..
.

Unterwegs in die Stadt
Von Rupprecht Mayer


    Ich bin unterwegs in die Stadt und werde dort dreißig Personen kennenlernen.

Im Lauf der Zeit natürlich noch mehr, auf eine jener flüchtigen Arten, derer es viele gibt, aber mit den Dreißig werde ich im selben Haus zusammenarbeiten. Ich werde also täglich mit ihnen sprechen, wozu ich mir ihre Familiennamen merken muß, später noch den ein oder anderen Vornamen, wenn meine Beziehung zu einem Teil von ihnen vertrauter geworden ist, wozu ich mich nicht dränge, was aber meiner Erfahrung nach so kommen wird und die Sache noch kompliziert.

Meiner Erfahrung nach - ja, ich habe Erfahrungen.

     Ich werde am Bahnhof in ein Taxi steigen, das mich in einen Teil der Stadt bringen wird, in dem wahrscheinlich ein großer Teil dieser dreißig Personen wohnt. Einige wohnen sicher links der Straße, andere rechts. Ich werde das Taxi in der Mitte halten lassen. Der Fahrer wird protestieren, er darf das nicht. Aber ich werde mich durchsetzen, indem ich sage, daß ich sonst nicht zahle. So beginne ich meinen Aufenthalt in der Stadt mit einem Sieg, und dieser Sieg wird mich stärken für die Begegnung mit den Dreißig.

Sie kleiden sich bestimmt ganz unterschiedlich. Es werden junge Frauen darunter sein und Männer, die älter sind als ich. Manche werden mir erzählen, daß sie eine Katze haben, andere, daß sie gerne Barockmusik hören, um dann innezuhalten und mich anzusehen und auf meine Reaktion zu warten. Äusserst geduldig werden sie warten. Wenn ich keine Antwort weiß, dann werden sie nicht von etwas anderem reden, sondern die Pause mit einer nebensächlichen Handlung überbrücken. Die Brillenträger unter ihnen werden z.B. ihre Brille abnehmen und sie gründlich putzen.

Der Zug hält an.

Sie benutzen dazu ein kleines, samtenes Tuch. Fast immer ist es beige, orange oder gelb. 


......

Weitere Texte des Autors, Kontaktadresse und Kurzbiographie:

http://www.aurora-magazin/autoren/mayer_bio.htm
...


=== Zurück zur Übersicht ===