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Ein Traum

Von Peter Hodina


...   Ein Traum: Ich soll eine Lesung halten in einer Gemeinschaftsmoschee zwischen Muslimen und Juden. Ich sage nicht "Synagoge" zu diesem Backsteingebäude, eher ist es eine Moschee ohne Minaretts. Ein riesenhaftes, ungemütliches, innen hallenhaftes Gebäude, in dem einzelne Touristengruppen herumgehen. Überhaupt keine Bewachung ist sichtbar, dabei waren schon mehrere Brandanschläge verübt worden. Als ich gerade die Anlage betreten wollte, landete neben mir eine Fallschirmspringerin, die für irgendeinen weltlichen Artikel warb.

Und dann diese Lesung! Ich war angekündigt worden als einer der "Besten", doch nur ein Schulklassenzimmer voll Leute erschien. Der mich Einladende hatte eine hohe Stimme, wie wenn er nie einen Stimmbruch durchgemacht hätte, ansonsten eine angenehm bullige, lockenköpfige Erscheinung. Mehrere alte, literaturbeflissene Damen.

    Und wie patzte ich bei dieser Lesung! Ich hatte eine Mappe mit losen Zetteln und Literaturzeitschriften dabei, einen ganzen Packen. Aber ich blätterte und blätterte und fand keinen geeigneten Text zum Vorlesen. Außerdem hatte sich meine Kurzsichtigkeit plötzlich so gesteigert, daß ich die Zettel immer ganz nah ans Gesicht halten oder mich zu ihnen hinunterbeugen mußte. Es zerfiel mir diese Lesung unter der Hand.

Nach kürzester Zeit standen die meisten schon auf und gingen. Obwohl ich redete, ich redete ein Stück Literatur, es war gar nicht so übel, was ich da redete, ich redete vom Verlorenhaben, Verlorensein, vom Verlorenhaben der Texte (oder besser einstweiligen Nicht-finden-Können), vom Verlorenhaben meiner selbst, von meinem Verlorensein und dem Verlorensein des Menschen an sich auf dieser Erde, es war aber kein Predigen. Hier saß einfach ein nicht mehr so junger Autor und kramte in seinem Zeug herum und redete dazu. Selbst in den Literaturzeitschriften waren meine Texte nicht mehr zu finden. Ich wollte schnell einen der bewährtesten Texte vorlesen, damit mir nicht alle Leute davonliefen. Er ließ sich nicht finden. Es war verhext. In den mitgebrachten, von mir ausgewählten Zeitschriften standen auf einmal meine Texte nicht mehr drin.

Lenzmann, der auch anwesend war, wurde unruhig. "Hör’ auf!", schien er mir fast hektisch zu bedeuten, "du blamierst dich, du blamierst uns. Du, ich habe nachher hier ein Vorstellungsgespräch. Laß es doch bleiben, wenn du dich nicht vorbereitet hast." Aber ich war doch vorbereitet!

     Nun bot ich das Schauspiel eines schusseligen Autors, der seinen Text nicht vorliest, sondern redet. Nüchtern wie Prosa, aber dabei brüchig, zart, trotzdem mit eher fester Stimme, dann wieder länger phrasiert, sogar irgendwie noch ein Kunstgebilde, existentialistisches Literaturgebilde. Ein etwas hingeräusperter Sprechtext eines erwachsenen Mannes zur "condition humaine", ohne Bedrohlichkeit, ohne Verbindlichkeit, nur ein verlegener, in sich zirkelnder, erst allmählich ausbrechender Versuch. Jeder Vorstoß zugleich eine vorsichtige Selbstzurücknahme, doch zwei Schritte vorwärts, einer nur zurück. Es ging schon voran, wenn man es hätte hören wollen.

Einige Leute waren erstaunlicherweise wieder zurückgekommen, aber begeistert war niemand von meiner Darbietung. Einmal sah es aus, als blieben mir nur drei, vier, vielleicht auch nur noch zwei getreue Zuhörer. Wie schnell die Menschen gehen, sich von einem abwenden, das war erstaunlich! (Dabei hatte ich felsenfest versprochen, daß die Texte noch kommen würden, ich hätte sie ja dabei, ich sei sogar zunächst ausgezeichnet vorbereitet gewesen, hätte nichts unterwegs verloren, "aber mich vielleicht...".)

    Ich rappelte mich nicht auf. Es fand sich kein geeigneter Text. Alle Texte – selbst die vormals eigenen – waren nicht mehr von mir (oder gefielen mir ganz einfach nicht mehr). Ich hätte gerne dem angenehm Bulligen gefallen, aber er war leider als einer der ersten enttäuscht gegangen. Wie es dann noch weiterverlief, weiß ich nicht, weiß niemand. Die Sonne weckte mich auf, blendete mir ins Gesicht.
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Weitere Texte des Autors, Kontaktadresse und Kurzbiographie:

http://www.aurora-magazin/autoren/bio_hodina_frm.htm
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