...
Das Kleid

Von Marianne Leersch


    Langsam näherte sie sich dem schweren eichenen Eingangstor, das in der Mauer, welche den großen Garten vor neugierigen Blicken schützten sollte, eingelassen war. Kühl und abweisend blickten sie die Bohlen des sonst warmen Holzes an, sie hatten sie sofort als nicht zugehörig, als unwürdig durchschaut und hätten ihr, wäre es auf ihre schon zwei Jahrhunderte alte Weisheit angekommen, den Zutritt verweigert. Sie hätten sie um die Mauer herumdirigiert zur kleinen Pforte, die an der Rückseite des Gartens für ihresgleichen gedacht war. Eingehend betrachtete sie das schwere Tor, ihre Hände befühlten das kalte Metall der kunstvoll geschmiedeten Beschläge und streichelten sanft das Holz, um es zu besänftigen. Es hatte schon seine Richtigkeit, sie hatte den Beweis dafür in ihrer Tasche. Sie öffnete umständlich den Verschluss und zog einen kleinen Zettel aus der Tasche, überprüfte die Adresse und blickte zur Sicherheit auf ihre Uhr, deren Zeiger auf 10 Uhr 12 standen und welche sie als letztes Schmuckstück noch nicht versetzt hatte.

Die Stimme am Telefon hatte sie gebeten pünktlich um 10 Uhr 30 zu einem Gespräch zu erscheinen, man würde sich dann näher kennenlernen, könne über die zu erfüllenden Aufgaben sprechen, könne gleich klären, ob sie für diese überhaupt in Frage komme, da für eine derart gut bezahlte Stelle auch fundierte Kenntnisse und ein gewisses Auftreten, vielmehr ein sich Unsichtbarmachen erwartet würden und sie sich vor Bewerberinnen kaum retten könnten, aber man könne es ja einmal versuchen, das Gespräch wäre natürlich rein unverbindlich, sie könne auch nicht erwarten, irgendwelche Fahrtkosten ersetzt zu bekommen, das wäre bei der großen Anzahl der Sichvorstellenden überhaupt nicht möglich, doch sie hätte eine Chance in die engere Auswahl zu kommen, sie solle nur zusehen, dass sie pünktlich sei, da man um 11Uhr bereits die nächste Bewerberin erwarte, und sie solle auf keinen Fall das polizeiliche Führungszeugnis und den Beweis ihrer Staatsbürgerschaft vergessen, da man sich in Zeiten wie diesen vor Ausländern kaum retten könne, gegen welche man im Grunde ja nichts habe, doch wisse sie ja selber, dass ein deutsches Reinheitsgefühl mit einem südländischen nicht zu vergleichen sei und ihr doch klar sei, dass für eine derartige Vertrauensstellung nur eine Einheimische in Frage komme.

Vor einer Woche hatte sie diese Anzeige – Deutsche, sympathische, ehrliche, tierliebende, reinliche Frau mit Kochkenntnissen und fundiertem Wissen in der Seniorenbetreuung für gepflegten Villenhaushalt bei sehr guter Bezahlung gesucht. Zimmer mit Dusche und TV wird zur Verfügung gestellt. – in der Rubrik Stellenangebote mit dreizehn weiteren angestrichen. Ihre Augen hatten das erste Wort bewusst übersehen, da sie es dennoch registriert hatte, hatte sie sich zuerst bei den zwölf anderen Stellen beworben, aber bei jeder unter Vorgabe von fadenscheinigen Gründen eine Absage bekommen.

Sie wollte diese Stelle, sie brauchte diese Stelle, diese Stelle war für sie die Rettung aus dem feuchten Loch, das sie mit zwei Gestrandeten teilte, die gleich ihr sich voller Hoffnung in dieses Land geschlichen hatten, um teilhaben zu können am Überfluss. Sie hatte genug vom Betteln, vom stickigen Hauseingang, von den lärmenden Kindern, vom säuerlichen Geruch der Armut. Sie war für dieses Gespräch vorbereitet, sie hatte viel riskiert um hier stehen und 20 Minuten warten zu dürfen.

