Professor Greif

Eine Erzählung

Von Peter Hodina


    Vielleicht würde er sogar recht behalten, der Doktorvater, der zu mir sagte: So einer wie Sie wird berühmt werden, aber nichts erleben. Noch bin ich ja keineswegs berühmt. Und erst seit ich über dreißig bin, kommt durch meine Bemühung ein wenig dichte Zeit zustande. Man will es schließlich wissen. Andere sagen, das Leben leiere sich von dreißig ab eher aus; alles sei schon zu bekannt, drehe sich im Kreis; diese Kreisläufe ermüdeten einen. Das kann ich von mir nicht sagen. Erst jetzt kommt etwas Echtzeit auf. Und die ist erarbeitet und riskiert. Ich will bewußt Stufen hineinschlagen. Bis heute muß ich fürchten, als Obdachloser ermordet unter einer Brücke zu enden. Kann man von einem, der ein Jahrzehnt lang fast nur gelesen hat, sagen, er hätte sein Leben verpfuscht? Weil so viel leere Zeit gewesen war, begann ich zu lesen und genau Buch zu führen über die gelesenen Bücher. Das war wenigstens eine gewisse, für mich selbst überprüfbare Leistung gewesen, immer wieder einen dicken Roman zu Ende gelesen zu haben. Und es mußte immer große Literatur sein. Ich hatte mich verkrochen, verbarrikadiert, weil ich nicht mehr von den anderen die unangenehmen Wahrheiten über mich hören wollte. Vielleicht habe ich dadurch das Problem nur auf die lange Bank geschoben. Habe meinen Fall zu einem fast schon irreparablen werden lassen. Der Doktorvater hatte gesagt: Ich lasse Sie erst zum Rigorosum antreten, wenn Sie ein Mann geworden sind. Sie träumen richtig, wenn Sie mich als den Hüter der Schwelle träumen. Meine Wahrheit ist zwischen den Zeilen. Ich habe Ihnen eine Aufgabe gestellt, die schwieriger zu lösen ist als das Verfassen einer Doktorarbeit. Ich muß hinzusetzen: die für Sie schwieriger zu lösen ist. Denn Ihre Altersgenossen haben diese Aufgabe längst gelöst. Normalerweise löst sich diese Aufgabe von selbst und bedarf keiner Anstrengung. Anstrengung behindert die Lösung. Mit Wollen erreichen Sie hier nichts. Es geht um Ihr Leben. Sie dachten, Sie wären in ein Dissertantenseminar hineingegangen, um schnell zu einem Doktortitel zu kommen. Sie hatten ja nicht einmal den Mut, meinem Blick standzuhalten. Sie schreckten vor meiner Nase zurück, die einem Greifenschnabel gleicht und die meinen Charakter sichtbar macht. Sie glauben, in mir einen Hemmschuh vor sich zu haben. Damit lösen Sie das Problem nicht. Sie werden vielleicht eines Tages meine von mir verfassten Bücher noch einmal durchsehen und sich fragen: wieso hat dieser Mann über mich alles, was wesentlich war, gewußt? Sie werden dann meine Bücher aufblättern und die Blätter werden herausfallen, denn sie sind schlecht gebunden. Auch das Papier ist minderwertig; es sind ja nur hektographierte, auf Buchformat verkleinerte Typoskripte. Und Sie werden dann auch meine Abhandlungen mit anderen Augen lesen. Sie werden nichts mehr daran bewundernswürdig finden. Und dennoch wird für Sie die Frage ungeklärt bleiben, wieso Sie seinerzeit in meinen Händen wie Butter zerschmolzen sind. Es wird eine lebenslange Beschämung für Sie bleiben, sich diese Schwäche gestattet zu haben. Ich meine diese Schwäche Ihres Vertrauens zu mir. Ich stellte Sie auf die Probe, ich verletzte Sie gezielt. Wenn Sie darüber heute Klarheit verlangen, nehmen Sie sie von mir hiermit entgegen. Sie denken ja immer noch, auf Klarheit komme es an, durch Klarheit würde sich alles lösen. Mein Lieber, Sie irren sich. Was hilft es Ihnen nun, zu erfahren, daß ich Sie gezielt gekränkt habe, weil ich Ihre Reaktionen testen habe wollen? Sind Sie jetzt mir gegenüber freier geworden? Fühlen Sie sich nun erleichtert? Hat sich nun ein in Ihnen lange angestauter Verdacht bestätigt? Aber ist damit das Problem gelöst? Wie ich sehe, hat sich durch dieses Geständnis gar nichts in Ihnen zum Besseren gewendet. Sie müssen jetzt wohl ganz ausweglos Ihrem Haß, den Sie gegen mich schon länger gehegt haben, verfallen. Wenn ich Ihnen das Verhalten beschreibe, das ich Ihnen gegenüber, als Sie bei mir Student und später Dissertant gewesen sind, an den Tag gelegt habe, werden Sie nicht anders können, als mich zu ermorden wünschen. Kann man mehr einem Menschen verfallen, als wenn man ihn zu ermorden wünscht, ohne es sich aber gestatten zu können, ihn zu ermorden? Ich habe Sie fast schon ganz in der Hand. Ich brauche die Hand nur mehr zu schließen, und Sie sind erledigt. Ist Ihnen das bewußt? Ich brauche Ihnen nur noch das Verfahren beschreiben, bis in die Einzelheiten, und es wird Ihr Herzchen zu hämmern und zu rasen anfangen und mit dem Hämmern und Rasen nicht mehr aufhören können. Ja, mein lieber Kollege, unter uns gesprochen: am Vertrauen sind schon viele zugrunde gegangen. Ich meine nicht nur Studenten damit; Studenten betrifft das Problem noch am wenigsten. Die können ja oft noch aus. Die können in einer einzigen Rauschnacht das Problem mit Alkohol herunterspülen oder aus sich heraustanzen oder durch ein Liebesspiel ersticken. Typisch für die jungen Leute ist die gesteigerte Empfänglichkeit, die sich mit dem Erwachsenenalter legt, gewöhnlich wenigstens, und diese außerordentliche Empfänglichkeit läßt sie auch noch auf vieles andere ansprechen als nur auf jenes Problem, das ihnen rechtens zum Hauptproblem werden müßte, sofern sie ihre Studien mit Ernst betreiben würden. Ihre natürliche jugendliche Oberflächlichkeit rettet sie geradezu. Ja, es muß gesagt werden: die meisten sehen gar nicht die Gefahr, die die ganze Studienzeit hindurch über ihnen schwebt. Indem sie sich auf den Schienen der von ihnen abverlangten Durchschnittlichkeit bewegen, droht ihnen kein Unglück; sie kommen gut voran und gut an ein Ende. Sie verlassen dann meistens mit dem kleinen Abschluß die Universität und verlassen auch dieses Gebäude hier. Die meisten werden dieses Gebäude nie wieder im Leben betreten. Sie betrachten mit Recht die vier oder fünf Universitätsjahre als Fortsetzung und Abschluß der Schulzeit. Absolvieren heißt: losgesprochen werden. Bei Lehrlingen, mit denen man ja ganz allgemein viel härter umgeht, spricht man gar von ihrer Freisprechung. Ganz so, als wäre ihnen über die Lehrzeit ein Prozeß gemacht worden. Diese Wörter haben ihren guten Sinn; sie haben eine alte Tradition. Sie reicht in Zeiten zurück, die offiziell vergangen sind. In diesen Wörtern klingt Leibeigenschaft, wenn nicht sogar Sklaverei an. Der Freigelassene hatte eigene Rechte, aber frei war auch er nicht wirklich geworden. Wer von uns ist schon wirklich frei? Ist der Mörder frei im Augenblick der Tat? Oder wären Sie, mein lieber Freund, frei, wenn ich zu Ihnen sagte: ich lasse Sie jetzt gehen. Wenn ich es mir nicht verkneifte, Ihnen die Floskel nachzurufen: und viel Glück auch! Die Titel haben den Sinn, den Grad an Freigelassenheit eines Individuums der Gesellschaft zu signalisieren. Ein Nichtakademiker ist weniger freigelassen als ein Magister, ein Magister weniger freigelassen als ein Doktor, und ein Doktor weniger freigelassen als ein Professor. Aber das stimmt nicht. Am freigelassensten ist der Magister, der mit einem ordentlichen Abschluß früh genug die Universitätseinrichtungen verläßt und nie mehr das Gebäude hier betritt. Der Doktor ist