeit und Moralschauspielerei. Ebenso ist ein dem Rationalismus mit übersteigerter Strenge verhaftetes Lebensprogramm stets anfällig für die Verlockungen eines spektakulären Irrationalismus, für das Umschlagen in sein Gegenteil.
     Die Anerkennung und Akzeptanz der "Adiaphora", überhaupt der milderen und mittleren Lagen, der gemischteren, gewöhnlicheren, weniger extremen Situationen schafft eine größere Elastizität und Geräumigkeit der Lebens- und Erlebens-, ja auch der Denkverhältnisse.

    Nicht jede gute Routine braucht der größeren Bewußtheit wegen in Stücke gehauen zu werden. Nicht jede harmlose Geste eingespielter Höflichkeit braucht durch Nichterwiderung brüskiert zu werden.
     Die Menschheit hat auch nicht darauf gewartet, von den Philosophen auf ihre Sterblichkeit aufmerksam gemacht zu werden. Die Philosophie braucht keinen sadistischen Ingrimm, um eine vermeintlich gedanken- und gefühlsträgere Mitmenschheit die Qualen "authentischer" Bewußtheit kosten zu lassen. Frei von jeglichem Missionarismus und ganz unextremistisch ist sie nicht darauf erpicht, andere mit sich anszustecken.

Wie nobel muß man sein, um wie Valéry eine "Nacht von Genua" zu haben oder wie Pascal seine Bekehrungsnacht. Wie vornehm muß man seinen Tag im Griff haben, seine Nächte, seine Beziehungen. – Aber auch die Umgebungen müssen das spiegeln. – Wie sehr muß man an seinen eigenen Charakter glauben. – Aber in dem allgemeinen Schutthaufen der vom Fernseher nachts beflimmerten Appartementhöhle des heutigen Dichter-Singles, was hat da noch Anfang und Ende, Hand und Fuß?

Ich habe längst die Vorstellung fallengelassen, daß es eine Stufenleiter der moralischen Vervollkommnung gäbe. Diejenigen, die sich auf dieser Stufenleiter ganz oben wähnen, sind die Allerverblendetsten. Die Leiter, die in den Himmel ragt, bricht plötzlich im Leeren ab, von einer Wolke, der Wolke des angeblichen Nimbus dieser Oberen und Obersten, den darunter Emporklimmenden noch verborgen. Da oben ist nichts als leere Bangigkeit. Dies ist der eigentliche babylonische Turmbau: die Übertragung des Hierarchie-Prinzips auf die menschlichen Emotionen. Außerdem gibt es keinen Superlativ hinsichtlich der Menschlichkeit: vergeblich, danach zu streben, der Allermenschlichste aller Menschen werden zu wollen!


