Die Suppe
...Von Marianne Leersch


    Seine Hände zitterten, vor ihm bewegte sich die Schlange der noch Wartenden, bald vor dem großen Kessel Stehenden, der Glücklichen, die vor ihm einen Blechnapf voll mit köstlicher warmer Suppe bekommen würden, langsam, schrittweise weiter. Ängstlich beobachtete er den Schöpfer, der immer wieder in den großen Kessel eintauchte, kurz darauf wieder gefüllt, so gefüllt, dass die Köstlichkeit auf der Seite heruntertropfte, herauskam, sich über den hingehaltenen Blechnapf langsam neigte und die Suppe mit einem zähen Schwall in den Blechnapf fließen ließ.

War nicht zuviel auf dem Schöpfer? Wenn sie jede Portion so großzügig bemaß, würde es dann überhaupt reichen? Sie hätte doch sehen müssen wie lange die Schlange der noch Hungernden war, die sich Schritt für Schritt darauf zu bewegte. Was wenn der unerschöpflich scheinende Vorrat auf einmal zu Neige ginge? Wenn die Frau mit dem gutmütigen Lächeln sich verrechnet hätte. Sie schaute ja nie in den großen Kessel. Nein jedesmal wenn aus einem Wartenden ein Glücklicher wurde, wenn er es geschafft hatte vor ihr zu stehen und ihr den Blechnapf hinhielt, schöpfte ihre rechte Hand von alleine. Ihre Augen waren, er hatte es genau beobachtet, auf ihr Gegenüber gerichtet, jedem schenkte sie zur reichlich bemessenen Suppe noch ein paar Worte.

Er konnte die Worte nicht verstehen, er sah nur ihren Mund, der sich bewegte, von einem mitfühlenden Lächeln umspielt, er sah ihre Augen die den Nehmenden umfassten, ja förmlich umarmten, die nie, kein einzigesmal, er hatte es genau beobachtet, in den Kessel blickten, die noch verbleibende Menge registrierten, rasch die Wartenden durchzählten oder wenigstens abschätzten wie viele es noch waren, die Menge der noch vorhandenen Suppe berechneten und portionierten. Nein, die Augen blieben jedesmal auf dem Gegenüber haften, sie klebten an ihm, als wollten sie sich jede einzelne Falte, jedes graue Haar, jede Regung im Gesicht des anderen einprägen, obwohl doch alle gleich aussahen. Alle die sich vor ihm Schritt für Schritt weiterbewegten und die drei hinter ihm, die sich seiner Schrittfolge angepasst hatten, die noch später als er in dieser Armenküche erschienen waren, und für die es wahrscheinlich auch nicht mehr reichen würde.

Er wollte schon viel früher da sein, er wollte wie sonst schon eine Stunde bevor die Küche aufgesperrt wird, vor der Tür warten, die langsam einsetzenden Gerüche, die jedesmal verheißungsvoll durch die verschlossene Tür drangen, aufnehmen, sie in ihre Einzelteile zerlegen, die Zutaten herausfiltern, wieder zusammenfügen und so den Inhalt des großen Kessels vorausahnen, vorhersagen, welche Suppe es heute sein würde, ob vor allem Bohnen und Kartoffeln in ihr schwimmen würden oder ob ein wenig angebratener Speck sie verfeinern würde oder vielleicht schwammen darin sogar, manchmal hatte er unwahrscheinliches Glück, Wurststücke, noch besser, richtige Fleischbrocken, deren Fasern zwischen den Zähnen hängenblieben und die noch Stunden später Anlass gaben darauf herumzukauen und so das Essen in unwahrscheinliche Länge ausdehnen konnten.

Täglich trafen sich vor der Tür mehrere armselige Gestalten gleich ihm und spielten mit ihm dieses Spiel - Was würde es heute geben ? -

Sie konnten nicht genug davon bekommen, abwechselnd beschnupperten sie den Türrahmen, pressten ihre dicken roten Nasen, manchmal waren auch kleinere dabei, in das Schlüsselloch, beratschlagten sich, gerieten über einige Gerüche beinahe in Streit, vertrugen sich angesichts der sich bald öffnenden Tür wieder, kreierten aus den immer stärker werdenden Schwaden tolle Suppenkompositionen, umlagerten die Tür wie ein Rudel hungriger Wölfe, formierten sich jedesmal, kurz bevor die Tür aufgeschlossen wurde, zu einer manierlichen Reihe, fielen in einen dumpfen Gleichschritt, empfingen gleich neben dem Eingang einen noch leeren Blechnapf und einen Suppenlöffel und bewegten sich leise wankend, vom Hunger getragen, langsam auf die freundliche Gestalt mit dem großen Schöpfer hinter dem großen Kessel zu.

