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Ein Schlüsselerlebnis

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Von Moritz  A. Klein
(13. 11. 2005)


     Wir wurden in die Bibliothek unserer Schule gerufen; das heißt: ich kriegte nichts davon mit, und nach der 6. Stunde bedauerte ich wortgewaltig, dass es an dem Tag noch eine 7. Stunde gab (die hörte irgendwann kurz vor zwei auf) – die siebte Stunde war furchtbar, ich fühlte mich immer, als wäre ich einer der letzten Menschen auf Erden, die leeren Flure, widerhallende Schritte, als wäre es schon weit fortgeschrittener Nachmittag, als wäre ich das letzte arme Schwein auf Erden, und wenn ich heimkäme, wäre der Tag fast gelaufen, und ich erwartete jeden Moment, dass über die Schulflure Heuballen geistern würden, wie in Westernfilmen; als ich aber an diesem Tag jammerte, antwortete man mir, der Unterricht in der siebten Stunde fiele heute aus: in der Bibliothek sei ein Vortrag, von einem Politiker oder so. Ich bekam so etwas nie mit, oder immer als einer der letzten: das war der Preis der Flucht in die Träume, wenn man die Ohren auf Durchzug stellte, damit die unzählbaren Artikulationen von unzähligen Idioten einen (wenigstens das höhere Bewusstsein) nicht erreichten. Ein Vortrag in der Bibliothek war in der siebten Stunde allemal besser als Unterricht: man konnte zuhören, musste aber nur die Klappe halten, und wurde im allgemeinen, wenn man nicht wollte, auch nicht gefragt: man war anonymer als im Unterricht, wurde in Ruhe gelassen; es waren meistens kürzere, erträgliche Vorträge von irgendeinem, von dem die Schulleitung dachte, er habe uns etwas zu sagen, das wertvoll für uns war, und anschließend gab es eine Fragerunde. Einmal – vielleicht ein, zwei Jahre später –, waren es ein paar Mitarbeiter einer regionalen Zeitung (die ich persönlich eher gering schätze), und es war kein Vortrag, sondern eine Diskussionsrunde – Thema der Irak-Krieg: man wollte wissen, wie die regionale Jugend so darüber denkt, und da hatten dann doch einige, besonders ein Typ aus meinem Politik-Leistungskurs, auf den sich der Ausdruck "gefährliches Halbwissen" nahezu mustergültig anwenden lässt, einiges beizutragen... mir sitzt der Schrecken heute noch in den Knochen...
        Di
e Bibliothek war ein großer, gemütlicher Saal, groß und leer, aber mit der Gemütlichkeit, die Bibliotheken eben so ausstrahlen – wahrscheinlich die einzigen großen, hohen Räume, die gemütlich sind: die dicken Möbel, schwer und unverrückbar, der Geruch (nach Büchern und längeren menschenleeren Zeiträumen); die urige Treppe, die hoch auf die Galerie führte; der Raum gab mir nicht das Gefühl, von Wissen umgeben zu sein (ich glaube da waren nicht viel Bücher, die was taugten: mir kam die Bücherei prähistorisch vor...), sondern vielmehr gewährte er einem so etwas wie eine träge Art von Zuflucht; auch der Geruch nach Renovierung; der Blick aus den großen, freundlichen Fenstern: ein heller Raum, aber die Fenster wirkten trotzdem irgendwie wie Panzerglas, eine Bastion gegen die Außenwelt, die Art von Sicherheitsgefühl, die einem Gebäude geben; die Fenster der Bibliothek gingen raus auf einen Weg zum Hintereingang des Gymnasiums, einen kleinen Pfad aus roten Steinchen, und die Bäume, die die Weitsprunganlage (die man von dort nicht sah) umsäumten: man sah Grün, die Sonne schien angenehm in den Raum. Obwohl der Raum sehr hoch und groß war, hatte er etwas Verschlafenes, wie wenn zu wenig frische, unverbrauchte Luft in einem Raum mit vielen Menschen ist; natürlich, es waren viele pubertierende, stark transpirierende Jugendliche in diesem Raum, Menschen im Wachstum, die mächtig Luft verbrauchen; in Schulen, besonders Klassenzimmern, herrscht ja immer diese schläfrige Atmosphäre, ein wenig stickig, wegen der vielen Jugendlichen, die auf engstem Raum eingepfercht sind, wegen der aufgrund von chronischer Unterfinanzierung alten, muffigen Möbel und der Mädchen, die sofort "Hier drin ist es unglaublich kalt!" quengeln, sobald man mal für fünf Minuten das Fenster öffnet... Aber in der Bibliothek kam noch etwas dazu: Dort war kein Unterricht, man war noch passiver als sonst; man konnte während diesen Vorträgen schlafen, wenn man sich geschickt platzierte: saß man so, dass man auffiel, durch exponierte Position etwa oder zu nah am Vortragenden, hätte der einen schlafen sehen können und wäre dann natürlich beleidigt gewesen, in all seinen Vorurteilen von den ignoranten Jugendlichen bestätigt oder in seiner Hoffnung von der begeisterungsfähigen, engagierten, interessierten, kritischen Jugend bitter enttäuscht, und dann wurde man per todbringendem Blick vom Politik- oder Sozialkundelehrer ermahnt; saß man aber am Rand des großen Konferenztisches, aber nicht als äußerster – zwei drei Leute noch neben einem, das war perfekt –, anonym und geborgen inmitten der Masse, konnte man in einen süßen Dämmerschlaf fallen: ein höchst befriedigender, wunderbarer, erquicklicher und dankbarer Schlaf, besser als in Himmel- und Wasserbetten, von geliebten Formen umschlungen, besser fast als der Schlaf nach unschuldigen Drogenexperimenten, ähnlich dem Schlaf in öffentlichen Verkehrsmitteln.
        Manchmal war das aber irgendwie nicht drin, und dann gab es Frage- oder ganz schlimm: Diskussionsrunden. Diese waren so unerträglich, die Dummheit so groß und die Fragenden oder zu Befragenden – Leute von Zeitungen, vom Kultusministerium, Jugendbeauftragte oder was weiß ich – hatten so offensichtlich keinen Draht zu den jungen Leuten, dass ernsthaft mitdiskutieren fast nicht denkbar war, nicht mit so etwas wie Selbstachtung vereinbar war, also machten wir das beste draus: wir stänkerten rum.

