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einer lebt weiter und ich krieg's erzählt

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Von Moritz  A. Klein
(15. 10. 2005)


es ist mittlerweile
gut fünf jahre her
da war er der wirt
in der kneipe
in die wir immer gingen
wenn’s uns draußen zu kalt wurde
oder wir musik hören wollten

es war die zeit, in der wir glaubten
einer wäre wie wir
nur weil er so ähnliche musik hörte;
er war bestimmt über vierzig
aber wir dachten damals
er hätte einen draht zu uns
(wir waren 15)
aber eigentlich
war er nur ganz schön abgestürzt

er sah aus
wie man sich einen pirat vorstellen würde
aber als ich älter wurde
wurde mir klar:
er war nur so heruntergekommen
wie ein pirat
(heute denke ich
wenn ich so einen sehe an knast);
er trank keinen alkohol
das weiß ich noch genau – als wirt! –
dafür nahm er’n haufen
anderes zeugs...

jedenfalls machte die kneipe
irgendwann dicht
und wir wurden älter
sahen jetzt langsam ein
dass
junggeblieben
und
hängengeblieben
zwei paar schuhe sind
und dass die meisten, die
wir damals für unseren schlag hielten
ein gänzlich anderes leben führten
das mit unserem im grunde
nichts zu tun hatte;
und wie das so ist mit
subkulturen
kriegt man’s ganz gut hin
einem nie wieder zu begegnen
selbst in einer so kleinen stadt;
ich sah den wirt nie wieder

hin und wieder traf ich
ein paar von meinen
bekannten von damals im bus -
sie arbeiteten meistens immer noch
in dem job, den sie als schüler in den ferien gemacht hatten
nur jetzt vollzeit...
oder sie waren 24 und immer noch auf der schule...
alle hatten pläne und wenn man sie
einen monat später wieder traf
waren die geschichte;
eine neue frisur vielleicht
eine neue freundin
und nichts dazugelernt;
die meisten von ihnen
waren untereinander noch
immer befreundet
gesucht und gefunden
nur eine handvoll
sind da rausgekommen

diese typen erzählten mir dann
was sie jetzt so machten
aber trotz ihrer finsteren visagen
klang es hauptsächlich normal und
langweilig;
von einem hörte ich immer das
neueste vom wirt:

er wollte nach amerika
dort irgendwelchen rockerträumen hinterher
von neuem anfangen

beim nächsten mal hieß es
er habe es nicht dorthin geschafft
oder er sei schon wieder zurück
weiß nicht mehr so genau

dann war er eine zeitlang türsteher
in einer dorfdiskothek in heiligenwald
ich glaube die hatte keinen
besonders guten ruf;
ich war nie dort

ein paar monate später fragte ich
den typ aus dem bus –
irgendwie fand ich so langsam spaß daran
diese wüsten stories aus einer
anderen welt zu hören –
ich fragte ihn, was der wirt so macht:
oh, er ist wieder in der stadt
macht den barkeeper im "dampfross"
da hingen nur mutanten rum
sagte man mir –
dann passte er ja dorthin!

vielleicht war das mit der amerika-geschichte
auch nach der sache mit der dorfdiskothek;
die zeit ist ein kreis in der
nähe von diesen leuten

dann hörte ich, er mache eine ausstellung
mit bildern, die er gemalt hatte
(das war ein klischee: der
alte einäugige haudegen
mit der sensiblen künstlerseele)
bilder von nackten frauen;
auf meine skeptische frage ein lachen
und dann, manche seien gar nicht mal schlecht

zwischen all diesen geschichten
änderte sich meine frisur ein paar mal

ich fragte immer mal wieder nach dem wirt:
zum einen erzählten dann diese typen nicht von sich selbst
und die busfahrt ging schneller vorbei;
zum anderen hörte ich gern diese geschichten, denn
dann wurde mir bewusst, wie froh ich war
mit alldem nichts mehr am hut zu haben

das nächste was ich hörte: die ausstellung sei geplatzt
(es musste so passieren, sonst
hätte mein weltbild gewackelt)

dann kam lange nichts mehr, ich
fuhr auch weniger bus
oder setzte mich nicht mehr neben die typen
und sie sich irgendwann nicht
mehr neben mich

vor kurzem dann
erzählte mir ein freund
noch mal was neues:

er hat sich erschossen

das war dann schon
etwas befremdlich.

 

Kontakt: moritz@fromm-klein.de


 

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