.
..

Ein Fänger

...Von Hermann Maier


   John Lennon hat mich berühmt gemacht und Salinger meine Geschichte erzählt.
Glauben Sie mir, beiden bin ich unendlich dankbar! - Die Idee? Die Idee ist mir im Central Park gekommen. Beim Entenfüttern.
Geh dorthin, habe ich mir gedacht, steck dir einen Revolver und Den Fänger ein und geh dorthin; in fünf Minuten ist die Sache erledigt.
Nein, ich habe nichts gegen Lennon persönlich gehabt.
Als er in der Einfahrt plötzlich vor mir stand, habe ich mir noch gedacht, dass man sich mit dem sicher ganz nett unterhalten könnte.
Zugegeben, mir gefiel es, so mit der Kanone in der Hand.
Die hat ihn ordentlich beeindruckt.
Aber - nein - gegen ihn persönlich habe ich nichts gehabt.
Er war einfach mein Mann.
Musikalisch am Ende, und doch noch ein Star.
Hätten die Leute gewusst, was von seiner Phantasie noch übrig war, dann hätten sie ihn längst fallen gelassen.
Wie eine heiße Kartoffel.
Damals ahnten sie noch nichts.
Ich konnte mir des Aufschreis sicher sein.
Tatsächlich kennt heute jeder meinen Namen.
Und Lennon kam zu einem frühen Tod.
Brauchte seinen Stern nicht sinken sehen.
Als ich den Revolver abzog, war uns beiden gedient, glauben Sie mir das!
- Für einen Moment lang, ehrlich, für einen Moment lang dachte ich daran wegzulaufen.
Doch dann habe ich Den Fänger aus meiner Jackentasche gezogen und darin zu lesen begonnen.
Vielleicht kennen Sie die Stelle?
Caulfield erinnert sich an seinen toten Bruder Allie.
Allie war der Netteste der Familie, jeder hatte ihn gern. So in der Art.
Ich war noch ganz vertieft in die paar Zeilen, als mich ein Officer auch schon abführen wollte.
Die New Yorker Polizei ist pfeilschnell, das kann ich Ihnen sagen.
Man müsste sich sputen, wenn man einen Laden ausräumen wollte.
- Sie möchten wissen, ob diese Seite eine besondere Bedeutung für mich hat?
Sie ist mir vertraut, ja, schon ganz zerfleddert vom vielen Aufblättern.
Aber das sind andere Seiten auch.
Vielleicht noch mehr.
Jedenfalls wussten bald alle, dass da einer vor Lennon saß und Den Fänger las.
- Ich werde ganz poetisch, wenn ich daran denke.
Den Fänger ins Spiel zu bringen, das war doch der Clou der ganzen Sache.
Jeder Pickeljunge hat ihn schon gelesen.
Ich bin einfach auf den fahrenden Zug aufgesprungen.
Habe Den Fänger zu einem Stück von mir gemacht.
Gehen Sie heute in irgendeine Buchhandlung und verlangen Sie ihn!
Niemand wird Ihnen das Buch verkaufen, ohne meinen Namen zu erwähnen.
Natürlich hätte ich mich hinsetzen und mir selbst was ausdenken können.
Aber ich hatte keine große Lust, meine Zeit mit Romanschreiben zu verbringen; und schon gar nicht mit Schlangestehen vor den Türen der Literatur- und Verlagsfritzen.
Außerdem war meine Geschichte schon erzählt.
Ziemlich gut erzählt sogar.
Ich habe einfach zugegriffen!
Auf einmal, ohne dass ich mir in Bars oder Cafes die Seele rausplaudern musste, haben die Leute gewusst, was ich so alles mit mir rumschleppe.
Hier hatten die Polizisten, Richter und Psychologen ihre Antwort.
Und brauchten mir nicht ihre blöden Fragen zu stellen.
Schon der Officer, der mich verhaftete, ging mir damit auf die Nerven.
Ich habe ihm den Den Fänger entgegengestreckt und gesagt: "Lesen Sie das!"

So einfach war das.

 

John Lennon ist am 8. Dezember 1980 vom 25jährigen Mark Chapman vor seiner Wohnung am New Yorker Central Park erschossen worden. Chapman, der Lennon sechs Stunden zuvor noch um ein Interview gebeten hatte, stand bei seiner Verhaftung in der Einfahrt des Dakota-Hotels und las im "Fänger im Roggen" von J.D. Salinger.

Literaturhinweis:
J.D. Salinger, Der Fänger im Roggen,
(engl. The Catcher in the Rye, übers. von A. u. H. Böll), Reinbek: Rowohlt.


=== Zurück zur Übersicht ===