    An diesem Tag war der Vortragende ein Politiker und sein Thema: erneuerbare Energien. Ich fand das gut, ich war schon immer der Meinung – wenn ich auch Anfang 20 erst richtig eine halbwegs handfeste Meinung dazu entwickelt habe –, dass Umweltschutz gut und richtig, ja unverzichtbar ist; das ging aber zu der Zeit höchstens soweit, dass ich sicher wusste, dass ich gegen Atomkraft bin. Differenziertere Stellungnahmen konnte ich dazu eigentlich nicht geben, weil ich schlichtweg keine Ahnung von der Thematik hatte; ich habe damals (wissend, dass ich bald zu den Wahlberechtigten gehören würde) schon mit den Grünen sympathisiert – was ich heute durchaus nicht die schlechteste Wahl finde und nicht als Jugendirrtum abgeheftet habe –, aber das alles war damals bei mir nicht wirklich auf Reflexion begründet. Ich hatte schon so etwas wie ein ökologisches Bewusstsein. Die meisten meiner politischen Überzeugungen – die meisten meiner Meinungen allgemein – beruhten damals eher auf Wut und Protest, aber ich war bereits zu alt dafür, einfach immer das Gegenteil von dem zu machen, was alle machten; ich hätte, wenn plötzlich alle, die Idioten, die Spießer, die Mehrheit, gesagt hätten, dass Umweltpolitik total wichtig und spitze sei, nicht einfach meine Meinung geändert und plötzlich CDU gewählt, und gesagt Fackelt die Wälder ab und baut Atomkraftwerke!, nur um dagegen zu sein...: Da war schon etwas in mir, das wirklich, auch übermorgen noch gültig, aus mir selbst heraus und nicht aus purem Dagegen-Sein kam, und das sagte mir: schau raus, diese Bäume und Flüsse und der Ozean und die Luft und all das, das ist wert, geschützt zu werden. Aber das kam nicht vom Reflektieren, nicht aus irgendwelchen Überzeugungen heraus, sondern vom Unbewussten her: der Erziehung meiner Eltern, meiner Kindheit, die sich Gott sei dank zu großen Teilen draußen abgespielt hat, auf Bauernhöfen, Feldern, im Wald, am Meer und auf Bäumen, und mir somit eine Verbundenheit mit allem Grünen mitgegeben hat, von meinem stetig wachsenden Interesse an bestimmten Naturwissenschaften... Doch im Großen und Ganzen konnte man sagen, dass ich grüner Politik, soviel ich davon verstand, durchaus positiv gegenüber stand.
        Tr
otzdem ließ (auch) ich damals diese furchtbaren Sprüche über "Ökos" fliegen. "Ökos" war ein Schimpfwort; man hasste diese Menschen nicht, manche benutzten es eher ein bisschen veralbernd, wie "Miesepeter" oder "Knauserer": Eigenschaften, die man zwar nicht gut findet, aber verzeihlich. "Öko" benutzte ich anders, nicht hasserfüllt, aber schon irgendwie verachtend; dazu muss aber gesagt werden, dass damit nicht Menschen gemeint waren, die sich wirklich ökologisch engagierten: das Wort stand vielmehr für eine Art Scheinheiligkeit, Wichtigtuerei und elitäres Getue, Arroganz, es bezeichnete die Art von Menschen, die an den falschen Stellen vermeintlich ökologisch sind, dort, wo ihre Mühe nicht gebraucht wird, sich im Sand verläuft, oder die inkonsequent waren, penibel Müll trennten aber dann Strom verschwendeten und Abgasorgien feierten; militante Vegetarier, Großmäuler, die sagten "Ich liebe alle Lebewesen" und einen Frosch nicht anfassen wollten, aus Naturekel; vor allem mit denen, die so komisches Zeugs fraßen, hatte ich es... Typen in Schlappen und Rollkragenpullis, und solche wie meine Tante und tausend andere: die urplötzlich, von einem Tag auf den anderen, Vegetarier sind, Yoga machen, Rohkost essen, aus der Kirche austreten, weiß der Geier..., und zwar auf eine ganz extreme Art und Weise: völlig fanatisch, "ein neuer Mensch", und dann, so ein Jahr, vier Monate, einen neuen Fernsehguru später, sind sie plötzlich Buddhisten, oder bibeltreue Christen, oder Esoteriker oder Briefmarkensammler – auf genau die selbe, extreme, affektierte, existenzialistische Art –, und wieder einen "Lebensabschnitt" weiter sind sie dann weiß Gott was. Das war es, was ich unter "Ökos" verstand, ich nannte die Pseudo-Ökos einfach Ökos, weil ich wusste: einer der wirklich an etwas glaubt, der braucht sich keinen Stempel aufzudrücken, der muss sich nicht mit einem Namen dazu bekennen, straight edge, Punk, Nihilist..., alles Menschen, die laut schreien und tätowieren müssen, um sich selbst zu glauben, dass sie dran glauben: das war es, was ich verachtete – und das ist ja durchaus verständlich; aber das Problem bei der Sache war, dass ich in meinem ziemlich negativen Menschenbild ständig bestärkt wurde, kein Wunder, es laufen ja wirklich überall Idioten rum, aber damals war ich glaube ich so auf Stänkern aus, dass ich die wenigen Lichtblicke, die NICHT-Idioten, einfach nicht mehr erkannte, ich konnte nicht mehr unterscheiden: zwischen echtem Engagement und Mitläufertum, zwischen Wichtigtuerei und wirklichem Bemühen, zwischen Besserwisserei und wirklicher Überzeugung; für mich waren alle, die ich nicht persönlich kannte oder denen ich aus irgendeinem Grund wohlgesonnen war (auch das war recht willkürlich: ein sympathischer Fernsehauftritt, ein guter Artikel in einer überzeugenden Zeitung konnte das bewirken...), die irgendwelche Weltverbesserungsambitionen zeigten, großkotzige Arschlöcher. Und Politiker, das waren alte Typen, und alte Typen waren frustrierte, kaputte Wracks, die an nichts mehr glauben konnten, dieselben alten Typen, die uns unterrichteten und die an nichts mehr glaubten, also war der Kerl, der da kommen würde, um einen Vortrag zu halten, einer von ihnen, er passte ins Raster, es war klar: ein Öko: Ich stellte mich auf Stänkern ein... falls man nicht schlafen könnte, das würde sich zeigen.

