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Der Gruß

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___________________Von Marianne Leersch ___________________

    
        Mit gesenktem Blick stand M. starr in der überfüllten Fußgängerzone. Vor ihm, hinter ihm, rechts und links neben ihm herrschte geschäftiges Treiben. Gesprächsfetzen trafen immer wieder auf seine Ohren, prallten ab und wurden zurückgeworfen in die emsige Menge, die um ihn wogte. Ab und zu berührten ihn diese Wellen, versuchten ihn aufzunehmen und in ihrer Leichtigkeit mitzutreiben. Spielerisch teilten sich die Wogen vor ihm, umspülten kurzzeitig seine gebeugte Gestalt und schlossen sich hinter ihm wieder zu einem wiegenden Fluß großer, kleiner, dicker, dünner, schlank und wohlgeformter, krampfaderndurchzogener, bekleideter, bestrumpfter, behaarter oder nackter Beine, deren Ausläufer in allen Arten von Schuhen steckten. Manche Schuhe zögerten kurz vor der starren Gestalt, die mit gesenktem Kopf, die Halswirbelsäule leicht gekrümmt, gleich einem dressierten Zirkuspferd, dessen stolzes Haupt durch Gewichte gebeugt worden war, reglos mit herabhängenden Armen, verloren in der treibenden, pulsierenden Menge stand.

Aus seinem Mund tröpfelte unaufhörlich ein unterwürfiges Grüß Gott, da ihm schon in frühester Kindheit ein despotischer Mann, der nach Beteuerungen seiner geliebten Mutter auch sein Erzeuger gewesen sein musste, eingebleut hatte, jeden zu grüßen. Grüß Gott, Grüß Gott, Grüß Gott....plätscherte es unaufhörlich aus seinem Mund. Jedes neue Paar Schuhe, das in sein Blickfeld trat, wurde von seinen niedergeschlagenen Augen registriert und mit den versteckten, hinterlistigen Grausamkeiten in Verbindung gebracht, die er zu erwarten hatte, sollte er einmal nicht grüßen.

Seine Stimme war schon heiser, als plötzlich mehrere Füße gleichzeitig seinen Gruß einforderten, er beeilte sich jeden zu grüßen, doch sie entschwanden so schnell, dass M. im Bewußtsein mindestens einen Gruß versäumt zu haben, sich unwillkürlich zur Seite beugte, um dem Schmerz ausgerissener Haarbüschel auszuweichen.

Mit leichter Verwunderung registrierte er, dass der Schmerz ausblieb, ungläubig führte er seine rechte Hand in den Nacken, hackte seine Finger in den winzigen Haaren an der empfindlichsten Stelle fest und riss sich selbst ein kleines Büschel Haare aus. Während er vor Schmerz kurz aufwimmerte, zischte er sich selbst ein hasserfülltes „Du hast nicht gegrüßt" zu.

Schnell beeilte er sich dies nachzuholen und den Gruß noch durch ein unterwürfiges Kopfnicken zu verstärken, wobei sein Kinn mit leichtem Druck sein Brustbein traf. Müde ließ er es dort ruhen, seine Stimme versagte allmählich. Schon hob sich seine rechte Hand wieder um diesen Ungehorsam zu bestrafen, da wurde sie von seiner linken Hand aufgehalten, mit bestimmtem Druck in ihre Ausgangslage zurückbefördert, und so lange umklammert, bis er sicher sein konnte, dass er von ihr nichts mehr zu befürchten hatte.

Immer leiser werdende Grüße tröpfelten von seinen Lippen, fielen zu Boden, bildeten um seine Schuhe eine zähe, klebrige Masse. Panik kroch langsam von seinen Schuhen hoch, erfasste seine spitzen Knie, kletterte die schlotternde Hose weiter, bis sie sich in einem eisernen Ring um seine Brust legte.

Er würde ewig dort stehen, er würde immer weiter grüßen müssen, die Schuhe in seinem Blickfeld wurden nicht weniger. Im Gegenteil immer mehr Schuhe traten unter seine gesenkten Augen. Ja er hatte das Gefühl, als ob sie umkehren würden, als ob sie nur scheinbar, seinen Gruß eingefordert, an ihm vorbeiziehen würden. Sie gingen unschuldig an ihm vorüber, traten aus seinem Blickfeld, kehrten dann um, kamen wieder um einen Gruß abzuholen, umkreisten ihn, wollten etwas von ihm, wollten mehr als nur einen Gruß, wurden immer fordender, stöckelten herrisch vor ihm auf den Boden herum, warteten nur darauf, dass er müde werden würde, von der klebrigen, zähen Masse seiner sinnlosen Grüße angezogen, aufgesaugt, in diesen ertrinken würde, und sie endlich ungehindert ihren Weg über ihn fortsetzen könnten.

Um seinen Verdacht zu bestätigen, versuchte er sich an einem Paar Schuhe festzuklammern. Schwarze, blankgeputze Herrenschuhe, nur einige nicht nennenswerte verlorene Staubkörper an sich haftend, näherten sich mit einem bestimmten, herrischen Tack, Tack Tack, seinen verlorenen Füßen. Er murmelte ein devotes Grüß Gott, saugte sich an den Schuhen fest, und entschlossen diese zu verfolgen, begann er seinen Kopf in Richtung der davoneilenden Schritte zu bewegen, wohlwissend, dass er dadurch vielen Schuhen kein Demutsbezeugnis ablegen würde können.

