Der Heiner-Müller-Look

Von Felix Mennen


    Ich steh bei Fielmann vor dem Ständer mit den Horngestellen und probier abwechselnd immer wieder vier verschiedene schwarze Modelle aus. Ich bin mir nicht sicher, ob mir das steht. Ich trage seit Jahren ein dezentes Metallgestell, oval, silbern, so eine Mischung aus schick und intelligent. Das ist jetzt Heiner-Müller-Look, die schwarzen Gestelle, meine ich. Es sieht komisch aus, aber ich find das cool. So hab ich mich noch nie gesehen ...

"Das steht ihnen nicht." Ich dreh mich zur Seite. Neben mir steht eine ältere Frau. Sie hat eine Jacke an und ein Handtäschchen umgehangen – ist also offensichtlich keine Bedienung, sondern eine Kundin. Und wenn mich nicht alles täuscht, ist das die gleiche Frau, die eben an der Schaufensterscheibe vorbeigelaufen ist und gesehen hat, wie ich die schwarzen Horngestelle anprobiere, stehen geblieben ist und mich durch die Schaufensterscheibe bei meiner Auswahl beobachtet hat. Ich hab versucht, sie zu ignorieren und dann war sie auch wieder weg. Jetzt steht sie neben mir, den Kopf vorgebeugt. "Schwarz steht ihnen nicht."

Ich betrachte mich im Spiegel, nehm die Brille ab, betrachte mich wieder im Spiegel, seh auf die drei Horngestelle auf der Ablage, greife meinen Favoriten, setze ihn auf, guck in den Spiegel, guck die Frau an, guck mich im Spiegel an, muss grinsen und seh wieder die Frau an. "Sieht lustig aus, find ich."

Sie verzieht das Gesicht. "Das sieht nicht lustig aus. Sie haben so ein nettes Gesicht. Mit der Brille sehen sie richtig düster aus."

Ich seh in den Spiegel. Sieht das wirklich so finster aus? Seh ich wirklich so finster aus? Sie kann ja nicht wissen, dass ich gerade meine Ex-Freundin zum Zug gebracht habe. Die Frau, die mir vor Jahren das Herz gebrochen hat. Mit der ich die Jahre davor so glücklich war – die meiste Zeit. Doch, doch, das kann man so sagen, im Nachhinein kann ich sagen, dass ich glücklich war. Die meiste Zeit. Ich bin jetzt drüber weg. Sonst hätte ich wohl kaum den ganzen Tag mit ihr verbringen können. Ich meine, ohne wütend zu werden – nur zwei, drei Mal zynisch vielleicht. Hat sie aber nicht gemerkt. Doch hat sie gemerkt. Hat aber nichts gesagt, nur das Gesicht verzogen – wie die Frau gerade. Selber Schuld: hätt mich ja nicht verlassen müssen. Ich meine die Ex-Freundin. Das ging schon in Ordnung: Nach so langer Zeit kann man ab und zu auch wieder einen Spaß vertragen – hat sie ja früher auch getan. Apropos, früher. Ich konnt´s gar nicht glauben, als ich ihr am Nachmittag im Café gegenüber saß: Dass ich mal mit so einer schönen Frau zusammen war! Dass ich mit einer so schönen Frau meine halbe Jugend verbracht habe. Unglaublich! Jetzt sitzt sie im Zug, und ich bin bei Fielmann, setz Brillen auf, schwarze Hornbrillen. Der Heiner-Müller-Look als intellektuelles Bollwerk gegen ihre Schönheit.

"Schwarz passt nicht zu Ihren blonden Haaren."

"Das ist genau wie mit schwarzen Augenbrauen."

"Ich hab aber schwarze Augenbrauen", sag ich.

"Bei Frauen! Frauen mit blonden Haaren sollten sich auch keine schwarzen Augenbrauen zeichnen."

Ich seh in den Spiegel.

"Suchen Sie sich etwas Freundlicheres aus", sagt die Frau und läßt mich stehen.

Ich seh in den Spiegel, nehm die Brille ab, betrachte mich, ohne Brille, ratlos, leg die schwarze Hornbrille auf dem Ständer ab, greife ein feuerrotes Modell daneben, setze es auf und guck mich an.

"Kommen Sie! Ich zeig Ihnen mal eine schöne Brille." Die Frau. Sie ist wieder da. Steht neben mir, winkt. Ich folge ihr. Wir gehen ans andere Ende des Ladens und bleiben vor einer Vitrine stehen. Sie zeigt auf ein Metallgestell, silbern, oval.

"Das säh doch nett aus, wie bei dem Herrn." Sie zeigt auf einen Anzugträger, der neben der Vitrine auf einem Stuhl sitzt. Er beugt sich vor, zieht die Augenbrauen hoch, so dass seine Brille ein Stück vorschießt, lächelt. Er trägt ein Metallgestell, silbern, eckig, Banker-Look. Der ganze Mann.

"Ich will aber kein Metallgestell", sag ich. "Das hatte ich die letzten Jahre. Ich brauch eine Veränderung. Ab und zu brauche ich mal eine Veränderung."

Ich betrachte mich im Spiegel, meinen Look: Schwarze Lederjacke, schwarze Jeans. "Die fänd ich auch schön." Die Frau zeigt auf ein helles blau-beige gemasertes Hornbrillen-Gestell. "Das würde Ihnen stehen. Damit sähen sie aus wie ein Geschäftsmann!"

Ich seh sie an, seh in den Spiegel, betrachte mich und die Frau im Spiegel, seh sie wieder an. "Ich glaube nicht, dass ich wie ein Geschäftsmann aussehen möchte."

"Nicht?" fragt sie leise und sieht mich enttäuscht an.

Ich schüttel den Kopf, lächle; sie nickt, dreht sich um und geht.


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