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Laufschrift
Teil 5 – 35

Von Peter Hodina


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– 5 –

     Der mensch ist interessant – und zwar der ganze mensch, nicht der geschönte, bereinigte, der volle mensch ist der interessante. Und wenn wir uns auf eine liebe einlassen, dann auf diesen vollen menschen, und billigen ihm seine unendlichkeiten zu. Zu lieben bedeutet dieses nicht leichte: dieses unendliche, uns überraschende des anderen zu lieben. Thornton wilder über caesar: "er war ein mann ohne ende." Und auch in der politik haben wir es mit menschen zu tun, mit imponderabilien. Leider sind politiker oft nur und nichts als interessensvertreter, oder noch schlimmer: kreuzzügler. Also blind für den anderen, die anderen. Lange jahre der erfahrung und der verarbeitung von erfahrung sind nötig, um einen anderen wirklich bewundern, geistig lieben zu können. Meistens liebt man ja ein klischee, eine idealisierung, nicht den wirklichen menschen, oder nur sein gutes bzw. das, was uns an ihm als gutes akzeptabel erscheinen möchte, daß er aber einen abgrund hat, der notwendig psychologisch zusammenhängt mit seinem guten, trefflichen, konzeptiven, das kommt oft nicht in sicht. Die ausgehaltene spannung, die formgebung, formgeburt aus dem chaotischen.

– 6 –

     Bilder malen, wie der himmel, die erde, die gewässer von einer dämmerung in die noch tiefere und dann noch tiefere dämmerung fallen (nichtapokalyptisch). Man kommt dann herein, setzt sich zu tisch. Liebe ist immer nur für augenblicke möglich, die aus dem abgrund prinzipieller fremdheit ragen, sich selbst, dem anderen, der welt gegenüber. Die macht des dinglichen und das immer wieder andere reagieren der sinne darauf – und des denkens. Die tendenz zur stachelbildung, wie schnell z.b. das barthaar wächst, rasendes wachstum, abwehr, eine sehr tiefsitzende, nicht im hirn, sondern im körper, in der physis selber sitzende abwehr, als naturkonstitution. Die rose ist ohne die dornen nicht zu haben. Da glaube ich jemanden zu lieben, dann aber macht er ganz unmögliche in den raum greifende bewegungen, hat eine form der raumnahme, die unerträglich ist (diese situation jetzt nur fiktiv erdacht). Oder aber umgekehrt eine sich vor allen anderen unmöglich machende fühlerzuckende art und weise der zurücknahme. Diese wird schon gar nicht belohnt. Welchen lohn verspricht man sich überhaupt von seinem sein? Es können sich menschen, zwischen denen die harmonie scheinbar regiert, völlig einander entfremden. Und gehaßte, verhaßte in einer veränderten situation – selbst blutrünstige tyrannen wie stalin, saddam – plötzlich aufleuchten, weil tausende tatsächlich FREIWILLIG sich in den kampf werfen. Und mit primitiven unterlegenen mitteln. Ab und zu wünsche ich in diesem neuerlichen golfkrieg, die wüste würde sich als ein dritter faktor bemerkbar machen, als aggressiver, neutraler faktor, sie rufen zu allah, aber es ist im grunde immer nur der wind der wüste gewesen, und es hatte zu allen zeiten im zweistromland die wüste das letzte wort, die letzte autorität. Daß die helikopter und tanks wie knochen in der wüste liegen, vom sand überspült. Daß die kämpfer auf beiden seiten zuletzt wie kriechtiere aus dem sand kriechen, die mehrzahl darunter erstickt, sand im mund, sand in augen und ohren, sand in den gewehrläufen. Und es ist kein faschistoider gedanke, daß denen, die jahrhundertelang ein land bewohnen, bewirtschaften, daß denen tatsächlich auch das land GEHÖRT. Daß jedenfalls das land ihnen nähersteht und sie dem land näherstehen. "Siehe! Ihr alle, die ihr feuer anzündet, funken aufleuchten laßt, wandelt im licht eures feuers und inmitten der funken, die ihr entzündet habt. Aus meiner hand wird euch gewiß dies geschehen: in völligem schmerz werdet ihr euch niederlegen." (jesaja) – ich lese das aktualisiert auf bagdad. Die kräfte, die gewichte, die sich im verlauf eines krieges verschieben, sind nicht nur militärischer natur. Ich halte für möglich, daß hunderttausende freiwillige aus der arabischen welt in den irak strömen werden. Ja, daß die wüste diesen krieg entscheiden kann.


