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Anna und die Wunderkerzen

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_____________________Von Gunda Mann _____________________

    
     Die neunjährige Anna malte mit ihren Fingern eine Brücke in den Sand. Dann warf sie einen Stein ins Wasser und schaute zur Ostseite der Elbe hinüber. Ihr Blick wanderte über den leeren Strand, vorbei an den Drahtzäunen und verlassenen Häusern. Die Sonne sandte ihre warmen Strahlen zur Erde, aber Anna bekam eine Gänsehaut.

Früher gab es eine Brücke in der Nähe dieses Ortes, die Menschen in Ost und West miteinander verband. Dann kam der Krieg und Bomben zerstörten die Brücke.
Bei einem Sonntagsausflug mit ihrer Familie hatte Anna auf der Brücke gestanden, die in der Mitte des Elbflusses endete, und die mahnenden Worte auf der Besuchertafel gelesen.
"Warum zerstören Menschen, was sie mühselig aufgebaut haben?" fragte Anna daraufhin kopfschüttelnd ihren Vater.
"Wenn du älter bist, wirst du es verstehen." Die Worte ihres Vaters sollten besänftigend klingen, erreichten bei Anna aber nicht die gewünschte Wirkung.
"Das werde ich bestimmt nie verstehen." Anna schob ihre Hände bis tief zu den Taschennähten und lief mit gesenktem Kopf und schweren Schrittes neben ihrem Vater her.
"Vielleicht wirst du eines Tages über diese Brücke gehen, so wie viele Menschen es vor dir getan haben. Was zerstört wurde, kann auch wieder aufgebaut werden", versuchte ihr Vater die Situation zu klären.
"Ja", strahlte Anna im nächsten Moment, und ihre großen klaren Augen blitzten auf vor Freude. Sie wusste nun, was zu tun war.

Anna liebte Wunderkerzen über alles, vor allem seit dem Tag, als ihr größter Wunsch in Erfüllung gegangen war. An ihrem Geburtstag vor zwei Jahren hatte sie eine dieser sternengleichen Kerzen aus ihrem Köfferchen, das sie in der hintersten Ecke unter ihrem Bett versteckt hielt, genommen, heimlich angezündet und sich dabei eine Schwester gewünscht. Als fünf Monate später dieser Wunsch in Erfüllung ging, war für Anna klar - Wunderkerzen können zaubern.
Auch wenn sie es jetzt besser wusste, an diesem Glauben hielt sie fest. Deshalb schlich sich Anna am Abend aus dem Haus und entzündete eine Wunderkerze auf der Wiese hinter dem Stall. Sie schaute hinauf zu den Sternen und reckte sich mit der Wunderkerze in Richtung eines besonders hell leuchtenden Sternes, der ihr zuzublinzeln schien. Dann sprach sie leise aber bestimmt ihren Wunsch aus.
Wenige Tage später setzte sie ihren Plan fort. Anna verschloss ihr Geheimnis im Herzen, denn ihre Eltern wären von der Idee sicher nicht begeistert gewesen, da die Umsetzung des Planes nicht ganz ungefährlich war. Aber wozu sollte Mut erforderlich sein, wenn keine Gefahr bestand. Diese beiden Attribute gehörten zweifellos zusammen.

Immer wenn es ihr möglich war und die Eltern beschäftigt waren, schlich Anna sich von zu Hause fort, etwa beim Schlachtefest, bei der Heuernte oder beim Bauen eines neuen Stalles. Sie lief über Wiesen und Felder, bis sie sich im weichen Sand des Elbstrandes fallen ließ. Dann wartete sie geduldig bis ein Schnellboot der Nationalen Volksarmee (NVA) in Richtung Hafen oder in Richtung Elbbrücke fuhr und winkte den Soldaten zu.
Doch für diesen Tag hatte sich Anna etwas Besonderes ausgedacht. Sie griff in ihre Hosentasche, holte einen Bleistift und einen Papierblock hervor und schrieb folgende Worte aufs Papier:
"Ob in Ost oder West, wir gehören zusammen ganz fest." Dann suchte Anna nach Flaschen, die manchmal an den Strand gespült werden. Sie fand eine leere Limonadenflasche und steckte das zusammengerollte Papierstück hinein. Als Korken benutzte sie herumliegende modrige Holzteilchen, die sie in den Flaschenhals stopfte.

In der Ferne erkannte Anna ein Schnellboot der NVA, das in ihre Richtung steuerte. Von der schmalsten Stelle der Buhne aus warf Anna die Flaschenpost so weit sie konnte ins Wasser. Die Flasche gelangte in eine der vielen Strömungen der Elbe, vor denen ihr Vater sie oft gewarnt hatte, da sie äußerst gefährlich für den Menschen sein können. Nach einiger Zeit tauchte die Flaschenpost wieder auf und trieb dem Schnellboot entgegen.
Anna schaute zu den Soldaten hinüber, die sich im Boot befanden, und zur Flasche, die nicht mehr weit vom Boot entfernt war. Dann winkte Anna den Soldaten zu, um sie auf die Flaschenpost aufmerksam zu machen. In diesem Moment rutschte sie auf den feuchten Steinen der Buhne aus und glitt ins Wasser. Sie klammerte sich an den kantigen Steinen fest und zog sich zur Buhne hinauf. Ihre Hose war durchnässt. Anna kümmerte sich nicht darum und versuchte wieder mit den Soldaten Kontakt aufzunehmen.

Kam es ihr nur so vor, oder hatten die Soldaten die Geschwindigkeit des Schnellbootes gedrosselt? Plötzlich hob ein Soldat seine Hand. Anna hielt den Atem an. Angst und Freude vermischten sich in ihrem Inneren zu einem verwirrenden Gefühl der Ohnmacht. Wie in einem Traum nahm sie den Soldaten wahr, der ihr freundlich zuwinkte.
Dieser Vorfall veränderte Annas Gedankenwelt. Er deckte aber auch Annas Geheimnis auf, denn sie erkrankte wenige Tage später an einer Lungenentzündung. Anna musste ihren Eltern versprechen, sich nie wieder leichtfertig in Gefahr zu bringen.

Drei Jahrzehnte waren seit dem Vorfall an der Elbe vergangen.

Anna schaute von der Ostseite der Elbe zur Westseite hinüber. Als sie die Menschen auf der neu erbauten Brücke sah, dachte sie an die Worte ihres Vaters. Viele Veränderungen hatten sich seitdem in der großen und in ihrer kleinen Welt ergeben, aber die Elbe floss so gemächlich vor sich hin wie zuvor. Fast kam ihr der Fluss wie ein alter Freund vor, der sie an das Unvergängliche im Leben erinnern wollte.
Schmunzelnd öffnete Anna ihre Tasche. Dann sah sie auf der Westseite der Elbe ein kleines Mädchen, das voller Hoffnungen an den Zauber des Lebens glaubte, und zündete eine Wunderkerze an.


E-mail an Gunda Mann: viktoriaw@nexgo.de

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