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Der Fluch

...Von Moritz  A. Klein


    Für den merkwürdigsten Auftrag, den ich in meiner Laufbahn als Privatdetektiv je angenommen habe, musste ich nach Australien reisen. Nun ja, ich wollte dort sowieso einmal hin. Es gab viele Länder, in die ich noch nie gereist war, und viele von diesen hätten mich auf Anhieb mehr interessiert als Australien; trotzdem: ich war noch nie dort gewesen, dabei hatte ich mir doch bei der Unmöglichkeit, jedes Land auf der Welt zu bereisen, fest vorgenommen, wenigstens alle Kontinente und die drei Ozeane einmal zu sehen. Das allein war schon Grund genug, den Auftrag anzunehmen. Offen war ich für einen Tapetenwechsel ohnehin immer.

    Doch wie beginnt man nun eine solch ungewöhnliche Geschichte? Natürlich, wie alle Geschichten, beginnt sie ganz trivial:
      Ich saß in meinem Büro, stopfte gerade meine Pfeife, und die alte Leuchtschrift von dem Motel nebenan, an der ständig ein Buchstabe flackert, schien durch mein Fenster; an der Wand hing, als warte er darauf, wieder bei regnerischem Wetter durch verwinkelte Gassen zu schleichen, um einen Blick auf das geheimnisvolle Leben zwielichtiger Gestalten zu erhaschen, mein alter Trenchcoat; ich zog meine Baskenmütze etwas tiefer ins Gesicht, legte die Füße hoch. Da klingelte das Telefon...
Ich bitte um Entschuldigung; ich will mich keinesfalls lustig machen über meine Zuhörer: über die Jahre als Privatdetektiv habe ich es mir angewöhnt, eine jede Geschichte, die ich aus meinem Berufsleben zu erzählen weiß, mit ein bisschen Detektivromantik zu beginnen: viele nehmen einen nicht ernst, wissen Sie, wenn man sagt, man sei Privatdetektiv von Beruf... Ich war die blöden Witze einfach leid, also drehte ich den Spieß um indem ich, wenn das Gespräch auf meinen Beruf kam, meinen Gesprächspartnern einfach zuvorkam und selbst ein paar abgeschmackte Detektivwitze machte, bevor sie mich nach meiner Pfeife oder meiner Baskenmütze fragen konnten... So trotzte ich Sticheleien, und außerdem lockert ein bisschen Humor oft die Atmosphäre auf, und der Zuhörer kann unbefangener der Geschichte lauschen... Aber ich will Sie natürlich nicht an der Nase herumführen, ist auch gar nicht nötig, denn diese Geschichte ist ohne Schnörkel und Übertreibungen bereits unglaublich genug, also...
      Ich fütterte gerade meinen Papagei und nebenbei flimmerte unbeachtet eine Kochsendung über meinen alten Fernseher. ... Den Vogel hatte ich seit ein paar Jahren. Dabei mochte ich Vögel gar nicht so besonders. Sie sind irgendwie ... unpersönliche Tiere, sie spielen nicht mit einem, und ich mag lieber Katzen. Aber für diese bunten Paradiesvögel hatte ich schon immer etwas übrig. ... Er konnte sprechen, allerdings lernte er wohl auf seine alten Tage nicht mehr viel; er hatte zuvor einem Ehepaar gehört, das ihn gegen Kinder eingetauscht hat; ich habe ihn genommen, es war ein schönes Tier, prächtige Farben; er hatte mit ihnen jahrelang quasi zusammengelebt, in einer Wohnung, und der dortige Alltag hatte seinen Wortschatz merklich geprägt. Er sprach eigentlich nur einen einzigen Satz: wenn er die Toilettenspülung hörte, fing er an, mit seiner herrlich unnatürlichen Vogelstimme "Klapp den Deckel runter!" zu zetern. (Ich hielt diesen legendären ewigen Geschlechterstreit um die Klogewohnheiten eher für einen Mythos, ein Klischee aus mittelmäßigen Sitcoms, aber der Papagei ist der lebende Beweis dafür, dass es stimmt.)
Herrje, tut mir wirklich leid, da bin ich mal wieder abgeschweift, ich hoffe ich langweile Sie nicht - wenn man eine Geschichte so oft erzählt, fängt man mit der Zeit an, sehr ins Detail zu gehen; aber ich will sie nicht länger auf die Folter spannen, wo war ich stehen geblieben ... ja, natürlich: ich fütterte also den Papagei, DA KLINGELTE DAS TELEFON...