VI. DER SUIZID

    Bisher glaubte ich immer, ein Suizid – vor allem eines gesunden, jungen, zu klarem Denken befähigten Menschen – bringe auch ein Urteil über das Leben, über die Welt im ganzen zum Ausdruck; ich dachte, es müßte immer in dem Suizidanten zu einem abschließenden Urteil über die Welt gekommen sein, wenn er mit seiner Selbsttötung dann die Konsequenz aus dieser in ihrer Gesamtheit, besser: Substanz erfaßten Welt, die ihm als nichtig erscheint, zieht. Der Suizidant habe also so etwas wie eine negative Erleuchtung durchgemacht, die ihm das Leben insgesamt verleide. Eine Art objektiver Erkenntnis dabei. Und aus dieser objektiven Erkenntnis – damit verallgemeinerbaren, ja allgemeingültigen Erkenntnis (wenn die Leute nur bereit wären, ebenfalls die Nichtigkeit der menschlichen Existenz zu erkennen) – macht er dann Schluß mit seinem Leben. Aber so läuft das für gewöhnlich nicht.
     Es gibt so etwas wie einen depressiven, zugleich von sanftem Mitgefühl begleiteten Sog, der in die Untröstlichkeit, in die vollkommene Einsamkeit – und nicht nur in den eigenen vier Wänden, sondern auf offener Straße, sogar im Zusammensein mit befreundeten Menschen – driften läßt, und es läge dann kein vernichtendes Urteil über die Weltgesamtheit einem solchen Abscheiden zugrunde, sondern man wäre auf einmal nicht mehr in der Lage, aus seiner Einsamkeit und ihrem Sog herauszukommen, es wäre, wie wenn plötzlich der Puls immer langsamer ginge, während die anderen geschwätzig lärmen und sich wie immer ihre Phrasen zuwerfen, wie wenn in einem selbst das Leben seine Kraft verlöre, vielleicht sogar ohne äußeren Anlaß – oder doch meistens ausgelöst und angestoßen durch einen Anlaß. Daß in solcher Befangenheit dann kein Urteil mehr über irgendetwas erfolgt, daß also der Suizid demnach nicht das Resultat eines klaren und deutlichen Urteils und eines daraus abgeleiteten Entschlusses sein müßte, sondern einfach der Schlußpunkt einer einen vielleicht sogar plötzlich wie ein nicht heißes, sondern abkühlendes, negatives Fieber befallenden Einsamkeit.
     Wie i
ch selber mich dabei ertappte, immer noch so ein komisches Pflichtgefühl mit mir herumzutragen, daß, wenn ich nicht hundertprozentig und allgemeingültig die Sinnlosigkeit der Welt bewiesen hätte, ich mich nicht umbringen dürfte. Es gab zwar Denker wie z.B. jenen Philipp Mainländer aus dem 19. Jahrhundert, der tatsächlich der Ansicht war, die Sinnlosigkeit des Lebens bewiesen zu haben und sich dann auch konsequenterweise erschoß, und es kann im Zuge des Grassierens einer solchen Auffassung von Philosophie oder auch Literatur zu einer regelrechten epidemischen Selbstmord-Welle kommen ('Werther'!)(4), daß es sozusagen modisch wird, sich umzubringen (wenn dies auch dann nur epigonenhaft wäre, bloßes Nachahmungstätertum), doch in den häufigsten Fällen von Suiziden dürfte ein solches Muster nicht ausdrücklich vorliegen. Also nicht die zuerst schlüssig als sinnlos erkannte Welt und das anschließende Sich-Verabschieden aus ihr.
     Wenn ein Philosoph Suizid begeht, fragt man sich gewohnheitsmäßig immer, ob sein Suizid nun als das Ergebnis seines Denkens zu verstehen sei. Er könnte mit der Welt philosophisch abgeschlossen haben, so lautet die Vermutung, die Annahme. Aber es ist ebenso möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich, daß völlig oder doch ziemlich unabhängig von seinem Denken ihn eine Depression erfaßte, die, exogen verstärkt und in Schußfahrtslinie gebracht, als ein endogener "autonomer Komplex" im Seelenleben wirksam war; daß ein solcher Mensch sich vielleicht durch Denken und eine gewisse ironische Tapferkeit an der Oberfläche seiner ihm innewohnenden Schwere halbwegs zu halten gesucht hatte, bis dann der Sog doch übermächtig wurde und eine Absolutheit ganz anderer Art erzeugte als die philosophische Absolutheit, die doch immer nur objektiv orientiert ist: eine Absolutheit, die nach innen geht bzw. nicht mehr aus sich herauskann, eine subjektive, kaum mehr zu kommunizierende Absolutheit, die absolute Einsamkeit als Depression. Daß diese Depression dann nicht eine Form der Erstarrung ist, sondern auch noch Schübe durchmacht, in denen die Erstarrungen wie Eisblöcke abschmelzen, daß ein solcher Mensch, so sehr er gewohnt war, sich zu disziplinieren und sich und anderen gute Laune zuzufächeln, schließlich mit emotionalen Tiefen seiner selbst konfrontiert wird, die nun nicht mehr nur seine Erstarrungen und Panzerungen, sondern die ihn selber einschmelzen, bis gar keine Widerstandskraft mehr vorhanden ist. Vielleicht wird das Bilderbuch des Lebens, das er in seinen letzten Tagen und Stunden durchblättert, nicht immer schwärzer, sondern im Gegenteil bunter, und er bejaht sogar und versteht, ja liebt auf eine gänzlich unaggressive Weise nunmehr dieses Leben, das Leben der anderen, sein Seelenleben, aber es ist trotzdem das Ende statt ein Neubeginnen. Weil er dieser in ihm aufbrechenden und aufschmelzenden Tiefe nicht mehr gewachsen ist, weil sie seine Sicherungen wegspült, mit denen er bisher sein Ich definierte und ökonomisch funktionieren ließ. Die Wirkung etwa wie eines Drogen-Trips, wo dann der Junge aus der Plattenbausiedlung, der Indianer werden wollte, mit einem lächerlichen Faschingskostüm und Pfeil und Bogen vom siebten Stock aus dem Fenster springt mit psychedelischen Pilzen im Mund.
     Das Emotionale, das vom Intellekt nicht vollkommen bewältigt werden kann, was ja die Tiefenpsychologen auch erkannten – das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus –, das vielmehr als ein "autonomer Komplex" wirkt, dem auch philosophische Reflexionen und daraus abgeleitete Lebensbewältigungsmaximen und -strategien nur äußerlich bleiben.
     Müßte man nicht, nähme man Nietzsches Ermahnung, sich selbst zu achten, ernst, gerade diesen „autonomen Komplex" in seiner Unzulänglichkeit achten wie eine Gottheit oder ein "Daimonion", ihm seinen Platz, seine Stätte einräumen, ja ihm auch Opfer bringen, es zu besänftigen suchen, ihm das ihm Zustehende geben – und wirkte es manchmal auch reichlich bizarr, eines Philosophen und Kulturmenschen nicht würdig?