Ein leiser Schauer überlief sie, als sie daran dachte, wie sie vor zwei Tagen in einem Vorort der Stadt im Schutze der Dunkelheit einen neben einem Hauseingang abgestellten Altkleidersack mitgenommen hatte. Sie hatte sich mit diesem Sack von Hauseingang zu Hauseingang gedrückt, immer spähend ob jemand komme, war sie jedesmal losgerannt, die Beute keuchend umklammernd, hatte sie endlich den Park erreicht, hatte unter einer Laterne, Teil für Teil herausgenommen und einer genauen Prüfung unterzogen. Prickelnde Erregung hatte sie ergriffen als sie den zarten Stoff eines schlichten dunkelblauen Kleides zwischen den Fingern gefühlt hatte. Ungläubig hatte sie es hochgehoben und wie ein Versprechen hatte sich das Kleid im lauen Nachtwind bewegt. Dieses Kleid war wie für sie genäht, als wäre es der vorherigen Besitzerin absichtlich zu klein geworden, nur darauf wartend in diesen Sack zu kommen und von ihr, nur von ihr, gefunden zu werden.

Sie hatte dieses Kleid vorsichtig über eine Parkbank gebreitet, wobei sie vorher wahllos einige Kleidungsstücke auf diese gelegt hatte, damit keine rauhe Faser des Holzes ihr Kleid verletzen könne. Nachdem sie nun weiter Stück für Stück aus dem Sack gezogen hatte, wohlwissend, dass sie das Gesuchte bereits gefunden hatte und das jeder weitere Fund nur mehr zur Ausschmückung dienen konnte, war sie durch näher kommende Schritte aufgescheucht, mit ihrer Beute, die letztendlich nur aus diesem Kleid bestanden hatte, geflüchtet.

Sie hatte das Kleid unter ihrem Pullover verborgen, hatte es mit beiden Händen umfassend wie ein ungeborenes Kind in freudiger Erwartung nach Hause getragen. Vor dem stickigen Hauseingang hatte sie gezögert, sie hatte dieses Kleid nicht dem säuerlichen Geruch der Armut aussetzen wollen, langsam hatte sie sich umgedreht, erst zögernd später mit immer bestimmteren Schritten war sie zurück in den Park gegangen.

Beim Ententeich hatte sie sich vollständig entkleidet, war im Mondlicht in das eiskalte Wasser eingetaucht, hatte sich den Schmutz und Schweiß des Tages abgewaschen, war mit dem Kopf unter Wasser getaucht, hatte sich später mit ihrem Pullover und mit der Hose trockengerieben, hatte die nassen Haare ausgewrungen, zu einer Spirale gedreht und mit dem Gummiring, den sie seit dem Öffnen des Altkleidersackes um ihr Handgelenk getragen hatte und der dort bereits einen kleinen roten Streifen in ihre Haut eingebrannt hatte, hatte sie die Haare befestigt. Sie hatte die Unterwäsche liegenlassen, war nackt in das dunkelblaue Kleid geschlüpft unter dem sich ihre Brüste zart abgezeichnet hatten. Sie hatte Pullover, Hose, Unterhose, BH und Socken zu einem kleinen Bündel geformt und unter einem Strauch versteckt. Sie war in ihre Sandalen geschlüpft und mit dem Kleid angemessenen Schritten war sie aus dem Park gegangen, war bis zu einer hell erleuchteten Passage gekommen und hatte in den spiegelnden Auslagescheiben die fremde Person bewundert.

Eine elegante Frau mittleren Alters war vor ihr gestanden, mit streng zurückfrisiertem Haar, einem selbstbewussten Lächeln auf den Lippen, einer biegsamen, geschmeidigen Figur, die sich unter dem weich fallenden Stoff des Kleides abgezeichnet hatte. Sie war zurückgekehrt in den Park, hatte sich wieder umgezogen, hatte das Kleid wieder sorgfältig gefaltet und unter ihrem Pullover verborgen. Sie hatte aus ihrer Hosentasche den kleinen Zettel mit der Adresse und der Uhrzeit gezogen, war zur nächsten Laterne gegangen, hatte sich diese zum hundertstenmal eingeprägt und sich schließlich auf eine Parkbank gelegt um ein wenig zu schlafen. Sie hatte beschlossen, nie mehr in diese Armut zurückzukehren.