gewöhnlich schon ein armes Luder. Das ist ja schon etwas völlig Altmodisches. Wozu denn eine erweiterte wissenschaftliche Ausbildung, wenn unsere Institute längerfristig vor dem Zusperren stehen ? Der Doktortitel ist unbrauchbar. Er signalisiert, daß Sie sich für Ihre Studien länger Zeit gelassen haben als andere. Das ist heutzutage keine Empfehlung. Sie sind als Dissertant ein gealterter Student. Sie gehören weder mehr zu den Studenten noch zu den Universitätsbediensteten. Sie befinden sich dann in einer Zwischenzeit, in einem Zwischenraum, um nicht zu sagen in einem Vakuum. Sie wissen auch nicht, je länger Sie in diesem Vakuum sich bewegen, wer Ihre Interessen noch vertritt. Von Bewegen kann nicht mehr die Rede sein: Sie müßten zusehen, daß Ihre Bewegungen nicht in dem Vakuum ersterben. Sie treten in eine paradoxe Situation ein, die Sie, je unschuldiger Sie sind, sich desto mysteriöser zu erklären versuchen, dabei findet alles aus der Natur der Strukturen heraus eine Erklärung - die einzig zutreffende Erklärung. Die paradoxe Situation besteht darin, daß Sie, je qualifizierter Sie fachlich werden, und mit jedem weiteren Jahr intensiven Studiums oder intensiver Lektüre wachsen Ihre Kenntnisse, desto weniger auf unsere Anerkennung stoßen, ja daß wir Ihnen, wenn Sie uns zu überflügeln drohen, nicht nur die Anerkennung verweigern, sondern Sie vor den Kopf stoßen müssen. Und zwar aus Gründen unserer eigenen Existenzerhaltung. So einfach läßt sich erklären, was Sie jahrelang in Schach gehalten hat. Es gibt sonst keine rationale Erklärung. Übrigens weiß es jeder Anfänger, daß es sich so verhält. Doch während des Studiums werden dann die meistens gar nicht so falschen Vorahnungen des Anfängers weggewischt. Die Studenten befinden sich dann wirklich im Glauben, es ginge mit ihnen je nach Leistung Stufe um Stufe aufwärts. Die hierarchische Struktur unserer Institution legt ja auch tatsächlich einen derartigen allgemein begehbaren Stufenbau nahe. Aber wenn Sie den unteren massiven Basissockel endlich erklommen haben und in die Mittelstufe gelangt sind, werden die Spielregeln andere. Es gelten nicht auf allen Stufen der Hierarchie die gleichen Spielregeln. Sie wechseln das Milieu; Sie finden eine andere Atmosphäre vor. Die früher hilfreiche Hand droht Sie hinunterzustürzen. Es muß für Sie aussehen, als hätten Sie sich einem Bergführer anvertraut, der Sie kurz vor dem Erreichen des Gipfels die Felswand hinunterstoßen möchte. Sie sind schon dabei, den Stift zu zücken, um sich ins Gipfelbuch einzutragen und keuchen freudestrahlend Ihren Führer an, und dann erschrecken Sie zu Tode, wenn dieser Ihr Strahlen nicht erwidert, sondern seine Gesichtszüge plötzlich versteinen. Sie erwarten sich Lob, Sie selbst sind auch voller Dankbarkeit, gewiß. Aber dann wird Ihnen nur mehr vorkommen, auf einen Opferaltar hinaufgeschleppt worden zu sein. Sie werden doch nicht ernsthaft erwarten, daß ein stolzer Mensch Sie beglückwünscht, wenn Sie ihn überflügelt haben. Sie mußten wissen, daß für Sie, an die Spitze gelangt, oben die Luft sehr dünn sein würde und daß es unverzüglich ans Kämpfen ginge. Am Gipfel spätestens hat sich das Vater-Sohn-Spielen aufgehört, da hat sich jedes Spielen aufgehört. Ich bin Ihnen wie ein Bergführer vorausgegangen und habe Ihnen die Route gewiesen; ich hoffte für Sie, sie würden vor der Strapaze zurückschrecken, die das letzte lange Stück bedeutet. Fast alle sind zu ihrem eigenen Glück vor dieser finalen und im Grunde so überflüssigen, die Lebenskräfte raubenden Strapaze zurückgeschreckt und sind rechtzeitig umgekehrt. Sie haben meist die Möglichkeit genutzt, noch mit der letzten Seilbahn hinunterzufahren. Wie klug diese Ihre einstigen Kollegen gehandelt haben, sehen Sie jetzt am Gipfel, wo wir uns Auge in Auge konfrontieren. Das ganze läppische VaterSohn-Spiel hat sich jetzt für Sie als die Maskerade entpuppt, die es ist. Nein, es muß jetzt keinen Toten geben; es kann auch ein Arrangement geben, vorausgesetzt, Sie sind stark und klug genug. Das bezweifle ich bei Ihnen; Sie sind mir von Anfang an als Heißsporn aufgefallen. Ich bin auf jeden Fall schon jetzt ein gebrochener Mann. Ich war ab dem Zeitpunkt ein gebrochener Mann, als ich Ihre Qualitäten im vollen Umfang erkannte. Zuerst erahnte ich diese Qualitäten, die mich, wie ich annahm, bei Ihrer Herausbildung in höchstem Maße erfreuen würden. Ich würde ja Anteil an dieser Herausbildung haben. Als ich die Qualitäten dann aber nicht mehr nur geahnt, sondern zusehends Gewißheit über ihre Dimensionen erlangt hatte, war ich mit mir selbst entzweit. Es ging da nicht mit rechten Dingen zu. Es ging in der Natur nicht mit rechten Dingen zu. Die Gaben sind so ungerecht verteilt. Es darf nicht zugelassen werden, daß ein junger Mensch die Stufen überspringt zu einer Befähigung, die erst Meistern des Faches zugebilligt wird. Ich weiß, ich disqualifiziere mich mit dieser Äußerung. Aber ich bin auch nur ein Mensch. Ich erniedrige mich vor Ihnen so sehr, daß Sie mich weinend sehen; das geschah nur selten in meinem Leben, daß mich jemand weinen sah. Und dennoch entdecke ich in Ihrem Blick kein Mitgefühl. Gerade jetzt, in diesem Moment, als ich weine und Ihnen doch noch meine Menschlichkeit zeige, werfen Sie Ihre frühere Vertrauensseligkeit über Bord und halten sich am Gestänge des Gipfelkreuzes fest. Ich falle vor Ihnen auf die Knie, und Sie weichen einen Schritt zurück und noch einen. Fürchten Sie, daß ich Sie mit dem Kopf in den Bauch ramme und dann die Wand hinunterstoße? Das ist eine meiner letzten rhetorischen Fragen, die ich Ihnen stelle. Auch dieser Zauber der rhetorischen Fragen war faul, wie das Vater-Sohn-Spiel. Das heißt: letztlich war er faul, dazwischen, vor diesem jetzigen Endspiel, hatte er seinen guten Zweck gehabt. Sie wären ohne mich nicht auf den Gipfel gelangt. Oder etwa doch? Nein, ich glaube das nicht. Sie sind mir nachgestiegen. Erinnern Sie sich, wie Sie mir immer meine Tasche in den Hörsaal vorausgetragen haben? Sie lasen mir jeden Wunsch von den Lippen ab. Wenn ich einen Ihrer höflichen Grüße nicht erwiderte, waren Sie Armer ganz durcheinander. Sie, Kollege, waren damals an unserem Institut ein Quell der Erheiterung! Sie brachten Leben in unser Gebäude. Sie hatten sich überhaupt nicht ausgekannt. Sie waren der einzige, der anklopfte, statt einfach einzutreten. Sie waren schrecklich schüchtern. Einmal verfingen Sie sich zwischen den Doppeltüren. Sie hatten zuerst die eine Tür aufgemacht, freilich hatten Sie zuerst geklopft, dann waren Sie überrascht, daß da noch eine zweite, gepolsterte Tür zum Vorschein kam, und klopften erneut, es war auf unserer Seite nur mehr noch als eine Art Kratzen hörbar, und dann, weil keiner von uns Herein! rief, schlossen Sie aus Verlegenheit die Tür hinter sich und waren zwischen den beiden Türen eingesperrt. Wir hielten uns damals die Münder zu, um nicht loszubrüllen vor Lachen. Der Oberassistent hielt sich mit der anderen Hand den Bauch, sogar die Schreibkraft klopfte sich auf die Schenkel, weil sie glaubte, sich so bei den männlichen Vorgesetzten einschmeicheln zu können. Dieses Klatschen der Sekretärin auf ihre bloßliegenden Beine war