...


Molly und Dolly

Oder: Ein Selbstwächter nimmt im Vereinshaus Aufstellung,
um die Trauerarbeit aufzuschieben.

Von Peter Hodina
(01. 02. 2007)



Peter Hodina
(
peterhodina@hotmail.com), geboren 1963 in Salzburg. Studium der Theologie, Philosophie, Politikwissenschaft und Publizistik in Salzburg. Lebt und arbeitet als freier Autor in Gallneukirchen (Österreich) und Berlin.

Preise u.a.

Harder Literaturpreis
(2000). Förderpreis der Rauriser Literaturtage (2004).

Veröffentlichungen u.a.

Die Meuterei der Lemminge, Essay (Hecht-Druck, 2001).

Aurora-Homepage

Peter Hodina

 

 


 

    Tomi Ungerer vielleicht. Dem Dreckstod einen Tritt verpassend. Dreimal auferstanden aus dem Koma und der Zukunft. Meine beiden Blondschöpfe sind innerhalb von 88 Tagen aus der Welt. Meine beiden Engelsflügel abgehauen. Ich krame nach Sobek. Dem Krokodilchen aus dem Ägyptischen Totenbuch. Oder gleich mache ich mich als Die Fresserin namhaft. Flußpferdbäuchig mit Kroko-Rachen.

Der toten Seele wird angeraten, vor den Jenseitsrichtern mit dem schlechten Mundgeruch, vor diesen hässlichen Pavians-Schöffen, keine zögerliche Figur zu machen und freimütig zu erklären, man selber, wenn vielleicht zu Lebzeiten auch ein fauler, geiler Schweinehund, sei Osiris oder Re. Nur mutig da hinein, am Anubis vorbei. Und vielleicht döst die Fresserin gerade oder rememoriert den Inhalt eines der großen Weltblätter vom Vortag.

    Mubarak. Ob wir wenigstens gefickt hätten oder uns den einen oder anderen heruntergewichst. Fragt der gemachte Drehbuchautor aus dem Osten, der mich zu einem von ihm selber bereiteten Festmahl einladen will. Ich weiche der Antwort aus. Das wohl schon, sage ich, und lüge. Was überhaupt das Verzeichnis meiner Werke sei, er zählt indessen seine auf: die stolze Bilanz. Ein professioneller Autor; ich muss nach meinem Kleingeld kramen, um ihn wenigstens einzuladen. Er schwimmt in einer gewissen fetten Unwonne, Wärme dünstet er aus.

Falk setzt sich zu uns hin. Doktor Falk und haut uns eine komische Theorie um die Ohren, die ich schon wieder komplett vergessen habe. Er heißt auch nicht Falk, sondern irgendwie unwahrscheinlich germanisch. Verabschiedet sich mit Heil!, ist aber ein Linker, meint er. Ich sitze jetzt schon mit zwei Toten da. Mit einem betrauerten, mit einem kaum betrauerten. Die Flügel sind ab. Der erste Flügel, der flaumigere, hing mir von den Schultern wie eine heruntergerissene Federboa. Das Debütantenballkleid meiner Stieftochter hängt wieder in der weißen Hülle mit der dezenten Aufschrift BRAUTMODEN. Veltliner in sich hineinsüffelnd, ist sie im Abgang aus dem sogenannten Vereinshaus auf den roten Teppich gekippt. Gefallener blonder Engel. Speibt dann das Auto auch noch voll.

    Mein eigener erster Ball, mit Mühe stelle ich mir einen dunklen Anzug zusammen. Absolutes Jeansverbot. Unter meinem Hugo-Boss-Blazer, der am Rücken zerknittert ist, trage ich die schwarze Jean. Schlüpfe in schwarze Lackschuhe, die ich einmal auf der Oberbaumbrücke fand und in denen ich immer schnell blute. Vom Reginavater das weiße Hemd, eine weinrote Seidenkrawatte, einst billig wo erstanden, seit 20 Jahren nicht mehr getragen. Das weiße Hemd in die Jean hineingestopft. Gucci-Brille aufgesetzt, die immer vorrutscht auf der glänzenden Nase. Vorher Überpuderung der Nase unter Vermeidung der Überpuderung des Hemdes. Man wird mich im Vereinshaus immerzu lächelnd sehen. Die Schultern des Sakkos sind ausgepolstert, und ich wirke unauffällig breitschultrig, stämmig. Hinter mir glänzt eine Messingtafel mit der Aufschrift BLAUER SAAL.

Ich stehe irgendwie wie ein Museumswächter da, wie ein Museumswächter ohne jede Erklärungskompetenz. Wo der seine Gedanken hat, weiß man nicht. Ob er etwas denkt oder nur mit der Wahrung des Scheins seiner Unauffälligkeit beschäftigt ist. Er denkt vielleicht irgendetwas Sexuelles sich aus. Ob dieses Sexuelle nach außen kommt, ist die Frage. Der Wächter ist eine Flasche, sein Kopf der lustige Stöpsel drauf. Richtig eingeschätzt, wäre er wohl im besten Fall eine solche Gestalt im Berufsleben geworden. Die Fresserin, als die er sich vor Kurzem noch gefühlt hat, die Fresserin aus dem Totenbuch ist er nicht, und auch zu den Richtern mit dem schlechten Mundgeruch passt er nicht. Er kaut einen Pfefferminzkaugummi. So weit reicht seine Vorsorge.