Heute war er zu spät gewesen, er hatte auf der Parkbank nur ein wenig rasten wollen, sich kurz zurücklehnen, die Augen schließen, das Gesicht der Sonne zuwenden und ihre Wärme fühlen. Er hatte nur das Gefühl auskosten wollen wie die Wärme langsam durch seine Haut dringend sich in seinem starren Körper ausbreitete. Es war eine sehr kalte Nacht gewesen, leichter Nieselregen hatte zuerst seinen Mantel durchdrungen, die kalte Feuchtigkeit hatte sich Schicht für Schicht bis zu seiner Haut durchgearbeitet, war durch seine Haut in ihn hineingezogen und hatte ihn mit seinen Kleidern, die er in fünf Schichten übereinander trug, erstarren lassen. Die Kälte hatte seine Gedanken beherrscht und den Schlaf von ihm ferngehalten.

Dankbar hatte er die aufgehende Sonne beobachtet, war zu der Parkbank, die gegen Osten ausgerichtet war, gegangen, hatte sich hingesetzt und auf die Wärme gewartet. Mit dem Leiserwerden des Vogelgezwitschers hatte die Kraft der Sonne zugenommen, seine Kleider hatten angefangen zu dampfen, den säuerlichen Geruch hatte seine Nase nicht wahrgenommen, nur einige Spaziergänger hatten die Nase gerümpft und eine Bogen um ihn gemacht, seine Augen waren geschlossen gewesen, sein Fühlen und Denken waren nur auf die einsetzende Wärme gerichtet gewesen. Dankbar hatte er die langsam in ihn eindringende Wärme wahrgenommen und war dann eingenickt.

Erschrocken war er aus dem Schlaf aufgefahren, voller Panik, dass es zu spät sein könnte, dass die Ausgabe der täglichen Suppe bereits ohne ihn stattgefunden hätte. Er hatte sich aufgerafft, der Mantel war wie bei einer Vogelscheuche hinter ihm hergeflattert, er war ihm vorausgelaufen, bis er mit keuchendem Atem die Tür erreicht hatte. Vor ihm hatte die Essensausgabe bereits begonnen, unendlich lange war die Schlange, die Wartenden standen bis vor die Tür, er hatte sich hinter den letzten gereiht und war in den dumpfen Gleichschritt gefallen, hatte beim Eingang einen Blechnapf und einen Suppenlöffel in die Hand gedrückt bekommen und starrte nun angstvoll auf die freundliche Gestalt.

Es würde nicht reichen, er wusste es, es würde nicht reichen! Jedesmal war der Schöpfer übervoll, einige schlürften sofort ein paar Tropfen herunter um nichts zu verschütten, so voll schöpfte sie jeden Napf und sie sah noch immer nicht in den Kessel. Was wenn der Schöpfer bald nur mehr halbvoll aus dem Inneren auftauchen würde, wenn sie nicht mehr nur einmal, sondern zwei- dreimal schöpfen müsste um den hingehaltenen Blechnapf voll zu bekommen. Würden sich ihre Augen dann vom Gegenüber zurückziehen, ratlos in den Kessel schauen, die bald darauf einsetzenden kratzenden Bewegungen des Schöpfers kontrollieren, hilflos würden sie zuschauen müssen, wie der letzte Rest aus dem Kessel gekratzt würde und für die noch Wartenden würde nur mehr das mitfühlende Lächeln übrig sein.

Sie würde dieses mitfühlende Lächeln in den Blechnapf füllen, wahrscheinlich würde sie sogar erwarten, dass er davon satt würde. Aber er wollte ihr mitfühlendes Lächeln und den warmen Blick ihrer Augen nicht, er wollte einen ganzen Blechnapf voll mit Suppe, bis obenhin gefüllt, so gefüllt, dass er vor dem Weitergehen einige Tropfen abschlürfen müsste, um nichts zu verschütten.

