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riving home for Christmas
 

___________________ Von Hermann Maier ___________________


      Als das Telefon läutete, stand er am Fenster und sah zu, wie ein Mann den ersten Schnee wegschaufelte. Seine Mutter war dran und faselte etwas von Besuch, Essen und Alleinsein. Manchmal ließ er sich keine Ausrede einfallen und nahm die Einladung an. Zuletzt geschah das nicht mehr oft: Das Haus war ihm fremd geworden, die Anfahrt war weit und Mutters Küche schon immer eine Zumutung. Er wusste nicht, warum er diesmal ja sagte. Es hing wohl mit ihrer Stimme zusammen; übers Telefon kam die besonders traurig. Eigentlich hatte er seiner Frau versprochen, mit ihr und den Kindern ein wenig rumzutollen. Aber er wurde immer gleich so sentimental, wenn ein Mensch, der ein bestimmtes Alter erreicht hatte, zu schluchzen begann. Jedenfalls saß er zu Mittag seiner lächelnden Mutter gegenüber und stürzte von einem kulinarischen Abgrund in den nächsten.

    Seine Mutter konnte einfach nicht kochen. (Jeder hätte das bestätigt!) Sie versalzte die Suppen und verpatzte die Soßen, sie kochte die Eier zu kurz und die Kartoffeln zu lang, ließ Milch und Fleisch anbrennen und vergaß die Zwiebel beim Salat. Alles das aber wurde von ihrem Talent übertroffen, noch dem besten Gemüse ein breiiges Etwas abzuringen. Es war furchtbar mitanzusehen: Kämpften die Karotten bereits um ihre Farbe, fuhr sie noch mit der Hitze hoch. Standen die Zucchini vorm Zerfall, war sie bestimmt noch bei der Nachbarin am Gartenzaun. Von ihrem Umgang mit Tomaten ganz zu schweigen. Wenn sie dem fehlenden Biss und den verlorengegangen Vitaminen dann auch noch ein: "Deinem Vater hat es immer geschmeckt" entgegensetzte, wurde das Ganze endgültig zur Farce. Als ob seine Mutter sich jemals bemüht hätte, den Geschmack seines Vaters zu treffen. Oder es seinem Vater umgekehrt eingefallen wäre, den Kochkünsten seiner Frau zu schmeicheln. Die beiden waren nie sonderlich nett zueinander. In Wahrheit war die Ehe seiner Eltern um nichts besser als das Essen seiner Mutter.

Überaus erleichtert stand er wieder vom Esstisch auf. (Auf die Kartoffelsuppe folgten ein Hühnchen mit Gemüsereis und ein Schokoladepudding.) Er wusch schnell ab und machte den Kaffee. Im Wohnzimmer hörte er sich die Geschichten seiner Mutter an. So verging der Nachmittag. - Als er losfuhr nahm er sich fest vor, den nächsten Besuch hinauszuzögern.

   Es war ruhig auf der Straße. Im Scheinwerferlicht trieben Schneeflocken. Er überlegte, was er seiner Tochter zu Weihnachten schenken könnte, und stellte sich vor, dass irgendwo ein Mann und eine Frau in einer Küche sitzen und sich gemeinsam über ein paar verkochte Beilagen freuen.
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