    Die Jungmänner rundherum sind so männlich, dass sie sich um die Damen in Weiß nur nach Vorschrift kümmern wollen. Es scheint ja überhaupt an den Leuten kein sexuelles Interesse aneinander bemerkbar, denkt der Wächter unter dem Messingschild. Dem blankpolierten. Der Selbstwächter. Denn er ist hier nicht angestellt, sondern hat sich selbst aufgestellt. Unter das Schild. Das Schild glänzt, das Gesicht des Wächters glänzt, ohne dass Schweiß ausdrücklich perlt. Wie jetzt vom Tennis spielenden Onkel Walter mit der rosaroten Krawatte, der gerade von der Quadrille zurückkommt. Dem rinnt der Schweiß aufs Tischtuch, Veltliner wird nachbestellt. Kostet rund 30 Euro, wird in einen Sektkübel gestellt. Flasche mit Drehverschluss. Keine Entkorkungsprozedur.

Der Gucci-Brillenträger ist inzwischen im Herrenklo, justiert sich, die Frau wird ohnedies noch an ihm zupfen. Schwarzlicht werde herrschen im Blauen Saal, lautete die Befürchtung, und jedes Flaukerl, Flunserl, jeden Fussel werde man sehen. Er trage ja eine ganze Galaxis von Partikelchen auf seinem Blazer herum. Der Kopf ist nicht, wie befürchtet, hochrot. Trotzdem: "Du siehst alt aus", sagt die Frau, die den Wachmann fotografiert mit der Digitalkamera. Sie fotografieren sich gegenseitig und gefallen sich nicht. Löschen sich wieder aus.

    Der Wächter hat die Tanzschule stets verweigert. Als Einziger nicht in der Tanzschule gewesen. Das wäre die Tanzschule Moll damals in Salzburg gewesen oder die Tanzschule Bärthlein. So wie am Friedhof Blumen Doll war eben tanzbetreffs Tanzschule Moll angesagt. Doll und Moll. Dolly und Molly. Die daraus resultierende Manierenunsicherheit der Fresserin, die das Maul jetzt schon länger nicht aufmacht im Vereinshaus. Im PALAIS KAUFMÄNNISCHER VEREIN, wie es genau heißt hier. Es ist überhaupt gar niemand unartig hier bekleidet. Es herrscht Perfektion. Auf der Treppe stehen die Paare. Ein Mädel sieht aus in ihrem seidenen Ballkleid wie eine Leberwurst, die Arme. Die von vielen sicher beleidigte Leberwurst, die man dann später einfach die beleidigte oder eine beleidigte Leberwurst nennen wird, wie ich fürchte.

Der Wächter vorhin – bin ichs gewesen? Wie schnell kann es gehen, und du stellst dich irgendwo, zum Beispiel in einem Palais Kaufmännischer Verein, das als altehrwürdig gilt, als Wächter auf und zwar regelmäßig. Du wirst dein Erbe plündern, dich herausputzen und bei jedem Ball, der dort stattfinden wird, dich unter die Messingtafel BLAUER SAAL stellen. Dann wird es vielleicht einmal funken. Du beziehst dort Aufstellung, als hättest du dort eine Anstellung. Es wird in ein paar Jahren zumindest funken, irgendetwas. Du wirst sicherer werden, und einmal. Ja einmal. Es kann nicht anders sein. Eine wird kleben bleiben. Oder einer wird kleben bleiben. Vielleicht vom professionellen Wachpersonal. Ein bulliger, lieber. Mit einer leichten Spannung in der Hose. Ein Hobbymuskelbilder. Oder eben die Dame kommt, die etwas derangierte, hakt sich unter: "Begleiten Sie mich!" und stolpert dann auch über den roten Läufer, gespielt oder nicht gespielt. Eine oder einer wird an dir kleben bleiben, wie die Planetenbildung in der Galaxie vonstatten ging. Ein Bröcklein wird deinem Bröcklein schon gemäß der Gravitation ankleben und weiterreisen durch den Raum. Oder du selbst wirst in irgendwelche Arme stürzen, aber wie soll das zugehen? Andererseits…

    Eine oder einer wird kleben bleiben oder du wirst eine geklebt bekommen, zum Beispiel von einem echten Wächter, der auf einmal erkennt, dass du ein falscher, selbsternannter Wächter hier bist, ein Selbstwächter. Doch in deiner Selbstbewachung bist du zuverlässig, wie sollte da eine undichte Stelle sein. Du hast doch hundertmal geprüft, ob dein Hosentürl zu ist, bevor du dich da hinausstellst. Du mampfst das Sandwich ganz dezent. Du kaust Peppermint. Du stinkst unbestimmt, unauffällig. Molly und Dolly. Die Gemeinen, Überlegenen haben das immer schon an dir, in dir gesehen: den Selbstwächter, der ja sonst kaum was im Hirn hat.

(Ausdrucken?)

....

 

=== Zurück zur Übersicht ===