Wieder ein Schritt vor. Er zählte, sieben waren noch vor ihm, nur mehr sieben, aber sie musste mit dem Schöpfer schon weit hineinfahren, sie verschwand bereits bis zum Ellenbogen im Kessel, der Suppenspiegel musste schon sehr weit gefallen sein und der Schöpfer kam auch nicht mehr vollständig gefüllt heraus. Er versuchte zur Länge ihres Unterarms die Länge des Schöpfers zu addieren und mit der Tiefe des Kessels zu vergleichen, um einen Anhaltspunkt zu bekommen, wie viel Suppe sich noch im Kessel befinden könnte. In Gedanken gruppierte er die sieben Blechnapfe vor ihm und seinen eigenen zu einem Kreis und verglich den Radius dieses Kreises mit dem Umfang des Suppentopfes, berechnete die Höhe, murmelte vor sich hin, zerrechnete seine Berechnungen, versuchte sich an längst vergessene Formeln zu erinnern und verlor sich in seiner Rechnerei.

Da er sonst immer bei den Ersten gewesen war hatte er nie darauf geachtet, ob die Suppe für alle gereicht hatte. Er hatte mit zitternden Händen und verlangendem Blick seinen Napf hingehalten, die freundlichen aufmunternden Worte gehört, nie in die lächelnden Augen geblickt, da sein Blick immer starr auf den Schöpfer gerichtet gewesen war, den vollen Napf hatte er mit beiden Händen umklammernd immer sofort zum Mund geführt die oberste Schicht hatte er voller Begehren, damit er nichts verschütte, vorsichtig mit geschürzten Lippen in sich hineinlaufen lassen. Jedesmal hatten ihn seine Schritte zu seinem Platz auf der harten Bank vor dem kahlen Tisch geführt. Dort hatte er die vorsichtig balancierte Suppe zuerst abgestellt, den Löffel rechts neben den Napf gelegt, dann hatte er sich hingesetzt, wobei seine Hand während des Sichniedersetzens bereits nach einer Brotscheibe, die in Körben auf den Tischen immer bereitlagen, gegriffen hatte, er hatte sich über die Suppe gebeugt, sie mit den Gerüchen vor der Tür verglichen und voller Behagen hatte er jedesmal seine Suppe gelöffelt, dazwischen vom Brot abgebissen, weiter gelöffelt, nach einer neuen Brotscheibe gegriffen und sich kein einzigesmal umgedreht, um zu sehen, ob die Suppe für alle gereicht hatte. Wenn er früher nicht nur Augen für seine Suppe gehabt hätte, wenn er sich einen anderen Platz ausgesucht hätte, einen bei dem er nur den Kopf hätte heben müssen, um einen Blick auf den Schöpfer und auf die noch Wartenden zu werfen, dann hätte er jetzt besser beurteilen können, ob er heute zu seiner Suppe kommen würde.

Er hatte Hunger. Der Hunger ließ seinen Magen rumoren und sich in Krämpfen zusammenziehen, er ließ seine Hände zittern, sodass der Löffel immer wieder gegen den Napf schlug und ein klirrendes metallisches Geräusch erzeugte. Krampfhaft starrte er auf die krausen Haarbüschel im Nacken des vor ihm sich der Suppe Zubewegenden, die Suppe würde nicht reichen, er wollte sich die Enttäuschung ersparen, die der leer aus dem Kessel kommende Schöpfer in ihm auslösen würde, er wusste, er würde sich nicht beherrschen können, seine Augen würden wider alle Vernunft zu tränen beginnen und sein Hass würde sich geballt gegen diese freundliche Gestalt richten, die in ihrer Güte vergessen hatte, darauf zu achten, dass auch der letzte noch an diesem Mahl teilhaben konnte.

Ein Schritt vor. Nach der Schrittfolge konnten nur mehr zwei vor ihm sein, ein kratzendes Geräusch ließ ihn zusammenfahren, sie kratzte mit dem Schöpfer die letzten Reste aus dem Kessel, langsam hob er seine Augen, starrte auf den Schöpfer, der nun nicht mehr eintauchte, sondern im Kreis den Innenrand des Kessels abfuhr um die letzten Reste zusammenzukratzen, die Augen der freundlichen Person schauten nun ebenfalls in den Kessel um den Schöpfer bei seiner Arbeit zu unterstützen. Hasserfüllt blickte er auf den gebeugten Kopf, auf den Arm, der bis zum Ellenbogen verschwunden, nicht hektisch, wie er erwartet hätte, nicht voller Schuldbewusstsein zitternd sondern mit langsamen kreisenden Bewegungen seine Bahnen zog, aus dem Kessel auftauchte und den letzten Rest nicht etwa dem Nachkommenden in den Napf leerte, sondern den bereits vollen Napf des Glücklichen, der es geschafft hatte, weiter auffüllte, sodass dieser seinen Napf zum Mund führen und ein paar Tropfen abschlürfen musste, damit er nicht übergehe.Er fühlte wie seine Knie unter ihm nachgaben, seine Augen füllten sich mit Tränen und verschwommen sah er zu den Tischen der Schmatzenden und Schlürfenden.

