Ist hier noch frei?
Von Steffen Koch


    Bahnfahrten sind immer mit gewissen Unwägbarkeiten behaftet. Ob der Zug pünktlich kommt, ob er am angekündigten Bahnsteig einfährt, ob er überhaupt kommt. Fährt er gegen Brückenpfeiler, oder in die falsche Richtung, vergisst er sein Zugbegleitpersonal?

Dies alles sind Gegebenheiten, welche vom Reisenden nicht zu beeinflussen sind, die er hinzunehmen hat; bahngegebene Unwägbarkeiten. Doch trotz dieser und vielen weiteren Unwägbarkeiten kann es vorkommen, dass man einen Zug erwischt, der erfahrungsgemäß gar nicht, bzw. nicht pünktlich angekommen sein kann. Stellt man sich nur einmal auf selber Strecke entgegengekommene Güterzuge vor, wurfankerbehaftete Strombügel oder von Fahrgästen betätigte gut funktionierende Notbremsen.

Um sich bei der Sitzplatzsuche den mitreisenden Fahrgästen gegenüber einen Vorteil zu verschaffen, fährt man dem Zug ein oder zwei Bahnhöfe entgegen. Begünstigt wird diese Taktik dadurch, dass Züge in die Gegenrichtung immer pünktlich sind, immer freie Sitzplätze haben und immer verschont bleiben von bahngegebenen Unwägbarkeiten. Zahlt sich die Strategie aus, kann man sogar ein leeres Abteil erwischen, ein Abteil für sich ganz allein. Fünf Sitzplätze hinter einer zugeschobenen Glastür. Ein kleines Heim mit Wohlfühlgarantie, frei von mitreisenden Fahrgästen. Kein Zeitungsrascheln cholerischer Seitenrumreißer, kein permanentes Räuspern von Froschverschluckern, kein Röcheln nasenatmender Schläfer. Dieses angenehme Reisen ist ein Geschenk der Bahn für das Vertrauen in die Bahn. Sind doch abgefallene Radreifen, angefahrene Häuser oder verlorene Waggons Grund genug, sich nicht auf das Abenteuer Bahn einzulassen. Deshalb ist es mehr als gerecht, sich dieses Geschenk zu bewahren, sich sein eigenes Zugabteil zu gönnen, sich diese Oase in der alles umflutenden Hektik zu erhalten.

    Doch es gibt genügend Mitreisende, denen das völlig egal ist. Die, nur ihr eigenes Wohl im Kopf, darauf husten, dass man sein rechtmäßig erworbenes Zugabteil für sich haben möchte. Mit jeder Station, an der Ihr Zug hält, mit jedem einsteigenden Mitreisenden erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass so ein selbstsüchtiges Wesen auf der Suche nach einem freien Sitzplatz an Ihrem Abteil vorbeikommt.

"Ist hier noch frei?".

Das war es.

Diese Frage ist keine Frage.
Diese Frage will keine Antwort.
Diese Frage hätte nie gestellt werden dürfen.

Sie können jetzt nicht sagen, "nein, tut mir leid" oder irgend so was. Keines dieser aufdringlichen Individuen, welches auf die Chance hofft, in diesem überfüllten Zug einen Sitzplatz zu ergaunern, wird sich mit irgendeiner Erklärung davon abbringen lassen, sich in Ihr Abteil zu erbrechen. In dem Moment, in dem einer dieser hartherzigen Egoisten glaubt, einen Sitzplatz bekommen zu können, haben Sie verloren.

Aus, Schluss und vorbei.

    Nun könnten Sie erwidern, dass eine Person im Abteil gar nicht so schlimm sein muss. Vielleicht ist es ein attraktiver Fahrgast, vielleicht einer mit gepflegten Umgangsformen, oder sogar eine Flirtgrundlage. Vergessen Sie es. Wenn Ihre gläserne Wand einmal beiseite geschoben wurde, wird diese Begrenzung ihrer Idylle zur Bedeutungslosigkeit verkommen. Einer nach dem anderen dieser abgebrühten Egozentriker wird sich in Ihr Abteil zwängen und ihnen das wegnehmen, wofür Sie so hart gearbeitet haben.

Es gibt nur eine Lösung: Dieses: "Ist hier noch frei" darf nie gefragt werden. Wenn Sie es schaffen, diese Frage ungefragt zu lassen, ist Ihnen eine angenehme und entspannte Zugfahrt sicher.