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     In mir neigungen, fähigkeiten zu ALLEN künsten; als symphoniker hätte ich meine trauer, meine verliebtheiten aussprechen können (doch nicht mehr), irrlichter, aufschwünge, ermattungen, (letztlich hätte nur ich ihre genaue geschichte verstanden), und ich wäre ein spätklassischer musiker geworden (absolut kein pop, ein bißchen jazz); als maler hätte ich landschaften, häuserporträts, katastrophen, hinrichtungen, ornamente, gesichter gestaltet (und wäre hundertfach mißverstanden, und müßte täglich mit diesen mißverständnissen zu leben verstehen, wäre dem kapitalistischen kunstmarkt auf die mörderischste weise ausgeliefert); als bildhauer am stein gewütet (aber wer würde von diesen steinen auf mich zurückschließen können? Und: der liebende, die sehnsucht in mir könnte im bildnerischen bereich kaum zum ausdruck kommen!!!); andererseits als prediger wäre ich einer, der sich einer sache verschrieben hätte (damit banal); als psychopath wäre ich ein "fall" (also auch dieses vermieden); somit bleibt nur die schriftstellerei. Und ein insgeheimes nachweinen, daß ich nicht symphoniker geworden bin. Nur wortsymphoniker.


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     (Ich bin ein banales schwein, das oft mit dem alltag zufrieden sich gibt. Das "höhere" hängt wie ein köder über meinem kopf, aber ich tauche ins dunklere, hinab in den schlamm, werde ein uralter spiegelkarpfen, der seinen enkeln nicht berichten wird können, wie es ist, in der blitzenden pfanne zu brutzeln.)


– 9 –

     Ursprünglich in einer atmosphäre des aberglaubens aufgewachsen, ansätze zu künsten darin schon früh entfaltend, kompositorisches talent, zeichnerisches und malerisches talent, durch und durch amoralisch bis etwa ins 16. lebensjahr, faszination für katastrophen, hinrichtungen, verbrechen, wunder, für das sexuelle, irrationale, nichtstimmige, entsetzliche, unheimliche, groteske, gar kein bedürfnis früher, daß alles gut ausgehe, lebenkönnen mit abgründen und geheimnissen, gut lebenkönnen auch mit ungerechtigkeiten, interesse immer am persönlichen, wäre ich doch ein aufmerksamer porträtist von menschen und landschaften geworden, statt mir einerseits die moralische, andererseits die wissenschaftliche hirnamputation einzuhandeln. Diese ansätze zu einer reihe von unterwerfungen, zuletzt unter den marxistischen materialismus drei jahre lang (1996-1999), jetzt gleichgültigkeit und wiederanknüpfen, schließen des kreises. Noch viel interessanter als die bücher die menschen, die draußen rumlaufen. Keinen einzigen betrachte ich unter einer moralischen oder irgendwie perfektionistischen perspektive. Ich sehe den anderen menschen alles nach, nur mir selber nicht. Ich stoße mich nicht an der dummheit oder niedrigkeit anderer, will niemand zur umkehr oder zum umdenken bewegen, sondern die menschen allenfalls in ihren wechselnden gesichtern porträtieren, neugierig, was da alles aus uns spricht (und alle raster sind zu eng). Ich sehe keine typen, keine charaktere vor mir; viel wichtiger, als daß jemand als "niedrig" eingestuft werden könnte, ist mir sein interessantes, das auch hervorkommt oder sich noch (vor sich selbst auch) verdeckt. Jeder mensch – ein ganzer kosmos (kein leerer satz, keine phrase). Die verwüstung, die das typisieren angerichtet hat, schleunig dieses typisieren VERLERNEN! Es ist fast ausgeschlossen, daß ein mensch in allem lückenlos schlecht wäre.