ja auch über die Maßen lächerlich. Sie, mein lieber Kollege, dürfen uns diese Grausamkeit von damals nicht verdenken. Wir waren auch nur Menschen. Sie waren damals ja in eine Falle geraten; ich meine, wie Sie damals mehrere Minuten zwischen den beiden Türen sich totstellten und überlegten, was zu tun sei. Sie waren damals ein sehr schmales, schmächtiges Bürschchen. Sie wußten doch insgeheim, wie peinlich Ihr Verhalten war. Sie verrieten damit, noch nie im Leben vorher Doppeltüren gesehen zu haben. Und Sie wollten schon zum Doktor promovieren! Sie verrieten damit, daß Sie bisher stets einen großen Bogen um unser Vorstandsbüro gemacht haben mußten, denn die Doppeltüren sind ja das erste, das einem auffallen muß. Meine damalige Frau konnte sich nicht halten, Ach, wie entzückend! wie reizend! auszurufen, als ich ihr beim Nachtmahl diese Begebenheit erzählte. Auch meine Kinder, die damals noch die Schulbank gedrückt hatten, lachten herzhaft. Und wie Sie, Herr Kollege, dann doch noch den Mechanismus begriffen hatten und mit Ihrem Aktenköfferchen hereinmarschierten, das war dann die Krönung. Sie fragten, sich fast vor uns allen verneigend: Wozu sind diese Doppeltüren gut? Ihnen ist doch noch in Erinnerung, wie wir auf diese Frage reagierten: wir applaudierten. Wir spendeten reichlich und johlend Applaus für diese Vorstellung. Ja, wenn Sie bei einem Theater vorgesprochen hätten! Man hätte Sie geliebt. Sie wären ein Star geworden. Ihre Hilflosigkeit war possierlich. Und wie Sie Ihr Aktenköfferchen innerhalb der Doppeltüren unterbringen konnten, ist uns bis jetzt ein Rätsel. Hatten Sie es längsseitig genommen und hielten es auf die Brust gedrückt? Oder stak es schräg zwischen Ihren Beinen, während Sie in Panik im Dunkeln nach der Türschnalle suchten ? Die Polstertür hatte nämlich gar keine Schnalle, sondern einen handtellergroßen Knopf aus Messing. Wir ließen Sie kratzen und werken. Und wie überrascht waren Sie dann, als Sie plötzlich vor uns dastanden, angestrahlt vom Sonnenlicht, das durch die Oberlichte brach. Gerade, daß Sie sich nicht die Augen rieben, bevor Sie ein zweites Mal fragten: Wozu diese Doppeltüren? Sie fragten das recht barsch, mit mürrischem Ausdruck. Mit bloß aufgesetzt finsterer Miene. Ja, raten Sie mal! Sie blickten uns nur recht verschreckt an, Sie wagten damals keinem von uns direkt ins Gesicht zu schauen. Raten Sie! Na komm schon, rate! Wird doch nicht so schwer sein, und ich war aufgesprungen, Ihnen Ihr Köfferchen aus der Hand zu reißen und Ihnen einen Platz neben meinem Schreibtisch anzubieten. Und was sagten Sie, während Sie Platz nahmen? Erinnern Sie sich noch? Freilich erinnern Sie sich, denn so was vergißt kein Mensch mehr. Sie sagten mit leiser. sehr höflicher Stimme wie ein Internatszögling: Damit man mich nicht hören kann. Sehr richtig, brummte ich darauf, na also, Sie machen ja Fortschritte. Dann holte ich eine Whiskyflasche und zwei Gläser aus meinem Schreibtisch und schenkte Ihnen ein; der Schreck war vorüber, ich schob den Aschenbecher in Ihre Richtung und bot Ihnen auch noch von meinen Zigaretten an, und Sie wurden weich und vertrauensvoll. Selbstverständlich war das vorhin nur ein Scherz, log ich Sie an, wir sind schließlich keine Unmenschen. Ich mußte Ihnen immer wieder solche vertrauenserweckenden, jovialen Intermezzi bieten, sonst wären Sie mir am Anfang doch schon auf und davon gerannt und hätten womöglich noch Schlimmeres angerichtet, hätten die anderen Studenten aufgehetzt und einen Aufstand gegen mich angezettelt. Gerade auf den Anfang kommt es an, und doch muß, hören Sie her!, der Anfang schon ambig sein. Ein Ambigu, sagte der Doktorvater und spielte auf einmal einen Franzosen. Er schnippte mit den Fingern und schwenkte in widerwärtiger Weise das Becken hin und her; ich dachte, er würde ein Chanson zum besten geben wollen, hier auf dem Berg, als er dreimal genießerisch das französische Wort Ambigu, Ambigu, Ambigu vor sich hinhauchte, ja er warf dazu jedesmal Küßchen in die Luft. Danach rang der mit den Jahren doch älter gewordene Mann nach derselben. Die Bergpartie hatte ihm zugesetzt. Er holte tief Atem und redete weiter. Wissen Sie, es ist immer wieder das Eröffnen einer Partie, wenn man mit einem begabten Studenten erstmals wirklich zusammentrifft, sagte der Professor jetzt. Machen wir es uns bequem. Und tatsächlich setzten wir uns auf dem schmalen Gipfelplateau nieder, packten unsere Essen aus uns sprachen nun, von außen betrachtet, durchaus wie zwei Bergkameraden. Ich bot dem Professor aus meinem Flachmann Schnaps an, Vogelbeer, und er trank anstandslos zwei Schluck. Die Wege des Geistes sind die Umwege, rief er aus, das kann man wohl sagen. Mit Hegel, entgegnete ich, worauf er lachte: Ja, mit Hegel! Die Stimmung gedieh jetzt, es wurde auf dem Gipfel noch richtig angenehm. Der kalte Wind hatte sich gelegt, der uns vorher noch in Böen angeblasen hatte. Ich hatte ja immer den Verdacht, die Gemeinheiten des Doktorvaters wären letzten Endes auf das Wetter zurückzuführen. Oder auf den Alkohol, von dem er abhängig war. Oder von dem Kettenrauchen, das ihn gelegentlich zum Hypochonder machte. Oder von seinen familiären Schwierigkeiten, oder, wer weiß, von finanziellen Problemen. Sein Sohn hatte kurz vor dem Abschluß die Schule abgebrochen, war schwul geworden und ließ überall das Professorensöhnchen heraushängen. Seine zweite Frau, eine um zwanzig Jahre jüngere ehemalige Studentin von ihm, schmuste in aller Öffentlichkeit mit jüngeren Männern herum, gleich mit mehreren, und es waren die allerattraktivsten Männer, großgewachsen und sportlich. Der Professor selbst war etwas dicklich geworden, und seine stahlblauen, klaren Augen wirkten mittlerweile sehr versoffen und hatten auf andere eine irritierende Wirkung. Früher verkörperte er die Klarheit selbst, verkörperte er Strategie und Taktik, wie ein hoher Offizier, ein Mann des Planungsstabes. Davon war jetzt nichts mehr zu sehen. Die Angst vor ihm nahm deswegen nicht ab. Er war nur noch unberechenbarer geworden, und Leistungen, die man erbrachte, boten keine Gewähr. Man blickte in ein zunehmend verwüstetes Gesicht, in Augen, die hellblaue, wäßrige Strudel der Zerstörung für einen selbst bereithielten. Der Mann verlor durch diesen chaotisierten Gesichtsausdruck nichts von seiner autoritären Macht. Die senkrechten Falten links und rechts von den Mundwinkeln herab hatten sich schon bis hinunter gegraben. Er zitterte. Er ruinierte sich selbst. Seit ich ihn kannte, seit fünfzehn Jahren, hatte ich ihn als Menschen in Erinnerung, der sich selbst zerstörte. Als einen Kettenraucher, als einen Trinker, als einen Mann, der sich in Gesellschaftskreise begab, die ihn in Kürze hätten auslaugen müssen. Und doch zog sich diese Kürze in die Länge. Schon vor zehn Jahren hatte er uns Studenten mit seinem wahrscheinlich baldigen Tod Angst gemacht. Er hustete, daß es staubte, er rauchte eine Zigarette nach der anderen, filterlos, er schüttete ein Glas Wein nach dem anderen in sich hinein, hustete wieder; es waren Lästerungen gegen die Welt, die er ausstieß, und abwechselnd Hust- und Spuckanfalle. Es waren diese Kneipenmonologe, in denen er die Kollegenschaft