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Abgeschirmt

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___________________Von Marianne Leersch ___________________


 
   Ein durchdringender Summton bricht über die Schlafende herein, durchbohrt ihre Ohren und setzt sich in ihrem Kopf fest. Vergeblich versucht sie sich am Schlaf festzuklammern, dieser hat vor diesem durchdringenden Ton die Flucht ergriffen, hat seinen Schutz von ihr gerafft und sie verletzlich dem einbrechenden Morgen ausgeliefert.
Sie hält ihre Augen fest geschlossen und tastet blind nach dem Ungetüm, welches es gewagt hat, ihren Schlaf zu stören. Ihre Fingerkuppen ertasten fahrig ein kaltes, glattes Kunststoffgehäuse, beginnen wie wild auf den Tasten zu hämmern, bis das Summen abbricht und wieder vollkommene Ruhe in dem Raum eintritt.

Mit aller Macht versucht sie der Schwere des Morgens zu entgehen. Sie vergräbt den Kopf im Kissen, klammert sich an der leichten seidenen Steppdecke fest, zieht sie verzweifelt über den Kopf, läßt die Steppdecke los und bildet unter dem ersten Schutzwall einen zweiten, indem sie sich wie ein Igel zusammenrollt, die beiden Arme zwischen ihre angezogenen Beine klemmt und ihr Hände zu Fäusten verkrampft. Sehnsüchtig versucht sie die Schwelle zum Schlaf noch einmal zu überschreiten, sie drängt die Gedanken, die froh sie endlich wach vorzufinden, von allen Seiten auf sie zustürmen, zurück und versucht zu fliehen. - Mein Kopf ist frei, meine Arme werden schwer, ich fühle wie meine Arme schwer werden...- Beschwörend murmelt sie die Worte vor sich hin, sie redet sich in die Leere des Kopfes und in die Schwere ihres Körpers hinein und ist sich gleichzeitig bewusst, dass ihr nur noch einige Minuten Zeit bleiben, dass sie wie jeden Morgen gegen ihren Willen diesen sicheren Hort verlassen muss, dass sie sich wie jeden Morgen den Banalitäten des Lebens ausliefern muss, dass sie wie jeden Morgen die Kampfansage des neuen Tages nicht ignorieren kann, sondern sie hinnehmen muss, als gegeben, als unausweichlich.

Alle Aufgaben, die von ihr erwarten, dass sie sie an diesem Tag endlich termingerecht, ordentlich und zuverlässig erledige, reihen sich wie Soldaten vor ihr auf, sie beginnt sie zu zählen, verzweifelt, da immer wieder ein paar Versprengte dazukommen, die Reihe unendlich werden lassen und langsam Unordnung in die aufgereihte, geordnete Aufgabensammlung bringen. Da jede für sich das Recht beansprucht, möglichst als erstes erledigt zu werden, beginnt sich die, von ihr so manierlich hingestellte Reihe, aufzulösen. In ihrem Wunsch nach Erledigung werden die einzelnen Aufgaben immer fordernder, sie stehen nun nicht mehr stramm, sondern haben sich in eine geduckte Angriffsstellung gebracht. Langsam beginnen sie sich zu formieren und näher zu kriechen, sie hocken sich in lauernder Stellung vor sie hin, ziehen Dumpfheit und Schwere über ihren Kopf und lassen ihr in ihrer Ungeordnetheit keinen Platz mehr einen klaren Gedanken zu fassen. In ihrer Unverschämtheit sich gleichzeitig aufzudrängen, nehmen sie ihr langsam die Luft zum Atmen, sie setzen sich schwer auf ihre Brust, nehmen ihren Kopf, um endlich ein Ja zu erpressen, in die Zange und durchsetzen ihren Körper mit dem Gefühl des Ausgeliefertseins.

Voller Panik beginnt sie Versprechen, die heute einzulösen ihr doch wieder die Kraft fehlen wird, auszugeben. Eine bleierne Müdigkeit legt sich auf sie, vertreibt die Erholung, die ihr der Schlaf versprochen hat und lähmt ihre Bereitschaft den Tag zu beginnen. Aber sie hat noch neun Minuten, neun Minuten kostbare Zeit, die sie jetzt nützen muss, auf keinen Fall darf sie diese neun Minuten, die noch ihr gehören, aufgeben.

Ein wohliges, zufriedenes Gefühl zieht durch ihren Körper, ihre zu Fäusten verkrampften Hände öffnen sich, ihre Gedanken geben sich der Illusion hin, die Zeit anhalten zu können. Sie läßt sich langsam in das Stadium des Vergessens und des Aufgehobenseins hinübergleiten, als der neu einsetzende Summton sie auffahren läßt. Verwirrt setzt sie sich im Bett auf und schaut nach dem Wecker. Wieder drücken ihre Finger auf den Schlummerknopf. In neun Minuten würde der Wecker neuerlich summen und sie würde dann keine Möglichkeit mehr haben im Bett zu bleiben.