    Die Natur, vors Jüngste Gericht gebracht, nahm gehörig hierarchisch Aufstellung, aufgestockt durch Übernatur, etwa in Form einer Kathedrale. Gott, wie die Menschen die universelle Liebe nannten, sollte nun richten. Er fand seine Schöpfung durch diese hierarchische Form in eine unerträgliche Langeweile gebracht, ja getötet. "Nie habe ich gewollt, daß ihr euch wie eine Kathedrale vor mir aufstellt!" Und er schlug zuerst die Spitze ab, dann griff er tiefer hinein und zerriß das Riesenspielzeug. Er wollte, daß das Leben weiterhin durcheinanderging, er malte wilde Bögen in diese Ordnungsversuche hinein, schuf erneut Gebirge, die unüberwindlich waren, riß Krater auf. "Ich hasse eure Streberei!", sagte Gott und zerstreute das Leben noch tiefer ins Universum hinein. Plotin, Origines, Augustinus, Dionysios-Areopagita, Cusanus waren entsetzt, versteckten sich im Chorgestühl, während Gott die Kathedrale zertrümmerte, die angeblich ihm zu Ehren errichtet worden war. Gottes Zorn war angesichts der Ordnungen am größten. "Aus Fleisch und Blut habe ich euch geschaffen, nicht aus Licht."

Meine Charakterfehler sitzen mir, beißend wie ein unbequemer Kunstfaser-Pullover, auf der Haut, daß ich mich fortwährend kratzen möchte vor Unzufriedenheit; an manchen Tagen, zu manchen Stunden bin ich von diesem Kratzen so in Anspruch genommen, daß ich fast glauben möchte, nur dieses Kratzen zu sein und keine Person.

