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Freiheit als schöne Kunst betrachtet

Von Peter Hodina
(22. 12. 2005)



Kein Lebenskünstler

     Ich kenne einen säuerlichen Menschen, einen sechzigjährigen Philosophie-Professor, der einerseits häufig das kuriose Wort "Weltmisslingen" gebraucht, andererseits behauptet, das Leben – ein dem Menschen würdiges Leben – solle ein "Kunstwerk" sein. Nun ist dieser Mann keineswegs als ein Lebenskünstler zu bezeichnen. Ein Lebenskünstler könnte auch in einem unvollkommenen Leben spaßhaft manövrieren, das andere, hochnäsige Gestalten, denen es keiner recht machen kann und zu denen leider auch der erwähnte Professor gehört, als ein alles in allem misslungenes Leben bezeichnen würden. Sein eigenes kleines, unvollkommenes Leben genügt ihm, dem Lebenskünstler. Und unter seinem Schritt mag die Treppe brechen, über die er hinabsteigt, und zusätzlich mag ihm sein Spazierstock slapstickhaft zwischen die Beine geraten, alles scheint ihm heute wieder zu misslingen – und dennoch kommt er heil heraus, kommt nicht einmal zu Sturz. Es wird ihm nachgesagt, er habe immer Glück, sei ein Glückskind.

Der andere, der sein Leben zum Kunstwerk stilisieren möchte, wird von den Pannen des Lebens ungnädig ereilt, es reißen ihm die Hemdenknöpfchen – man heirate ja nur wegen der Hemdenknöpfchen, sagte einst Friedrich Theodor Vischer –, und seine neue junge Geliebte ist ihm auch noch davongelaufen. Dabei müsste er in einer halben Stunde einen Vortrag zum selbstgewählten Thema – seinem Lieblingsthema, das mit den Jahren der Wiederkäuung allerdings selbst ihm schon, ohne dass er es weiß, zum Hals heraushängt – "Das Leben als Kunstwerk" halten. Wie oft hat er diesen Vortrag schon gehalten! Wie oft schon zumindest Passagen aus diesem Vortrag kopiert und in andere Texte hineinmontiert, etwa in einen Essay des Titels "Freiheit als schöne Kunst betrachtet", egal, er drischt im Grunde immer dieses eine Thema breit. Auf den letzteren, lässigeren Titel wäre er jedoch niemals gekommen. Überhaupt ist das Wort "Freiheit" ein von ihm nur selten gebrauchtes, ein Fremdwort für ihn. Und "Schönheit" – "ach verschonen Sie mich damit!"


Das Hemingway-Syndrom und die deutsche Klassik

     Was meint er nun aber mit "Kunstwerk"? Ich möchte es das Hemingway-Syndrom nennen! Mit Hemingway ist unser in die Jahre gekommener Altachtundsechziger zunächst aufgewachsen, wie er selber gerne denen erzählt, die andächtig an seinen Lippen hängen. Hemingway stünde für ein Leben, ein männliches Leben, das Format gehabt hätte – im Grunde der einzige Lebensentwurf, den zu leben, zu inszenieren es lohne. Alles andere sonst wäre verweichlicht, jünglingshaft, wäre Knaben-Unbedarftheit. Gerade den Deutschen mit ihrer erhabenen Weimarer Ideengeschichte habe dieses männliche Element stets gefehlt, was sich in der Politik des 20. Jahrhunderts dann furchtbar gerächt hätte. Die Deutschen seien durch die Anleihen, die sie vor allem seit Winckelmann an den Griechen oder besser an dem, was sie für Griechenland hielten, genommen hatten, in eine ungesunde Sphäre der Idealität geraten. Das Sehnen, das unerfüllte Sehnen habe die geistigen Deutschen erfüllt, der Drang nach dem Unendlichen, Absoluten. Mit diesem romantischen Gift sei alles – auch die Konzeption von Politik – nachgerade verseucht worden.