    Der Auftrag an sich war nicht ungewöhnlich: ein Kerl vermisste seine Frau, ich sollte sie finden. Der Rest machte es schon interessanter: er lebte auf einer Straußen-Farm in Australien. Vogel Strauß! Ich hatte einmal versucht, so ein Lebewesen zu essen. Einen kleinen, unkenntlich gemachten Teil davon, ein Filetstück, glaube ich, es hätte auch ein dunkles Stück Kalbfleisch sein können, nichts daran erinnerte an einen Strauß... Es war grauenvoll! Strammes, fast zähes, graues Fleisch, genau wie die Beine dieser Viecher. Vielleicht hätte es ja geschmeckt. Hätte ich nicht gewusst, dass es von einem Vogel Strauß stammte, meine ich...
      Sympathisch waren mir diese Tiere jedenfalls nicht direkt, aber ich hatte, außer im Zoo, noch nie so einen Vogel gesehen. Und diese von aller Natur entfremdeten, depressiven Geschöpfe hinter den Zäunen, vollgestopft mit künstlichem Riesenvogel-Futter, das ist nicht echt.
      Der Typ lebte also auf einer Straußenfarm in Australien. "Na, warum nicht?" dachte ich mir.

    Über die Ankunft in Sydney braucht nicht viel gesagt zu werden. Bis auf die Vorfreude, ein neues, unbekanntes Land zu betreten, war alles normal: man sieht ja auch bei der Ankunft nicht viel von einem Land, was wirklich neu für einen ist: zuerst den Flughafen, dann Menschen, Straßen. Die Menschen sind oft das Schlimmste. Die typischen regionalen Mentalitäten, von denen man so oft hört, landesspezifische, liebenswürdige Eigenheiten - gibt es oft nicht. Zumindest hat man als Tourist kaum eine Chance, ihnen zu begegnen, es sei denn, man erkundet das Land auf eigene Faust, geht an Orte, die nicht als Touristenziele ausgewiesen sind, denn die Menschen, denen man an solchen Orten begegnet, sind an Touristen gewöhnt, haben eine Masche drauf, wissen um die vielen fremden Menschen, die sie ständig als exotisches Wesen anstarren und verhalten sich daher schon längst nicht mehr natürlich, ungezwungen, "authentisch".
      Der Weg in die Inzucht-Gegenden des australischen Hinterlandes war schon erwähnenswerter: pro Quadratkilometer 5 Einwohner, alles Farmer. Hier konnte man schon eher das Gefühl kriegen, tatsächlich in einem fremden Land zu sein, die Natur war hier noch ungezähmter (ich muss sowieso gestehen, dass Städte mit ihren berühmten Gebäuden und und ihrer ganz typischen, einzigartigen Architektur, sich für mich untereinander kaum unterscheiden, alle Städte sehen einfach aus wie Städte, die Charakteristika eines Landes liegen außerhalb) - jetzt konnte ich behaupten, etwas von Australien gesehen zu haben.

    Ich stieg aus dem Taxi aus; es war tatsächlich so ähnlich, wie ich es mir vorgestellt hatte. Nur größer. Es gab ein Wohnhaus, einen Schuppen und ein gutes Stück entfernt – in gerade noch in sichtbarer Entfernung – begann ein riesiges Gehege. So ein Strauß brauchte wohl wirklich viel Auslauf. Von hier aus sah man allerdings noch keinen.
      Der Herr des Hauses kam vom Gehege aus auf mich zugelaufen und empfing mich: ein großer, braungebrannter Typ. Farmer. Die Art braungebrannt - und auch die Art von verrückt - die von harter Arbeit in der Sonne kommt. Er war mir auf Anhieb unsympathisch. Nun denn, dachte ich, er ist ein Klient.
"Sind sie der Detektiv-Typ? Sie müssen’s ja sein..." (er wartete gar nicht erst darauf, dass ich antwortete) ... "so einen Yuppie sieht man ja hier in dieser Hölle sonst nie!"