    Hinter vielen Selbstmorden steckt eine psychische und soziale Unendlichkeit, die Unlösbarkeit des Lebens selbst für ein Subjekt; gerade diese Unendlichkeit ist Ausdruck der Unlösbarkeit; das unendliche Grübeln über unlösbare Menschenbeziehungen, unlösbare Kränkungen, von denen man sich nicht heilen kann. Auch, vor allem: unlösbare Selbstbeziehungen... Der Selbstmörder nimmt für gewöhnlich die komplexe Theorie seines, ja des Lebens mit in den Tod. Nur er ist sich selber unverständlich geworden (oder allzu verständlich, was eine Sonderform der Unverständlichkeit wäre); wir hätten, die Fäden seiner Theorie verfolgend, die Unlösbarkeit, die er sah, nicht so gesehen. Aber die Brücke zu uns bestand nicht mehr oder brach auseinander.

Nachdem der Mensch einmal sterben muß, in diese Erde wieder hineinmuß, um sich in ihr aufzulösen, hat er gleichsam schon dadurch das höchste Recht (nimmt er es sich), dem Weltstoff als solchen zu mißtrauen und ihn zu verändern. Als Schadloshaltung für den Tod, den er einmal erleiden muß. Die Antizipation seines Endes scheint jede Manipulation am Weltstoff durch den Menschen zu legitimieren. Der Todeskandidat kann den Boden seiner Gefängniszelle beschmutzen und verwüsten, wie er will.


VII. BRECHEN

    Zeiten, in denen wir ratlos sind (aber nicht händeringend ratlos), in denen wir endlich keinen Sinn realisieren, Abwesenheits-Inseln, also Zeiten, in denen wir uns nicht intentional verhalten, in denen wir zunehmend nicht mehr fragen, was uns fehlt, Zeiten bloßen Verweilens, in denen die Sucht brachliegt, in denen wir uns abhanden gekommen sind, anderen abhanden kommen, die anderen uns abhanden kommen, die Welt uns abhanden kommt, wir der Welt abhanden kommen. Oder anders gesagt: unsere Teilnahme eine andere ist als sonst. Zeiten, in denen wir nichts unter Kontrolle halten...
     Und wir blättern in jenen oft sehr ideologischen Büchern, derentwegen wir uns überhaupt auf die Suche begeben hatten, in jenen oft sehr sinntriefenden absolutistischen Schmökern, die heute ihren Blutpurpur abgelegt haben und die heute noch so vergilbt sind, wie sie damals schon vergilbt waren, und ihr Geruch hat sich nach zwanzig Jahren nicht geändert. Wir sind anders geworden, obwohl uns treu bleibend, mit manchmal welcher Heftigkeit uns treu geblieben, den Bruch kalkulierend, den Bruch aussprechend, manchmal zu spät. Manchmal brechen wir ja erst nach einem Jahrzehnt, weil wir erst dann bemerken, wie wir betrogen worden sind, wir, die wir andere geworden sind, brechen mit dem anderen, der ein anderer heute ist, wir sprechen in jenem angeschwollenen Rest unseres gestrigen Ichs den Bruch aus, um ein Jahrzehnt verspätet, aber wir sprechen ihn plötzlich definitiv aus, er muß jetzt ausgesprochen werden, jetzt, zu einem ganz anderen Zeitpunkt als dem angemessenen; es ist schon absurd, den Bruch auszusprechen nach zehnjähriger Abwesenheit, wir sind ja schon rein äußerlich ganz andere geworden, wir kennen uns schon kaum mehr, unsere Begegnung damals – ein Mißverständnis, ein sehr gravierendes, immer mehr schmerzendes, eine sich immer mehr als Grausamkeit herausstellende, zutiefst notwendig gewesene Begegnung... Und der unzeitige Bruch quittiert diese Grausamkeit angemessen. Der Konflikt verschleppt sich so lange, bis der Bruch, manchmal schon am Rande des Grabes, ausgesprochen wird; es ist fast schon nur noch Narrentum, wenn ich ausspreche: "Ich breche mit Ihnen", ja, es muß wie Narrentum wirken, jetzt, nach über zehn Jahren, ein Telegramm an denjenigen zu schicken, mit dem ich brechen muß, um weiterleben zu können. Dabei könnte ich ihm ebensogut meine Freundschaft antragen statt dem Krieg, so absurd ist das alles geworden, Haß und Liebe sind in diesem Fall gänzlich austauschbar geworden. Ich könnte ebensogut und mit gleichem Recht schreiben, daß ich ihn liebe, statt ihm zu telegraphieren, daß ich ihn hasse und mit ihm breche und mich ein Jahrzehnt lang von ihm (sogar in seiner Abwesenheit) mißbraucht fühlte. Ist er der Schuldige? –
     So wie heute der Blutpurpur aus dem apologetischen Buch gewichen ist, so bin ich ja heute ein anderer; ich glaube zwar noch, mich an alles erinnern zu können, bis ins Detail, doch auf den Fotos von damals erkenne ich mich nur mit Mühe... Jemand zeigt mir Fotos von früher, die ich nicht kenne, von deren Existenz ich nichts wußte, und ich finde mich selbst nicht mehr, nur an Kleidungsstücken rekonstruiere ich mich, finde mich, das soll ich gewesen sein? Und im Namen jenes aufs Foto gebannten Menschenphantoms soll ich jetzt mit zehnjähriger Verspätung den Bruch aussprechen, im Namen jenes Jünglings, dessen Haar noch dicht und dauergewellt war, im Namen jenes unreifen, mit lauter falschen Ansichten ausstaffierten, unsicheren Jünglings? Sofort telegraphieren: "Ich breche mit Ihnen, letztlich grundlos." Das wäre fast ein Verzeihen. In gewissen Beziehungen muß man brechen. Man muß mit dem Vater beispielsweise brechen, keine Frage. Man muß mit der Mutter brechen, man muß ihr Herz brechen, sonst kommt man nicht voran. Man muß mit allzu einflußreich gewesenen Lehrern brechen. Es ist eine Freude, zu brechen. Es hält lebendig. Es ist eine Wiederauferstehung, wenn man bricht. Mit jemandem zu brechen, ist viel nobler, als von jemandem gebrochen zu werden. Es hat etwas Feierliches. Es bringt Selbständigkeit zum Ausdruck. Man braucht zum Brechen mit jemandem keine Gründe. Man bricht mit ihm einfach, weil es Zeit dazu ist. "Auf Nimmerwiedersehen!" Man muß brechen, allein schon weil der Begriff des Brechens existiert.