Folgender Ratgeber soll helfen, dieses zu erreichen:

Die Bahn hat an den Glastüren Ihres Abteils Gardinen anbringen lassen. Ein Großteil der mitreisenden Fahrgäste hat nachweislich Hemmungen, ein Abteil zu betreten, vom dem sie nicht wissen, was sie darin vorfinden könnten. Die Mitreisenden befürchten, irgendjemanden bei irgendetwas zu überraschen oder zu stören, wenn sie ein verhangenes Abteil betreten. Ein dort sitzender Mitreisender könnte an einem weiteren Mitreisenden oder sogar an sich spielen. So etwas denken mitreisende Fahrgäste, wenn sie vor zugezogenen Zugabteiltüren stehen. Und genau dieses machen Sie sich zu nutze. Ziehen Sie die Gardinen zu, verhängen Sie die Glasscheiben. Lassen Sie die habgierigen Störenfriede im Unklaren, was sich hinter
verhangenen Glasscheiben verbirgt.

Nun kann es ein, dass Ihr Abteil keine Vorhänge hat. Um dennoch erbarmungslose Eindringlinge abzuwehren, sollten Sie immer ein oder zwei leere Bierdosen mit sich führen. Je billiger das Bier war, umso besser. Stellen Sie die Büchsen unbedingt sichtbar auf das Fensterbrett neben Ihrem Sitzplatz. Sie selbst sollten, um den Eindruck abzurunden, ein wenig trunken wirken und jeden potentiellen Ruhestörer beduselt anlächeln. Beachten sie, dass hier der erste Eindruck zählt.

    Die hochgeklappte Sitzfläche ist für platzsuchende Fahrgäste das entscheidende Merkmal für einen freien Sitzplatz. Verteilen Sie Ihre mitgebrachten Beutel, Taschen und momentan entbehrlichen Kleidungsstücke auf allen Sitzen und vergessen Sie nicht, auch die dafür vorgesehen Haken mit Utensilien zu behängen. Stellen Sie damit sicher, dass keiner der mitreisenden Fahrgäste einen freien Sitzplatz vermuten könnte. Achten Sie beim Gestalten Ihres Zugabteils darauf, dass die ausgebrachten Accessoires in unterschiedlicher Art dargeboten werden und somit der gewissenlose Abteilwegnehmer auf mehrere Eigentümer der vorhandenen Dinge schließen muss. Ganz Hartgesottene werden trotzdem die Abteiltür aufziehen und den unerwünschten Satz aussprechen: "Ist hier noch frei?" Da Sie nun auf die mit Sachen belegten Sitzplätze zeigen und dabei sagen können:

"die sind mal kurz weg"
oder
"das sehen sie doch selber"
oder
"sieht das etwa so aus?"

ist in diesem Fall die verhängnisvolle Frage keine so schwerwiegende. Aber eben nur in diesem Fall.

Selbst im Zeitalter unserer modernen Gesellschaft ist Mikroelektronik für viele unserer Mitmenschen ein Buch mit sieben Siegeln. Ein tragbarer Computer verkörpert so ziemlich alles an momentanem Fortschritt, was der mitreisende Fahrgast in seiner Beschränktheit erfassen kann. Nun, richtig erfassen kann er es selbstverständlich nicht, geschweige denn sich einen leisten. Mit einem tragbaren Computer auf dem Schoß deklassieren Sie jeden eintretenden Mitreisenden zum Fahrgast zweiter Klasse. Und das erkennt der armselige Nichtsnutz. Er schämt sich seiner Unbedarftheit und Mittellosigkeit, er fühlt sich in Gesellschaft eines solch modernen Dinges nicht wohl. Auch wenn ihr tragbarer Computer seinen letzten Prozessorschlag vor vielen Jahren gemacht haben sollte, oder wenn Sie nur die ausgeschlachteten Reste eines solchen ehemaligen Glanzstückes haben, stellen Sie sich so ein Gerät auf den Schoß. Und wenn dann doch ein raffgieriges Subjekt die Hand auf den Griff der Abteilungstür legt, schauen Sie ihn an. Wissend, überlegend, erhaben. Der widerwärtige Barbar muss die Einheit von Mensch und Technik, Ihre geistige Überlegenheit erfassen und sich nicht getrauen, den verheerenden Satz auszusprechen.

