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Das Frühstück
Von Marianne Leersch


...   Fröstelnd stand sie in der Küche und ließ den Blick schweifen. Durch das Fenster fluteten die ersten Sonnenstrahlen und lautes Vogelgezwitscher drang an ihr Ohr. Sie zog den Bademantel enger um sich. Mit Widerwillen betrachtete sie den blankgeputzten Herd, den klinischreinen Boden, die glänzende Kaffeemaschine, die bereits mit Wasser gefüllt, sich ihr aufdrängte, sie einzuschalten, um die morgendliche Idylle mit ihrem leisen Rauschen und Pfeifen, mit ihrem zart aufsteigenden Duft frisch bereiteten Kaffees perfekt zu machen. Mit aller Kraft widersetzte sie sich dem Bedürfnis, sich auf den Boden zu kauern, den Bademantel über den Kopf zu ziehen, sich in ihrer künstlich errichteten Höhle langsam auf den Fußballen hin- und herzuwiegen und durch monotones Summen alle Geräusche von außen abzuschirmen.

Langsam, einen Fuß vor den anderen setzend, als ob sie Angst hätte über nicht vorhandene Hindernisse zu stolpern, bewegte sie sich die Küchenschränke entlang. Die linke Hand strich immer wieder über glatt geputzte Flächen, leichte Fettspuren der pflegenden Nachtcreme hinterlassend. Fassade - zischte es immer wieder zwischen ihren Lippen hervor - alles Fassade. Als ihre Hand an der Kaffeemaschine ankam, zögerte sie kurz, erhöhte dann mit aller Anstrengung den Druck auf den linken Zeigefinger und setzte sie in Betrieb.

    Widerwillig hörte sie das erste Zischen, und spürte den Druck der von ihr erwarteten Vorbereitungen für das morgendliche Ritual. Mit leisem Klirren holte sie zwei Tassen, zwei Unterteller und zwei Dessertteller aus dem Schrank und stellte sie ungeschickt auf der Arbeitsplatte ab. Als ob ihr die Last zu schwer wäre, beförderte sie jedes Teil einzeln auf den Tisch, um dort alles langsam und schwerfällig wieder anzuordnen. Teller, Unterteller, Tasse murmelte sie vor sich hin und versuchte durch immerwährendes Nachrücken möglichst viel Abstand zwischen die zwei Gedecke zu bringen. Langsam ließ sie sich auf ihren angestammten Sessel gleiten und fuhr sinnend mit dem Finger immer wieder rund um den Tellerrand, es war ihr nicht möglich einen klaren Gedanken zu fassen. Sie fühlte nur ein tiefes Unbehagen. In die Monotonie ihrer Bewegung ließ sie die Monotonie ihres Lebens einfließen. Immer das Gleiche, immer das gleiche .... tröpfelte es von ihren Lippen, während ihr Finger fortwährend seine Kreise zog.

Plötzlich hielt sie in der Bewegung inne, ja natürlich, sie hatte das Besteck vergessen. Sie hörte das fordernde Zischen der Kaffeemaschine, die bald ihre Aufgabe für diesen Morgen erledigt haben würde und erhob sich mühsam. Mit drei schlurfenden Schritten stand sie vor der Besteckschublade und zog sie leise ratternd heraus. Ratlos blickte sie auf die blitzenden Messer, Gabeln, Löffel und kleinen Löffel. Was wollte sie- sie versuchte ihre Gedanken zu ordnen, mechanisch drehte sie sich um und blickte auf den Küchentisch- ach ja das Besteck für das Frühstück. Sie griff mit der Hand hinein und rieb den Daumen zuerst leicht, dann mit immer fester werdenden Druck an der Schneide eines Messers bis sie einen leichten Schmerz fühlte. Langsam hob sie die Hand vor das Gesicht und betrachtete teilnahmslos den kleinen Blutstropfen der aus dem winzigen Schnitt hervortrat. Gedankenverloren steckte sie den Daumen in den Mund und begann daran zu saugen. Leicht schmatzende Geräusche vermengten sich mit dem letzten Zischen der Kaffeemaschine.