anschwärzte und die Studenten heruntermachte, die dabeisaßen und scheu mit ihren Köpfen nickten. Er prahlte damit, seinerzeit ein schlechter Schüler gewesen zu sein, wirklich ein Rabauke. Der beinahe von der Schule gefeuert worden wäre, so renitent wäre er gewesen. Er bezeichnete sich gerne als ehemaligen Achtundsechziger. Als einen Hauptagierenden der damaligen Studentenrevolte. Er wäre seinerzeit sogar noch mit dem weltberühmten Max Horkheimer bekannt gewesen, der sich zuletzt von der Welt ganz zurückgezogen und nur mehr noch bei Nacht gearbeitet hätte. Ja, als Student hätte er die ärgsten Dinge gedreht, von denen wir, die Studenten heute, keine Ahnung hätten. Er prahlte mit seiner früheren Subversivität. Er hätte bei einer öffentlichen Angelobung der Heeresrekruten ein quiekendes Ferkel aus einem Sack gelassen, was in der Stadt zu einer Prügelei geführt hätte. Ja, zu seiner Zeit. Doch nichts von diesem Radikalismus war in seinen eigenen Veröffentlichungen zu bemerken, wenn man von seiner Doktorarbeit absah, die er in den bibliographischen Auflistungen seiner Arbeiten zunehmend verheimlichte. Diese Doktorarbeit war tatsächlich eine orthodoxmarxistische. Aber was hatte mich das anzugehen. Schnell war es dem Professor gelungen, mich in seine Fänge zu bekommen. Erstaunlich schnell. Es genügten ein paar Sitzungen in Weinlokalen dazu, bei denen er mich auf seine Rechnung betrunken machte und aus mir meine ganze betrübliche Lebensgeschichte herausquetschte. Die Bekanntschaften des Professors, die sich zu uns an den Tisch setzten, waren zumeist die allerderbsten. Es war schon gar kein intellektuelles Milieu, in das er mich da einführte. Ein fettleibiger, schnaubender Spielwarenhändler erzählte mir immer wieder, wie er ein lebendes Huhn penetriert hätte. Ich versuchte darüber zu lachen, versteckte zugleich aber meinen Mund im Weinglas, damit meine Verlegenheit nicht allzu sehr auffiele. Es waren hauptsächlich Männer um die Fünfzig, die da um mich herum zusammensaßen. Ich wollte ja freundlich und höflich bleiben, obwohl ich mir andauernd überrannt vorkam dabei. Ich war der Spielball dieser Honoratioren. Es war zwar meistens, wie man sagt, gönnerhaft gewesen, wie sie zu mir sich verhielten, schulterklopfend: Junger Mann, Sie werden schon noch. Was werde ich? Was taten die mir da an. Wie kam ein fremder, obendrein unsympathisch aussehender Mensch dazu, mir zu sagen, ich würde schon noch. Auch ein Schlachtschußapparate und sonstigen Metzgereibedarf fabrizierender Kunstsammler bildete einen der wandernden Mittelpunkte dieser Gesellschaft. Und auch der Geschäftsführer eines Bestattungsunternehmens beugte gelegentlich den Kopf über meinen Rücken und gab zu irgendeinem Glücksspiel, das ich nicht kannte, den Einsatz. Ein doch schon das Greisenalter erreicht habender, noch immer praktizierender Rechtsanwalt erzählte von seinen Heldentaten als Stuka-Pilot im Zweiten Weltkrieg. Ich nickte zu all dem leider mit dem Kopf, als einer, der noch nicht einmal die Mitte der Zwanzig erreicht hatte. Das war eine Gesellschaft, in der ich mich nie bewegt hatte bisher. Der Professor schwamm in dieser Gesellschaft wie in der Redensart der Fisch im Wasser. Er mischte die Spielkarten und warf sie aus wie ein Ganove im Film. Zwischendurch schleuderte er mir, ohne mich dabei anzusehen, einige unverdauliche Sätze hin. Ich hielt den Professor damals für einen ganz gewieften Betrüger, der mir vorführen wollte, wie man mit den bürgerlichen Kapazundern umzugehen habe. Mich selbst faßte ich als einen jüngeren Komplizen auf, dem seine ersten Lektionen erteilt wurden. Jeder hat ein gewisses Schema der Interpretation, wenn er in eine neue, ihn überfordernde Lage kommt. Eine solche Lesart konnte sehr trügerisch sein, wenn man nämlich dann gewaltsam etwas für sich zurechtbog, was in Wirklichkeit ganz anders geartet war. Mit einer falschen Hypothese kann man nicht nur in den Wissenschaften, sondern auch im Leben Schiffbruch erleiden. Wenn man die Hypothese auch dann noch aufrechterhält, obwohl schon, wie der Wissenschaftler sagt, alle empirischen Fakten dagegen sprechen. Ich bekam schon monate-, dann jahrelang nur mehr noch abschlägige Fakten geliefert und wollte dennoch meine Hypothese vom guten Lehrer nicht fallenlassen. Ich war von meinem Vertrauen verblendet. Der gute Lehrer war ja schon in der allerersten Stunde, als ich ihn persönlich kennenlernte, falsifiziert gewesen, denn er schüchterte in einer Weise die Studenten ein, wie ich das ja überhaupt noch nie vorher irgendwo, auch in der Schule und beim Militär nicht, erlebt hatte. Da hatte man als Student geglaubt, ein kritischer Mensch zu sein, und dann wickelte einen der Professor um den Finger, daß es einem die Gänsehaut bereiten konnte. War aber einer, der einen linkte, deshalb schon ein Linker? Ich habe mich beim Heimgehen nach diesen Sitzungen immer wieder verblüfft gefragt, was denn da mit mir los war, was denn da in mir mit Regelmäßigkeit versagte. Und so bin ich in der milden Frühjahrsabendluft nach Hause gegangen oder im November durch die Nebelschwaden oder Ende Jänner, vor den Semesterferien, über den gefrorenen Weiher , meistens allein, und habe andauernd den unverdaulichen Professor in mir herumgeschleppt, wie einen wachsenden Embryonen aus Stein, den ich niemals würde gebären können und der mir eines Tages den Bauch zerreißen würde. Ja, das war kein Studieren mehr, denn ich studierte schon lange nicht mehr das Fach, sondern nur mehr noch die Launen des Professors, die so unvereinbar mit dem waren, was er offiziell lehrte. Er war ein Spezialist für Toleranz. Ein weitum angesehener; er war in Fernseh- Talkshows aufgetreten. Und er war als Wissenschaftshistoriker ein Spezialist für die Geheimgesellschaften der Neuzeit, die bekanntlich in viel mysteriöses Klimbim gehüllt gewesen waren. In dem bekanntesten seiner Bücher hatte der Professor aus geradezu uralten Folianten zitiert, die, wie er uns glauben machte, sich großenteils in seinem Besitz befänden. Ich vertiefte mich in die Emblematik der Alchimisten auch deshalb, weil ich den Schlüssel zum Verständnis des Professors finden wollte. Er war überdies damals Hegelianer, der mit seinem großen Vorbild behauptete, der Geist finde sich nur in der Zerrissenheit wieder. Jetzt gelangte ich zu der Annahme, der Professor habe mich gleichsam in einen Destillierkolben gesetzt, um meine Substanz dort auf die Probe zu stellen, mich reagieren zu lassen. War er nun ein Weißmagier oder ein Schwarzmagier? fragte ich mich völlig unzulässig. Zu einem solchen Fragen war ich durch mein vorhergegangenes Theologiestudium präpariert worden, aus diesem floh ich ja zu dem als Freigeist bekannten Professor. Vielleicht könnte man im nachhinein sagen: selber schuld, wenn du dir einen Guru aussuchst und das dann ausbaden mußt. Ich fragte mich andauernd, auf welcher Stufe der geheimen Pyramide ich mich wohl befände, über deren Spitze ein Auge im Strahlenkranz sichtbar hätte sein sollen. Ich begann, mir meine Träume zu merken und sie aufzuschreiben, auch, alte Traumbücher zu studieren. Ich schlang die Naturphilosophen der deutschen Romantik in mich hinein, und je obskurer und spiritistischer