    Nun kann Ihnen keiner einen Vorwurf machen, wenn Sie Ihren tragbaren Computer momentan verliehen haben oder er sich in Reparatur befindet. Aber ein mobiles Telefon werden Sie sicher haben. Jeder hat so ein Ding des alltäglichen Lebens. Nutzen Sie es, setzen Sie es bei der Verteidigung Ihres Zugabteils ein. Mitreisende Fahrgäste haben größtes Interesse daran zu erfahren, wann ein anderer mitreisender Fahrgast zu Hause sein wird, welche Sorgen seinen Lebenspartner quälen oder warum er am Morgen nicht die heraus gelegten Socken, sondern selbst ausgesuchte angezogen hat. Und hier kommt Ihr Handy ins Spiel. Haben Sie schon einmal erlebt, dass zwei oder mehr Leute in einem Abteil, oder sogar in ganzen Waggon gleichzeitig telefonieren? Sehen Sie. Keiner schaut sich zwei Filme gleichzeitig an oder liest zwei Bücher auf einmal. Das respektieren Handybenutzer. Es kann nur einen geben. Seien Sie der Erste. Halten Sie das Handy an dem der Abteiltür zugewendetem Ohr. Unterstützend wirkt ein Anheben der Stimme in dem Moment, in dem Sie einen niederträchtigen Wohlfühlkiller vor dem Abteil vermuten.

Eine weitere Möglichkeit, dieses abscheuliche Gesindel zu bannen, ist die Erzeugung massiven Unwohlseins. Wissen Sie, welches Verhalten das Unterbewusstsein eines solchen Individuums beim Anblick von entschuhten Füßen vorgibt? Probieren Sie es. Ziehen Sie Ihre Schuhe aus und platzieren Sie Ihre Füße auf dem gegenüberliegenden Sitzplatz. Wenn Sie darunter eine Zeitung legen, sollte auch ein Angehöriger des Zugbegleitpersonals keine Einwände gegen diese Anwendung vorbringen. Zudem eine untergelegte Zeitung Ihr Wissen um den Zustand Ihrer eigenen Socken offenbart. Und das ist genau der Punkt. Der schäbige Nestbeschmutzer wird beim Anblick Ihrer besockten Füße sofort widerlichen Schweißgeruch vermuten, sich einen von penetrantem Gestank erfüllten Raum vorstellen, ein tiefes Unbehagen verspüren. Es muss nicht erwähnt werden, dass der Eindruck um so perfekter wird, je mehr Ihre Strümpfe den Eindruck erwecken, tatsächlich die Luft eines gesamtes Zugabteiles nachhaltig beeinflussen zu können.

    Bei fortgeschrittener Beherrschung dieser Techniken können Sie die einzelnen Stilelemente auch untereinander kombinieren. So kommt zum Beispiel ein schuhloser Schlafender gut, der neben sich leere Bierbüchsen stehen hat. Auch ein Bierdosenbesitzer am tragbaren Computer entfaltet seine Wirkung. Unübertroffen ist immer noch ein schuhloser Handybenutzer mit tragbarem Computer auf dem Schoß. Umso mehr, wenn die Bierdose auch hier als unterstützendes Mittel Verwendung findet.

Im Laufe der Spezialisierung beim Verteidigen des einmal rechtmäßig erworbenen Abteileigentums haben sich verschiedene Schulen etabliert. Andere Lehren, von denen hier ausdrücklich abgeraten wird, vertreten den aggressiven Kurs dem mitreisenden Fahrgast gegenüber. So wird das Zur-Schau-Stellen verdeckungswürdiger Körperteile, das Tragen
fäkalienbesetzter Kleidung oder auch das Präsentieren von Erbrochenem zwischen den eigenen Füßen zum Fernhalten mitreisender Fahrgäste empfohlen. Diese Methoden sind einfach nur unwürdig und haben nichts mit einem stilvollen Ringen um ein einmal erworbenes Zugabteil zu tun. Bitte bleiben Sie sportlich und fair.

Wir wünschen Ihnen viel Erfolg beim Erlernen und Anwenden der Techniken dieses Ratgebers. Denken Sie daran. Dieses: "Ist hier noch frei" muss unausgesprochen bleiben.


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