Sein Herz begann zu rasen, wollte er diese Schuhe weiter verfolgen, müsste er seinen Blick heben. Schon begannen sie sein durch den gesenkten Blick begrenztes Feld zu verlassen, bald würden sie entschwunden sein, vielleicht außerhalb eine Drehung machen, drohend zu ihm zurückkehren, ihn umkreisen, und er würde, nicht wissend, dass es dieselben Schuhe sind, wieder grüßen, sie würden ihn festnageln, nie mehr von der Stelle kommen lassen, sie würden mit bitterem Humor sein Ertrinken beobachten und dann herrisch auf ihn treten und ihn mit leichtem Drehen des Absatzes vollständig vernichten.

Mit rostigem Knacken begannen sich seine Halswirbel aus der erstarrten Haltung aufzurichten. Mit kleinen ruckartigen Bewegungen gewann sein Kopf an Höhe. Haßerfüllt blieben seine Augen an der davoneilenden Person hängen. Die Schuhe entfernten sich und mit ihm diese Person, die, er war sich jetzt vollkommen sicher, nur darauf gewartet hatte mit ihm sein Spiel zu treiben. Wollte sie ihn in Sicherheit wiegen? Um sich dessen sicher zu sein, um jeden Zweifel auszuschließen, musste er versuchen sich aus diesem zähen Brei seiner Grüße herauszuwinden und ihr zu folgen.

Sein Mund hatte aufgehört zu grüßen, seine Lippen pressten sich verkniffen aufeinander, sein Kopf war erhoben, die Augen, weit aufgerissen, sahen nur den Träger der schwarzen Schuhe. Er begann mit wippenden Bewegungen die zähe Masse abzustreifen, hob abwechselnd ein Bein nach dem anderen, um überrascht festzustellen, dass nichts seinen Weggang verhindern würde.

Seine Nasenflügel begannen zu beben, er hatte die Witterung aufgenommen. Durch die Ausdünstungen der Masse, die weiter um ihn wogte, meinte er den leichten Schweißgeruch des Trägers der schwarzen Schuhe wahrzunehmen. Er schnupperte, nahm eine leicht gebeugte Haltung ein und begann mit lauernden, schleifenden Schritten die Person zu verfolgen. Die Masse, der er von nun an keinen Gruß mehr schuldete, diese graue unscheinbare Zusammensetzung aus verschiedenen Leibern, die in ihm nur eine leichte Übelkeit verursachten, entpuppte sich als vollkommene Deckung. Er konnte hinter ihr verschwinden, er konnte sich zwischen ihr anonym vordrängen und so den schwarzen Schuhen wieder näher kommen, er konnte sich mit ihr den schwarzen Schuhen nachtreiben lassen und sich damit eine kleine Ruhepause gönnen.

Nun da sein Blick nach vor gerichtet war, war es ihm auch möglich den Träger der Schuhe zu sehen. Aus den wogenden, gleitenden Leibern, die in einem ständigen Hin und Her an seine Nerven zerrten und ihn gleichzeitig mit einer grenzenlosen Kaltblütigkeit erfüllten, stach diese Person mit dem gutsitzenden, maßgeschneiderten Anzug und dem dezent geschnittenen Haaren wie eine Drohung hervor. Mit leichtem, beherrschten Schritt bahnte sie sich einen Weg durch die Menge, die sich vor ihm wie von Zauberhand teilte, während M., immer wieder angerempelt, zur Seite geschoben, vor fordernden Leibern, die ihm doch nur Deckung geben sollten, ausweichen musste.

Dort ging das Leben, das ihm gebührt hätte. Dort gingen die Schuhe, die für ihn bestimmt gewesen wären. Dort gingen die Sicherheit und Leichtigkeit, die ihm gestohlen worden waren und die nur darauf warteten sich an seinem Unglück zu weiden. Ms Kopf brauste. Er musste diese Person vernichten, bevor sie ihn zertreten konnte. Mit schnellen Schritten, den Schweißgeruch witternd, näherte er sich den schwarzen Schuhen. Schon war er hinter ihnen, schon hatte er beide Hände erhoben, um sich von hinten um den, zwischen blütenweißem Hemdkragen und sorgfältig, gestriegeltem Haar, entblößten Teil des Halses zu legen und zuzupacken, durch einen festen Ruck nach hinten die Wirbelsäule zu brechen, oder einfach den Zustrom weiterer Luft zu verhindern, als sich die Person umdrehte und ihm direkt in die Augen sah.

Geblendet schloss M. seine Augen. Starr vor Angst blieb er stehen, beugte den Kopf leicht hinunter, die Krümmung setzte sich an seinen Rückenwirbel fort, gab seinem Körper die gewohnte unterwürfige Haltung, seine Arme fielen herab und baumelten wieder an den Seiten, sein Mund öffnete sich und ein leises devotes Grüß Gott tröpfelte von seinen Lippen.

Die Augen hatten seinen Gruß eingefordert.

     
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