die waren, desto besser. Ich machte mich auf die Suche nach der Entzifferung jener verzerrten Signaturen, die mir der Professor durch sein zwiespältiges Verhalten vorlegte, und dachte wie ein kleiner Bub an Manuskriptrollen, die, den Auflösungsschlüssel enthaltend, in dem Dachboden einer Gralsburg dahindämmern würden und auf mich als ihren Finder warteten. Ich wandte mich der psychologischen Schule C.G. Jungs zu, statt mich endlich, wie es sich für einen Zeitgenossen gehört hätte, mit der Psychoanalyse zu befassen. Ich war ine eine Traumwelt hineingeraten, in eine fast lückenlos neurotische, regressive Welt, wie ich heute am Ende dieses Lernprozesses feststellen muß. Der Lernschritt, der nun erfolgen hatte müssen, war der Schritt vom Lehrer als Guru weg. Dies war nun aber nur mehr in Form der Entzweiung mit dem Lehrer möglich, denn der Lehrer hatte einen Narren an meiner sogenannten Unschuld gefressen. Wie sich jetzt herausstellte, war der Lehrer ein durch und durch zwiespältiger, wenn nicht sogar schizophrener Mensch. Denn auch er kultivierte seine Nachtseite; nach außen hatte er alles in einem geistesgeschichtlichen Gerüst verankert und damit relativiert, nach innen war er aber ein von den Mysterienlehren Besessener. Vor allem hatte es ihm die sogenannte libertinistische Gnosis angetan. Durch die Sünde, lieber Kollege, werden Sie wieder zu einem Menschen. Den Satz hatte er mir einmal als einen besonders unverdaulichen Brocken hingeworfen. In seinen unveröffentlichten Überlegungen kam die Phantasie des Menschenopfers häufig vor. Einen unschuldigen Eleven zu opfern, das war also für einen alternden Mann das höchste, befürchtete ich. Seine Gedanken kreisten auf einmal um die Kosmologie der Azteken, die er von anderen Dissertanten abhandeln ließ. Das Herausreißen der Herzen auf den aztekischen Stufentempeln entzückte ihn. Ich war mir nur selbst als einer vorgekommen, dem man die Augen verbunden hatte und auf das Herausreißen seines Herzens präparierte. Andererseits mußte ich mir sagen, dasß ich vielleicht hier übertrieb. Denn der Professor war ja nicht immer unironisch gewesen, obwohl sich der Spaß aufhörte, sobald der seine Person betraf. Mit sich ließ dieser Greif nicht scherzen; er zeigte keine Zeichen von Selbstironie. Andere hingegen hielten nicht nur für die ironische Belustigung her, sondern für Spott und Hohn. Es gab nichts, was der Professor nicht verhöhnte, außer eben sich selbst. Trotzdem konnte ich doch nicht einfach behaupten: der Professor will mich zugrunde richten, da hätte ich mich nicht nur lächerlich gemacht, sondern ich wäre ja als ein Wahnsinniger dann dem Institut erschienen. Obwohl mir oft zum Weinen zumute war, wie ein gequältes Kind hätte ich losbrechen können, und wenn mich dieser Professor dann gar noch getröstet hätte, vielleicht sogar berührt dabei, wäre ich ja in die totale Verzweiflung ausgebrochen, hätte geschrien und gegen ihn ausgeschlagen, wie eben der Eingefangene, der sich aus dem Netz herausreißen möchte, das jede seiner Bewegungen vor ihm selbst lächerlich macht. Das durfte ich schon gar nicht tun; ich durfte meine Selbstbeherrschung nicht verlieren. Heute erscheint mir das alles nur noch als grausames Spiel, als seelische Vergewaltigung, als Autoritätsmißbrauch von seiten des Professors. Ich hatte mich da an einen Menschen angehangen, der ein Unmensch war. Heute scheue ich mich nicht, das Wort auszusprechen, und ich bin nicht der einzige, der den Professor jetzt einen Unmenschen nennt, so furchtbar das für den Professor auch sein mag. Ich bestand ja nur mehr noch aus Scham. Verschmolzen war ich mit dem Mann, wie man etwa nach einer Frostnacht mit der warmen Hand an einer eisigen Türschnalle hängenbleibt. Ich war in die Schattenzone dieses irgendworin auch vorzüglichen Mannes geraten. Das alles zog erneut durch meinen Kopf, während nun das Objekt meiner Furcht mir gegenübersaß und in der Sonne seinen gebräunten Kopf wiegte. Seine Haare waren noch dicht und schwarz. Ich hatte die Beziehung zu ihm lange Zeit als etwas Heiliges aufgefaßt, hatte mich in die ungeschriebenen Gesetze der Männlichkeit gefügt, obwohl ich darin dauernd unterlag. Es gehörte dies Schmerzende wohl zum geistigen Ringen, so meine Lesart des Geschehens. Als ich nun aber hörte, daß auch andere an diesem Mann zugrunde zu gehen drohten, war ich dann doch alarmiert. Was, wenn er nicht seine Sinne beisammen hatte? Wenn es wirklich ein böses, ein tödliches Spiel war? Ich sah rund um ihn her Existenzen kaputtgehen; in gewisser Weise ging auch seine eigene Existenz kaputt. Sein jüngerer Bruder, den ich kannte und der in allem ihm entgegengesetzt war, der sich vor mir verneigte mit einer fast konfuzianischen Höflichkeit und vor dem ich mich ebenso verneigte, hatte sich auch von ihm losgesagt und ihn schlichtweg als einen Größenwahnsinnigen bezeichnet, mit dem er nicht mehr verkehren werde. Des Professors Assistent lief mit hochrotem Kopf im Institut herum und wußte nicht, wo und wie er seinen Dampf ablassen hätte können. Nachher bei den Doppellitern Wein vielleicht, wie meistens. Ich bringe mich noch um, äußerte er verschiedentlich. Es war das kein Spaß mehr, sagte ich jetzt zu mir. Das war gar kein Spaß, das war verbrecherisch oder wahnsinnig. Meine Freundin, von der er nicht wußte, daß sie meine Freundin war, schrie der Greif grundlos nieder, weil sie sich am Nachmittag, in der regulären Zeit, ein Buch in der Institutsbibliothek hatte ausleihen wollen. Dann wurde ich wieder beschwichtigt, daß das alles gar nichts sei im Vergleich zu anderen Instituten, die wirklich vor dem Zusperren standen. Ich sehe an den Geisteswissenschaften rundum nur in Lebensverzweiflung Stürzende. Dabei nannte man solche Fächer, wie sie der Professor lehrte, die Orchideenfächer, es waren doch die Humaniora. Und wirklich war der Vater des Professors der gestrenge Direktor eines humanistischen Gymnasiums gewesen, ein übrigens hervorragender Pflanzenkundler. Aber von Aristokratie konnte nicht die Rede sein, zu der sich der Professor immer rechnete. Er hatte einen grausamen Begriff von Aristokratie, das lief auf ein Herrenmenschentum hinaus. Auch ich hatte ein Bild von Aristokratie, von wahrer Geistesaristokratie, das aber ein sehr mildes gewesen war, wie es etwa in den Büchern von Hermann Lenz ausgestaltet vorlag. Aber ich war ja ein Kleinbürgersohn, das mußte ich mir von dem Greifen ständig vorhalten lassen. Meinem armen Großvater väterlicherseits und seiner Familie hatten die Nazis in Böhmen Steine nachgeschmissen, weil er ihre Versammlungen als Staatsbeamter der tschechoslowakischen Republik auf höhere Weisung hatte auflösen müssen. Er wandelte in der Ortschaft als einziger in einer mit goldenen Knöpfen versehenen, altertümlich pomphaften Uniform umher und löste die Veranstaltungen der sudetendeutschen Partei auf, in der Zeit ihrer Illegalität. Wie froh war ich, in meiner Familie, weder väterlicher- noch mütterlicherseits, irgendeinen Nationalsozialisten vorzufinden. Dabei war das purer Zufall. Ich faßte das jedoch als eine Art Adel auf. Das adelte eine Familie wahrlich, wenn in ihr keine Gewaltmenschen vorkamen. Das warf ein mildes Licht auf