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Laufschrift
Teil 1 - 4
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Von Peter Hodina


– 1 –

      Irgendwann werde ich MEINE DENKER in einem band zusammenstellen, vorstellen, und man wird sehr überrascht sein von der unbekanntheit dieser namen und der qualität der werke. VORSCHLÄGE, DEN KANON ZU ERWEITERN. Diese meine denker sind recht verschieden, sie lassen sich nicht ohne weiteres harmonisieren. Mein leitgedanke hierbei: daß zentrales sich an der peripherie, in der provinz befinden kann, vielleicht sogar nur in einer truhe als ungeöffnetes manuskript; daß WELTDENKER auf ihre stunde warten, daß die menschheit es sich nicht weiter leisten kann, diese werke zu ignorieren. Ebenso suche ich ja auch unbekannte komponisten, maler etc. Die freude, wie auf eine unbekannte spezies gestoßen zu sein. Auf eine noch unbeschriebene sumpfschildkröte, deren erstes, einziges und letztes exemplar im letzten moment dem kochtopf entrissen wird. Es sind nicht nur außenseiter im landläufigen sinne, sondern ganz unbekannte, die sich nicht den gängigen lagern zuordnen lassen. Hartnäckige einzelgänger mit einem lebenswerk. Mit einer weltaufgabe. Die in manchen details vielleicht wissenschaftlich überholt sind, die aber den großen wurf wagten, wie etwa kurt breysig, der eine menschheitsgeschichte schrieb, die fragment geblieben. Breysig, der eine große sprache hat wie nur die allergrößten historiker (toynbee hat ihn gelesen). Man ist entsetzt, zu sehen, wie kapazitäten vergeudet werden und wie die alten hüte immer noch herumgereicht werden, zusammen mit der phrasenhaften verzweiflung darüber, daß umgedacht werden müsse und man nicht wisse wie.

 

– 2 –

      Merkwürdiges am trödel erstandenes buch, 632 seiten, eines anonymen autors, gedruckt (nicht verlegt) bei ernst klett, stuttgart, ohne jahr: 'Tagebuchblätter, Kurzvorträge, Notizen eines Ungeschulten'. Eher doch abtörnender titel, aber wie sich herausstellt, ein überaus bemerkenswerter kopf, fabrikarbeiter eigentlich (auch mal geschäftsmann), aber ausgedehnt reisend, parapsychologische forschungen – sehr ernsthaft, wissenschaftlich – betreibend. Amüsant, geistreich, großer ernst dabei. Ich werde klett-cotta anschreiben, um den autor herauszufinden, er wächst mir zunehmend ans herz. Für mich war es immer die erzbeglaubigung eines autors, wenn er mit dem okkulten irgendwie in rapport steht, deshalb mag ich goethe, die romantiker, w.b. yeats, diese frage beschäftigt mich gelegentlich – wegen des zufallsspiels, in das auch ich verwickelt bin. Okkulte erfahrungen eigentlich ausschließlich im bereich der zufälle, die mir von zeit zu zeit einen strauß von unwahrscheinlichen zusammenstellungen überreichen. Ich schrecke im geist vor überhaupt nichts zurück. Im tun schon, zum glück, da ist eine sicherung eingebaut, mehr ein feiner takt als ein gewissen. Ich will die abgründe erforschen, ich bin erfreut, mit abgründen bei anderen konfrontiert zu sein, vorausgesetzt, die distanz bleibt gewahrt. Mich entsetzt fast nichts. Wie ein porträtist, der die vielen sich wandelnden gesichter eines individuums – auch seiner selbst – festhält. Ich werde jetzt einmal auch texte in einer hamburger nuttenzeitung veröffentlichen. Mich fasziniert prostitution; denn ähnliches mach ich im kopf: ich gehe mit allen möglichen diversitäten ins bett und zeuge meine sukkuben. Radikale intellektuelle promiskuität. Fühlbare unschuld, ruhe dabei. Ein zu mir kommen im eigentlich verwerflichen. Unterhalb der bürgermoral eine drehung ins gegenteil, ein umkrempeln der gesamten anschauungen. Eine hure, die mir dreistündigen vortrag über damenschuhe hielt, anhand eines bildbandes, reif für die kunsthochschule. Wenn das packeis konventioneller moral aufgehackt wird mit dem eispickel des mutes, mit einer gewissen KRIMINELLEN ENERGIE, dann darunter das meer, das leben des meeres, warme strömungen. Zugleich lektüre über 'karma und wiedergeburt im alten indien' von wilhelm halbfaß, ein vorzügliches buch. Der immer wieder unternommene versuch, ein moralisches leben zu führen, wird jedesmal mit einer schwächung bezahlt. Doch alles als künstler sehen. Nicht der verführung zum heiligenmäßigen leben nachgeben. Der maler als der unmoralischste der künstler. Der will sichtbar machen, hauptsache sichtbarmachung, keine bewertung. Fasziniert von sogenannten VERKOMMENEN menschen, die dennoch optimistisch, großzügig sind, an denen die schuld nicht haften will. Die eine lust aus der verderbnis abzweigen, sie als energiequelle abzapfen. Deren seele sich deshalb nicht trübt. Die jahrtausendealter priesterlist existentiell widersprechen, die metaphysischen gebäude zuschanden werden lassen. Große arbeiter UND FAULENZER! der selbsterfahrung. Die priesterlist (nicht allein nur die christliche, sondern auch schon die altägyptische und brahmanische), die natur zugunsten einer metaphorischen architektur zu verraten, das wilde, vieldeutige, weibliche zu zähmen, mit falschen vorzeichen zu versehen, die wahren erlebenden als parias zu diskriminieren, als untouchables... philosophen, die eigentlich weltgeltung innehaben müßten, im abseits, z.b. otfried eberz (hauptwerk: 'sophia und logos und die philosophie der wiederherstellung'), der nie zitiert wird. Eine meiner aufgaben ist es, dieses abseitige zu fokussieren, ja zu einem schwert zu verschmelzen, jenes schwert zu schmieden, das den gordischen knoten durchhauen kann. Ständig auf der suche nach den genialen außenseitern, nach den apokryphen geistern. Das eine konventionelle heilige hält nämlich stets ein anderes heiliges nieder. Aus einer anderen welttiefe stammend, dieses herausfahrend aus dem dunklen ozean der fatalität, landnahme eines tages.