VIII. SENSIBILITÄT

    Manchmal begegnen wir einer Sensibilität, die gar nicht uns gelten muß und die uns bestürzt, die uns – roh, wie wir noch sind – in eigenartiger Verkehrung der Wirklichkeit geradezu schmerzt, die ärger noch als Schlag und Schnitt unter die Haut geht. Ja, es gibt Arten des Zartsinns, der Zärtlichkeit, die uns, weil ungewohnt, die Haare zu Berge stehen lassen, die uns schaudern machen. So kürzlich, als ich in einem Film eine Meeresschnecke sah, die von einem sanften menschlichen Finger unter ihrem Gehäuse gestreichelt wurde und die sich dann wie in einem Liebesspiel hervorwagte, schäumend, schleimig, das ging mir durch und durch – und es war doch ein Mysterium, es war nicht nur Grausen meinerseits, sondern überwiegend Nichtgrausen, Neugier, atemlose Spannung, Bestürzung. Auch kam mir der Gedanke, daß in diesem Tier sich eine ganz bestimmte Sensibilität verkörpert hat, die in einer harten, gewundenen, palastartigen Schale haust, die einen ungeheuren Aufwand diesem seltsamen, wunderbaren Haus gewidmet hat... Und die dann nur nach Überwindung eines inneren Widerstands, ja Ekelgefühls anzufassen ist, so daß nicht sie, sondern wir selbst in der Berührung zusammenzucken, als wären wir diese Sensibilität und nicht sie.
     Gegenüber fremden Lebensformen verhält sich der Mensch wie ein Autist. Es wäre also auch denkbar, daß sich nicht der "Geist" in der Natur verkörpert, materialisiert, sondern daß es die Sensibilität ist, die sich mit dem Nichts nicht begnügen will und sich deshalb in einem Körper, als Körper verwirklicht. – Nehmen wir an, wir müßten unsere Wege alle zu Fuß zurücklegen, und ich wäre zufällig auf einem Fußmarsch ans Meer gelangt und sähe am Strand einen Eingeborenen, der mir zum erstenmal in meinem Leben eine solche Schnecke zeigte. – Durch das rasche Überwinden der Distanzen ist der Mensch auch sinnlich überfordert; es wird ihm eine Sinnlichkeit abverlangt, die er nicht ohne weiteres entwickeln kann. Ein Flugzeug nehmend, ist es, wie wenn wir mit einem einzigen Blick ein Ziel anvisierten und erreichten. Wie mit den Siebenmeilenstiefeln in Chamissos ‚Peter Schlemihls wundersamer Geschichte’ ist es, daß wir mit nur wenigen Schritten in diesen technischen Stiefeln schon sogleich das andere Ende der Welt erreichen, so daß wir uns die Hemmschuhe einer modifizierten Sensibilität überstreifen müssen, um nicht überall anzustoßen und die Dinge zu zerstören.