    Der Geladene stellte sich als ein Herr mit weißen Haaren heraus, er redete verständlich, seine Argumente waren stichhaltig, überzeugten mich sofort, er hatte sich vorbereitet, mit Bildern und allem; seine Ausführungen über Solarenergie ließen mich zuerst erschaudern (bei dem Gedanken wie kurz vor zwölf diese neuen Energien kamen), und dann keimte tatsächlich so etwas wie Hoffnung in mir auf, für meinen schönen Planeten, aber ich erstickte sie im Keim: man konnte heute ziemlich schlecht schlafen – ich musste stänkern!
        Allerdings war er mir nicht unbedingt sympathisch: das änderte nichts an seinem Vortrag, aber ich vermutete, dass ich mit diesem Kerl wahrscheinlich kein Bier trinken könnte... aber seine Ausführungen blieben stichhaltig. Einzig seine häufige Erwähnung eines Elektro- oder Solar- oder Rapsölautos und seine (heute finde ich, bewundernswerte) Zuversicht, die er bezüglich des Durchbruchs dieses Gefährts hatte – das Ding war für ihn die Zukunft der Fortbewegung – fand ich unrealistisch... Er war sich sogar bewusst über die schlechten Chancen von dem Gefährt auf dem Markt, aber er glaubte an das Ding.
        Aber noch war nichts passiert: If a dog bites a man, that’s not news. If a man bites a dog, that’s news... Was er betonte:
        Er
stens hatte er was gegen Aldi, was ich nicht verstand, ich kannte seit eh und je "Die Qualität bei Aldi ist genauso gut wie bei den Markenartikeln"; er verachtete Aldi, glaube ich, richtig, er sprach davon mit Abscheu, "man kann sich ruhig mal etwas Gutes leisten statt diesem Schund", so ungefähr redete er; ich wusste damals noch nichts von den Umweltsünden und Grausamkeiten der Billigproduktion und von Discountern gegen Landwirte, und für mich gab es absolut keinen Grund, warum er so heftig etwas dagegen haben sollte; für mich war das versnobt, genau das war es, ein versnobter Politiker, der so einfach daherreden konnte von Biofleisch und so, der hatte ja Geld; es war für mich einfach nur elitär und das absolute Gegenteil von volksnah. Ich wusste damals noch nicht, dass fast alles Fleisch, dass ich im elterlichen Zuhause verzehrte, vom Bauern, und nicht etwa von Aldi, kam.
        Zweitens wies er darauf hin (und dabei war er herrlich einleuchtend), wie wir jungen Leute, wir Schüler, unsere Eltern, Privatleute, im Kleinen ganz einfach beitragen konnten zur Rettung unseres Planeten. Bus und Bahn benutzen, Fahrrad fahren. Und dann kam die Fragerunde. Wir verbrachten die meiste Zeit damit, uns auszudenken, wie wir dem guten Mann jetzt eins vor den Latz knallen könnten: wir waren die neue Jugend, ohne Illusionen, die schärfsten Kritiker, das Gewissen der Welt, uns verarschte man nicht, wir deckten eiskalt auf, knallhart, investigativ, wir fragten bohrend, intelligent, gewitzt – wir würden den Lackaffen, diesen Scheinheiligen, diesen Betrüger entlarven! Und als er gerade beim Beantworten einer Frage abermals die Gelegenheit nutzte, um auf die ökologischen Vorzüge von Bus und Bahn hinzuweisen, fiel es einem von uns ein:

