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Namensvetternschaft
...Von Peter Hodina


...  Was konnte der Schüler Guggenberger dafür, daß er der Zweitgrößte in  seiner Klasse war und der Zweitbeste obendrein, letzterer im übrigen anstrengungslos, ohne jede Streber-Mühsal; körperlich zum Zweitgrößten wurde man ja nicht durch Anstrengung, so viel darf als physiologisch bekannt vorausgesetzt werden. Guggenberger war ein Kasten von einem Jungen, ein ausgezeichneter Ringer im übrigen, Teilnehmer von Knaben-Landesmeisterschaften im Ringen griechisch-römischen Stils. Schwarzhaarig, die Haare wie ein Wiesenstück, frech und eckig; ein munterer Bursche.

Was konnte nun dieser grundgutmütige Guggenberger dafür, daß in die Schulklasse, der er angehörte und in der er wohlintegriert zum Beispiel seine Jausenbrote verzehrte (ihm angemessene Jungen-Jausenbrote mit dicken Emmentaler-Käsescheiben), nunmehr ein neuer Schüler eingemeindet wurde, ein in allem ihm entgegengesetzter kleinwüchsiger und schwächlicher, obendrein unsympathischer und wie sich bald herausstellen sollte: streberischer Typ, der fataler- und freilich zufälligerweise Unterguggenberger hieß.

    Schon seines Namens wegen, doch zusätzlich noch seines tatsächlich dem Guggenberger in jeder Hinsicht unterlegenen Naturells, mußte sich der Schüler Unterguggenberger dem Schüler Guggenberger untergeordnet fühlen, wie ein Unteroffizier dem Offizier usw. Anfänglich hatte, wegen der äußerlichen Verschiedenheiten der beiden Jungen, keiner auf die Verwandtschaft der beiden Namen geachtet, mit Ausnahme des Unterguggenberger selbst, der sich sogleich, als er Guggenbergers ansichtig wurde und ihn namentlich identifizieren konnte, in diesen wie in ein Stück Holz verbiß — und das sollte ein Leben lang so sich fortsetzen.

Durch die Namensverwandtschaft wurde Unterguggenberger innerlich dazu gezwungen, sich an dem ihm so unähnlichen Guggenberger naturdämonisch festzubeißen, der ihm nichts getan hatte und der nie die Absicht hatte, ihm etwas anzutun. Guggenberger war eine Frohnatur, und er hatte immer glückliche Hemden an, gebügelt, reinlich, mit stets, sommers wie winters, freundlich geöffnetem Kragen. Er hatte einen muskulösen fleischigen Knaben-, ja bereits Halbwüchsigenkörper, ohne Behaarung, während Unterguggenberger schmächtig, also leptosomen Typs war und jetzt schon haarig wie ein Schimpanse. Daß Guggenberger zusätzlich noch über blaue Augen verfügte, erhöhte seine Pracht. Unterguggenberger hingegen hatte keine nennenswerten Augen; sie zu erwähnen, wäre überflüssig, wären nicht die blauen Guggenbergers dagewesen.

     Niemand ahnte, daß Unterguggenberger an nichts anderes mehr denken konnte, als gegen den Guggenberger mit Gewalt loszubrechen; doch wie hätte das geschehen können. Er wäre ja immer nur der Schwächere gewesen. Dem Feind mit dem Zirkel die blauen Edelstein-Augen auszustechen, dachte Unterguggenberger grimmig während der Mathematikstunden, wenn er einen Graphitkreis in sein kariertes Schulheft hineinzeichnete. Wenn Guggenberger, die gute schöne Natur, seine Jausenbrote mit dem größten Genuß verzehrte, mit jenem unproblematischen unangefochtenen Jungengenuß, dann empfand dies Unterguggenberger sogleich als Verhöhnung seiner dürren, schmalen und affenhaft behaarten Person; ja Unterguggenberger bildete sich ein, daß Guggenberger seine Brote gegen ihn, Unterguggenberger, regelrecht genieße. Er bildete sich ein, in Guggenberger einen Menschenfresser vor sich zu haben, der ihn, den kleinen Schimpansen, schmatzend verzehrte, zusammengepreßt in den gelben schmierigen Daunen des Emmentalers, zwischen den knusprigen, knirschenden Broten.