Als die ersten Sonnenstrahlen sie geweckt hatten, war sie, mit der rechten Hand immer das Kleid unter dem Pullover umklammernd, zum Bahnhof gegangen, hatte aus den Abfallkübeln Essensreste herausgesucht, diese hastig verschlungen und war dann in den Vorort zurückgekehrt, um in den Mülltonnen nach einer Handtasche zu suchen. Bis zum späten Nachmittag hatte ihre linke Hand in den Tonnen gewühlt, hatte Abfälle beiseite geschoben, an vielversprechenden Riemen gezogen und das Daranhängende wieder zurückgleiten lassen, bis eine freundliche Stimme gefragt hatte – Du suchen was – Erstaunt hatte sie sich umgedreht, war einer grauhaarigen, dicklichen Frau gegenübergestanden und hatte in ihrer Überraschung – Suchen Tasche für Kleid – geantwortet. – Du warten – hatte die Frau gesagt, war gegangen und nach einiger Zeit mit einer altmodischen schwarzen Handtasche wiedergekommen. – Ich nicht mehr brauchen, du können gerne haben – Mit diesen Worten hatte sie ihr die Handtasche überreicht. Sie hatte den Zettel mit Adresse und Uhrzeit aus der Hosentasche gezogen und mit dem rechten Ellbogen das Kleid unter dem Pullover an sich pressend, hatte sie diesen sorgfältig in der Tasche verstaut.

Auf dem Rückweg in den Park hatten wieder einige Abfallkübel für ihr leibliches Wohl gesorgt. Sie hatte sich auf eine Parkbank gesetzt, war unwahrscheinlich reich gewesen, hatte die untergehende Sonne beobachtet, hatte sich später auf die Bank gelegt, die Tasche mit dem Kleid unter dem Pullover behütet war sie eingeschlafen. Im Morgengrauen war sie wieder in den Teich eingetaucht, hatte sich umgezogen, Pullover, Hose und Unterwäsche in den nächsten Abfallkübel geworfen und war zum Bahnhof gegangen.

Sie hatte sich an der Frau, die ihr aus jeder Scheibe entgegenlächelte, nicht satt sehen können, war sich bewußt, dass Kramen in Abfallkübeln nichts mit dieser Frau gemein hatte und hatte auf ihr Frühstück verzichtet. Sie hatte den Stadtplan am Bahnhof studiert, sich die Straßen eingeprägt und hatte sich auf den Weg in ein neues Leben gemacht.

Um 10 Uhr 28 drückte sie auf die Klingel und wurde von einer Kamera in Augenschein genommen. Nach kurzer Zeit ertönte ein leises Summen und die schweren Tore taten sich vor ihr auf.Während sie auf die Villa zuging, wurde sie von zwei Augenpaaren eingehend studiert, die Augenpaare fanden Gefallen an dieser Erscheinung, waren der Meinung, dass diese Person der Aufgabe gewachsen sein müsste. Als sie an der Haustür ankam, wurde diese bereits von innen geöffnet und sie wurde freundlich hereingebeten.

Nachdem die Hausherrin Platz genommen hatte setzte sie sich bescheiden auf den äußersten Rand des gegenüberliegenden Sessels und deutete der Herrin mit zierlichen Bewegungen, dass sie zwar alles verstehe, aber nicht sprechen könne. Im Laufe des sehr einseitigen Gesprächs stellte sich heraus, dass das Telefongespräch von ihrer Schwester durchgeführt worden war, dass sie Anna Schnell heiße und am 28. Februar 1955 in Düsseldorf geboren sei – Sie hatte diese Buchstaben und Zahlen in zierlicher Druckschrift auf einen von der Hausherrin hingehalten Block gemalt – dass sie erst vor kurzem aus Spanien zurückgekehrt sei, wo sie bei einem Konsul in Dienst gestanden hätte, dass sie sehr gut kochen könne, bestens geschult im Umgang mit Hunden sei, in Spanien auch den verehrten Vater des Konsuls gepflegt hätte, dass sie sofort mit der Arbeit beginnen könne, da sie derzeit bei ihrer Schwester wohne, bei der sie leider heute morgen die Papiere und Zeugnisse vergessen hätte, dass diese ihr, wenn sie ihr schriebe, ehestmöglich ihre Kleider und Papiere nachsenden werde, dass es aber nicht nötig wäre sie anzumelden, da dies nur unnötige Steuern kosten würde, dass sie gerne bereit wäre sich im Falle einer Krankheit unter die Obsorge der Hausherrin zu stellen.