Unser säuerlicher Professor war seinerzeit schulhumanistisch erzogen worden; er sei unter anderem von ehemaligen SS-Leuten, die später ganz besonders auf katholisch machten, in den Fächern Deutsch, Geschichte, Latein und Griechisch bis aufs Blut gepeinigt worden. So war er zum Hasser dieses Schultyps und alles mit diesem Schultyp Zusammenhängenden geworden. "Goethe" insbesondere war für ihn ein Brechmittel. Wer es nach Auschwitz weiterhin mit den deutschen Klassikern hielt, war für ihn ein Reaktionär, ein "Bildungsbürger", der nichts begriffen hätte. Egal, was es auch war: er begann den deutschen Geist in allen seinen Erscheinungsformen gründlich zu verabscheuen. Er las noch als Gymnasiast das Buch einer gewissen E.M. Butler "The Tyranny of Greece over Germany", in dem das vermeintliche Übel von Winckelmann an über Lessing, Herder, Goethe, Schiller, Hölderlin, Heine bis hin zu Nietzsche, Spitteler und George aufgerollt wurde. Wie das Griechen-Ideal die Deutschen beschädigt hatte, so hatten ihn, den kleinen Gymnasiasten, die schulhumanistischen Pauker fürs weitere Leben beschädigt. Obwohl er später Professor für politische Ideengeschichte geworden war und er eigentlich ex professo dazu angehalten wäre, ein differenziertes Bild der deutschen Geistesgeschichte zu entwickeln, setzte er immer grausamere Ist-gleich-Zeichen zwischen die einzelnen Blöcke, z.B.: Platonismus = sublimierte Homoerotik = Unmännlichkeit = Kompensierung dieser Unmännlichkeit in einem übersteigerten heroischen Männlichkeitsideal = Prädisposition zum Faschismus. So waren seine individuellen Herleitungs-Ketten beschaffen, immer durch Ist-gleich-Zeichen miteinander verbunden. Manchmal konnten statt der Ist-gleich-Zeichen auch Pfeile stehen. Er schrieb das in seinen Seminaren auf die Tafel, die Kreide kreischte auf und brach manchmal, Widerspruch war bei einem solchen Monomanen nicht geduldet. So gerieten die Dinge – wie zuerst die Kreide – in den Widerspruch zu diesem alle Hörer vor den Kopf stoßenden Kraftkerl. Als ich ihm einmal schüchtern erzählte, wie sehr ich von Thomas Manns "Zauberberg" begeistert sei, betrachtete er mich wie einen Aussätzigen. "Euch muss man erst noch den Arsch aufreißen!" pflegte er dann derb zu sagen. Es war nicht im mindesten spaßhaft gemeint. "Euch sollte man von den Büchern wegsperren."


Das Trendgesindel

     Man hatte schnell den Eindruck, statt in einem sozialphilosophischen Seminar sich in einer Art Ausbildungscamp zu befinden. Er stellte von Anfang an klar, dass er hier der Chef war, der "Coach". Der Coach, dem sich der oder besser noch das Coachee, wie es neudeutsch so schön heißt, zu fügen habe. Oder er sei der – im Grunde unbezahlbare – Mentor, der dem Mentee gegenübersitze und diesen mit seinen Lehrmeinungen eindecke, abfülle, zumülle. Der Employer und der Employee! Welch ein Spaß! Hammer und Amboß. Aktiv und passiv. Mann und Frau. Die schönen neuen Wörter der schönen neuen Welt der New Economy, die damals durchs Land brausten und die Köpfe von innen verdichteten!