Jeden Morgen durchlebt sie dasselbe Spiel, doch an diesem Morgen reift in ihr ein kühner Plan. Sie wird einfach nicht aufstehen. Sie wird gegen jeden Vorbehalt ankämpfen, jeden rationalen Gedanken von sich weisen und dieses Bett nicht verlassen. Entschlossen greift sie nach dem Wecker, zieht ihn wie einen Verbündeten nah an sich heran, ihre Finger wickeln sich um das schwarze Kabel, verharren einen Augenblick und reißen mit einem Ruck den Stecker aus der Steckdose.

Er hat seine Funktion verloren, gedankenvoll starrt sie auf den leblosen schwarzen Kasten zwischen ihren Händen, dreht ihn hin und her, will sich vergewissern ob er nicht von einer versteckten Batterie gespeist die Möglichkeit habe ihr die Zeit wieder zurückzubringen und findet auf seiner Rückseite einen schwarzen Deckel, welchen sie mit ihrem Fingernagel vorsichtig öffnet und achtlos aus dem Bett wirft. Mit einem kleinen boshaften Lächeln läßt sie den Wecker aus dem Bett gleiten. Er hat ausgedient, er wird nie mehr ihre Zeit zerhacken, sie mahnen und fordern.

Besitzergreifend sieht sie sich in ihrem Bett, das nun für lange Zeit, vielleicht für immer ihr Zuhause sein wird, um und beginnt Ordnung zu schaffen. Nun da ihr Raum so begrenzt ist, erfüllt sie mit Freude die anfallenden Arbeiten. Sie setzt sich im Bett auf, zieht die zwei Kissen hinter ihrem Rücken hervor, schüttelt sie sorgfältig auf und steckt sie wieder hinter ihren Rücken. Danach schiebt sie die Bettdecke bis zum Fußende, legt sich auf den Rücken, spannt ihren Körper, bis er gleich einer Feder nur mehr mit den Fersen und dem Kopf das Bett berührt, zieht das Betttuch unter sich gerade, und steckt es links und rechts gleichzeitig fest, wobei sie ihre Hände zwischendurch als Stütze gebraucht, da sie aus der Balance zu kippen droht. Anschließend ruht sie sich einige Momente aus, setzt sich wieder auf, greift mit beiden Händen nach der seidenen Bettdecke, zieht sie gleichmäßig über ihre Beine, streift sie sorgfältig glatt und ruht sich wieder aus.

Sie schließt die Augen und döst vor sich hin, durch die vorgezogenen schweren Vorhänge dringt nur kränkliche Helligkeit in das Zimmer, die geschlossenen Fenster schirmen sie vor dem Lärm der Straße ab und mit dem Ausschalten der Zeit hat sie auch ihre auf sie wartenden Aufgaben abgestellt. Sie hat sie in die Ecke zurückgedrängt, sie lächerlich gemacht und dem Nichterledigtwerden endgültig ausgeliefert.

Plötzlich wird ihre Ruhe durch das Öffnen der Tür gestört, helles Morgenlicht bricht feindselig herein und eine vorwurfsvolle Stimme fragt um das längst ausständige Frühstück. Leidend läßt sie ihre Hand über die Stirn gleiten, bedauert, dass es ihr heute nicht gut gehe, dass sie rasende Kopfschmerzen habe, dass sie versucht habe aufzustehen, aber vom Schwindel übermannt wieder in das Bett zurückgesunken sei, dass es ihr später bestimmt besser gehe und sie nur jetzt in dieser Stunde absolute Ruhe brauche. Die vorwurfsvolle Stimme klingt nun besorgt und der Träger dieser Stimme, der nach jahrelanger Gewohnheit zur Auffrischung des Alltags und nach dem Freiwerden des Kinderzimmers, da der Sohn zwecks Studium das Elternhaus verlassen hat, ein eigenes Schlafzimmer besitzt, eilt nun in die Küche um die Kranke mit allem Notwendigem zu versorgen, bevor er zur Arbeit muss.