Nach einer kurzen Beratung mit ihrem Mann zeigte ihr die Hausherrin das Zimmer mit Dusche und TV und gab ihr zu verstehen, dass sie auf Probe gleich anfangen könne zu arbeiten, sie werde sie aufs erste mit den nötigen Toilettartikeln und was sie sonst noch brauche versorgen, da sie in zwei Tagen zu einer Auktion nach Amerika müssten und ihre bisherige Perle sie leider wegen eines Mannes im Stich gelassen hätte. Nachdem sie von der eleganten Dame mittleren Alters mit dem streng zurückfrisiertem Haar und dem vornehmen dunklen Kleid ein zustimmendes Kopfnicken zur Antwort bekommen hatte, führte sie sie in ein verdunkeltes Zimmer, in welchem eine alte Dame zwischen seidenen Kissen ruhte. – Meine Mutter – gab die Hausherrin leise zu verstehen. Mit gewinnendem Lächeln trat Anna zum Bett der alten Frau, nahm die runzlige Hand zwischen ihre warmen lebhaften Hände gab ihr durch sanften Druck mit Wärme in den Augen zu verstehen, wie gerne sie für sie sorgen würde. Dankbar empfing die alte Dame die Fürsorge, drehte den Kopf leicht zur Seite und bejahte den fragenden Blick in den Augen ihrer Tochter.

Danach zeigte ihr die Hausherrin die Küche, erklärte ihr, dass sie, da sie oft im Ausland weile, vor allem an den südländischen Gerichten Geschmack gefunden habe, und fragte sie ob sie von ihr einige Gerichte dieser Art erwarten dürften, was Anna freudestrahlend mit Kopfnicken bejahte. Daraufhin öffnete die Hausherrin die Tür zur Vorratskammer, erklärte Anna, dass die Einkäufe nach telefonischer Bestellung, die nun auf schriftliche Anweisung von Anna von dem Mädchen, welches täglich zur Verrichtung der groben Arbeiten in das Haus komme, durchgeführt werden würde, direkt in das Haus geliefert würden und sie an Hand der Abrechnung zwar die Kontrolle hätte, aber erwarte, dass Anna selbständig plane. Diese spürte beim Anblick dieser Fülle ein heftiges Rumoren in ihrem leeren Magen. Der Wortschwall der Hausherrin wurde von einem zaghaften Klingeln unterbrochen. Nach einem Blick auf ihre Uhr stellte die Herrin fest, dass dies die nächste Bewerberin sein müsse, der sie nun leider mitteilen werde, dass die Stelle schon vergeben sei, zumindest werde man es auf Probe für die nächsten Wochen versuchen, bis sie mit ihrem Mann aus Amerika zurückkehre, nach dieser Zeit könne man einen informellen Vertrag für längere Zeit machen, mit diesen Worten eilte die Herrin aus der Küche und ließ Anna zwischen den Herrlichkeiten allein zurück.

Anna umfasste mit einem sehnsuchtsvollen Blick die vollen Regale der Vorratskammer, seit gestern hatte sie nichts mehr gegessen, schon führte sie ihre Hand Richtung Brotdose, eine kleine Scheibe würde nicht fehlen, ihre Finger zitterten leicht, ihre Hand umfasste bereits den Griff, als sie diese entschlossen wieder zurückzog – Nein sie würde diese Herrschaften niemals bestehlen. – Sanft legte sie beide Hände über ihren knurrenden Magen, machte einige Schritte rückwärts, nahm den Türgriff in die Hand und schloss mit festem Druck die Tür zur Vorratskammer.

Bald würde sie über diese herrschen, würde einteilen, herrichten, arrangieren, mit Gewissenhaftigkeit und Sparsamkeit würde sie diese Schätze verwalten, immer darauf achten, dass auch etwaige Reste, die vielleicht trotz ihrer genauen Planung manchmal anfallen würden, in einfachen Gerichten wiederverwertet würden, ja sie selbst würde überhaupt von diesen Resten leben. Nur für die Herrschaften würde sie immer alles frisch zubereiten, abends würde sie sich ein Kochbuch mit in ihr Zimmer nehmen und sich die Rezepte einprägen, sie würde einfach zwischen Zimmer und Küche hin und herlaufen und fremde Wörter dem Inhalt der vorhandenen Packungen zuordnen, vielleicht eines der Wörterbücher aus dem Bibliothekszimmer ausleihen. Anna sah sich bereits in der Küche schalten und walten, ein träumerisches Lächeln umspielte ihre Lippen, als die Herrin mit festem Schritt zurückkam, froh die Dame in dem dunkelblauen Kleid noch in der Küche vorzufinden, man konnte ihr ihre Reinlichkeit förmlich ansehen und dass sie nicht sprechen konnte, war auch kein Fehler, solange sie nur jede Anweisung verstand.