"Coaching", "Mentoring" – teure Seminare wurden dafür angeboten, Motivationstrainer zeigten offenherzig den "Weg zur ersten Million" auf, um gleich selber anschließend bankrott zu machen. Trotzdem waren und sind solche Seminare immer sehr begehrt, die Besucher gingen und gehen manchmal in die Hunderte, ja Tausende. Da "Coaching" und "Mentoring" gelegentlich doch den armen passivisierten "Coachees" und "Mentees" gehörig zuzusetzen begannen, dass der Effekt dieses Einflüsterns und Gängelns, jedenfalls dieser asymmetrischen Beziehung schließlich einem ordinären "Bossing" gleichkam, ja in der Arbeitswelt sich dann als perfides Mobbing herausstellte, war wiederum ein anderes Gewerbe aus dem Boden gestampft worden: das der Mediatoren. Wenn wirklich alles nicht mehr half, dann waren auf einmal doch die alten, nicht außer Gebrauch gekommenen Schimpfwörter wieder nur zu hören gegen sämtliche dieser Gewerbe und Gewerbetreibenden. Man musste sich nur Brandwunden beim Feuerlauf, Schnittverletzungen beim Scherbenlauf – der Krönung solcher Seminare – geholt haben, um diese enthusiastischen Anbiederungen an die Angestelltenkultur endgültig frustriert an den Nagel zu hängen. Die Leute verhielten sich antiquierterweise als Angestellte, obwohl sie nicht angestellt waren, nur in seltenen Fällen überhaupt für einige Zeit vielleicht angestellt würden; doch es konnte nicht schaden, sich zunächst einmal darum anzustellen, sich in dieser Warteschlange anstellen zu dürfen, stets im Handy seine Seele geparkt, allzeit abrufbereit fürs Casting...

Ich würde über diese Zeiterscheinung nicht so ausführlich mich verbreiten, wenn der erwähnte säuerliche Klassikerfeind nicht auch manchmal solche lukrativen Seminare anbieten würde. Seit Jahren liest dieser Barbar keine Bücher mehr. Er hält die Studierenden barsch davon ab, nach diesen Büchern – nach Werken der Weltliteratur – zu greifen. Aus dem einstigen Parteigänger Max Horkheimers ist ein Imitator des Trendforschers Matthias Horx geworden. Dieser Epigone ist inzwischen vollkommen "verhorxt". Daß der Mensch "ein Tier mit Klassikern" sei, wie José Ortega y Gasset sagte, kann er nur als etwas Altmodisches belächeln. Er hingegen widmet sich dem ganzen Ernst unserer Zeit. Und er sudelt mit seiner aufdringlichen Verhorxtheit in alle Bereiche hinein, wie ein schlechtes, überflüssiges Double der Politiker, sogar die Kunst wird von ihm nicht verschont. Als Sozialphilosoph hält er sich schlechthin für alles kompetent. Alles ist kontingent, und er ist kompetent. Die Kontingenz, die ihn zufällig diese Karriere machen ließ, ermächtigt ihn zur Kompetenz, die auf die von ihm Zwangsbeglückten wie ein Tieffliegerangriff drüber braust. Im Grunde ist es "Inkompetenzkompensationskompetenz", wie es der noch ironiefähige Philosoph Odo Marquard seinerzeit nannte. Doch unser Epigone ist zu keiner Selbstironie mehr fähig. Schwer drückt auf ihm die Bürde der Verantwortung, das Kreuz, das "Leidensbankerl" (Elfriede Jelinek). Er ist offenbar zu einer "Kulturtante" geworden. Der Leser Witold Gombrowicz´ weiß selbstverständlich, was eine Kulturtante ist. Auch ein Mann, ein Honoratior kann eine Kulturtante sein, vor der man fliehen muss, um nicht Schaden zu nehmen. Eine Kulturtante ist nämlich bei Gombrowicz gar nichts Nettes.


Das Ideal und das Leben

     Doch kehren wir zu dem Hemingway-Ideal zurück, das diese heutige gravitätische Kulturtante einst beflügelt hatte! Das sie an die Stelle des klassischen Ideals setzte. Anthony Burgess schreibt über Hemingway: "Der Mensch Hemingway war ebensosehr eine Schöpfung der Phantasie wie seine Bücher, und eine weit geringere Schöpfung. Dass er sich von den meisten seiner Schriftsteller-Kollegen insofern unterschied, als er ein kräftiger, gut aussehender Mann der Tat war, ist eine überprüfbare Tatsache, aber Hemingway gab sich nicht damit zufrieden, lediglich ein hervorragender Jäger, Fischer, Boxer und Guerilla-Führer zu sein. Er musste sich in einen homerischen Mythos verwandeln, und das bedeutete posieren und lügen, das Leben als Fiktion zu behandeln, und wenn manche seiner Lügen leicht durchschaubar sind (wie etwa die Behauptung, er habe mit Mata Hari geschlafen), so fällt es doch schwer, die selbsterschaffene Legende von einer Wirklichkeit zu unterscheiden, die weniger glanzvoll, aber noch immer glanzvoll genug ist."