     Frag ihn, was für ein Auto er fährt!

        Wi
r hatten ihn, das war’s, traurig eigentlich, dachte ich für eine Sekunde, es ist nicht schön aber wenigstens klar, die Realität kam mit bitterer, brutaler, unverblümter Fratze auf uns niedergeknallt, schwer und dumpf, meine zarten Anflüge von Zweifel (an der ausnahmslosen Bösartigkeit aller Menschen), unterdrückt, kaum ernstgenommen, Fieberwahn, zerbrachen nicht: sie lösten sich in Luft auf, schön leise und mit angehaltenem Atem, um bloß keine Aufmerksamkeit zu erwecken, die vielleicht auch nur die leise Ahnung geweckt hätte, dass sie jemals existiert hatten, wir hatten den Drecksack, er würde stammeln und in Verlegenheit geraten, die grausame Wahrheit war unmittelbar vor uns, UNS hatte er nicht verarscht, er würde irgendwie ausweichen, nicht antworten, würde irgendein eloquentes Nullgequatsche vom Stapel lassen, reden und nichts sagen, und es würde nicht ausgesprochen werden, aber wir wussten es: er fährt einen dicken, glänzenden, unendlich Erdöl verheizenden BMW!
        Ich freute mich, war fast schockiert, beeindruckt vom eigenen Spürsinn, wir lachten uns ins Fäustchen, und ich hob die Hand, gleich würde ich die Frage stellen...
        Genau in diesem Moment sah er auf die Uhr, blickte auf, und sagte:
        "
Ich muss jetzt leider los, ich muss meinen Zug erwischen. Für Fragen im Internet..."

    Das Ding war vorbei, wir konnten heimgehen; die Knochen streckte man, manch einer gähnte und wir schlugen mit den Fäusten auf den Tisch:
     Mensch, der ist aber clever, das hat er ja ganz schön hingebogen, der alte Teufel!
, Der Kerl ist wirklich aalglatt!,
Verdammte Scheiße, und ich hab‘ gedacht, den hätten wir!
        Ic
h stand auf, streckte mich, gähnte unwillkürlich: da hatten wohl doch ein paar geschlafen, die Luft war stark CO2-haltig, wie die Atmosphäre und die Ozeane, und ich sagte: "Aber das mit Aldi fand ich übertrieben!" und in mir drin, still und heimlich, da freute ich mich, da war etwas leichter, da zerbrachen Galaxien und es war beruhigend; ich grinste in mich hinein und freute mich darauf, gleich zuhause so tief und ruhig zu schlafen wie schon lange nicht mehr. Etwas war geschehen.

Mainz/Spiesen 2005

Kontakt: moritz@fromm-klein.de


 

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