Nun zeigte sie ihr noch die restlichen Zimmer des Hauses, erklärte ihr ihre Aufgaben, gab ihr zu verstehen, dass neben dem Mädchen für die groben Arbeiten, welches ab morgen zu ihrer Verfügung stehen würde, sie nur daran denken solle, immer Block und Stift mitzuführen, damit keine Missverständnisse aufkommen könnten, ein Gärtner für den großen Garten zuständig sei, welcher auch für etwaige Besorgungen bereit stände, sodass sie das Haus kaum verlassen müsse, da für ihre kränkliche Mutter immer jemand in Ruf- vielmehr Klingelweite sein sollte.

Anna hatte kein Interesse daran, dieses Haus jemals wieder zu verlassen, und als die Herrin ihr eine weiße Schürze reichte mit dem Auftrag, ein einfaches Gericht zuzubereiten, da es mittlerweile bereits Mittag sei, wusch sich Anna sorgfältig die Hände, band die Schürze über ihr kostbares Kleid, trug Schätze aus der Vorratskammer und bereitete mit viel Hingabe ein südländisches Gericht für die Herrschaften, deckte unter Anleitung der Hausherrin den Tisch mit edlem Porzellan, schöpfte das Gericht in eine zerbrechliche Terrine, trug es im Speisezimmer auf, wo es mit beifälligem Nicken verzehrt wurde und hatte, während die südländische Speise vor sich hinköchelte und ihr Geruch nur ein leises Heimweh in ihr aufsteigen ließ, eine kräftigende Suppe mit frischem Gemüse für die alte Dame zubereitet, welche sie ihr fürsorglich einflößte.

Danach räumte sie den Tisch im Speisezimmer ab, trug die Terrine in die Küche und wärmte den Rest des heimatlichen Gerichtes für sich auf. Sie verzehrte es voller Behagen, fühlte wie sich ihr Magen langsam beruhigte, nahm sich nun mit vollem Recht eine Scheibe Brot und tunkte mit bedächtigen Bewegungen die letzten Reste auf. Während des Aufräumens machte sie sich die Küche zu eigen, indem sie einige Sachen umordnete, die Putzmittel unter der Spüle sortierte, über die Flächen polierte, schnell durch die Hintertür, die direkt in den Garten führte, rannte und einige Blumen pflückte, nicht ohne den Gärtner, der diese schlanke adrette Gestalt mit dem dunkelblauen Kleid und der weißen Schürze wohlgefällig betrachtete, vorher durch Gesten um Erlaubnis zu fragen. Diese Blumen ordnete sie in einer kleinen Vase, stellte diese auf ihren Essplatz, betrachtete noch einmal mit kritischen Augen ihr Reich, zupfte ein Handtuch gerade und wischte noch einmal über den blitzblanken Herd.

Als die Herrin nach einer Stunde die Küche betrat, war sie sehr erfreut über die deutsche Reinlichkeit, die dort herrschte. Sie gab Anna nun zu verstehen, dass sie ihre Dienste bis 16 Uhr nicht mehr benötige, dass sie nun frei hätte, sie es aber schätzen würde, wenn Anna sich in ihrem Zimmer aufhalte, damit ihre Mutter nach ihr klingeln könne, falls sie ihre Hilfe brauche. Danach zeigte sie ihr den Wäscheschrank für die Angestellten des Hauses, wies Anna an, gleich Bettwäsche und Handtücher mitzunehmen und zog sich zu ihrem Mann in das Arbeitszimmer zurück, um diesem bei den Vorbereitungen für die Auktion zu helfen.