Hier haben wir einen Versuch vorliegen, das Leben als ein Kunstwerk zu gestalten. Es liegt diesem Lebensentwurf ein Existentialismus zugrunde: eine in Freiheit erfolgte Wahl. Trotzdem kann ein solcher Entwurf misslingen und misslingt auch in den meisten Fällen. Ein Trinkerschicksal z.B. zeichnet sich ab; das Alter wird zu einem Problem, weil es das Ideal vom starken Mann untergräbt und Schwäche schmerzlich fühlbar macht. Männer dieses Schlags erlauben sich zwar Schwächen, jedoch keine Schwäche.

So unklassisch ist andererseits das Hemingway-Ideal auch wieder nicht, was unserem gerne in Kontrasten stapelnden Epigonen entgangen sein dürfte. Burgess deutete es mit dem "homerischen Mythos" schon an. Wenn man alles das sein möchte: Schriftsteller, Lover, Jäger, Fischer, Boxer, Guerillero usw., dann erinnert das nicht nur an eine berühmte Stelle aus den Frühschriften von Karl Marx, in der die Überwindung der Arbeitsteilung und das Ideal eines allseitig sich entwickelnden und auslebenden Menschen der Zukunft beschworen wird, sondern auch nicht zuletzt an Friedrich Schiller, der diesem Lieblingsgedanken wiederum in Kants "Kritik der Urteilskraft" begegnen konnte: dem klassisch-humanistischen Gedanken von dem vollständigen und freien Gebrauch der Kräfte.
Schiller beklagte im sechsten Brief "Über die ästhetische Erziehung" die "einseitige Ausbildung der Anlagen des Menschen". Das ehemals harmonische Wesen des Menschen müsse wiedergefunden und restauriert werden, in der griechischen Antike sei dieses Ideal schon einmal wirklich gewesen.

     In seinem Traktat "Über naive und sentimentalische Dichtung" bringt Schiller dieses Ideal in Zusammenhang mit der Definition der Schönheit: "Die Schönheit ist das Produkt der Zusammenstimmung zwischen dem Geist und den Sinnen; es spricht zu allen Vermögen des Menschen zugleich und kann daher nur unter der Voraussetzung eines vollständigen und freien Gebrauchs aller seiner Kräfte empfunden und gewürdiget werden. Einen offenen Sinn, ein erweitertes Herz, einen frischen und ungeschwächten Geist muss man dazu mitbringen, seine ganze Natur muss man beisammen haben, welches keineswegs der Fall derjenigen ist, die durch abstraktes Denken in sich selbst geteilt, durch kleinliche Geschäftsformeln eingeengt, durch anstrengendes Aufmerken ermattet sind. Diese verlangen zwar nach einem sinnlichen Stoff, aber nicht um das Spiel der Denkkräfte daran fortzusetzen, sondern um es einzustellen. Sie wollen frei sein, aber nur von einer Last, die ihre Trägheit ermüdete, nicht von einer Schranke, die ihre Tätigkeit hemmte."