sie, das war eine innere Nobilitierung auch ihrer Nachkommen, wenn diese sich gleichfalls der Gewalt enthielten. Die Vorfahren waren allesamt nur kleine Bauern, Schneider oder Weber, selten Lehrer, bloß einer der Vorfahren mütterlicherseits, dessen Ölporträt über meinem Bett hing, war plötzlich zu einigem Reichtum gekommen, als die ersten Eisenbahnen in Deutschland vorübergehend mit Torf beliefert worden waren, und seine Felder hatten sich als ausgesprochen torfhältig herausgestellt. Dieser einfache, mit einem schwarzen Rock angetane feiste Bauer hatte dichte Fransen tief in die Stirn hängen; die Pupillen auf dem schadhaften Bild waren aber von meinen kurz hintereinander im Weltkrieg gefallenen Onkeln herausgekratzt worden, als sie noch Knaben gewesen waren. Man erzählte mir als Kind, jene Urgroßväter seien gerne unter Bäumen gesessen und hätten dort ihre Pfeifen geraucht, während die Kinder Geißen vor die Holzkarren gespannt hätten und mit diesen auf den Kieswegen umhergefahren seien. Auch seien die Mädchen dieser Familienlinie die ersten im Dorf gewesen, die Fahrräder besessen hätten, was damals noch vom Pfarrer als für Mädchen ungehörig empfunden worden sei. Einen Großonkel erschossen die Nazis in einem Marmorsteinbruch in nächster Nähe, und der rötliche Mannor sieht aus wie aufgeschlagener Beinschinken. Oft bin ich dort gewesen, habe mich niedergesetzt, die Marmorwand befühlt und dann mir sofort im Tümpel, der sich davor erstreckt, die Hände abgewaschen. Mein Bruder ließ es sich aber niemals nehmen, ohne Sicherung in den Marmorbruch einzuklettern, und ich hatte häufig deswegen Angst um ihn. Gerade in der Felswand, vor der der Großonkel liquidiert worden war, fand der Bruder die Griffe, die ihn ganz hinaufführten und ihn dann von oben das Areal überblicken ließen. Obwohl der Bruder einen Herzfehler hatte, war er physisch von uns Geschwistern das ausdauerndste. Er stemmte die Arme in die Hüften, so als hätte er für den Großonkel den Marmorfelsen auf alle Zeiten hin bezwungen. Zu Füßen des Felsens erstreckte sich noch immer ein militärisches Schießgelände, davor aber war der Tümpel, in dem ich mir regelmäßig die Hände wusch, nicht aber das Gesicht erfrischte. Durch eine hohe Betonmauer war das Truppenübungsgelände von dem Steinbruch abgeschirmt, der keine militärische Funktion mehr hatte. Obwohl aus dem Felsen Marmortafeln gewonnen werden, hat bisher niemand die Idee gehabt, dort eine solche Marmortafel zum Gedenken für die Liquidierten anzubringen. Wie denn auch. Die wäre ja im allgemeinen Rot des fleischigen Felsens untergegangen, sie wäre ja sozusagen Fels vom Felsen gewesen. So hat es also immer nur das unsichtbare Gedenken von uns Brüdern gegeben. Niemals hätten wir dort unsere Jausen ausgepackt und gegessen. Doch einmal schlugen wir am Felsen eine Sektflasche auf und tranken: am Jubiläumstag der deutschen Kapitulation. Wieso fiel mir das wieder ein, während ich mit dem Doktorvater auf dem Gipfelsims saß? Meine Gedanken zerstreuten sich, wie die Landschaft unter uns sich zerstreute und ihre Ränder von einem Nebel erfaßt wurden. Ich reichte dem Doktorvater wieder den Flachmann, den letzten Schluck vom Vogelbeer bot ich ihm an. Er winkte ab. Ja, ich hatte jetzt andauernd laut geredet. Der Doktorvater hatte meine ganze Geschichte jetzt mitvernommen. Es war wohl, wie wenn einer im Schlaf laut redete. Doch war jetzt zwischen uns gar keine Harmonie. Und das war auch gut so, war im Grunde nicht anders zu erwarten. Ich hatte ihm meinen Standpunkt klargemacht, erstmals übrigens, und ich wurde von dem Despoten nicht mehr unterbrochen. Er lachte mich an, doch ohne Sympathie. In diesem Lachen war keine Wärme. Dieser Mann war ohne Wärme, fiel mir nun auf. Ich habe einen ganz anderen Begriff von Männlichkeit, sagte ich. Ganz folgerichtig wurden meine Sätze. Wie in einem Theaterstück, in dem die Rollen vom Autor vorgegeben wurden. Sie haben meine Familie als kleinbürgerlich heruntergemacht, Sie Aristokrat, sagte ich nun, und es blitzte etwas Böses, Erwachendes in dieses Sie Aristokrat hinein. Es war jetzt so, als hätte ich plötzlich selber eine Klinge aus der Scheide gezogen, eine Klinge, in der sich die Abendsonne spiegelte. Es war ja doch ein aberwitziges Mantel- und Degenstück zwischen mir und dem Doktorvater, wie ich immer vermutet hatte. Einen anderen Geistesbegriff habe ich als Sie. Ich fasse das Philosophische ganz entgegengesetzt zu Ihnen auf. Es ist für das Philosophische besser, wenn man kein Philosophieprofessor wird. Ich bin ein Schopenhauerianer, Sie sind ein Hegelianer. Sie haben die Heerstraße der Geschichte im Sinn, ich die Seitenpfade, die Saumpfade. Wir hätten uns nie entzweien müssen, wir wären uns doch niemals in die Quere gekommen, rein fachlich, meine ich. Es ist also eine völlig überflüssige Tragödie, die sich da zwischen uns angesponnen hat. Unser bei der Denkweisen hätten sich sogar ergänzen können. Der Professor sagte nun scharf, er denke nicht daran, mir irgendwelche Zugeständnisse zu machen, was ich mir denn die ganze Zeit über eingebildet hätte. Jedes Wort von mir sei eine Beleidigung. Aber er schnauzte mich nicht an, das war auf dem Gipfel auch sinnlos. Ein schwarzer Vogel huschte vorbei, pickte einen Krümel auf und flog wieder ab, hinunter in eine Felsnische. Das Leben - so schnell huscht es vorbei, wie dieser Vogel vorhin, sagte ich. Sparen Sie sich den Kitsch. Herr Professor, ich hatte Sie verehrt. Nun hab ich's mir anders überlegt: ich will Ihnen nicht mehr gleichen. Ich kehre zur armseligen Handschrift meiner Eltern zurück. Den Duktus des Professors habe ich wieder in mir ausgebügelt, jetzt falte ich mein Linnen zusammen, wie das die Großmutter gemacht hat und lege es in den Schrank. Meine Leute sind nämlich gar keine so schlechten Leute gewesen, wie Sie, Professor, mir einzureden versuchen. Meinetwegen sind und bleiben Sie ein großer Mann. Aber so wie der schwarze Vogel von vorhin, so huscht auch die Größe vorbei, hinunter, ein flüchtiger Schatten nur. Ich denke jetzt, Professor, daß ich der Philosophische von uns beiden bin. Sie sind der Philosophieprofessor, ich der Philosophische; nicht der Philosoph, das wäre zu groß gegriffen, aber der Philosophische. Sie sind ja als ein Philosophischer vollkommen gescheitert, sagte ich nun zum Professor. Komplett gescheitert. Es komme nicht auf das Philosophische an, so der Professor. Das Philosophische sei auch nur dann von einigem Wert, wenn es von einem gereiften Mann ausgesprochen werde. Und das heiße: von einem resignierenden und tragischen Menschen. Nicht schöne Bilder gälte es zu produzieren, wie es die Dichter täten. Hegel habe gesagt, die Philosophie solle sich hüten, erbaulich sein zu wollen. Schopenhauer, der stolze Zukurzgekommene, hingegen hätte sich zurückgezogen und verkapselt und sein Körperliches ganz in den Kopf hinauf verlagert. Dieser Denker habe sich doch fortwährend nur selbst getröstet, weil ihm das Leben zu hart gewesen sei. Aber das ist nicht Philosophie. Philosoph sein heiße zuallererst: Mann sein, Bürger sein, ein männlicher freier Bürger, im Wettbewerb mit anderen männlichen freien Bürgern sein, im Agon sich befinden. Das Männliche