IX. ABGRÜNDE DER FREIHEIT

    Abgründe der Freiheit: Wie wenn zu den Gebirgen, die wir kennen, zu den Gebirgen, die sich über den Meeresspiegel erheben, nunmehr auch noch die negativen Gebirge hinzuträten, die Senken und Schluchten unter dem Meeresspiegel, das Relief des Meeresgrundes... Ein Mensch, in dessen Belieben alles steht, auch das Schweigen, das Verstummen, der Verzicht auf Wirksamkeit. Letztlich sind es aber die Mysterien der Arbeit; indem wir vorstoßen, provozieren wir eine Veränderung der Außenwelt. Vielleicht färbt sich unser Stern.

Manche Menschen nehmen ihre Unmenschlichkeit in einem solchen Grade wahr, daß sie davorstehen wie vor einer Mondlandschaft, einem Grand Canyon. Es geht nicht darum, gewisse Schandbarkeiten zu beichten, als handelte es sich dabei um isolierte Taten, die wieder gutgemacht werden könnten. Es gibt Taten, die überhaupt nie stattgefunden haben, die nie stattfinden werden, die nicht einmal mehr in der Phantasie begangen werden. Und man sieht sie wie Schlagschatten auf der Reliefkarte der Psyche. Es sind geradezu allgemeine Fehler, Denkfehler, emotionale Fehler, von denen man nicht frei ist, die man aber als zutiefst fremd und verheerend empfindet.
     Es gibt Ideen, schnelle, leichte, provisorische, sich verzweigende, differenzierende – und es gibt solche des Schwarz-weiß-Malens, der verletzten Ehre, solche, die wie dunkle Wolken sich zusammenballen und ein Gewitter zur Folge haben, destruktive, maligne Ideen der Entdifferenzierung. Oft kann schon die Begegnung mit einem feinen Menschen, der lieber immer weiter differenziert, statt zu vorschnellen und falschen Schlüssen zu gelangen, eine innere Anspannung entkrampfen. Wenn kein Grund mehr besteht, sich zu fürchten, wenn kein Grund besteht, um die eigene Identität und Unversehrtheit zu bangen.


X. HUMANITÄT OHNE WELTANSCHAUUNG

   Eine humane Gesellschaft muß sich nicht durch eine ausgeklügelte Weltanschauung auszeichnen. Das Humane ist vielleicht immer in einer gewissen Sprachnot, ist nicht sehr beredt. Trotzdem können die Herzen in Einklang sein – und das ist nicht nur ein Bild, eine Metapher, sondern eine psychosomatische Realität. Das Humane ist nicht deshalb verloren, weil wir keine vollkommene Sprache oder vollkommene Theorie dafür haben. Atmen, Schweigen, plötzliches Abbrechenlassen des Redeflusses, dem ausgesprochenen Wort hinterher horchen (wie es nachtönt, leer, künstlich, wie durch ein Rohr gesprochen; wir erschrecken vor dem Donner unserer Wörter, vor deren Gewalttätigkeit; unsere Wörter gehören uns nicht).
     Mit Wörtern alles zupflastern – vor allem die Angst. Wir beschwätzen die Symptome unserer Sterblichkeit. Die Diskurse ziehen ihre Kondensstreifen.