    Den Blick nach innen gerichtet, begann sie sich sanft hin und herzuwiegen. Leise summte sie immer wieder die gleichen Töne vor sich hin, als könnte sie eine Harmonie aufbauen, die in der klinischen Reinheit der Küche irgendwann mit der Sinnhaftigkeit ihres Lebens verloren gegangen war. Unwillkürlich begannen die Finger ihrer linken Hand an den Haaren zu zupfen, bis eine Strähne ihres dauergewellten, spröden, glanzlosen Haares sich zwischen Daumen, Mittelfinger und Zeigefinger befand, die sich nun langsam hin- und herbewegten und aus der Strähne ein kleines Band formten, an dem sie in ihrer Kinderzeit immer gedreht hatte, um die Zeit, die ihre Mutter mit der Aufrechterhaltung der klinischen Sauberkeit und dem Zugießen der eigenen Frustration gebraucht hatte, zu überbrücken.

Plötzlich riss ihre Hand an der Strähne, ein scharfer Schmerz durchzuckte sie und fassungslos blickte sie auf die ausgerissenen Haare, die wie Fransen zwischen den Fingern ihrer linken Hand hingen. Der Schmerz hatte sie aus ihrer Lethargie gerissen und sie wandte sich wieder dem Besteck zu.Vorsichtig nahm sie zwei Messer und zwei kleine Löffel heraus und legte sie auf den Tisch, wobei sie ihr Gedeck durch Herumrücken wieder auf einen größeren Abstand zum anderen Gedeck brachte, sodass sich langsam eine Feindseligkeit auf dem Tisch aufbaute.

     Sie horchte auf, und vermisste plötzlich das Zischen der Kaffeeemaschine. Dieses nicht mehr vorhandene Geräusch erinnerte sie daran, dass noch Milch und Zucker auf den Tisch mussten und sie versuchte sich diesem Problem zu stellen. Vorsichtig öffnete sie die Tür des Kühlschranks, ihre Augenlider blieben dabei fast geschlossen und sie versuchte die Augen in den keinen Schlitzen nur auf die Milchpackung in der Tür zu richten. Doch ihre Augen bewegten sich plötzlich seitwärts und umfaßten die Schnapsflasche, die noch vom gestrigen Abend zur Kühlung hier abgestellt und von ihrem sonst so umsichtigen Gatten vergessen eine Saftpackung weiter in der Tür stand. Wie von selbst bewegten sich ihre Hände beinahe gleichzeitig darauf zu, umfassten die Flasche leicht zitternd aber liebevoll und zärtlich, wie einen äußerst kostbaren Schatz und hoben sie sanft ohne irgendwo anzustoßen heraus. Durch einen leichten Druck des linken Knies ließ sie die Tür mit einem leisen Plob zufallen. Wer hat dich den hier vergessen, flüsterte ihre Stimme liebevoll und von der linken Hand festgehalten, drehte die rechte Hand bereits am Schraubverschluß. Ihr Mund begann sich aus Vorfreude auf den baldigen Genuss bereits leicht zu öffnen und in ihren Mundwinkeln sammelten sich die ersten Speicheltropfen.

Während sie gierig einen großen Schluck aus der Flasche in ihren nun weit geöffneten Mund leerte und mit größtem Behagen das leichte Brennen in ihrer Mundhöhle wahrnahm, suchten ihre Augen bereits nach einem geeigneten Versteck für den größten Schatz dieses Tages, der ihr heute über alle Hindernisse hinweghelfen würde. Ihre Augen blieben am Backofen hängen. Dieses Versteck kannte er noch nicht. Langsam und liebevoll drehte sie den Schraubverschluß auf die Flasche, überprüfte durch Schütteln und Herumdrehen die Dichtheit, wickelte sie umsichtig in ein rotkariertes Küchenhandtuch, öffnete den Backofen und legte sie behutsam in die hinterste Ecke. Zart strichen ihre Finger über das Handtuch, als wollte sie sich von einem heimlichen Liebhaber verabschieden, zart schloß sie die Tür, um ihre Kostbarkeit auch nicht durch die leiseste Erschütterung zu verletzen.