und Bürgerliche habe den Vorrang gegenüber dem Rein-Philosophischen oder gar Dichterisch-Philosophischen oder gar erst dem Philosophisch-Dichterischen oder dem Rein-Dichterischen, welch letzteres die Krönung der Realitätsflucht sei. Und wenn man als Mann auf einen anderen Mann stoße, dann hätte man das anzuerkennen, so der Professor, und nicht daran herumzunagen, bis es nachgebe und zusammenbreche. Aber ich hätte mich gegenteilig verhalten: dem Schlag des Überlegenen sei ich ausgewichen und hätte mich im Hinterland der Bibliotheken mit dem Arsenal einer Belesenheit ausgestattet, das jeden zu Fall bringen könne, der noch etwas anderes tue als lesen. Das sei Zersetzung. Das sei ganz unzulässig. Ich hätte als Mann versagt und dann hätte ich mir die Hülle des Philosophen und des Dichters besorgt und mich darin unverletzlich gemacht. Wenn ich von Verletzungen spräche, dann wären das nur mehr noch gestrige und vorgestrige Verletzungen, aufzählbar an zweimal fünf Fingern. Ich sei eine Maschine geworden. Was er, der Professor, zeige, sei die alte Manneshärte, der Mannesadel, was ich hingegen zeige, sei etwas Neutrales, Unmännliches, ich sei nichts als ein sensibel reagierender Kunststoff. Früher sei ich ja wirklich ein junger Mann, fast noch ein Knabe gewesen, der der Haut ermangelte, heute hingegen sei ich nur noch Haut. Und aus dieser Haut heraus würde ein Rachegeist agieren, ein nur noch aus Haß- und Minderwertigkeitsgefühlen heraus agierender elastischer Nukleus würde seine tödlichen Geschoße abwerfen: Pollutionen des Ressentiments. Eine Tödlichkeit hätte ich mir nun angeeignet, in zehnjährigem, isoliertem Studium. Eine Giftspritze sind Sie geworden, weil Sie nicht damit zufrieden waren, bloß mein Schüler zu sein. Eine Giftspritze auf eigene Faust. Ich hätte mich gegen ihn, den Professor, zusammengenommen und mich zu einer Festung gemacht. Ich sei ja jetzt noch viel mehr ein Nichts als früher; früher sei ich ein schüchternes, jetzt dagegen ein sich erfrechendes und mit Hunderten, ja Tausenden von Fußnoten ausgestattetes Nichts geworden. Ein Nichts ziehe gegen ihn die Klinge. Wo ist denn Ihr Wesen? fragte der Professor. Wo denn? Ich sehe nichts. Ich sehe keinen Mann vor mir. Nichts, was einen Schatten zu werfen imstande wäre. Keine Liebesgeschichte, keine Erwerbsgeschichte, keine Lebensgeschichte, nichts. Ein Haufen von Notizzetteln sei ich, sonst nichts, ein Haufen von Abgeschriebenem und Schlechtverdautem, Erbrochenem sei ich, bloß die Kotze und das Gekritzel des Geistes, denn der Geist sei von einem wie mir nicht zu verwerten. Jedes Wort an Sie ein verlorenes Wort, jedes Wort über Sie ein Wort über einen unnützen Gegenstand, den man dadurch nur aufwerte. Ja, ich wußte, wieso ich Sie nie zurückgrüßte, wenn Sie mich grüßten! Mit dem Nichtbeachten Ihres Grüßens hatte ich Sie im Griff. Ich konnte Sie stets auf einem bestimmten Pegelstand halten, über den Sie nie hinausgelangen konnten. Sie zappelten mir im Netz. Sobald Sie das Institut betreten hatten, waren sie ein Eingeschüchterter, und ich hatte das bewußt so arrangiert. Immer dachten Sie, es läge vielleicht doch an Ihnen, an Ihrer Überempfindlichkeit. Nein, ich selbst hatte die Fallstricke ausgelegt, Sie waren im Labyrinth. Es war das Tragische unserer Beziehung. Wir töten, was wir lieben, kennen Sie den Satz? Er stammt von Oscar Wilde. In gewisser Weise waren Sie tatsächlich mein Lieblingsschüler. Das einzige, was Sie korrekterweise hätten tun können, wäre gewesen, sich von mir opfern zu lassen. Sie durften mir gar nichts entgegenstellen; Sie hätten sich sonst künstlich aufblasen müssen vor mir, und ich hätte Sie mit einem einzigen Nadelstich zerplatzen lassen. Stattdessen ergriffen Sie das Hasenpanier. Mich wundert noch heute, wie Sie die Kraft dazu aufbrachten, mich zehn Jahre lang zu meiden. Sie waren doch schon hörig gemacht. Ich war mir ganz sicher, das an Ihnen bemerkt zu haben. Und dann waren Sie verschwunden, einfach so. Ohne Begründung. Das war eine Beleidigung für mich. Keine Kränkung, eine Beleidigung. Ich hatte irgendetwas nicht richtig kalkuliert. Bei Ihnen ist mir ein Kalkulationsfehler unterlaufen, sonst säßen Sie jetzt nicht hier und könnten mich nicht so herausfordern. Manchmal denke ich, Sie seien ein Nichts, dann aber wieder, Sie könnten mein Herausforderer sein, nach langem mein erster Gegner, ja mein Tod. Vielleicht hat mich an Ihnen irritiert, daß Sie das Antlitz meines Todes haben. Und auch ich muß ja vice versa für Sie das Antlitz des Todes haben. Denn was ich über Sie sage, sage ich auch über mich, indirekt. Jetzt in dem Moment glaube ich gar nicht, daß eine Rivalität zwischen uns besteht. Sie ist plötzlich verschwunden; sie kommt immer nur in Böen. Es wird Ihnen doch auch so gegangen sein, daß Sie nur schübeweise an mir litten, daß es Windstöße waren mit einer unheimlichen Stille danach. Es gab dann plötzlich die Leere. Eine Leere, aus der heraus ich auch jetzt spreche. Es ist ja auf einmal gar nicht die Männlichkeit, die ich habe und Sie nicht. Sondern das Privileg auf die Leere ist es, das Sie mir streitig machen. Sie drohen, mir das Nichts zu entreißen, und davor habe ich panische Angst, auch ich als der Professor, den Sie so hysterisch fürchten, gegen den Sie so allergisch sind. Wir reißen uns schon andauernd um dieses Nichts. Wenn Sie sagen, Sie hätten sich von mir wie von einem Vampir angezapft gefühlt, dann hatten Sie doch einen Horror vor dem Nichts, das ich in dem damaligen Moment in meiner Gewalt hatte. Wir balgten uns die ganze Zeit um dieses Nichts, um den Besitz dieser negativen Macht, um diese Geheimwaffe, mit der wir den anderen lähmen und abhängig machen können. Es waren ja keineswegs meine Kenntnisse und meine Schriften, die mich so mächtig machten. Schon eher waren es die Qualifikationen und Titel, war es das Amt, das ich als Schutzschild verwenden konnte. Ich bin immer oben gesessen und habe auf Sie herunterschauen können, das war mein Vorteil. Aber das war nicht der eigentliche Grund. Der eigentliche Grund war der, daß da nichts war. Das klingt paradox. Das Nichts breitete sich zwischen uns aus, und immer dann, wenn Sie mir verhängnisvollerweise Vertrauen schenkten, griff ich mit vollen Händen nach dem Nichts und steckte es so hastig wie der Bankräuber die Geldscheinbündel in meine Taschen ein. Auch in den kurzen Redepausen, die ich jedesmal machte, wenn ich Sie mit meinen düsteren und für Sie nicht verständlichen Weisheiten überflutete, nutzte ich die Gelegenheit und schluckte einatmend mit der Luft das Nichts hinunter. Außerdem lauschte ich, wie das Gesagte in Sie hineingluckste und in Ihnen hinuntersickerte. Meine Lungen und mein Magen waren angefüllt mit dem Nichts; ich hätte beinahe schon aufschweben können wie ein Ballon, so sehr stopfte mich das Nichts aus. Durch Kettenrauchen hielt ich die Balance, durch den Alkohol machte ich mich schwerer. Sonst wäre ich Ihnen davongeschwebt. Das war keine tänzerische Leichtigkeit, nein. Sondern ein Aufgepumptwerden, gar kein gutes Gefühl. Und Sie fühlten sich ausgepumpt, ausgetreten wie ein leerer, schlapper Schlauch. Auch kein gutes Gefühl, gewiß nicht. Das Nichts war für mich der