     In dieser Hölle
!
      Ich war in meinen alten Jeans nicht gerade das, was ich für die Definition eines Yuppies hielt; andererseits, für diesen Bauern in seinen verdreckten Latzhosen sah ich bestimmt ungewohnt gutgekleidet aus...
      "Den australischen Privatschnüfflern trau’ ich keinen Meter weit!" fing er wieder an, "deshalb hab’ ich Sie kommen lassen; ihr Engländer seid so langweilig und verklemmt, ihr erledigt eure Arbeit einfach besser... fragt nicht so viel..."
      Er kam zum Geschäftlichen: "Meine Frau ist abgehauen! Keine Ahnung wo sich die Schlampe rumtreibt! Gekidnappt?! Nein, glaub ich nicht, die Schlampe weiß schon ganz genau, was sie tut! Hören Sie, ich brauche keinen Typen, der mir sagt warum sie abgehauen ist, oder der mir hier irgendwelche Theorien auftischen will. Sie sollen das Miststück nur zurückholen."
      Er ließ mich noch wissen, einer wie ich würde wenigstens nicht "mit der Schlampe durchbrennen, ihr Engländer seid da einfach zu verkniffen, erledigt nur stur eure Arbeit!"
      Mir war jetzt schon klar, dass, wenn sie freiwillig weggelaufen war, ich ihr nicht unbedingt einen Gefallen tun würde, wenn ich sie zurückholte. Zwingen konnte ich sie sowieso nicht... und er? So wie er redete: tat ich ihm einen Gefallen, wenn ich sie zurückholte?
      Na ja, er ist ein Klient, dachte ich.

    Ich weiß nicht, warum ich diesen mies gelaunten Typen auch noch fragte, ob ich mal die Straußen sehen dürfe - das war nicht notwendig, um meinen Auftrag zu erfüllen, und eigentlich wäre mir ein reines 'Arbeitsverhältnis' lieber gewesen. Er wirkte sowieso nicht so, als wäre er scharf darauf, mit mir mehr als nötig zu plaudern. Trotzdem, ich war eben einfach der Auffassung, dass, wenn man in ein fremdes Land reist, man sich auch immer ein bisschen etwas ansehen sollte, was über das hinausgeht, was man dort zu erledigen hat, also bat ich ihn kurzum, mir einmal seine Tiere zu zeigen.
      Er fasste es weniger genervt auf, als ich befürchtet hatte. Er lachte: "Ihr ausländischen Typen wollt’ aber auch immer die Viecher sehen...!"
      Wir gingen ums Haus. Das Gehege war stattlich. Und da waren die Vogel-Straußen.
     "Euch Europäer beeindrucken diese Riesenvögel ja total. Habt da bei euch nur so langweilige kleine Piepmätze, was?!"
      Und weiter:
     "Ich mag die Viecher nicht besonders. Aber Sie wissen ja wie man so reingerät in einen Beruf... Man kann seinen Lebensunterhalt schlimmer verdienen. Ist mir sozusagen ... in den Schoß gefallen. Wenigstens nervt mich hier draußen meistens keiner!"
      Dann deutete er auf einige von ihnen (er war jetzt ein wenig umgänglicher, er redete schon fast ein wenig liebevoll von seinen "Biestern", eine Art Hassliebe schien sie zu verbinden) und nannte mir ihre Namen: "Betty, Jessica, Jenny, ..."
Es waren alles Weibchen. Ich fragte mich, wie er züchtete, ohne ein Männchen.
      "Betty pickt gern mal einem von den Arbeitern in die Hand. Tut höllisch weh. Diese Schlampe!"
      Er redete von ihnen wie von seiner Frau.