Aber in all dem ist etwas Reineres, Sanfteres, viel weniger Gewaltsames, ist "kühne Einfalt und ruhige Unschuld", die Hingabe ans ästhetische Spiel der "unendlichen Bestimmbarkeit", die sich der Welt öffnende Reflexivität. "Freiheit zu geben durch Freiheit", sagt Schiller an anderer Stelle. Also nicht ein spektakulärer Bilderbogen, in dem der Macho sich in seinen eingebildeten Potenzen draufgängerisch ergehen möchte – dies wäre eine unstatthafte Vergröberung. Wäre letztlich Beziehungslosigkeit selbst zu den vermeintlich eigenen Idealen. Freiheit wäre unter diesem Vorzeichen der Vergröberung, des Plakativen keine schöne Kunst mehr, sondern eine dezisionistische Gezwungenheit, eine verkrampfte Selbststilisierung, mit der ein inneres Vakuum, womöglich sogar eine existentielle Konzeptlosigkeit überspielt werden möchte. Zu erinnern wäre an dieser Stelle, dass der "Duce" Mussolini von sich Bilder verbreiten ließ, die ihn mal als Autorennfahrer, mal als Pilot, mal als Panzerfahrer, dann wieder in Phantasieuniform hoch zu Ross, als muskulösen Boxer oder als Arbeiter mit dem Spaten zeigten. Hitler hingegen zeigte nie seinen unheldenhaften Oberkörper, auch Stalin versteckte eine körperliche Deformation unter dem Waffenrock. Mao andererseits durchschwamm den Yangtzu, vielbesungen und in einer Art Massenbewegung von Tausenden nachgeahmt.

Schillers Freiheitsideal ist entschieden graziöser als derlei plumpe, auf Propagandaeffekte berechnete Machenschaften von Stars und ihrer Nachahmer, doch möglicherweise unterkühlt. "Schlank und leicht, wie aus dem Nichts gesprungen, / Steht das Bild vor dem entzückten Blick", heißt es in "Das Ideal und das Leben". Und weiter: "Alle Zweifel, alle Kämpfe schweigen / In des Sieges hoher Sicherheit, / Ausgestoßen hat es jeden Zeugen / Menschlicher Bedürftigkeit."

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Freiheit oder Determinismus? Diese leidige Frage und wie "Sibi" dennoch zu seinem prächtigen Selbstbewusstsein kam

     Stanislaw Przybyszewski war der menschgewordene Alptraum Strindbergs – dieser hielt jenen für einen russischen Spion, der ihm nach dem Leben getrachtet hätte. Ich lese eben Przybyszewskis Lebensbericht "Ferne komm ich her... Erinnerungen an Berlin und Krakau". Neben unzähligen biographischen Denkwürdigkeiten und Einseitigkeiten – z.B. nimmt er Nietzsches Mystifikation, polnische Adlige als Vorfahren zu haben, beim Wort, um Nietzsche geschickt für Polen zu adoptieren – finden sich auch philosophische Gedanken, aber alles ist bei Przybyszewski – als Kind nicht zufällig "Sibi" gerufen (lateinisch "sibi", Dativ des Personalpronomens: "sich") – auf sich selbst bezogen. Das ist die übliche Verfahrensweise eines Geistesmenschen, dem das Wasser meist bis zum Halse stand.
"Wie ich bereits sagte, gab es nichts Zufälliges in meinem Leben", resümierte dieser polnische Lebenskünstler. "Alles entwickelte sich mit einer unerbittlichen eisernen Logik, kein noch so banales Geschehnis, das nicht überaus folgenreich gewesen wäre, wobei die Folgen in keinem Verhältnis zu dem scheinbar unbedeutenden Erlebnis standen."

An obigem Satz lässt sich zeigen, dass Fatalismus nicht immer nur niederdrückend sein muss, sondern dass sich deterministischer Fatalismus, der jeden Zufall ausschließt, ebenso mit einem mächtigen Selbstgefühl verbinden kann: einem Vorsehungsglauben, einem pathetischen Gefühl persönlicher Auserwähltheit. Der andere Fatalismus wäre etwa in der resignativen Feststellung anzutreffen, dass ja "eh alles egal" sei, weil Schicksal, nicht beeinflussbar.
Aber genauso hätte Przybyszewski sagen können: "Mein ganzes Leben bestand aus einer Aneinanderreihung von Zufalls-Perlen, deren Schnur die Notwendigkeit war. Also aus lauter schicksalhaften Zufällen."