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     Vor fünf jahren war ich noch ein sturer verfechter der "werktreue", d.h. alles muß der autor selber machen, bis ins letzte satzzeichen, auch die anordnung der texte, das streichen usw. Und es dann "absegnen" – und KEINER darf ihm "hineinpfuschen" (kein regisseur in ein theaterstück z.b.). Heute längst von dieser auffassung abgekommen. Einmal hat in berlin eine theatergruppe einen prosatext von mir zur aufführung gebracht, also in ein stück theater, kleinkunst "übersetzt"; es wurde ein ganz anderes gebilde daraus, aber dieses gebilde konnte für sich bestehen. So ist es ja auch in der natur, wenn ich meine gene mit denen einer frau vermische z.b., dann kommt auch etwas dabei heraus, was ANDERS ist als ICH ALLEIN. Wieso denn nicht sich durchqueren lassen, sich vermischen (NUR EBEN NICHT BESETZEN), auch andere, die es erlauben, durchqueren. Ja warum nicht auch ein massaker in den eigenen texten jemand gestatten oder in der eigenen musiksuppe? Wieso sollte nicht eine gestaltende hand hier umgruppieren, aufwühlen, senkrechte striche setzen, dehnen, quetschen, zerknüllen, in eine schieflage bringen oder gerade rücken – oder löschen, auslöschen? Diese erlaubnis ist auch eine möglichkeit, dem starren, eingefahrenen scharnier des ego zu entkommen. Allmählich. So eine art "schwesterchen, spiel mit mir, meine hände reich ich dir" in bezug auf das material und seine leser/bearbeiter. Denn diese vorstellung vom absoluten, dem autor allein gehörenden kunstwerk-eigentum verurteilt diesen zur verkapselung; wenn er darauf besteht, ist das zwar zu respektieren. Oft habe ich gemerkt, daß wenn der autor sich ausbedingt, letzte hand an seine werke anzulegen, daß er dann meistens etwas asketisches, verknapptes, eitles zusammenfabriziert, das banal ist, daß er das fruchtfleisch herausschneidet und wegwirft, weil ihm am denkmal für sich selbst gelegen ist. Es ist ohnehin des egoismus schon zur übergenüge getan, wenn man die texte für sich in abgeschiedenheit, in einer schreibklause geschrieben hat, man muß nicht auch den wein noch abfüllen wollen, nicht der bouteilleur seiner eigenen sachen sein. Die letzte hand, die man an seine erzeugnisse legt, ist oft eine schlechtere als eine fremde hand.


