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ein vorsatz

Von Moritz  A. Klein


ich muss mir unbedingt abgewöhnen
meinen penis schon auf dem weg zur toilette
im treppenhaus rauszuholen
man spart eigentlich nicht wirklich zeit dadurch
und die leute, die einem entgegenkommen
könnten das ziemlich merkwürdig finden.

 

ich habe einen gedanken verloren
Von Moritz  A. Klein


und ich hab‘ noch
eine weile weiter dagesessen

ich saß auf dem geländer
und es war nacht und dunkel und
ziemlich kühl und windig
und ich hab‘ dagesessen
und eine zigarette geraucht
und aufs meer geschaut

es gab eine bank aber ich
wollte lieber auf dem geländer sitzen
damit es mir nicht im blickfeld war

und vorher war das mit dem
kind auf dem fest gewesen: ein
vollkommener mensch
gegen den ich nichts hatte
ich musste es zugeben:
wir sind manchmal schön
aber das ist immer schnell vorbei
auch für dieses perfekte kleine mädchen
und das hat mich ziemlich fertig gemacht

erwähnenswert wäre wohl auch noch
der grabstein oben auf der düne
mit den namen von zwei ehepaaren
die im meer ersoffen sind
am 14. mai 1998

und ich hab‘ mir die ganze zeit nur
furchtbar gedanken gemacht
um meine verdauung
(wegen des vielen weißbrots)...

ich saß also da
und wahrscheinlich wehte irgend was im wind
(ich glaube es ist
selbstinszenierung
dass man in solchen momenten immer rauchen muss)
und es war ziemlich kühl
und besser hätte es
nicht sein können

das rauschen so laut:
der wind dickflüssig
und das meer ein planetarisches tosen
dass es eigentlich nichts anderes
mehr zuließ

grillen oder zikaden oder
irgendwelche anonymen insekten
erzeugten einen
ununterbrochenen
anhaltenden ton, immer derselbe
unmelodische ton, ein bisschen stählern
und unglaublich laut
kaum zu glauben dass das
winzige insekten machten, selbst wenn es
armeen davon waren

der ton war allgegenwärtig
er brach nie ab, man hätte sich
daran gewöhnt
bis man ihn nicht mehr gehört hätte
wäre er nicht so laut und so
durchdringend gewesen

und plötzlich war da ein gedanke
und ich glaube mir ging’s ganz gut
ich war nur ein bisschen still und dann
nicht mehr wirklich zu irgendetwas fähig

man konnte den mond
hinter einer wolke hervorkommen sehen
hinter einer dunkelblauen explosion
am schwarzen himmel
man musste nicht geduldig sein
man sah richtig wie er sich bewegte
dass die wolken und der himmel
ständig in bewegung sind
wie im zeitraffer
unwirklich
wie das meer:

hier ist der atlantik
das ist nicht das mittelmeer:
hier hört die welt auf
und ist nach drei seiten offen
so weit das auge reicht: küste
das ist sand und disteln und gras
das ist trist
und schöner als das meiste

und ich hab’s einfach so hingenommen
angestarrt und nicht
drüber nachgedacht
es hätte mich sowieso überfordert
und ich hab‘ sogar
zwei sternschnuppen gesehen
und mir auch was gewünscht
und wahrscheinlich war ich in diesem moment
ziemlich normal
aber es hat mir
nichts ausgemacht...

und dann war der gedanke vergessen

und er ist mir nicht mehr eingefallen
es war kein großer
erschütternder gedanke
sondern einer von den kleinen
an denen man freude hat
glaube ich

und jemand hat gesagt
ob wir wohl die anderen finden
und ich hab‘ gesagt vergiss es
die menschen da unten am strand
silhouetten, winzig klein
stockdunkel
könnte jeder von denen sein

und ich hab‘ geschaut und
als ich die zweite sternschnuppe sah
brach die kulisse plötzlich zusammen:
verstummten plötzlich
auf einen schlag
alle insekten
das müssen hunderte gewesen sein
alle in derselben sekunde
der ton war einfach weg
und da war nur noch das
klatschen der fahnenschnur gegen den mast
wie eine kollektive orchesterpause

und ich hab’s versaut indem ich sagte
habt ihr das gehört? alle
haben sie aufgehört
- einfach weg, der lange ton! -
habt ihr’s gehört?!
und

im selben moment
setzte das geräusch wieder ein.

 

Kontakt: moritz@fromm-klein.de

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