    Mit großer Selbstsicherheit nahm sie nun von ihrer Küche Besitz. Sie stellte Milch und Zucker auf den Tisch. Wie selbstverständlich befanden sich plötzlich auch Marmelade und Butterdose dort und während sie drei Brotscheiben abschnitt, betrachtete sie kopfschüttelnd die kleine Wunde am Daumen.

Der Tag lag verheißungsvoll vor ihr. Erst frühstücken, warten bis sich hinter ihrem Gatten die Tür schloß - dann ein Schluck - Küche aufräumen - ein Schluck - Schlafzimmer lüften - ein Schluck- Badezimmer putzen - ein Schluck - Betten machen - ein Schluck - Staub saugen - ein Schluck- Staub wischen - ein Schluck - einkaufen, nein nicht einkaufen, im Keller musste noch eine Dose Eintopf stehen, Dose aufmachen, in einen Topf leeren, nachwürzen - ein Schluck - auf die Uhr sehen, die Zeit berechnen, die sie noch ungestört sein würde, ungefähr drei Stunden würden es wahrscheinlich sein - ein Schluck, noch ein Schluck, noch ein Schluck.... - Wecker auf 16 Uhr stellen - ein Schluck - Flasche wieder verschwinden lassen - schlafen - einen starken Kaffee kochen, Eintopf aufwärmen, essen, und abends ganz offiziell, niemand würde Anstoß daran nehmen, in der Wirtschaft ein paar Bier trinken, vielleicht heimlich ein paar Klare....

    Schöner konnte ein Tag gar nicht sein. Sie konnte es kaum noch ertragen auf ihren Mann zu warten. Erwartungsvoll lauschte sie. Da, war das nicht die Spülung im Klo? Vorsichtig öffnete sie die Tür und spähte hinaus. Nichts. Leise schlich sie sich auf Zehenspitzen zum Schlafzimmer und legte horchend das rechte Ohr an die Tür. Ein leises Schnarchen drang durch die Tür. Sollte sie ihn wecken. Sollte sie ihm vielleicht sogar den Kaffee zum Bett bringen. Nein nur keinen Verdacht aufkommen lassen.

Sie huschte zurück in die Küche, sehnsuchtsvoll blieb ihr Blick am Backofen hängen. Sollte sie...... nein, das würde er riechen. Seine Nase hatte sich im Lauf der Jahre zur Nase eines Spürhundes weiterentwickelt. Mit leichtem Hass dachte sie an das Zittern seiner Nasenflügel, wenn er sich unter dem Vorwand, Zärtlichkeiten auszutauschen, schnuppernd immer näher an ihren Mund heranpirschte und sie in diesen Momenten immer den Atem anhielt, um nichts von ihrem etwaigem Konsum preiszugeben. Sie hasste nichts so sehr wie seine Vorwürfe, die ihr immer wieder Versprechen abrangen, die sie ohnehin nicht halten würde.

    Ihre Hände begannen nun wieder zu zittern. Nervös schenkte sie sich eine Tasse Kaffee ein und trug sie zum Tisch, wo sie sie mit leichtem Überschwappen abstellte. Schnell sprang sie auf, um mit fahrigen Bewegungen die klinische Reinheit wieder herzustellen. Sie setzte sich wieder auf den Stuhl und begann mit dem rechten Fuß auf und abzuwippen. Aus der linken Tasche ihres Bademantels nestelte sie eine Packung Zigaretten hervor. Sollte sie es wagen - er konnte Rauch vor dem Frühstück nicht ausstehen. Sie zupfte eine Zigarette heraus und klemmte sie zwischen ihre dünnen verkniffenen Lippen. Ein Blick auf die Uhr. Sie könnte sich auf die Terasse stellen. Hastig verließ sie die Küche eilte durch das sterile aufgeräumte Wohnzimmer, wo die zackigen Ecken der Zierpolster einen Spalier für sie bildeten, auf die Terrasse. Sie zog die Tür hinter sich zu, damit kein Rauch sich in den blütenweißen Gardinen festsetzen konnte und drückte sich in die äußerste Ecke der Terrasse, die von niemanden eingesehen werden konnte, damit nicht durch den Rauch der Zigarette ihr Ruf angeraucht werden könnte.