– 11 –

     Ich gehe inzwischen so weit, selbst meinen ahnen einen spiel-raum in meiner seele zu überlassen, sofern sie sich wirksam erweisen wollen, sollen sie das ruhig tun. Vorigen sommer bin ich einmal schon sehr früh in ein heidegebiet vor berlin (bei strausberg) hinausgefahren und habe schnaps getrunken und mich von der sonne durchglühen lassen, auf einmal habe ich dann in dieses niemandsland hinausgerufen, die hände zum trichter geformt: "ihr ahnen, besetzt mich doch, wie krähen eine vogelscheuche besetzen! Ihr geister, die ihr was mit mir anfangen wollt, fangt doch damit an, es stört mich nicht mehr! Was liegt mir an mir?" Usw. Ganz anders früher, als ich mir solches STRENG verbat: BETRETEN VERBOTEN! NOLI ME TANGERE! NE ME TETEGERIS! Nun, diese stacheldrahtverhaue sind längst weggeschnitten. Man muß ja das ego nicht gänzlich abschaffen (geht ja gar nicht), aber es vernetzen, durch andere relativieren, beleben lassen, das geht schon. Ich erlaube weitreichende redaktionen; wie es auch elfriede jelinek mit ihren stücken (z.b. dem 'sportstück') handhabt. Das ego ist ein riesiger kegel, den man ein ganzes leben lang abtragen kann und der nicht kleiner wird. (Ebenso kann man sich auch endlos verschenken, das hört nie auf, wächst immer wieder und reicher nach, immer sich reicher füllende scheunen). Ich bin nicht für einen entsagungsvollen kampf gegen das ego oder ein niederdrücken, schwächen, gar abtöten des ego, sondern für ein spielerisches aussetzen dieser verkrampften vogelscheuche denen, gegen die sie errichtet wurde. Die vogelscheuche wird zum plauderbalken für die vögel. ("Treffen wir uns bei der vogelscheuche!") Die werke sollten aus der ego-verschraubung herausgelöst, herausgelockert werden, aus dem ego-rahmen; die gerüste müssen wegfallen, wenn das gebäude fertig ist. Leider kommt in den künsten nun oft das geschäftliche hinzu – und dieses ist ein hauptgrund für das verstümpern von dingen, die eigentlich gelungen wären. Es ist ja nicht gesagt, daß die anderen egos besser wären als das eigene. Mit einem professionellen lektor oder literatur-agenten ginge ich unter umständen hart ins gericht, es könnte aufs biegen und brechen kommen. Aber die komische figur des ingrimmigen autors, der der wachhund über seine werke wäre, der mit der flinte das schicksal seiner texte bewacht, gehört hauptsächlich in die zweite hälfte des 19. jahrhunderts. Ich brauche in einer zeit wie dieser keinen feuerfesten tresor. Für zahlreiche befürchtungen des ego darf getrost entwarnung gegeben werden.


– 12 –

     Einen Siebzehnjährigen zu beschimpfen, weil er im Leben noch nichts geleistet hätte, heißt, einen Siebzehnjährigen einfach deshalb zu beschimpfen, weil er ein Siebzehnjähriger ist. Aber natürlich kann ein siebzehnjähriger nicht die hunderten bücher studiert haben, die zu studieren unerläßlich ist, um sicher tritt fassen zu können. Rein zeitlich geht sich das nicht aus. Und wenn er etwa nur studiert, dann war er nicht jung – und das ist wieder ein gravierendes manko. Daraus aber ihm nun pädagogisch den strick zu drehen, ist das von mir angeprangerte verbrechen. Vor zwei jahren einmal im nachtzug von berlin nach wien mit einer 14jährigen schülerin des sir-karl-popper-gymnasiums die ganze fahrt durchdiskutiert, über philosophisches – auf gleicher augenhöhe. Höchstbegabungen! Verdienen jedwede unterstützung, alles lob, die besten lehrer. Und die verhutzelten, frühverhunzten noch mehr, damit sich das verbogene, aufgebrachte in ihnen halbwegs glätte oder zur formulierung bringe... Die selbstachtung kann ja meistens nur gewonnen werden, indem ein anderer dich achtet.


– 13 –

      Wie viel man andererseits in der jugend nebeneinander unterbringen muß: schulabschluß, sport UND liebe (und liebesbriefe schreiben, endlos!), und sein aussehen muß man hinkriegen und noch anderes. Die wichtigsten fragen des lebens so nebenher auch noch klären (oder stellen). Und reisen – ohne geld! Und jeder glaubt das recht zu haben, dich anzuquatschen, dich in etwas dir fremdes hineinzuziehen. In schlägereien, pöbeleien. Jeder verliebt sich sofort in dich, auf der stelle, und rennt dir nach, belagert dich. Man wundert sich, daß aus einem solchen intensiven ereignisbündel man überhaupt je herausgekommen ist.