Ich kann also Ananke, die Notwendigkeit, als etwas Drückendes, als Last, als Ausweglosigkeit empfinden, aber ebenso mich bedünken, von ihrer mächtigen Schubkraft zu profitieren, sofern ich die Eitelkeit habe anzunehmen, dass sie auf mich selber persönlich zugeschneidert sei. Man handelt dann quasifrei auf dem schmalsten Grat eines Massivs von Notwendigkeit. Immer in dem Augenblick, in dem man lebt, ist man im Bewusstsein dieser Quasi-Freiheit, denn es fehlt noch die Einordnung des momentanen Augenblicks in den Schicksalszusammenhang, die immer erst ex post möglich wäre. Ein solcher Fatalismus kann das Selbst mit ungeheurer Kraft ausstatten.
Hingegen ist die Freiheit, wie sie der Liberalismus konzipiert, wie Popper richtig feststellte, eine Last, eine Sorge, ein permanentes Risiko. Sie kann nicht mit solch blecherner Wucht hereinmarschieren wie vorhin eben der Vorsehungsmensch.

Es gibt zwei Hauptarten des Fatalismus: die affirmative und die deprimative.

Mit der Freiheit steht es nicht anders: die einen werden von ihr beschwingt, die anderen irritiert, verängstigt.
So scheint sich doch das Temperament, der Charakter eines Menschen gnadenlos die Dinge zurechtzuschneidern, ihm entsprechend; er zieht sich einfach das zu ihm, zu seiner Grundstimmung passende Gewand an. Er ist so oder so Designer seiner selbst.
Der affirmative Fatalist hat das mächtigste und mitunter gefährlichste Design – aber jedes normale Argumentieren, etwa im ganz unprätentiösen Denkstil des Kritischen Rationalismus kann ihn (und sollte ihn) in seinem weit ausholenden Narzissmus erschüttern.

     In allen Lebensanschauungen gibt es auch mildere, inkonsequentere Klimate. Auch dies entspricht wieder nur dem jeweiligen Temperament und dessen Wünschen/Begehr. Ins Spiel der Zufälle verstrickt, entdecken wir vielleicht einen verwachsenen Pfad, der zu unserem Geheimnis führt, zur Magie unseres Wesens. Wir haben diese Zufälle herbeiattrahiert, herbeimagnetisiert, uns auf sie eingestellt, ihnen zugearbeitet – und dann begegnen sie uns auch, weil wir für sie schon geöffnet waren.
Eine Möglichkeit, die Dinge zu sehen, wäre, die Haltungen zum Leben daraufhin zu überprüfen, ob sie uns mehr der Außenwelt und ihrer Eigenart aufzuschließen vermögen oder ob sie uns ganz starr in uns selber verpanzern. Wie weit sie der Möglichkeit und dem "Möglichkeitssinn" einen Spielraum, eine Einflugschneise, einen Landeplatz gewähren.

Die Willensfreiheit hat immer irgendwie Als-ob-Charakter, es gibt doch wohl keine Löcher in der Kausalität. Festgeschrieben sind die Nummern im Telefonnetz, aber wir wählen doch für gewöhnlich nur ganz bestimmte einzelne an. Ohne das (vielleicht illusionäre) Gefühl des "sponte sua" könnten wir uns wohl nicht einmal vom Stuhl erheben. Je verhirnter wir die Sache angehen, desto mehr sind unsere Willenskräfte/Lebensenergien paralysiert.

Handelt es sich also bei der ewig vergeblich diskutierten Frage "Willensfreiheit oder Determinismus?" um ein sogenanntes "Scheinproblem"? Mag sein.
Wir brauchen eine gewisse "Lebensschwungkraft", Leichtigkeit, Beliebigkeit, um nicht völlig von unseren fixen Ansichten auf der Stelle festgenagelt zu werden. Hinkt nicht das Hirn dem Leben ständig hinterher? Wir handeln also weiterhin so, als ob wir frei wären.

Arnold Geulincx (1624–1669), der den freien Willen des Menschen in einer deterministischen, allein von der Notwendigkeit beherrschten Welt mit einem Reisenden vergleicht, den ein vollaufgetakeltes Schiff unaufhaltsam nach Westen trägt – aber der Reisende ist zumindest frei, auf dem Deck selbst nach Osten zu gehen.

