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Frühling
...Von Peer Langenfeld


Blühendes Grün in des Frühlings Erwachen
Ließ mich das Süße im Dasein verspüren.
Wehmütig war mir, so wollt's mich verführen;
Ach! Wie vergnügt durft ich fühlen und lachen!

Jetzt aber drückt wieder Nacht aufs Gemüt,
Kühl ist's geworden, bekümmert mein Blick,
Zweifel zersetzen mir zürnend mein Glück,
Früheres Übel gewinnt mich, es flieht

S
elbst noch die Hoffnung in düst'res Gebiet.
Womit wehr ich, oh, elegisches Lied,
Womit wehr ich nur die Melancholie?

...
Leser: Das ist sehr schön.

Dichter: Vielen Dank. Freilich hätte ich von Ihnen etwas mehr erwartet, da Sie ja sonst so vehement nach literarischen Diskussionen verlangen. Wäre es Ihnen zu so später Stunde eventuell noch möglich, sich genauer auszudrücken?

Leser: Sie haben recht, Sie haben völlig recht. Man gewöhnt sich viel zu schnell daran, nichts zu sagen und dem auch noch Ausdruck zu verleihen. Was an dem Gedicht auffällt, ist ein Überfluss an 'Ü's, eine Lautmalerei, die man heutzutage nur noch selten antrifft. Und gelungen, weil das süße 'Ü' in der zweiten Strophe in ein schmerzliches wechselt. Der kurze Einschub der 'Z's in der dritten Zeile der dritten Strophe passt ebenfalls.
Dichteten Sie im Daktylus?

Dichter: Mit Verlaub, ja, ich habe hier das daktylische Versmaß gewählt. Erfreulich, das dergleichen noch erkannt werden kann. Ich meine, dass die Abfolge betont-unbetont-unbetont in diesem Fall das Schwermütige des Textes besonders akzentuiert.

Leser: Ungewöhnlich, ungewöhnlich. Ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel, wenn ich anmerke, dass hier die Form sowieso über manche textlichen Schwächen hinwegtröstet. Eben habe ich mir das Gedicht nochmal vorgelesen und finde, je öfter ich hinsehe, manche handwerkliche Feinheit.

Dichter: Welche Schwächen, bitte?

Leser: Erstaunlich! War das gewollt, dass Sie die zweite Umarmung gewissermaßen durch ein Enjambement wieder auflösen? - Wie auch immer, selbst, wenn es nicht gewollt war - es macht Wirkung. Die erste Strophe ist eine klassische Umarmung, wie man sie ansonsten nur im Sonett kennt, also Reimschema ABBA. Dass es kein Sonett ist, ist völlig klar; dazu fehlen einige Zeilen. Dass es keines sein darf, ergibt sich aus dem Inhalt. Der angewandte Daktylus gefällt mir von Mal zu Mal besser.

Dichter: Nochmals Danke. Sind Ihnen möglicherweise die unechten Reime aufgefallen? Und, bitte: Welche Schwächen haben Sie festgestellt?

Leser: "Schwächen" ist vielleicht ein wenig übertrieben. Mir gefällt die dritte Zeile in der ersten Strophe nicht so gut, das "wollt's" erscheint mir sehr gekünstelt, vielleicht würde ein "konnt's" Abhilfe schaffen? Vermutlich wollten Sie aber bei der ganzen Lautmalerei das harte 'K' vermeiden, stimmt's?

Mir fällt immer mehr auf, danke für den Hinweis. Also im ersten Quartett nur echte Reime (gleichwohl man "verspüren" und verführen" schon als unechten Reim bezeichnen kann, oder irre ich da?), und im zweiten Quartett ausschließlich unechte Reime. Man könnte also sagen: eine fragwürdige Umarmung. Das passt zum Inhalt, nach der Umarmung des schönen Tages schleicht sich nun wieder die Depression zur Umarmung an. - Schön auch, dass auf "Gemüt" gleich drei verschiedene unechte Reime folgen. Erlauben Sie mir dennoch die Feststellung, dass die Form hier bestechender ist als die Wortwahl. Und das meine ich wirklich alles andere als bösartig.

Leser: Sind Sie noch da?

Leser: Hoffentlich haben Sie sich jetzt nicht gekränkt zurückgezogen.

Leser: Ich denke, er ist ratlos schlafen gegangen.

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