– 14 –

      MIR hatten noch die ehemaligen 68er aufsuggeriert, SIE hätten als letzte eine "authentische jugend" erlebt und verkörpert, und ich glaubte ihnen das auch noch (mein spezifisches pech, siehe auch 'professor greif'!), aber heute, z.b. in den straßen berlins, sind viele junge leute unterwegs, die sich durch solche arroganten sager nicht beeindrucken lassen und die in vielen hinsichten fündig werden, die auch die entlegenen autoren und komponisten finden, die viel fähigere konsumenten sind, als wir es gewesen waren. Es gibt nichts, woran da z.b. durch mich herumzubessern wäre. Das wäre ein "verschlimmbessern". Ich bewege mich nicht wie ein rudimentärer roboter auf den krücken der bestimmten negation durchs leben. Es fehlt mir der pädagogische impuls, zu dem ich doch ursprünglich erzogen worden war (durch allerdickeste schulluft, auch in meiner herkunftsfamilie; wie bin ich doch einst ENTMUTIGT worden (beinahe ABGEWÜRGT), also wurde ich zum ERMUTIGER.


– 15 –

     Der klavierlehrer, der mich in der kindheit mißbrauchte, war zwar technisch, rein maschinell ein phänomen, aber hatte in den fingern kein gefühl; und cortot macht an mir gut, was der andere verbrochen hat, und ich erdulde ein zweitesmal, und drittesmal - wie oft noch? -, was jener seelenkrüppel an mir verbrochen hat und kann ihn eigenartigerweise nicht hassen. Es gibt quäler des körpers, der seele und des geistes; und die des geistes empfinde ich als die ärgsten, d.h. wenn ein mensch gänzlich inappelabel sich stellt gegenüber jeglichem gefühl.


– 16 –

     "Ich werde nicht zu dem bild, das du von mir hast!", hatte kürzlich jemand an eine berliner hauswand geschmiert.


– 17 –

     Mit 22 wurde ich fast gesteinigt, weil ich es wagte, in einem kleinen theater eigene gedichte vorzulesen und am klavier zu improvisieren (eines meiner vielen traumata), während ich jetzt in berlin sogar das gleiche vortragen kann und damit ankomme, obwohl das publikum nicht oberflächlicher geworden ist. In salzburg damals wäre ich gesteinigt worden, wären nur steine rumgelegen. Mit was für einer ablehnung die damals von der frankfurter schule oberflächlich durchdrungenen 40jährigen gegen den romantischen 20jährigen losgingen (und ohne ausnahme): sie ließen ihm keine chance, sie spielten eine fast übermenschlich daherkommende "reife" aus. So ein selbstbewußtsein muß man erst einmal haben, daß man sich so reif vorkommen kann... was hatte ich denn verbrochen? Ich hatte ein paar gedichte vorgelesen, die einsteils an den expressionismus erinnerten, andererseits in gebundener rede oder auch in freien rhythmen prosodisch vorgetragen waren. Heute muß ich mir (dem damaligen) zu hilfe kommen und sagen: "gar nicht schlecht, wenngleich merkwürdig, mehrdeutig". Aber die 40jährigen damals nannten mich "reaktionär", "bildungsbürger", "hostienschlucker", riefen "geh erst einmal arbeiten!", im gymnasium sagte ein älterer zu mir: "lern erst einmal, was 'kausalität' heißt, bevor du über irgendwas den mund aufmachst!" usw. Ja, ich las eben auch andere als marxistische autoren, aber das taten auch benjamin und adorno oder ernst bloch, die lasen auch klages, spengler oder stefan george oder c.g. jung, auch hermann löns, was ist verbrecherisch daran? Und meine gegner griffen mich im namen der benjamine und adornos an. HEUTE sind diese gegner nicht mehr links, ich bin viel linker als sie (schon damals gewesen), aber ich scher mich nicht um dieses etikett "links", ich gebe darauf nicht viel. Daß dieser pseudokritische qualm verraucht ist, finde ich gut. Gerade deshalb kann man auch wieder ungestört horkheimer, adorno und sie alle lesen, weil das bekenntnishafte weg ist, diese zu dogmen geronnene verbalradikalität (in den gehetzten hirnen ihrer anhänger geronnen) wieder zugunsten der URSPRÜNGLICHEN TEXTE aufgehoben ist. Aber was waren damals für linke machos und hysterikerinnen unterwegs, die sprangen einem gern an die gurgel. Wie viel falsche scham hatten sie mir einzuflößen vermocht! Alles schall und rauch, verflogen. Anfang der 80er jahre hatte ein junger schriftsteller/künstler kaum eine chance, erst in den 90er jahren hat sich das GRAVIEREND verändert. Die 68er sprachen vom "ende der kunst", "ende des romans", "tod der philosophie", vom unrecht einer "lyrik nach auschwitz" uswusf., da war überhaupt für gar nichts mehr ein platz, und die kleinen möchtegern-andreas-baader spielten sich als nihiloexistentialistische guerilleros auf, um dann jedes jahr weiter zu verspießbürgerlichen, noch nie hat es so häßliche bürger gegeben.


