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Eine Lektion

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______________ Von Christine Kuhlmann _____________

    
    Für den Sommer 997 plante Almanzor einen neuen Feldzug gegen die Christen im Norden. Zwar regierte er das spanische Maurenreich nun schon mehr als 20 Jahre mit eiserner Hand, doch noch immer musste er beweisen, wer der wahre Herr in Còrdoba war. Seit 929 war die einstige Römerstadt der Sitz der islamischen Omayaden-Kalifen und die Hauptstadt von Andalusien. Im Gegensatz zum karg besiedelten Nordspanien lebten hier Millionen von Christen, Araber, Juden und Berber in friedlicher Toleranz miteinander.

Kalif Hakem II. war mehr den schönen Künsten und Wissenschaften zugetan als den Staatsgeschäften. Er überließ einem begabten jungen Rechtsgelehrten namens Almanzor die wichtigsten Ämter, und der nutzte nach Hakems Tod seine Position mit dämonischer Geschicklichkeit dazu, sich selbst an die Spitze des Staates zu manövrieren. Von unbändigem Ehrgeiz getrieben, wollte der Aufsteiger aus dem jemenitischen Adel eine eigene Dynastie begründen, doch ihm fehlte das Charisma des geborenen Herrschers. Er musste sich mit Eroberungen hervortun und führte seine Armee immer wieder gegen Santiago de Compostela im nordwestlichen Zipfel der iberischen Halbinsel. Dieser Wallfahrtsort bedeutete für die spanischen Christen das, was Mekka für den Islam war, denn nach alter Sage waren in Santiago die Gebeine des Apostels Jakobus bestattet.

Als Almanzor bereits auf die Sechzig zuging, hob er die allgemeine Wehrpflicht auf. Mit der Weitsicht des fortgeschrittenen Alters wollte er seinen 48. Angriff auf den Hort des christlichen Glaubens mit einer Freiwilligenarmee unternehmen. Einen unerschöpflichen Vorrat an Streitkräften gab es in Spaniens unermesslichem Einzugsgebiet Nordafrika. Unter den kampferprobten Berbern fanden sich immer wieder tüchtige Verbündete für den Krieg gegen die Christen.

Eines Tages zog der Feldherr mit seiner Leibgarde durch die Dörfer und Oasen jenseits der Halbinsel, die von den Arabern "Felsen des Tarik" und von der einheimischen Bevölkerung "Gibraltar" genannt wird. Er drang tief in die afrikanische Wüste ein und traf an einer Wasserstelle auf einen Nomadenstamm, der hier seine Zelte aufgeschlagen hatte. Almanzor war auf seinen ausgedehnten Eroberungszügen schon mancherlei begegnet, aber das, was sich ihm hier darbot, hatte er noch nie erlebt. Frauen und Männer waren in indigoblaue Gewänder gehüllt. Zwar waren die Männer mit Dolchen und Messern behängt, doch hatten sie um Kopf und Gesicht weiße Schleier gewickelt, so dass nur noch Augen und Nase heraussahen. Die Frauen trugen Kopftücher und waren mit reichlich Silber, Leder- und Perlenschnüren geschmückt. Ihre schönen ausdrucksvollen Gesichter waren jedoch vollkommen unbedeckt, und sie betrachteten die fremden Reiter unverhohlen mit ihren großen dunklen Augen.

Der neugierige Blick eines etwa zwanzigjährigen Mädchens schien Almanzor besonders frech, und er sprach sie mit kalter Stimme und strenger Miene an: "Wer bist du, dass du es wagst, Almanzor so anzustarren? Willst du dich über den Siegreichen lustig machen? Pass auf, sonst bringe ich dir Manieren bei!" Erschreckt schlug die junge Frau die Hände vor ihr Gesicht und flüchtete in das nächstgelegene Lederzelt.

Mehr amüsiert als verärgert blickte der alte Stratege ihr nach. Er war der oberste Steuereinnehmer von Nordafrika und hatte Besseres zu tun, als einer einzigen Frau nachzustellen. Stattdessen suchte er das Häuptlingszelt auf. Das Stammesoberhaupt hatte schon die Teezeremonie vorbereitet, um den hohen Besuch gnädig zu stimmen. Im Zelt des Häuptlings hingen kunstvoll gearbeitete Schwerter und Säbel. Almanzor ließ sich davon wenig beeindrucken. Während er seinen Tee schlürfte, fragte er beiläufig nach Herkunft und Preis der schönen jungen Frau ohne Schleier. Er hätte sie gerne mit in seinen Harem genommen, denn seine anderen Frauen bekamen zu viele Töchter und zu wenig Söhne, und in finsteren Stunden fürchtete der Diktator um den Fortbestand seines Hauses.

Zu seinem größten Erstaunen erfuhr er, dass es sich um eine Tochter des Häuptlings handelte, die nicht käuflich war. Sie stammte direkt aus der Linie der Urmutter Ti-N-Hiane und hatte das Recht, sich ihren Mann selbst auszusuchen und sogar zu verstoßen, falls er ihr aus irgendeinem Grund nicht mehr gefiel.

Almanzor glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Ein Stamm, in dem das Mutterrecht galt und nicht die Lehren des Propheten, so etwas gab es doch gar nicht! Was bildete sich dieser komische Alte eigentlich ein!? Auch er schien nicht zu wissen, wen er vor sich hatte, und eine kleine Lektion konnte diesem Spaßmacher wirklich nicht schaden! Der Herrscher von Còrdoba beobachtete das ungerührte Gesicht seines Gegenüber und fasste nach dem Dolch unter seinem Hemd. Doch die Klinge, die er plötzlich in den Händen des anderen aufblitzen sah, brachte ihn zur Besinnung. Der Alte hatte vollkommen recht! Wozu die Aufregung!? Schließlich war er, Almanzor, nicht wegen einer einzigen Frau hierher in diese Einöde gekommen! Er brauchte vor allem tapfere Krieger, um seine Macht und sein Ansehen in Europa zu festigen. Von diesem Zwischenfall würde dort niemand etwas erfahren, und sollten seine Begleiter auch nur ein Sterbenswörtchen darüber verlieren, wäre ihr Schicksal besiegelt... Also war es das Beste, so schnell wie möglich weiterzuziehen. Irgendwann würde er zurückkehren und den eigenwilligen Stamm zur Vernunft bringen, doch im Moment hatte er Wichtigeres zu tun -

Der Angriff auf Santiago de Compostela wurde ein voller Erfolg. Am 10. August 997 marschierte Almanzor in Santiago ein. Die ehrgeizige Freiwilligenarmee machte die Stadt dem Erdboden gleich, verschonte aber das Grab des Heiligen. Die Bevölkerung hatte sich längst in abgeschiedenen Tälern versteckt, nur ein Einsiedler kniete am Grab in der Basilika. Er wollte dem verstorbenen Apostel durchaus Gesellschaft leisten. Almanzor gab Befehl, den Mann in Ruhe zu lassen. Er schlug noch viele Schlachten und brauchte noch viele Freiwillige für seine Machtdemonstrationen in Europa. Jedes Mal, wenn der alternde Feldherr nach Afrika kam, um seinen enormen Bedarf an Soldaten zu decken, stieg er auf den Turm seiner Wüstenresidenz und blickte zum Horizont. Ab und zu narrten ihn Luftspiegelungen mit lockenden Seeufern, und er meinte, in der Ferne die Silhouetten von Kamelen und blau gewandeten Menschen wahrzunehmen, doch tief in seinem Innern wusste er, der Stamm hatte sich weit zurückgezogen und kam nie wieder.  


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