    Manch einer ist der trostlose Gefangene seiner Gedanken, seiner Zwangsgedanken, Zwangsvorstellungen. Diesen eignet Unkreativität, Ungeschmeidigkeit, eines ihrer Kennzeichen ist, dass sie sich mühlenartig wiederholen, dass sie einen zermartern, erschöpfen, dass sie den Körper an der Leine halten, einschnüren, einsperren, strangulieren, dass sie im Kreis sich drehen, dass man selber in einem bösen Zauberkreis gefangen ist und darin zu einem verzweifelten, vergeblich um sich schlagenden Narren wird, der es nicht wagt, die unerträgliche Situation selbst durch verändernde Taten (oder auch schon durch ein Abschalten dieses nutzlosen Brütens, aber wer kann das schon auf Knopfdruck) zu transzendieren.
Häufig ist dieses Gehen-im-Kreis mit Spekulationen verknüpft, der Art: "Was wäre gewesen, wenn dieses oder jenes Ereignis nicht eingetreten wäre?" Oder: "Was wäre aus mir geworden, wenn die Umstände meiner Frühkindheit bessere gewesen wären?"

Das heißt, man grübelt, vom Wunsch nach etwas Unkonkret-Idealem motiviert, einen Stollen in das Nicht-mehr-Veränderbare zurück, so als könnte man dort noch in Freiheit den Acker bestellen. Geschehen ist aber geschehen, geworden geworden. Hier lässt sich höchstens noch anders interpretieren. Man überfordert das leichte, filigrane Vehikel der Freiheit, wenn man damit in den Morastgründen der Vergangenheit herumfahren möchte. Es gibt keine Anwendungsmöglichkeit für die Freiheit in Bezug auf die Vergangenheit, höchstens die, ihre Macht zu neutralisieren. Die Freiheit kann im Medium der abgestandenen, abgestorbenen Vergangenheit sich nicht mehr bewegen. Die diesbezüglichen Formen sind geronnene, verfestigte, nur im Theoretisieren scheinbar durchdringliche.
Dem affirmativen Fatalisten entspricht auch ein Mensch mit sogenannter großer Vergangenheit. Auch er ist dann davon narzisstisch aufgeladen. Er gleicht dann dem, dem das Wasser bis zum Halse steht – ihm steht jedoch die Vergangenheit und ihre Verpflichtung (etwa "Adel verpflichtet!") bis zum Halskragen.

Die Vergangenheit ist ja viel mächtiger und gewaltsamer, als es Gegenwart und Zukunft überhaupt sein können, zumal sie auch schon viel länger angedauert hat. Sie wirft einen Schatten, unter dem sich die Lichter oft nicht hervortrauen.

     In Schweden – ich glaube, es war in Stockholm – wurde vor einiger Zeit einmal ein urbanes Experiment durchgeführt: freie Fahrräder für jedermann. Man konnte ein Rad nehmen und damit ein paar Kilometer oder bloß nur um die Ecke herumfahren, es wieder abstellen – für die nächsten Benutzer. Dieses Modell hatte sich aber nicht recht bewährt.
So halte ich es mit den Theorien, mit den Werken der Philosophen, Soziologen, Theologen, Psychologen, Ökonomen, Semiologen etc.: ich fahre mit ihnen eine Weile herum und stelle sie dann ab. Es gibt Fahrräder, die sind in einem besseren Zustand als andere. Schnellere und langsamere. Scheppernde und geräuschlose. Auch manchmal lässt sich noch ein schwarz lackiertes surrealistisches Hochrad aus alten Zeiten aufspüren. Und von diesem aus lüfte ich nun meine Melone und lasse euch fleißigen und neidischen, euch festgefahrenen Theoretiker recht schön von mir grüßen.

 

Weitere Texte des Autors, Kontaktadresse und Kurzbiographie:
http://www.aurora-magazin/autoren/bio_hodina_frm.htm

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