– 18 –

     Man hat mir verübelt, daß ich zwar ausdauernd mit dem materialismus in allen seinen formen beschäftige, auch seine vorteile, errungenschaften erkenne, anerkenne, aber andererseits mir das idealistische spekulieren nicht versage. Ja daß es mich letztlich stört, die lebewesen als bloße maschinen, geräte anzusehen. "Da haben wir dann das gerät (gemeint war ein esel) bepackt", sagte vor 20 jahren ein salzburger kommunist (heute schon a.o.prof) zu mir, als er mir von seiner griechenlandreise berichtete – und bis heute widert mich dieser satz an, dieses wort "gerät", und ich verüble jenem menschen das bis heute noch genauso wie am ersten tag. – obwohl es durchaus geniale geräte auch gibt. (Die fähigkeit, an einem winzigen sprachsplitter, einem winzigen sprachvorfall, jahrzehntelang immer wieder leiden zu können. Wie ein klarinettist des leidens, der immer wieder seine bestimmte leidensetüde absolviert.)


– 19 –

     Die 68er damals taten, als wäre alles außer ihnen ÜBERHOLT und als könne man sie selbst auch nicht mehr überholen. In diesem geistigen klima ist vieles unterdrückt und beirrt geblieben. Wenn es sein muß, kämpfe ich auch noch mit 70 hinter den barrikaden. Ich habe nichts, worauf ich mit stolz zurückblicken könnte. Also siedle ich mich weiterhin in der zukunft an. Die meisten 68er waren mit 40 schon nostalgiker, also irgendwie alte leute. Ist das nicht paradox?


– 20 –

     Ich wollte einmal mit einem text von mir rein in eine schwulen-anthologie und bin abgelehnt worden, ja als "verräter" bezeichnet worden ("wir dulden keine bisexuellen halbheiten!"), aber nicht in allzu strengem tonfall. Dabei will ich mir ganz einfach von meinem seelenleben und meiner erinnerung keine ecke herunterschlagen lassen, ich will nicht diese abrißbirne über meinem doppelflügeligen schlößchen hereinschwingen sehen und mich demolieren lassen.


– 21 –

     Meine eltern sowie prof. greif waren stets der ansicht – diese bildungsbürger! -, daß die höchsten werte der kultur vor der sogenannten gosse bewahrt werden müßten. Sie mochten das dienstmädchen nicht, das in seiner freizeit lion feuchtwanger las, den kellner nicht, der nachts noch über karl kraus sich beugte, sie haßten den gescheiterten, der villon rezitierte mitten in der nacht. Sie mochten die hure nicht, die sich schlangengleich zu shakespeares 'sonetten' wand, diese leidenschaftlich und beschwörend flüsternd. Sie sagten: "der da im räuberzivil hat nichts verloren in der gemäldegalerie, der sollte festgenommen werden!" Und nichts fürchteten all diese bildungsbürger so sehr wie den eigenen ausdruck, die expression des gefühls durch "unberufene"! Sie erstarrten zu empörten salzsäulen, als meine melodien erklangen. Der greif ließ die studierenden kosten vom kulturerbe, um es ihnen dann für immer vor der nase wegzuziehen! Diese leute sind schon immer kunsträuber gewesen! Sie belächelten, nein sie beargwöhnten in wirklichkeit den brecht lesenden müllmann. Sie brachten den ossietzky lesenden lehrer in verruf, denunzierten ihn, erwirkten berufsverbot. Und wenn ernst buschs lieder erklangen, war es ihnen, als führen – feurio! – die flammen in ihre häuser und haushälften! Mir indessen warfen sie vor, ich würde "alles zersetzen". Was war denn ihr von ihnen so geherztes, inniggeliebtes "alles"? – die paar jahre ns-zeit; sie sind ihnen bis heute ihr allerheiligstes, ihr ober-tabu. Hitler war genau nach ihrem geschmack. Die toten-bilanz hat daran nichts modifizieren können. Der hitler hat sie noch immer.