Nach kurzer Zeit kehrt er mit einem Tablett zurück, stellt es vorsichtig neben das Bett, unterdrückt, um die Kranke nicht aufzuregen, die Frage nach dem achtlos vor dem Bett liegenden Wecker, läßt sich noch das Versprechen geben so lange im Bett zu bleiben, bis sie sich wieder gut fühle und verläßt, da es nun schon sehr spät geworden ist, mit raschen Schritten die Wohnung, die Tür umsichtig hinter sich zusperrend. Mit ihrem Mann verläßt sie auch der leidende Gesichtsausdruck, ihre Hand greift nach dem Schalter der kleinen Leselampe um die auf dem Tablett plazieren Sachen in Augenschein zu nehmen. Das Glas Wasser und die Packung Schmerztabletten schauen sehr einsam auf dem großen Tablett aus und sie beschließt das Bett kurzfristig zu verlassen um alles Nötige für diesen Tag in ihre Reichweite zu bringen. Hastig steigt sie aus dem Bett, läuft rasch in das WC, wäscht sich die Hände, eilt zurück in das Schlafzimmer, nimmt das Tablett, balanciert es auf der rechten Hand, stellt das Glas Wasser auf den kleinen Beistelltisch neben das breite Bett, legt auch die Tabletten daneben, und huscht mit dem Tablett in die Küche. Rasch füllt sie es mit einer Packung Orangensaft, einer Hartwurst, zwei Scheiben Brot, einer Tafel Schokolade und zwei Packungen Schnitten. Vorsichtig trägt sie das Tablett zurück in ihr Nest und übersieht dabei geflissentlich die Unordnung, die in der Wohnung herrscht. Zufrieden klettert sie wieder unter ihre Bettdecke, löscht das Licht und fällt kurz darauf in einen leichten Schlummer.

Dösend verbringt sie den Tag und greift nur manchmal auf das Tablett um Hunger oder Durst zu stillen. Das Aufschließen der Wohnungstür unterbricht kurzzeitig ihre Gelöstheit. Sie versteckt blitzschnell die angebissene Schokolade, die leeren Verpackungen und den letzten Rest der Hartwurst unter ihrem Kopfkissen, streift die Brösel von der Bettdecke und lehnt sich mit leidendem Gesichtsausdruck wieder zurück. Mit geschlossenen Augen verfolgt sie das leise Öffnen und Wiederschließen der Schlafzimmertüre, hört gedämpfte Geräusche aus der Küche, verfolgt in Gedanken die Spur des Staubsaugers, dessen Lärm vorwurfsvoll in die Stille des Schlafzimmers eindringt. Nach einiger Zeit öffnet sich die Tür wieder und eine besorgte Hand hält ihr eine Tasse mit duftender Suppe hin. Auf die Frage wie es ihr gehe antwortet sie nur mit unbestimmtem Murmeln, nimmt dankbar die warme Suppe und läßt sie in kleinen Schlucken mit leisem Stöhnen in sich hineinfließen. Ermattet legt sie sich wieder zurück, streift mit der Hand immer wieder über ihre Stirn um nicht vorhandene Kopfschmerzen zu vertreiben und gibt mit jeder Geste zu verstehen, dass sie unbedingt absolute Ruhe brauche. Geduldig zieht er sich zurück, schaltet zur Unterhaltung das Fernsehgerät ein und wirft vor dem Schlafengehen noch einen Blick in das Schlafzimmer um eine völlig reglose, entspannt Schlafende vorzufinden.

Am nächsten Morgen steht er eine Stunde früher auf, findet sie wieder mit rasenden Kopfschmerzen vor und verlässt nach einigem Rumoren, welches sie mit geschlossenen Augen verfolgt, besorgt die Wohnung, darauf drängend, dass sie heute einen Arzt rufe, falls im Laufe des Vormittags keine Besserung eintrete. Mit dem Abschließen der Wohnungstür tritt sie in Aktion, huscht wieder durch die Wohnung, sieht dass ihre hausfraulichen Pflichten bereits zum Großteil erledigt sind, dass auch in der Küche, nun da sie nicht mehr von ihr benutzt und beschmutzt worden ist, peinliche Sauberkeit herrscht, findet nur im Badezimmer einen Stapel schmutziger Wäsche, gibt diesem einen leichten Fußtritt und flüchtet zurück in ihr Bett, neben welches er vor dem Verlassen der Wohnung ein ausgiebiges Frühstück gestellt hat, das bei einiger Einteilung für den ganzen Tag reichen dürfte.

Als er an diesem Abend nach Hause kommt gesellt sich zu seiner Besorgnis bereits eine leichte Ungeduld, die in den folgenden Tagen immer mehr zunimmt, während sie in ihrem festen Wunsch das Bett nicht mehr verlassen zu müssen, immer heftigere Schmerzen vortäuscht, diese immer dringlicher werden läßt und an diesem leidenden Zustand so großen Gefallen findet, dass er bald zur Realität wird. Nach einigen Wochen ist sie derart geschwächt, dass er mit dem Verlassen der Wohnung einer Hauskrankenpflegerin die Aufgaben überträgt und sie sich manchmal in ihrem Dämmerzustand, den die immer stärker werdenden Medikamente erzeugen, die Frage stellt, womit ihr Leiden eigentlich begonnen haben könnte.

    
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