Brot, wenigstens eine Scheibe Brot! - Er tastete die Körbe ab, sah Hände immer wieder zulangen, nach einer Scheibe Brot greifen, sie zum Mund führen, sah die Brotscheiben in den kauenden Mündern verschwinden, verfolgte mit gierigem, verschwommenen Blick Brotscheiben, von denen kleine Stücke mit bedächtigen Bewegungen abgebrochen wurden und in der Suppe verschwanden, kurz darauf aufgeweicht wieder auftauchten und unter Schlürfen die zahnlosen Münder füllten.

Er wollte aus der Reihe der Wartenden ausbrechen, einige Schritte zur Seite machen, sich auf den nächsten Korb stürzen und die darin liegende Brotscheibe in seinen Besitz nehmen. Er würde sie mit seinem Speichel aufweichen, sie in seinem Mund hin und her schieben, sie aufquellen lassen, ihren Geschmack mit Erinnerungen an die nicht erhaltene Suppe verfeinern und sie langsam in den leeren Magen gleiten lassen. Sein Körper schob sich zur Seite, der hinter ihm Wartende schloss die Lücke durch einen Schritt und blieb dann wieder geduldig stehen, während er sich an den nächsten Tisch anschlich um zwischen zwei Schmatzenden seine Hand durchzuschieben und nach einer Scheibe Brot zu greifen. Seine Hand trat ins Blickfeld der kauenden, schlürfenden Meute, wurde unwirsch abgewehrt, der Brotkorb wurde von drei Händen gleichzeitig aus seiner Reichweite geschoben und zwischen Schmatzen und Schlürfen wurden ihm statt Brot Worte zugeworfen - Der Korb ist nur für diesen Tisch, du hast noch keine Suppe.

Er hatte es geahnt, mit dem Nichtbesitzen der Suppe hatte er auch keinen Anspruch auf eine Scheibe Brot. Neue Tränen drängten sich in seine Augen, rannen über seine runzligen Wangen und versickerten in den Bartstoppeln, die vor Enttäuschung leicht zitterten. Er hatte keine Kraft zu kämpfen, er hatte keine Kraft zu hassen, er wollte seine müden Schritte schon zum Ausgang lenken, als er schemenhaft wahrnahm, dass wieder Bewegung in die Reihe der Wartenden gekommen war. Sie löste sich nicht, wie er erwartet hatte, auf, nein sie bewegte sich wieder Schritt für Schritt langsam vorwärts. Ungläubig wischte er mit seinem Ärmel über die Augen, ungläubig verfolgte er das Wunder, das sich inzwischen ereignet hatte.

Ein neuer Kessel stand vor der freundlichen Person, die die Augen wieder auf ihr Gegenüber gerichtet hielt, den Schöpfer ohne Hinzuschauen in den vollen Kessel führte, den ihr hingehaltenen Blechnapf bis zum Überlaufen füllte und jede Suppe mit einigen aufmunternden Worten würzte. Er wollte zurück in die Reihe, hastig schritt er darauf zu, sah, dass die Lücke geschlossen war, stellte sich hinter den Letzten und zählte. Acht waren noch vor ihm, es würde reichen, es würde ganz sicher reichen, erwartungsvoll sammelte sich in seinem Mund der erste Speichel, ein Schritt - warten - ein Schritt - warten - ein Schritt, er kam der Suppe immer näher, freundlich spähten nun seine Augen im Raum herum, suchten nach bekannten Gesichtern, nach vertrauten, runden Rücken und verfilzten Haaren.

Er war bereit, er war bereit für die Suppe, bereit für die aufmunternden Worte. Der vor ihm Wartende ging bereits mit seinem gefüllten Napf zum nächsten Tisch, langsam hob er seine Hände, die den Napf fest umklammert hielten, sah die Suppe im üppigen Schwall hineingleiten, sah die Fleischbrocken, die verheißungsvoll mit einem Platsch verschwanden, schlürfte mit Behagen die oberste Schicht ab, damit nichts überlaufe und vernahm überglücklich die Worte. - Heute ist genug da, sie können gerne noch einmal kommen.

(E-mail der Autorin: o.leersch@ainet.at)

 


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