    Danach machte ich mich auf den Weg. An die Arbeit. Der Taxifahrer, der mich hergefahren hatte (auch so ein sonnenverbrannter Sonderling), sah mich an.
      "Sie übernehmen den Fall?!"
      "Sonst wäre ich ja umsonst hergefahren."
      Und dann sagte er, in einem völlig ernsthaften Tonfall:
      "Hören Sie: dieser Kerl ist verflucht."
      "Wie bitte?!"
      "Die Straußen... diese hässlichen Biester. Das sind... das sind alles seine Frauen!"
    Er redet schon so mit ihnen
, dachte ich. Aber was meinte dieser Typ damit, "seine Frauen"; ich konnte mir schon vorstellen, dass man sich hier in der Wildnis einsam fühlen konnte, aber ich konnte mir trotzdem nicht vorstellen... außerdem hatte dieser Typ von der Farm ja bis vor kurzem eine richtige Frau gehabt...
      "Seine Ex-Frauen, meine ich. Er hat sich mit den Aborigines in dieser Gegend angelegt, für seine Farm wurde eine heilige Stätte plattgemacht... eigentlich wollte der Kerl eine ganz normale Rinderfarm aufziehen... Er wurde von einem Schamanen verflucht: seine Frauen haben sich alle in diese schrecklichen Biester verwandelt. Jede, die sich mit ihm eingelassen hat. Alle nacheinander. Sie haben sich verwandelt... Riesenvögel, kahle kräftige Beine, Killerbeine, dieser störrische Blick ... sie sind wütend!"
       "Was reden Sie da?!"
      "Ich schwöre bei Gott, er ist verflucht. Es sind alles seine Verflossenen. Sie leben alle noch hier auf der Farm."
      "Aber dann ist doch klar, was mit seiner letzten passiert ist..."
      Ich konnte nicht glauben, dass ich darauf einging.
     "Nein, das wüsste er, er weiß Bescheid, er weiß es, es ist ihm schon oft genug passiert. Er ist verflucht... hören Sie! Sie ist abgehauen, solange sie noch konnte... ich garantier’s Ihnen, die hat’s rausgekriegt, sie musste FLIEHEN! Hatte keinen Bock, so ein beschissener Vogel Strauß zu werden!"

    Ich sagte ihm, dass ich die Story ziemlich gut fand, es gab tatsächlich etwas an diesen Vögeln, das man mit Weiblichkeit assoziierte; dieser stolzierende Gang, dieser pikierte, affektierte Blick, die störrische Körperhaltung... Warum empfand man eigentlich manche Tiere als männlich – einen Elefant oder einen Tiger etwa - und manche als weiblich? Es musste wirklich dieses Hochnäsige und tragikomisch Stilvolle an diesen Viechern sein, diese komische Körperhaltung, der beleidigte Blick, die langen Beine - unbehaart, wie bei den meisten Frauen. Ich erinnerte mich an einen Trickfilm, in dem ein Vogel Strauß mit solchen langen Wimpern dargestellt wurde, die in Comics immer Weiblichkeit symbolisieren. Wenn er – oder besser: sie - zwinkerte, dann klimperten und klackerten sie.
      Die Vogel Strauß.
      Und überhaupt, der Schamanenfluch und alles, eine gute Geschichte.
      Ich hatte keine Zeit dafür. Ich musste einen Fall aufklären.

    Der Farmer hatte mir einige Dinge mitgegeben, die mir helfen sollten, seine Frau zu finden. Fotos, Adressen, ... - "Indizien" hatte er gesagt. Indizien! Und der machte sich über mich lustig! Solche Wörter benutzt doch keiner außerhalb von Detektiv-Kinderbüchern!
      Nun denn, immerhin hatte ich irgendetwas in der Hand.