Sauerstoff, und meine Monologe waren das, was ich ausatmete, der Erstickungsstoff. Deshalb verhielten Sie sich als Schüler auch so pflanzenhaft, damit Sie nicht sogleich ersticken mußten bei diesen Monologen. Aber Sie, als mein Schüler, hatten doch auch profitiert: Sie machten einige Zeit hindurch ebenso wieder Schüler; immer waren Sie von einem ganzen Schwarm von Fans umgeben. Sie imitierten mich, wenn ich abwesend war, und mit Erfolg. Sie schrieben einige Zeit in meiner Handschrift. Sie machten sich mir ähnlicher und ähnlicher. Nur gegen mich selbst konnten Sie freilich mit der Methode nicht an. Plotin hätte gesagt, daß das die Emanationen seien. Sie waren als mein Schüler eine Weiterverzweigung von mir, und Ihre Schüler wären wieder Abzweigungen von Ihnen geworden und so fort. Aber auf einmal wollten Sie nicht mehr. Es ist, wie wenn eine Tradition abbräche, ein Stammbaum abstürbe. Sie sind ein toter Ast auf meinem Baum geworden, den man abbrechen muß. Sie haben in den vergangenen zehn Jahren mein Werk an Ihnen rückgängig gemacht. Mein Magnet zieht bei Ihnen nicht mehr an. Sie werden sich nun als Schriftsteller in der Horizontalen weiterbewegen statt in der solaren Vertikalen. Sie haben die Welt des Begriffs mit der Welt der Lüge vertauscht. Begrünen Sie nur Ihren Seelenplaneten mit der Lüge: sie wird wuchern und wachsen. Lassen Sie nur das Leben in Ihnen von vorne beginnen: während es in mir doch schon lange durchschaut worden und zu Ende gekommen war. Vergessen Sie zweieinhalbtausend Jahre Kulturentwicklung. Sie sind in den alten Trott zurückgefallen. Das wäre, wie wenn jemand nach Hunderten von Jahren Metaphysik, zum Beispiel in Indien, auf die Frage: Was ist das Substrat? antworten würde: Der Subkontinent, die Landschaft, die Flüsse. Mit einem Handstreich ist dann das Philosophische weg; stattdessen haben wir wieder das Hunderttausenderlei des Empirischen. Den Alltag. Das Profane. Sie hatten nicht unrecht, Ihre Lehrzeit bei mir als Initiation zu verstehen. Sie sind als Papageno entlassen. Gescheitert. Auch Sie. Nennen wir es das Philosophische, das Männliche, das Tragische, den Spaß, das Heilige, das Profane, das Substrat oder die Potenz, das Eine oder das Mannigfaltige: das sind Spielsteine zu einem Spiel, das uns alle miteinander, die wir an dem Spiel teilgenommen haben, letzten Endes als Gescheiterte zurückläßt. Der Professor machte eine Pause, und auch ich hatte nichts zu erwidern; doch mit dem Kopf nickte ich diesmal nicht - vielleicht, weil ich mich mit dem Rücken am Gipfelkreuz anlehnte. Der Professor stand auf, holte das Gipfelbuch und schrieb etwas hinein. Eine Frage hätte ich noch. Bitte, fragen Sie. Wer war Ihr Verführer? Wer machte Sie zu dem, der Sie heute sind? Darüber gebe ich keine Auskunft. Ich kenne nämlich ein halbes Dutzend sogenannter geistiger und künstlerisch arbeitender Menschen, aber auch ein halbes Dutzend vollkommen gescheiterter Existenzen in dieser Stadt, die genau Ihre Sprache sprechen, die genau Ihre Gestik haben, aufs genaueste in Ihrer Handschrift schreiben, die übrigens auch Ihres Alters sind. Und ich frage mich, ob es dafür nicht eine gemeinsame Quelle geben könnte. Eine geheime Schule gewissermaßen, einen Schwarzen Befruchter. Es klingt wahrscheinlich verrückt, aber ich forsche dennoch nach diesem Urheber, hinter dem natürlich wieder ein anderer Urheber steckt und so weiter. Es gibt in dieser Stadt ein spezifisches Dutzend von Greifenmenschen, zur einen Hälfte erfolgreich, zur anderen Hälfte zerbrochen, und diese Greifenmenschen gehören ganz unverwechselbar zu dieser Stadt. Ich erkenne sie auf den ersten Blick. Und in einer anderen Stadt gibt es natürlich auch manchmal Greifenmenschen, aber sie haben dann das Gepräge der anderen Stadt, eine andere Spezifik. Wer war Ihr Vergewaltiger? Das würden Sie gerne wissen, murmelte der Greif. Dieses Geheimnis nehme ich mit mir. Es war dunkel geworden, an einen Abstieg in der Nacht war nicht zu denken. Übrigens, grübeln Sie darüber nicht nach, sagte der Greif, Sie werden sonst noch wahnsinnig über dem Problem. Erinnern Sie sich noch daran, lieber Kollege, wie der Präsident der chinesischen Akademie der Wissenschaften in unserem Institut einen Gastvortrag hielt? Das ist jetzt über zehn Jahre her. Da entstand doch beim Ausgang zur Marmortreppe das Problem, wer nun wem den Vortritt zu lassen habe. Der Chinese als der prominente Gast, ich als der Gastgeber und Sie als der einzige Hörer, kaum zu glauben, aber Sie waren damals der einzige Hörer, standen bei der Tür. Die war so eng geschnitten worden, daß immer nur einer durchgehen hatte können. Der Chinese, dieser alte Konfuzianer, weigerte sich, als erster durch die Tür zu gehen. Aber auch ich hätte mich kompromittiert, wäre ich als erster gegangen. Sicher über eine Minute lang haben wir einander hinauszukomplimentieren versucht. Schließlich lösten Sie als der Neuling den Gordischen Knoten und schritten unaufgefordert zwischen uns beiden hindurch. Wir waren alle erleichtert, endlich hinauszugelangen; doch das geschah um den Preis, daß Sie nun auf der Treppe von uns beiden flankiert wurden. War es Ihnen nicht, als ob Ihnen Flügel gewachsen wären? Spürten Sie nicht die Überlappung der magischen Kreise? Merkten Sie nicht, wie Sie binnen Sekunden zum Greifen auswachsen hätten können? Jetzt aber, sagte der Professor schneidend und sprang auf, lassen Sie mir doch einmal den Vortritt! Und er machte einen kräftigen Schritt in den Felsabgrund hinunter; ich hörte ihn in nächster Nähe noch zwei-, dreimal kurz hintereinander am Felsen aufschlagen, zuletzt nichts mehr, keinen Aufprall. Auf so ein Ende war ich am allerwenigsten gefaßt gewesen. Unmittelbar danach breitete sich in mir vollkommene Ruhe aus. Ich nahm den Selbstmord des Lehrers mit großer Fassung hin. Dann aber, nach einer halben Stunde, setzte ein Zittern ein; vielleicht war es auch die Kälte, die mich zittern ließ. Dieses Zittern war so konvulsivisch, daß es mich nun selbst in Gefahr brachte. Unter Aufbietung meiner letzten Kraftreserven band ich mich mit dem Bergseil am Gipfelkreuz fest. Auf solche Weise überstand ich, ohne ein Auge zu schließen, die Nacht. Am nächsten Morgen waren zwar meine Glieder schwer, aber das Zittern hatte aufgehört. Bevor ich mich zum Abstieg rüstete, wollte ich mich für alle Fälle im Gipfelbuch eintragen. Ich schlug es auf, da stand noch vom Vortag ein Zitat vom Professor, in seiner Buchstaben für Buchstaben setzenden Handschrift, die ich vordem so oft zu imitieren gesucht hatte: Diese Welt, die Mördergrube, / Voll von Löw- und Tigerkatzen. / Siehe, wie du ungezaust / Kommest zwischen durch die Tatzen / (al-Hariri, übertragen von Rückert). Der Professor hatte sonst nichts hineingeschrieben, auch keine Unterschrift. Ich hingegen setzte jetzt nur das Datum darunter und unterfertigte. Es war wie beim Abschluß eines Bündnisvertrages. Dann machte ich mich an den Abstieg und achtete dabei auf meine Tritte.
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Weitere Texte des Autors, Kontaktadresse und Kurzbiographie:

http://www.aurora-magazin/autoren/bio_hodina_frm.htm


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