 

– 3 –

      Lange gestern vor einer marmorbüste irgendeines papstes benedikt gestanden – in der gemäldegalerie -, aug in auge. Museen sind famos, die weltkunst geradezu in griffweite. Die höchsten gipfel für jedermann. Stelle mir vor, wie jener papst zunächst allein die büste in empfang nimmt und sie betrachtet, ja modell gesessen ist. Und jetzt stehe ich dieser büste unmittelbar gegenüber – das hat sich jener papst wohl nicht träumen lassen. Ich liebe diese marmornen köpfe, insofern wenn sie ganz nach der natur gearbeitet sind. Ich frage mich z.b., ob jener papst geschrien hat, die leute zusammengeschrien hat, oder ob er gläubig bzw. ungläubig war, ich lege diesen kopf auf meine innere waage. Ich könnte tagelang, stundenlang, wochenlang vor solchen köpfen stehen, nase an nase. Im berliner pergamonmuseum steht übrigens ein caesarkopf aus basalt (?), zur zeit caesars selbst angefertigt. Er steht isoliert (d.h. zusammen mit einem schwächeren kleopatra-kopf) in einem kleinen raum, früher hatte ihn friedrich der große auf seinem schreibtisch stehen. Und ich beobachtete die besucherInnen des museums, wie sie diesem kopf nicht standhalten, zusammenzucken, sofort weitergehen, wie wenn sie unangenehm berührt worden wären. Eine mutter zu einem mädchen: "komm, geh weiter, da ist nichts!" und sie zieht rasch das mädchen in einen anderen saal. Der caesarkopf lebt, ist essentifikation. Das wesen caesars ist in ihm präsent. Caesar selbst hat diesen kopf stundenlang betrachtet – tagelang, wochenlang. Dieser kopf ist der reaktorkern des römischen imperiums.

 

– 4 –

      Wenn wir balzac lesen und uns in den text vertiefen, tauchen wir einmal so tief in den text hinunter, daß wir von unten plötzlich balzac über uns sitzen sehen, wie er gerade den text schreibt, balzac mit dem bis zum nabel offenen hemd, kaffee in sich hineinschüttend ohne ende. Und jedesmal, wenn der kaffee herunterschwappt, müssen wir geheimbeobachter dieses beunruhigenden treibens den kopf wegziehen. Also tauchen wir wieder auf und beugen nun UNS übers buch: als leser.


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Weitere Texte des Autors, Kontaktadresse und Kurzbiographie:

http://www.aurora-magazin/autoren/bio_hodina_frm.htm


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