– 22 –

     Ein fünfjähriger bub sagte mal in meinem beisein: "gott existiert an manchen tagen, an anderen nicht." Diese idee ist neu. – Oder gab es irgendwo einen alten kabbalisten, der solches schon ersann?


– 23 –

     Die seltenen momente der liebe sind die inseln, die aus dem allgemeinen meer des verschwindens und vergehens ragen. Und hatten wir vielleicht auch mehr geliebte als finger an unseren beiden händen, es waren trotzdem seltene momente – selbst für den frauenpflücker don juan waren es seltene momente, seltene tausend mal; seltene momente gemessen an diesem allgemeinen meer des verschwindens und vergehens.


– 24 –

     Und traurig sein können, nicht immer den schmerz niederknüppeln oder wegreden. Oder wegphantasieren. Bei platen las ich (aber ich habs verblättert), daß der tod süß wie die liebe ist... Auch rilke sagt darüber manches. Ich mußte 40 werden, um mich ein wenig mit solchen gedanken anfreunden zu lernen; gerade rilke hielt ich immer für einen schwärmer, seine engel und solches zeug; aber dann habe ich verstanden, daß es metaphern sind für gefühle, daß es eben rilkes möglichkeit gewesen ist, über gefühle was zu sagen. Und daß solche gefühle in uns erweckt werden, wenn wir rilke oder platen lesen.


– 25 –

     Und ich erinnere mich auch an eine kunststudentin, die ihren ersten lehrauftritt bei uns im gymnasium hatte, bei der besten aller zeichenlehrerinnen (frau heilgard bertel), und wie sie über ich glaube mesopotamien (oder gotische dome?) mit hilfe von lichtbildern eine halbe stunde probelehren hätte sollen und so große angst dabei hatte, daß sie sich selbst gleich mehrmals durch weinkrämpfe unterbrach; sie trug einen schönen isländischen wollpullover, sie hatte ein von langem haar eingerahmtes, sanftes, schönes gesicht; was wohl aus ihr geworden ist? – die zeit vergeht: sie wäre heute schon über 50 jahre alt. Ich habe bei ihr in der halben stunde für immer gelernt, daß ich auch schwach sein darf, daß ich trotzdem mensch bin.


– 26 –

     Hätte ich nur diesmal dieses Rauris gewonnen, ich hätte einen grund gehabt, wieder einmal hinzufahren. Ich hätte eine runde nach der anderen ausgegeben und aufgedreht. Den unverwüstlichen gespielt. Den, der unbedingt drübersteht. Hätte aus meinem fundus des angelesenen geschöpft, geistreichheiten ohne ende hervorsprudeln lassen, dich mich selbst überrascht hätten. Hätte fleißig lektüreempfehlungen an fans ausgestreut: „lies ja den gombrowicz!" usw. Wie ein siegertyp, der alles das seine im eisernen griff hat, der konzeptive, sogar männliche. Erwachsene. Der alles relativiert, in beziehung bringt, zum gebäude aufschichtet. – Einsam wäre ich ins hotelzimmer zurückgekrochen (oder hätte gar die ganze nacht am piano in der halle improvisiert, um ein wenig den schleier beiseite zu raffen). Und diese nacht würde ich nicht glücklich verbringen; mit einer flasche wein würde ich mich zurückziehen, einschließen, hätte was zum lesen mit, würde es nicht lesen, schaute auch die urkunde nicht an, nicht das preisgeld, würde wahrscheinlich nur mit dem weinglas auf und ab gehen, mich niedersetzen, ans fenster treten, mich spiegeln in diesem fenster. "der innerhofer hat sich auch schon umgebracht", würde ich sagen, "und dabei wollten damals viele mit ihm reden, haben sich nicht getraut; der hat stärker ausgeschaut, stärker getan, als er war."