"Wie fänden Sie eine Mutter, die nicht aus Neigung, also aus Liebe gut zu ihren Kindern wäre, sondern allein deshalb, weil ‚die Maxime ihres Handelns als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte’? Da lobe ich mir jede Bruthenne, die ihr Junges unter ihre Fittiche nimmt." (Günther Anders)(5)

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Anmerkungen:

(1) Ernst Bloch: Experimentum Mundi. Frage, Kategorien des Herausbringens, Praxis, Frankfurt a.M. 1985, S. 173.

(2) Eine ähnliche Position, die auf die Kategorie des gezielten Wollens verzichtet, findet sich etwa beim alten chinesischen Philosophen Menzius (bzw. Meng-zi, um 389–305 v.u.Z.), der "die Moralität in den Begriffen des Potentials und der Aktualisierung auffaßt (ausgehend von einem Fond an Menschlichkeit, der dahin tendiert, sich erst in uns und dann außerhalb von uns zu entfalten) und nicht in Begriffen der Entscheidung und des Handelns (...)“ (François Jullien: Dialog über die Moral. Menzius und die Philosophie der Aufklärung. Aus dem Französ. von Ronald Voullié, Berlin 2003, S. 133). – Und: "Im Gegensatz zu der Vorstellung, daß die Moralität unsere innere Lebenskraft drangsaliert, befreit die Moralität sie und dient dazu, sie zu fördern. Denn anstatt sich durch den Egoismus des Individuums einmauern zu lassen und in ihm zu verkümmern, wird die Lebenskraft unter der Einwirkung der Moralität in ihrem Aufschwung stimuliert und breitet sich grenzenlos aus. (...) Überfließend, wenn sie ‚im Einklang mit der Moralität ist’, versiegt diese Lebenskraft, wenn das nicht der Fall ist (...). – "(...) dieses Erblühen der Lebenskraft kann kein Gegenstand einer absichtlichen Zielsetzung sein und wie eine geplante Wirkung erlangt werden. Man kann sie ebensowenig absichtlich entwickeln, wie man an den Pflanzen ziehen kann, um sie zum Wachsen zu bringen. Und ebenso wie man sich darauf beschränkt, am Fuß der Pflanze zu jäten, damit diese ganz natürlich treiben kann (und diese Arbeit ist als solche unverzichtbar), so kann dieses Erblühen der Lebenskraft nur sponte sua geschehen, wenn 'wir in uns die Redlichkeit erhöhen’“ (ebd., S. 215f.) – "Am Ende dieser Transformation ist das Unbedingte keine reine Idee mehr, es wird sinnlich spürbar. Und das im Namen von keinerlei mystischer Intuition, von keiner Ekstase, sondern allein unter der Wirkung einer Entfaltung, für die die Moralität uns ganz natürlich die Energie liefert“ (ebd., S. 217).

(3) Zu dieser radikalen Einsicht, daß das Heilige das Profane immer mehr bedroht und einschließt, statt umgekehrt das Profane das Heilige, kam Max Stirner. Vgl. Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum, Erftstadt 2005, S. 102f.

(4) Es existierte sogar einmal der Ausdruck "sich werthern“ für "selbstmorden“. Laut Karl Julius Weber: Demokritos oder hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen, 12. Bd., 10. Aufl. Leipzig o.J., S. 9.

(5) Günther Anders: Ketzereien, München 1982, S. 26.

 

Weitere Texte des Autors, Kontaktadresse und Kurzbiographie:
http://www.aurora-magazin/autoren/bio_hodina_frm.htm

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