Anna trug Bettwäsche und Handtücher in ihr Zimmer. Sie schloss die Tür hinter sich, vergrub nun, da sie keiner sehen konnte, ihr Gesicht in der duftenden Wäsche als wollte sie die letzte Erinnerung an den säuerlichen Geruch der Armut, der bis gestern noch an ihr gehaftet hatte, vertreiben. Sanft strichen ihre Hände über die flauschigen Handtücher, sie legte den Stapel behutsam auf ihr Bett, zog die Gardine zurück, öffnete beide Fensterflügel und es schien ihr als wäre selbst die Luft, die in ihr Zimmer strömte, voll Behaglichkeit, Sicherheit und Wärme. Ihre Augen durchwanderten ihr neues Heim, dass nur ihr gehörte, dass sie mit niemandem zu teilen brauchte, sie öffnete den Kleiderschrank, stellte fest, dass ihre Vorgängerin einige Sachen liegengelassen hatte, als hätte sie mit ihrer Heirat ihr Dienstmädchendasein wie eine Haut abstreifen müssen.

Drei dunkle Röcke hingen neben vier biederen weißen Blusen im Schrank, neben einem Stapel gebügelter weißer Schürzen lag auch eine schwarze Strickweste verlassen neben zwei langen Flanellnachthemden, die wahrscheinlich bei einer trauten Zweisamkeit fehl am Platz gewesen wären. Am Schrankboden warteten zwei Paar gediegene schwarze Schuhe darauf, wieder im Haus herumgeführt zu werden. In der obersten Schublade der kleinen Kommode zeugte ein kleiner Stapel frisch gewaschener und exakt gefalteter Unterhosen, Büstenhalter und Unterhemden von der Umsicht der frisch Vermählten, dass derartige biedere Wäsche beim nun gemeinsamen Ausziehen kaum die passende Einleitung für zweisame Spiele wäre.

Anna konnte kaum fassen, dass dies nun alles ihr gehöre, und rief sich immer wieder die Worte der Hausherrin in das Gedächtnis, die erwähnt hatte, dass ihre Vorgängerin alles lohnenswerte mitgenommen habe und diese Sachen liegengelassen hätte, mit der Bitte ihre Nachfolgerin möge sie, falls sie sie nicht gebrauchen könne, entsorgen. In sich summend schlüpfte Anna aus den Sandalen und probierte einen Schuh, beschloss, den freien Platz im Schuh mit zusammengerolltem Toilettenpapier aufzufüllen und stellte den Schuh in den Schrank zurück.

Sie nahm die Schürze ab, faltete sie und hängte sie über den Stuhl, der vor einem kleinen Tisch in der Mitte des Zimmers stand. Nun öffnete sie das Kleid, zog es behutsam über den Kopf, nahm einen der leeren Kleiderbügel aus dem Schrank und streifte das Kleid vorsichtig darüber. Sanft verabschiedeten sich ihre Hände von dem dunkelblauen, eleganten Kleid, dass für ein Dienstmädchen zu schade war und nur mehr bei besonderen Anlässen aus dem Schrank geholt werden würde. Anna schlüpfte unter die Dusche, die Wasserstrahlen perlten auf ihrer Haut, und mit dem angebrochenen Shampoo und der liegengebliebenen Seife schrubbte sie sich den Rest Armut ab.

Sie rubbelte sich mit dem flauschigen Handtuch trocken, strich das Haar glatt, drehte es wieder zu einer Spirale, befestigte diese mit dem Gummiring, nahm Unterwäsche, Rock, Bluse und eine Schürze aus dem Schrank. Behutsam breitete sie ihre neue Kleidung, an denen kein Geruch der Vorgängerin haften geblieben war, die bald Annas Frische und Sauberkeit durch ihre Fasern atmen würden, auf dem Bett aus. Dankbar begann sie ihren Körper zu bedecken, überzog ihr Bett mit der frischen Wäsche, konnte sich nicht satt riechen an der ausströmenden Behaglichkeit. Auf nackten Füßen huschte sie in ihrem neuen Heim hin und her, blickte durch das Fenster auf das dichte Laub des Apfelbaumes, dessen grüne Früchte in zwei Monaten rotwangig ihren kleinen Hunger nach Freiheit stillen würden, legte die weggezogenen Gardine in manierliche Falten.