    Ich musste Kilometer unter dieser brennenden Sonne dieses weiten Landes zurücklegen, auf der Spur dieser Frau. Zuerst klapperte ich routinemäßig alle Orte ab, an denen sie oft gesehen worden war. Ich fand in einer kleinen Kneipe in einem Inzucht-Kaff - im Stile eines englischen Pubs! - z.B. heraus, dass sie aus England war, und dass es wohl gekriselt hatte zwischen den beiden. Sie kam gelegentlich in diese Kneipe, es war der einzige öffentliche Ort in der Gegend, und da sie es wohl zuhause bei dem Kotzbrocken und seinen Biestern immer weniger ausgehalten hatte, war sie in der letzten Zeit, kurz vor ihrem Verschwinden, immer öfter dort gesehen worden. Na, kein Wunder. Wenn sie nur ein bisschen sympathischer (und klüger) war als ein Strauß, KONNTE sie es dort gar nicht aushalten!
      Ich fand noch mehr über sie heraus, allerdings alles Kleinigkeiten, die für diese Geschichte nicht weiter erheblich sind. Eines allerdings wurde mir, je mehr ich über sie hörte, immer deutlicher: sie schien eine bemerkenswerte Frau zu sein; sie war im Grunde auch beliebt. Er hingegen nicht. (Was mich nicht wunderte.)
      Ich fing mich deshalb langsam ernsthaft an zu fragen, was sie zusammengeführt hatte. Was man so über sie hörte, war sie auch keine charakterschwache, unsichere, oder verzweifelte Frau gewesen, keins von diesen jungen Dinger, die immer auf Arschlöcher reinfallen. Sie war eine schöne Frau. Und selbstbewusst. "Sie weiß schon, was sie tut", hatte der Kerl auf der Farm gesagt. Was zur Hölle also hatte sie bei diesem Kotzbrocken gesucht?

    Ich entschied mich, eine Mittagspause zu machen; ich setzte mich an einem großen Felsen, ca. 10 Kilometer von der Farm entfernt, auf einen Stein, der gerade groß genug zum Sitzen war. Ich legte mir ein Handtuch auf die Stirn, es war wirklich heiß. Ich hatte in dem Kaff, indem ich zuletzt gewesen war, ein paar Beans und ein vertrocknetes Brötchen aufgetrieben. Ich wollte gerade die Dose Bohnen öffnen, als ich ein Geräusch hörte. Es war ziemlich still hier. (Es gab kaum Verkehr; ich hatte einen Geländewagen mieten müssen.) Ich hörte es sehr deutlich. Es war ein Rascheln. Ich blickte mich um, sah erst nichts.
    Scheiße!
dachte ich, die 14 giftigsten Schlangenarten auf der ganzen Welt leben hier in Australien! Ich stand auf und wollte gehen, ich packte den Kram zusammen, den mir der Farmer mitgegeben hatte - eine "Straßenkarte" ("Straßen" war hier ein äußert euphemistischer Begriff), ein Zettel mit Adressen, die ich abgeklappert hatte, und ein Foto der Frau, die ich suchte. Da fiel mir auf, wo das Geräusch herkam: Da saß das, was es gemacht hatte, in einem etwa mannshohen Strauch, einen Meter von mir entfernt.

    Es war ein höchst ungewöhnlicher Vogel. Mich interessierten Vögel eigentlich nicht sonderlich, aber die bunten, an denen hatte ich irgendwie einen Narren gefressen. Er war hellblau, mit schimmernden dunkleren Punkten. Richtig tiefblau, wie eine Muschel oder so. Er glänzte.

    Ich hatte - bis auf mit meinem alten grünen Papagei - wirklich noch nie mit einem Vogel gesprochen. Irgendetwas bewegte mich jetzt dazu:
      "Hey, du, du bist aber... ein unglaubliches Vögelchen!"
      Ich hatte immer noch den Papierkrempel in der Hand, zu oberst das Foto von der Frau, die ich suchte.
      "Das bin ich!" sagte der Vogel.
      Ich machte einen Satz zurück.
      "SCHEISSE!!"
      "Was machst du mit dem Foto von mir?"
      "Das... das Foto.. von DIR?!"
      "Er hat dich geschickt, oder, der Typ von der Straußenfarm."
      "Was... ja, woher... FUCK!"
      "Es sind seine Frauen. Es ist wahr. Es sind alles seine Frauen!"
      "Wer?"
      "Die Straußen."
      "Aber... und du... du bist... du bist Isabelle?"