– 27 –

     Jeder hat vielleicht über den daumen gepeilt zehn leute, die einen umarmen (auf verschiedene weise): sind diese aber einem die nächsten? Wenn mein alter kumpan lenzmann mich umarmt, bin ich immer wie tot (warum?) oder wie wenn meine glieder eingeschlafen wären. Abschied einmal von b. in rauris: eine abschieds-umarmung, wie wenn jeder von uns eine antarktisdurchquerung vor sich hätte. Abschied von d. 1988 im traum: im traum geweint, und sie verschwand tatsächlich dann aus meinem leben. – Man kann ja nichts dafür, wenn man liebt, das überfällt einen (falling in love). Ganz verschiedene nähen – selbst bei den besten freundInnen. Und undulationen: mal brauch ich jemand sehr, dann wieder gar nicht, das geht so in phasen auf und ab. Der einzige Dauerbrenner ist die sonne.


– 28 –

(An H.)

Du bist der Grund,
dass ich schwimme
ohne unterzugehn.
Du der Grund,
dass ich treibe.
Du bist der Grund,
dass ich fliege
ohne abzustürzen.
Du der Grund,
dass ich bleibe.


– 29 –

     Und über das gedichtchen AN H. könnte etwa ein physiker lästern, daß es doch jedesmal nur um schwerkraft ginge und daß schwerkraft keine metapher einer sprache der liebe sein könne.


– 30 –

     Frauen, die große szenen machen, erregen mich.


– 31 –

     Und noch einmal zu dem scheiß-krieg: den krieg immer betrachten in seiner entwicklung, wie alles immer mehr in den ruin, in den tod hineintreibt. Nicht allein, daß unschuldige getötet werden, sondern daß auch soldaten gezwungen werden, unschuldige zu töten, selber ihre unschuld zu verlieren. Hermann hesse dichtete mal: "jedem anfang wohnt ein zauber inne" – so auch den kriegen. Am ende nur noch exhumierungen und weinende frauen in schwarzen schleiern.


– 32 –

     Man hätte nach dem 11. september nicht sagen dürfen: "die freiheit selbst ist angegriffen worden" (wie george w. bush es tat), sondern: "mit unserer freiheit stimmt etwas nicht, denn sonst würde sie nicht so gehaßt werden". Und man hätte die brücke bauen müssen zu den großen toleranten der islamischen tradition, etwa dem aus bagdad stammenden al-ghasali, dem "thomas von aquin des islam"; ja bewaffnet mit al-ghasali und dem 'west-östlichen divan' oder auch mit karl may hätte man sich der orientalischen gastfreundschaft ergeben sollen; aber das setzte politiker anderen zuschnitts voraus!


– 33 –

     Wenn ich mir die anderen ansehe, erscheint mir europa als der kontinent der vernunft. Ob china, ob islamische welt, ob japan, was auch immer, zumindest die offiziellen. Und es mag aber weise menschen (dorfbewohner, indianer) allüberall geben: in der mongolei, in kurdistan, in den anden, in österreich, und auch blitzgescheite köpfe in kalifornien, selbst in texas. An den quellen des nil. Ich glaube überhaupt: an jenen orten an denen die quellen der großen flüsse entspringen, da sitzen die guten, dort treten wir nach beklimmen von felsen in paradiesisches.


– 34 –

     Allerdings prinzipiell: menschenrecht geht vor völkerrecht usw.


– 35 –

     Jemand haut dir die fensterscheibe mit den eisblumen ein, um dir einen echten blumenstrauß stattdessen hinzustellen. So ähnlich übrigens geht der frühling vor. Und jene gründungsgewalt der kultur, die humane standards durchsetzt.

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Weitere Texte des Autors, Kontaktadresse und Kurzbiographie:

http://www.aurora-magazin/autoren/bio_hodina_frm.htm


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