Nach kurzem Zögern langte sie aus dem Fenster und pflückte einen grünen Zweig, sie füllte ein wenig Wasser in das Wasserglas, welches auf dem Waschbecken neben der Dusche bisher vergeblich auf ihre Zahnbürste und Zahnpasta gewartet hatte, und stellte es auf den kleinen Tisch. Sachte ließ sie den grünen Zweig hineingleiten, danach kehrte sie zum Waschbecken zurück und begann mit dem rechten Zeigefinger über ihre Zähne zu polieren. Mit dem Ergebnis unzufrieden kratzte sie einige Seifenflocken ab und schäumte ihre Zähne ein, sie ließ sich durch den eigenartigen Geschmack im Mund nicht stören, beruhigte ihre aufgebrachten Geschmacksnerven mit dem Versprechen, dass dies nur vorübergehend sei, und spülte den Mund mit viel Wasser, wobei immer wieder kleine Seifenblasen aus ihrem Mund perlten und vor ihr im Waschbecken zerplatzen. Eingehend betrachtete sie das aus ihrem Mund ausgespülte Wasser, – Mülltonnenessen – spuckte es in ihrem Kopf, sie ließ ihre Zunge über die Zähne gleiten, stocherte mit ihren Nägel in den Zwischenräumen, um sie von den letzten Fasern zu befreien. Anna schloß die Tür zu ihrem kleinen Badezimmer und sah sich in ihrem Zimmer um. Leise bewegten sich die Gardinen, Sonnenblitze kringelten sich durch das dichte Laub des Baumes, einladend grüßte sie der grüne Zweig in der Vase und das Bett versprach ihr an diesem und an den weiteren Abenden ihren müden Körper aufzunehmen.

Anna drehte sich zur kleinen Kommode. In ihrer Freude, in der obersten Schublade die Unterwäsche gefunden zu haben, hatte sie die anderen nicht mehr geöffnet, die vielleicht weitere Überraschungen für sie bereit hielten. Langsam zog sie Schublade für Schublade heraus, in der untersten hatten sich in der hintersten Ecke ein Paar Kniestrümpfe verborgen, die nun von ihr einzeln über den linken Arm gestreift und auf etwaige winzige Löcher untersucht wurden. Anna besah akribisch beide Strümpfe, zog sie darauf vorsichtig über ihre Beine und schlüpfte wieder in ihre Sandalen, welche in ihrer Offenheit das Erscheinungsbild Annas plötzlich störten. Seufzend nahm Anna die Schuhe aus dem Schrank, holte aus ihrem, sie konnte es noch nicht glauben, aus ihrem Badezimmer das Toilettenpapier, riss immer ein Blatt ab und formte kleine Rollen daraus bis nach fortwährendem Probieren die schwarzen Schuhe sich an ihre Füße schmiegten und in ihrer Bequemlichkeit auch langes Herumlaufen zu verschlucken versprachen. Anna warf einen zufriedenen Blick auf ihr Spiegelbild und setzte sich auf den Sessel, mit jeder Faser ihres Körpers bereit, um 16 Uhr ihren Dienst wieder aufzunehmen.

In den nächsten Wochen füllte Anna das Haus mit ihrer Anwesenheit aus, jeder Winkel atmete ihre Zufriedenheit, ihre zurückgekehrte Sicherheit und Ruhe. Sie liebte dieses Haus mit seinen schweren antiken Möbeln, mit seiner blitzenden Küche, mit seiner ausströmenden Geborgenheit. Die Herrschaften vergaßen über ihre Termine nach nachgesandten Papieren zu fragen, sie waren mit ihrer neuen Angestellten, die alles so gut im Griff hatte, die so umsichtig die alte Dame versorgte und in ihrem schwarzen Rock und der weißen Bluse unter der weißen Schürze immer adrett und dienstbeflissen zur Stelle war, äußerst zufrieden.

Jeden Abend öffnete Anna den Schrank in ihrem kleinen Zimmer, strich sanft über ihr dunkelblaues, elegantes Kleid und schaltete dann das Fernsehgerät ein, um gehörte Sätze leise nachzusprechen. Ob sich die Herrschaften wohl wundern würden, wenn ihre Perle nach einiger Zeit plötzlich die Stimme wiederfinden würde.

 

Kontakt: o.leersch@ainet.at

..


 

=== Zurück zur Übersicht ===