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Ein Brief aus Ado-Suwa
Von Rupprecht Mayer


...  "Das", sagte Blauer Seestern und strich sanft über die Innenseite meiner Arme zwischen Ellenbeuge und Achselhöhle, "nennen wir wailu-taga". Dann erfuhr ich, daß der kleine Knorpel oberhalb des Ohrläppchens als kiniti und die halbmondförmige weiße Stelle an der Daumennagelwurzel als harun-zilli bezeichnet wird.

Der Wortschatz der Südseesprachen wird allgemein stark unterschätzt. Daß Begriffe wie Zivilgesellschaft, Einspritzpumpe, Hallstein-Doktrin, Schildvortrieb und gesellschaftlicher Multiplikator im Ado-Suwesischen schwer wiederzugeben sind, wird nur den wundern, der die soziokulturelle Situation des Archipels nicht kennt. Dagegen hat sich bei anderen Sachgebieten eine reiche Begrifflichkeit entwickelt.

Das gilt nicht nur für die Fauna und Flora des Archipels. Daß jede der 27 Kokosarten auf Ado-Suwa und seinen Nachbarinseln einen eigenen Namen hat, ist sicher keine Überraschung. Doch linguistisch einzigartig ist die Genauigkeit dieser Sprache, was die Morphologie des menschlichen Körpers betrifft. Hier findet der feine Sinn des Ado-Suwalesen und der Ado-Suwalesin für die Schönheit der männlichen und der weiblichen Anatomie seinen Niederschlag.

    Blauer Seestern assistiert mir beim ersten Deutschkurs seit vielen Jahrzehnten auf Ado-Suwa, den ich im Auftrag der Hanns-Seidel-Stiftung abhalten soll. Sie hat sich ihr Deutsch selber anhand eines zerlesenen Lehrbuchs beigebracht, das noch aus der Zeit von Deutsch-Samoa stammt. Nun erfährt sie von mir erstmals von der Weimarer Republik und bekommt Wörter wie Kradmelder und Rosinenbomber erklärt.

Da ich über die Gabe verfüge, schwierige Sachverhalte anschaulich darzustellen, versteht Blauer Seestern selbst abstrakte Dinge wie die Hallstein-Doktrin auf Anhieb: "Die Hallstein-Doktrin haben die Westdeutschen erfunden, weil sie von allen Völkern der Erde geliebt werden wollten. Wer Ostdeutschland liebte, dem hat man die eigene Liebe entzogen. Wie ein schöner, starker Mann wollte die Bundesrepublik alle Liebe für sich selbst haben und mit niemandem teilen."

Wir ergänzen uns gut. Blauer Seestern bekommt von mir die Einspritzpumpe und den Schildvortrieb erklärt, und sie zeigt mir, daß das Körperhaar je nach Stelle, Länge und Kräuselung verschiedene Namen hat. Beim Achselhaar wird sogar zwischen rechts und links unterschieden (dingi-kakat und solu-kakat).

     Da der Deutschkurs erst in vier Wochen beginnt, haben wir genug Muße für unseren Austauschunterricht. Gestern habe ich ihn vom Büro an den Strand verlegt. Ich zeigte Blauem Seestern, daß es in Europa Sitte ist, sich vor dem Sonnenbaden gegenseitig mit Öl einzureiben. Sie ließ sich das gern gefallen, denn sie kennt die Bilder von Paul Gauguin und weiß deshalb, daß Naturvölker in diesen Dingen unbefangen sind. So ging ich auf Entdeckungsreise und lernte alle Regionen ihres Körpers und deren Bezeichnungen kennen.

Meine Finger glitten zart über ihr vuiga-ele, erreichten ihr kasi-kakat und spielten mit ihren maruni. Sie schloß die Augen und zog mich nah an sich heran, als ich ganz sanft ihr vousal-bekbek massierte. Wir waren allein unter Kokospalmen der 19. Kategorie. "Dein Schildvortrieb!" flüsterte Blauer Seestern und begann nun damit, mich zu betasten. Ich versenkte schließlich meinen klutirri bis zum biriko in sie, und sie begann zu stöhnen. "Mein Hallstein!" hauchte sie immer wieder und steuerte zielsicher auf den Höhepunkt ihrer Lust zu.

    Zuletzt sah Blauer Seestern nicht mehr mich an, sondern weit hinauf zu den ersten Sternen am abendlichen Südseehimmel. "Ein–spritz–pum-pe" schrie sie noch, dann wurde sie ruhiger und wir lösten wir uns behutsam voneinander.

Lächelnd fuhr sie mit dem Zeigefinger über die Stelle zwischen ihren Brüsten (wese-galoun), an der unser Schweiß zusammengeflossen war. Sie strich ihn mir auf die Zunge. "Das heißt garam-kliri-atatop" sagte sie leise und begann damit, uns beide abzutrocknen. "Ah, so sieht also Minuswachstum aus!" scherzte sie, als mein klutirri an der Reihe war, und gab ihm einen liebevollen Klaps.
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Weitere Texte des Autors, Kontaktadresse und Kurzbiographie:
http://www.aurora-magazin/autoren/mayer_bio.htm
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