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Im Wald der Gummibäume

Von Rupprecht Mayer



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war seit drei Jahren wieder auf der Suche nach einem Menschen, zu dem er nett sein konnte. Er würde sich am Beckenrand hinter ihn stellen, ihn fest umarmen und sich während des Falls so drehen, daß er selbst zuerst mit dem Rücken das Wasser berühren, der umarmten Person also den Schmerz des Aufpralls ersparen würde. Unter Wasser würde er sich kräftig vom Beckenboden abstoßen, um den Kopf der Person, die vielleicht nicht schwimmen konnte, schnell über die Wasseroberfläche zu bringen und ihr so das Leben zu retten. Später würde er ihr lächelnd gegenüberstehen, langsam die Arme ausstrecken, die Hände auf ihre Schultern legen und ganz leise lobende Worte über die Form ihrer Ohren sagen. Vielleicht würde er noch einen Schritt näher an die Person herantreten, ihr seinen linken Unterarm waagrecht auf die Linie legen, die von der einen Schulter über das Schlüsselbein zur anderen führt, und ihr dann sacht eine in die Stirn fallende Haarsträhne nach oben blasen, nicht ohne sich vorher mit Mundwasser den Atem gereinigt zu haben. Schließlich würde er die Person am Handgelenk nehmen und nachts in einen Wald von Gummibäumen führen. Die schweren, glatten Blätter würden ihnen sanft ins Gesicht und auf die Brust schlagen, und keine Gefahr würde - wie sonst bei solchen Wanderungen - von den Spitzen abgestorbener Fichtenäste ausgehen.

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Weitere Texte des Autors, Kontaktadresse und Kurzbiographie:

http://www.aurora-magazin/autoren/mayer_bio.htm
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