Die Lebenstragödie des Unterguggenberger wäre wohl geringer ausgefallen, zu geringerem Schaden für ihn, wäre er nicht durch die Namensverwandtschaft an diesen ihm in allem entgegengesetzten Jungen gekettet worden. Schließlich steigerte sich Unterguggenberger in die Wahnidee, Guggenberger würde ihn am Weiterwachsen hindern. Wer hat, dem wird gegeben, hieß es in der Religionsstunde, und Guggenberger hatte. Hatte Schönheit, Muskulatur, Käsbrote. Daß sich der Neid gegen diesen glücklichen Sohn der Erde noch verstärken mußte, war mit dem Eintritt in die Geschlechtsreife der beiden vorhersehbar. Es muß jedoch bemerkt werden, daß sie nicht beide zugleich geschleichtsreif geworden waren. Hierbei hatte Unterguggenberger einen Vorsprung gegenüber dem immer noch wenigahnend von solchen Dingen weiterhin seelenruhig käsbrotverspeisenden Guggenberger aufzuweisen. Also hatte genaugenommen auch Unterguggenberger. Und ihm ward gegeben. Haarig wie er war, ein zarter Schimpanse, war ihm freilich die Potenz eines Bockes eigen, während Guggenberger ein fleischiger Engel blieb mit Flügelchen aus Emmentalerkäse. Trotzdem vermochte Unterguggenberger kaum etwas mit seinem Geschlechtlichkeitsvorsprung anzufangen; er gab sich nur dem stillen Laster hin, in den Pausen im Dachgestühl des Schulgebäudes sich selbstzubefriedigen, während Guggenberger zwei Etagen tiefer seine Brote genoß. Wie soll die Geschichte enden? Guggenberger wurde einige Monate später ebenfalls geschlechtsreif und holte Unterguggenberger auf diesem Gebiet nicht nur ein, sondern übertraf ihn auch noch, indem er eine erste wirkliche Geliebte sich zuzog. Unterguggenberger andererseits blieb weiterhin in das Dachgestühl eingepfercht, dem einsamen Laster erliegend.

    Guggenberger brachte es schließlich zum Rechtsanwalt, übernahm die väterliche Kanzlei, während Unterguggenberger noch mit fünfzig Jahren, sich als Tagelöhner in Kleingärten verdingend, holzhackte, jedesmal beim Spalten eines Holzstücks den verhaßten Namen seines Rivalen durch die Zähne zischelnd. Er hatte bis dahin viele tausend Guggenberger aus Holz in Stücke gehackt und aufgeschichtet, wobei er vermeinte, sie zu lauter Unterguggenberger-Scheitern zerhackt zu haben. "Lauter Unterguggenberger!" pflegte er befriedigt, so nicht geradezu fanatisch auszurufen, "einen ganzen Berg voll Unterguggenberger habe ich wieder zusammengehackt!" Er sammelte die Scheiter in einem geflochtenen Wäschekorb auf und trug sie dahin, wo er sie zu einer Mauer auftürmte. So ging das Leben der beiden einstigen Schulkameraden getrennt durch die Zeiten im Fluge fort.

Erst als Guggenberger im Alter von dreiundsechzig Jahren mit dem Auto unverschuldeterweise verunglückte, von einem Lastkraftwagen in den Wildbach hinuntergedrängt, sich mehrmals überschlagend, den Fahrer auf der Stelle, wie ins Protokoll geschrieben wurde, tötend, regte sich in Unterguggenberger, der ebenso unverschuldeterweise überlebte (er war gerade wieder beim Holzhacken), neue, unerwartete Vitalität, und sogleich hatte er die jahrzehntelange Beschäftigung, die in einem monotonen Gleichmaß sondergleichen verlaufen war, abzuändern vermocht, indem er nun nicht mehr die Guggenberger-Klötze zu Unterguggenberger-Scheitern zerschlug, sondern sie Klötze und Scheiter sein ließ, was sie ja waren; auf der Stelle hatte er das kindische, tragikomische Spiel beendet, ja beenden können.

    Unterguggenberger, der alte Unterguggenberger, wie ihn ja alle inzwischen schon nannten, die ihn kannten (und alle kannten ihn), saß in der Wiese und blies die Fallschirmchen des verblühten Löwenzahns zum Friedhof hinunter, in dem jener andere, feiste und solide Guggenberger lag, den sie, im Gegensatz zum Unterguggenberger, niemals den alten, nunmehr aber sogar den toten Guggenberger nannten. Schnell wußte der Überlebende den möglicherweise magischen Sachverhalt zu verdrängen, er habe durch das jahrzehntelange tägliche Zerhacken der Guggenberger in Unterguggenberger, der als Guggenberger symbolisierten Klötze einerseits, der zu Unterguggenbergern triumphierend erklärten Scheiter aus jenen Klötzen andererseits, den Tod des ehemaligen Schulkameraden herbeigeführt. Ganz zufrieden war Unterguggenberger jedoch nie geworden, in diesem Leben nicht, und nicht im vorhergegangenen, und im künftigen wohl wieder nicht. Wie hätte man ihm denn helfen können?
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Weitere Texte des Autors, Kontaktadresse und Kurzbiographie:

http://www.aurora-magazin/autoren/bio_hodina_frm.htm


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