Gierig sog sie den Rauch ein, ihre linke Hand hatte sich zu einer Schale geformt um die Asche aufzufangen und während sie einen Zug um den anderen in ihre Lunge brannte, kreisten ihre Gedanken nur um das Problem, wohin sie den glühenden Zigarettenstummel geben könnte. Sie durfte nichts beschmutzen, es durfte keine Spuren geben, immer hektischer flog ihr Blick über die Terrasse. Sie konnte unmöglich mit der brennenden Zigarette bis in die Küche zurückgehen, der Rauch würde hinter ihr herschweben und ihre Lasterhaftigkeit verraten. Sie konnte keinen einzigen seiner vorwurfsvollen Blicke mehr ertragen.

    Ihr Blick blieb auf ihrer zu einer Schale geformten rechten Hand hängen. Das war der Ausweg - Krampfhaft wartete sie , dass sich in ihrem trockenen Mund etwas Speichel ansammelte, vorsichtig führte sie die rechte Hand unter ihr spitzes Kinn und ließ eine kleine Speichelspur hineinfließen. Zitternd hielt sie ihre rechte Hand unter die Zigarette und mit einem leisen Zischen verdampfte die Glut. Sie zuckte nur leicht als sie ein Brennen verspürte, ihre Unzulänglichkeit wurde ihr mit ihrem Unvermögen genügend Speichel zu produzieren einmal mehr bewußt. Sie eilte zurück in die Küche, wo sie den Zigarettenstummel unter Kartoffelschalen im Mülleimer verschwinden ließ.

Sorgfältig wusch sie sich die Hände und hielt prüfend die Finger an die Nase. Um sicherzugehen, dass auch der letzte Geruch verschwunden war, rieb sie sich die Hände mit Spülmittel ein, wusch sie nochmals ab und wischte anschließend das Spülbecken mit einem Handtuch trocken und glänzend.

Sie zuckte zusammen, als plötzlich ihr Mann hinter ihr stand.

    Was machst du denn da, warum steht die Tür zur Terrasse offen, warum ist die Tür zum Wohnzimmer nicht zu, du hast dir ja schon einen Kaffee eingeschenkt, warum hast du nicht auf mich gewartet, ärgerlich setzte er sich zum Frühstück. Vorsichtig nahm sie die Kaffeekanne und schenkte ihm ein.

Du zitterst ja schon wieder, es wird wohl besser sein, wenn ich dich demnächst zu einem Arzt bringe, oder gleich in das Krankenhaus, manchmal glaube ich, du hast dich überhaupt nicht unter Kontrolle, wenn ich nur an gestern abend denke, ich weiß, wann ich aufhören muss, aber du - du bist ja wie ein Fass ohne Boden....

    Verzweifelt versuchte sie seine Worte nicht zu hören, immer wieder schweifte ihr Blick zum Backofen. Wenn er nur endlich gehen würde. Bedächtig und selbstzufrieden strich er sich sorgfältig ein Marmeladebrot, schnitt es in zwei Hälften, legte ihr eine Hälfte auf den Teller und betrachtete mit geheimem Vergnügen, wie sie krampfhaft das Brot hinunterwürgte um ihn nicht zu verärgern.

Er hatte sein Leben unter Kontrolle.

Er hatte sie unter Kontrolle.

Zufrieden schaute er sich in der blankgeputzten Küche um.

    Geflissentlich übersah er ihre zittrigen Hände, ihren unsteten Blick, ihre Verzweiflung, ihre Einsamkeit und ihre Hilflosigkeit.

Bis heute abend.

Zufrieden schloß er die Tür hinter sich und stieg die Treppe hinunter, während sie mit einem erlösten Seufzer den ersten Schluck aus der Flasche nahm.


(E-mail der Autorin:
o.leersch@ainet.at)


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