    In Situationen, die so unglaublich sind, dass man sie nur noch einfach hinnehmen kann, verhält man sich manchmal instinktiv richtig, besonders indem man gar nicht die Situation selbst hinterfragt. Ich hatte wohl nichts mehr zu verlieren. Also fragte ich, als ob DAS das Merkwürdigste daran wäre:

      "Aber ... warum bist du dann kein Vogel Strauß?"
     "Ich bitte dich!" Sie wirkte leicht beleidigt. "Sieh dir doch diese Biester an! Denen steht es ins Gesicht geschrieben! Vom Schnabel bis zum Staubwedel-Schwanz! Dieser pikierte Blick, diese stolzierende Körperhaltung... Ich bin nicht wie die! Sie waren alle gleich."
      "Aber alle seine Frauen haben sich in Straußen verwandelt! -"
      "Ich weiß."
      "Aber... alle, ausnahmslos, alle!"
      "Na ja... eine Ausnahme gibt’s dann wohl schon."

    Ich bin nicht wie die. Ich zweifelte keine Sekunde daran, dass das stimmte:

      "Ich weiß. Aber der Fluch... Wieso bist du kein Vogel Strauß?"
      "Der Fluch sagte nichts von Straußen... 'Vögel' hat der Schamane gesagt. 'All deine zukünftigen Frauen werden sich in VÖGEL verwandeln.' Nicht 'Straußen'. Die Straußen, das ist nur die Vogelart, die dem Charakter dieser Schnepfen entspricht. Sie waren eben alle gleich. Strauß-Typen."

    Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Sie musste wirklich schön gewesen sein, wenn das der entsprechende Vogel zu ihrem Mensch-Ich war.

      Sie fuhr fort:
     "Ich habe alles herausgefunden. Der Fluch und was es mit den Straußen auf sich hat - und was auch mir wahrscheinlich blühen würde! Es war erst nur eine Ahnung, aber ich hab’ nach und nach alles rausgefunden. Es stimmt. Es sind alles seine Ex-Frauen. Du kannst dir ja sicher vorstellen, dass ich ziemlich beunruhigt war."

      "Wie kommt es, dass du so ... aus der Reihe fällst? Ich meine, die ... Straußen... die passen zu diesem Widerling. Aber wie kommt eine Frau wie du an einen solchen Typen?".
      "
Ach, ich schätze mal, ich hab’ mich einfach getäuscht... als ich ihn kennen lernte, war irgendwas an ihm reizvoll... ich hatte die Stadt und die Leute dort satt, und dieses Aussteigerleben, das Leben auf dem Land, die Farm und das alles... irgendwie fand ich das damals aufregend." Sie lachte: "Mit einem waschechten Fluch hätte ich allerdings nicht gerechnet!"
      "Du stichst ganz schön raus unter all den anderen... Frauen, die er so hatte."
      "Alles Straußen, ich weiß."

      Sie lachte. Auch ich musste lachen. Doch dann kam mir plötzlich etwas in den Sinn:

      "Gibt es eine Möglichkeit, dass du wieder ein Mensch wirst?"

    Ich konnte den albernen Gedanken nicht verdrängen, diesen Vogel zu küssen und ihn damit in die Frau, die er einmal war, zurück zu verwandeln. In die Frau meines Lebens.

      "Nein. Ich fürchte nicht." Sie lachte. "Der Fluch sagt nichts von einem Froschkönig-Kuss... also ich meine: einem Vogelprinzessinnen-Kuss."

    Ich entschloss mich, sie mitzunehmen. Ich sagte dem Typen von der Farm, ich hätte sie nicht gefunden, das Geld war mir egal. So kehrte ich mit leeren Taschen zurück nach London. Allerdings nicht mit leeren Händen, denn immerhin hatte ich einen neuen bunten Vogel. Einen richtig seltenen. Den Seltensten auf der Welt wohl.

 

(2004, überarbeitet Oktober 2005, Spiesen)

Kontakt: moritz@fromm-klein.de

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